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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Der Große Einsame und DIE WELT

08.01.2017

Heute wachte ich auf wie immer. In meinem weißlackierten Tage- und Notizbuch stand für diesen Tag: "Gut frühstücken! Froh sein!" Mir war aber (noch) nicht danach. Der Appetit beim Einschlafen auf Zuckerbrötchen und süßen Kaffee war nicht mehr da. Schade, denn ich fand drei Mark und konnte mir alles leisten.

Ich schlief immer noch im "Grauen Zimmer" (im Grauenzimmer), in dem vier Quadratmeter großen Ehebett, das mir Schäfer vor Jahren angedreht hatte. Ich stand auf, ohne Zögern, im Laufe der Monate war das pünktliche Aufstehen und rechtzeitige Erscheinen im Büro selbstverständlich und problemlos geworden. Im Spiegel im Badezim­mer die übliche freudige Überraschung über mein gutes Aussehen. In einem halben Jahr war ich über 20 Pfund leichter geworden, das stand mir gut: ein hübsches Gesicht. Früher sah ich morgens immer quellig aus. Ein kurzer Blick auf die Waage - exakt 74 Kilo. Dann Haarewaschen, das machte munter. Ich verstand gut, daß Stephan T. Ohrt seine Haare wie besessen wusch, jeden Tag, denn wenn sie kurz waren und man das leckere "Guhl"-Haarwaschmittel benutzte, war es das beste, was man für seinen Körper tun konnte. Nach dem Haare­waschen, spätestens nach dem Rasieren, ging es mir gut. Rasieren tat ich mich sitzend, auf der warmen Badezimmerheizung, die Füße im danebenstehenden Wäschekorb, und mit geschlossenen Augen. Elek­trisch natürlich, mit dem alten schwarzen Braun-Rasierer, für den ich alle halbe Jahr ein neues Scherblatt kaufen ging, beim Elektro­mann. Seit ein paar Wochen, genauer seit Weihnachten, hatte ich auch ein After-Shave und ein Herrenparfüm, beide von den netten Hummels, unseren Nachbarn. Und ich hatte siebenundzwanzig Hemden und einen schwarzen dünnen Schlips, dazu drei paar Schuhe, ein Dutzend Socken, eine graue und eine schwarze Cordhose, eine graue Flanellhose, ein italienisches Jackett von Sven, ein graues etwas zu kleines Jackett von den Hummels, eine Nazijacke, einen dunk­len 50'er Jahre Anzug und einen Schal. Das war meine Garderobe. Die galt es zu kombinieren. Was mir immer leichter fiel, ja, das hatte ich gelernt, endlich, mit 21 Jahren noch. Anders als Eckart, der es nie mehr lernen würde. Der als später Mittdreißiger noch hinter vorgehaltener Hand fragte, was er bloß tun könnte, sein „Äußeres“ zu verbessern…

[…]

Zähneputzen mit „Ajona“. Und der guten Kunststoffzahnbürste. Naturborsten waren scheiße. Wie konnte nur Kirstin Ruge ihre hübschen porzellanweißen Zähne mit Naturborsten bürsten? Noch dazu in einem komischen Kelch (die Zahnbürste steckte, gleich einem Füllfeder­halter, in einer winzigen Blumenvase). Kirstin… ich dachte immer sekundenweise an sie, das war angenehm. Die Papi-Armbanduhr zeigte 13.30 Uhr, die 220-Volt-Küchenuhr 13.25 und die Quarz-Uhr, die alle 100 Jahre eine Sekunde falsch geht, 13.20 Uhr. Ich machte das Bett und öffnete das kleine obere Klappfenster. Ich leerte den Aschen­becher und versteckte die Schlaftabletten. Es konnte ja immer sein, daß mich jemand plötzlich besuchte - und dann lagen sie da. Ich überflog, als letztes, die hingefetzten Zeilen im Tage- und Notiz­buch. Was gab es zu tun, was war das Motto, welche Phase hatte ich gerade? Ach ja, da stand es. Ich war gerade der "Große Einsame". Ich sollte Thymian riechen und Mädchenzöpfe angucken, mich an ge­rösteten Kastanien erfreuen. Gut. Ich schlug das Buch zu, war schon im Mantel, einem unansehnlichen Papi-Trenchcoat (die schwache Stelle in meiner Garderobe), kontrollierte die drei Schlüssel in meiner Hosentasche, nahm den blauen Koffer, ging noch einmal mechanisch durch die Wohnung und schlug endlich die Tür hinter mir zu.  

Unten war es erst 13.30 Uhr. Die Zeitung hing am Haustürknauf. Die Straße war belebt und frisch, trotz der Semesterferien. Der hass­enswerte Gemüsemann (und heimliche Blockwart) erwartete mich bereits. Unsicher musterte er mich. Tag und Nacht tat er so, als stapelte er Gemüsekisten. Peinlich! Wer glaubte ihm das schon, welcher Depp? Scheußlich, man konnte das Haus nie betreten oder verlassen, ohne ihm zu begegnen. Ich überquerte rasch die Straße, im Lauf­schritt, und verschwand im Zeitungsladen. Der Blockwart stapelte weiter seine Gemüsekisten. Dann ins Cafe Neumann. Mizzi gab es dort nicht mehr, aber "Jochen" war noch da, zuverlässig. Heute sah er schlecht aus und alt. Es standen auch keine jungen Mädchen mehr neben ihm. Ich kaufte, obwohl ohne Appetit, meine Zuckerbrötchen und meinen süßen Kaffee. Ich las die Zeitungen, während ich vor­sichtig knabberte und schlürfte. Zehn Minuten später saß ich im Auto und jagte los. Gut, daß der Wagen immer sofort ansprang. Es ging geradewegs zum Büro, schnurstracks die Rentzelstraße ent­lang, die Kaiser-Wilhelm-StraBe, ohne Rotlicht und Stop. Ich park­te den Wagen auf dem Bürgersteig (es gab- keine aufschreibenden Schupos mehr), wand mich aus dem Mantel, schmiß ihn ins Wageninnere griff den blauen Koffer und eilte zur Tür des "WELT"-Hauses.

Das WELT-Haus (es hieß tatsächlich so) war ein etwa 1960 gebautes gelbes Klinkergebäude mit einer großen Weltkugel an der Wand. An den Schaufenstern hingen die Seiten der neuesten WELT-Ausgabe. Pas­santen standen davor und lasen so die WELT, ohne sie zu kaufen. Von weitem konnte ich durch die Schaufenster sehen, welche Pfört­ner gerade Dienst taten und ob ich gleich grüßen mußte oder nicht. Nur einer war nett, zwei waren neutral und einer war ein Ekel. Heu­te war der Nette dran und ich grüßte freundlich, vielleicht, wie ich gleich merkte, etwas zu freundlich. Es war 13.55 Uhr. Der blaue Lift wartete schon. Mein Büro war im vierten Stock. Während ich Lift fuhr, rekapitulierte ich noch einmal die Parole des Tages. Was war es doch gleich? Worum ging es heute? Was wollte ich schreiben? "Realitätsschub" und "Geldverdienen" fiel mir ein, auch das stand im Buch von gestern. Das hieß, ich wollte mich um Meldungen und Pressekonferenzen kümmern. Möglichst viel (neue) Realität und viele (bezahlte) Zeilen. Der Lift kam an ("RAF" war fünfmal an die Lift­wand geschmiert, übrigens nicht von mir, was mir in der Redaktion keiner glaubte), ich hetzte geschäftig den Flur entlang. Und be­trat, vier Minuten zu früh, den Produktionsraum.

Dort wimmelte es von Kollegen. 25 Stück. Ich sagte (noch immer) keinen "Guten Tag", als einziger, wie ich jeden Tag aufs neue zusam­menzuckend feststellte. Alle nach mir Kommenden flöteten ihr "guten Tag" oder "Tachchen" oder Variationen davon, die meisten mit Mühe, aber doch tapfer, und anschließend begrüßten sie noch viele extra. Letzteres konnte ich auch. Manchmal. Dann nickte ich zwar stumm, aber sehr herzlich Herrn Deppisch zu, der darauf nicht reagierte, da er Netzhautablösung hatte und fast nichts mehr sah. Oder ich tat das gleiche bei Detlev Ahlers, der mich siezte obwohl er der einzige in meinem Alter war. Er nickte immer ebenso herzlich zu­rück. Später, als mein Image in der Redaktion schwärzer und schwär­zer wurde, nickte auch Ahlers einen Tick weniger herzlich, was mich wunderte. Ihn hatte ich für nett gehalten, aber dabei verdrängt, daß er zwar gut, aber nicht brilliant schrieb. Er hatte viele Vor­züge und Fähigkeiten, aber einer meinesgleichen war er nicht. Er war im Handumdrehen der Star der WELT, so wie ich, als ich anfing. Nur: er blieb es. Er schrieb unverändert seine 100 Zeilen pro Tag, konstant. Er war für alles der richtige Mann, kein Thema war ihm zu schwierig. Er versagte nie. Dazu dachte er sich einmal die Wo­che ein großes Reportagethema aus. In der Wochenendausgabe stand er dann mit 220 Zeilen in der Zeitung. Aber ich fand von Anfang an, seine "aus dem Leben gegriffenen Reportagen hätten nichts wirklich Faszinierendes. Zum Beispiel verbrachte er eine Nacht im Pen­nerasyl und schrieb darüber, das war zur Weihnachtszeit. "Heilig Abend im Pik As" oder so ähnlich hieß dann der Artikel. Wie ich hatte er gerade dan Tiedje-Stil entdeckt, die radikalisierte Spie­gel-Schreibart, vielleicht hatte er sogar meinen Stil kopieren wollen, aber bei ihm klang es nur platt und reißerisch. Ohne Ge­fühl für Phonetik und Semantik verkürzte er einfach alle Sätze zu ein, zwei Worten. Was bei mir Wucht bekam, durch die Kürzung, was bei mir geballt und verdichtet wirkte, wurde bei ihm eine mühsame Sprachübung. Den anderen WELT-Leuten gefiel es trotzdem - Detlev Ahlers wurde geradezu angebetet. Er schrieb über eine Fahrt als Schwarzfahrer, über einen Vormittag als simulierter Ladendieb, über eine Nacht in der Lastwagenkneipe. Eines Tages kam er in mein Büro und schlug mir, in der irrigen Vorstellung, ich wäre so ähnlich wie er, vor, über irgendeine andere urige Kneipe, ich glaube, die LKW-­Kneipe am Fischmarkt, zu schreiben. Für ihn war das wahrscheinlich "das echte, aufregende Leben", in das der unerschrockene Reporter hineintauchen sollte. Die wahren Grenzkonflikte und Abgründe er­lebte er aber mit Sicherheit woanders: Nachts im Bett, vor dem Ein­schlafen. Aber weit entfernt, das für seine journalistische Ader nutzbar zu machen, verdrängte er es lieber und tapste unsicher im Produktionsraum herum. Er war gewiß ein Mann mit Sorgen, wie ich, mit starken Hemmungen, wie ich, nur: er würde es bleiben. Längst gab er sich selbst gegenüber zu, völlig ratlos zu sein. Nirgends konnte er den Ansatz einer Lösung, einer Hoffnung erkennen. Alle Menschen langweilten ihn und seine pseudo-lebensnahen Reportagen schrieb er, um sich abzulenken. Seine Freunde langweilten ihn und seine Freundin. Aber es würde ewig so weitergehen und er ahnte all­mählich, daß er damit alt werden würde, denn: eine Alternative fiel ihm nicht ein. Weil er sie nicht in sich trug.

Anders ich. Ich wußte immer, was ich wollte. Über die Trostlosig­keit der WELT-Existenzen war ich mir schnell im klaren. Kompromisse brauchte ich nicht mehr einzugehen. Nach zwei Tagen hatte ich zwi­schen Spreu und Weizen getrennt und hielt mich fortan konsequent an den Weizen, wissend, daß es für mich der bessere Weg war, egal was kam. Zeitweise (eigentlich meistens) erwartete ich stündlich meine Kündigung.

 

[Fortsetzung folgt]

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