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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Fakten

15.01.2017

                       

Wir saßen im Goethe-Institut St. Petersburg, Christian, Bernhard und ich, und feierten den zehnten Jahrestag des Erscheinens von Christians erstem Roman. Es war der Sommer 2006, in Deutschland herrschte noch immer Massenarbeitslosigkeit, in Russland war die Lage auch nicht besser. Der neu ernannte Direktor des Instituts, ein dürrer Wolga-Deutscher mit einem Doktor in Linguistik, hob sein mit rotem Krimsekt gefülltes Glas und sprach den ersten Toast des Abends:

       -Auf die Revolution!

      Offenbar wusste er noch nicht, dass Christian und Bernhard seit kurzem in Kontakt mit gewissen reaktionären Dresdner Kreisen standen, die insgeheim einem bevorstehenden Rechtsruck der deutschen Verlagslandschaft den Weg ebneten. Betreten zupfte er sich ein silbernes Haar, das aus seinem rechten Gehörgang heraus gewachsen war.     

   -Auf die Zukunft!, versuchte ich es mit einem etwas unverfänglicheren Trinkspruch. Wir leerten unsere Gläser und stellten sie zurück auf den Tisch, dessen Bauart unter einer schweren Brokatdecke verborgen war.

     Einen Tag zuvor war ich noch in Köln gewesen, bei einer Pressekonferenz im Rathaus. Der Oberbürgermeister stellte dort sein neuestes Projekt vor, mit dem er nicht nur die Kunstwelt, sondern auch die anwesenden Honoratioren verblüffte: Die Europäische Trinkhalle. Auf einem seit längerer Zeit brach liegenden Baugrund in der Innenstadt sollte eine zeitgenössische Ausstellungshalle errichtet werden, zu der Arbeitslose freien Eintritt haben sollten. Und nicht nur das - verfassten sie handschriftlich einen Erlebnisbericht über ihre persönlichen Erfahrungen mit der jeweils ausgestellten Kunst, erhielten sie für jede Seite, die dieser Bericht umfasste, ein Glas Bier umsonst. Diese Verbindung von avancierter Kunst und sozialpädagogischem Engagement sei in Deutschland, ja weltweit einzigartig, so der Oberbürgermeister, der anlässlich der Veranstaltung sogar seine goldene Bürgermeisterkette angelegt hatte. Nach anfänglicher Irritation brachen alle Anwesenden in lauten Beifall aus, tatsächlich war die Idee brillant. Anerkanntermaßen war Bildung das Kapital von morgen, und wie wollte man Ungebildete erreichen, wenn nicht über das, was ihnen wirklich wichtig war? Nach einiger Zeit würde ihnen schon aufgehen, dass es ziemlich blödsinnig ist, für Freibier solche Berichte zu schreiben, aber hätten sie dies einmal eingesehen, hätten sie die wichtigste Lektion bereits gelernt, dass nämlich Alkohol nicht alles ist. In einem zweiten Schritt, so der Oberbürgermeister weiter, sollte dann im übernächsten Fiskaljahr ein Steuermodell vorgestellt werden, das den Steuersatz in Korrelation zum Fernsehkonsum setzt - je dümmere Sendungen man schaut, desto höher die zu entrichtenden Steuern. Für die Sender seien ebenfalls entsprechende Änderungen der Umsatzsteuer geplant. Wie berauscht von seinen eigenen Visionen verkündete der Oberbürgermeister zuletzt die Schließung des Hänneschen-Puppentheaters, einer zwar beliebten, aber hoffnungslos rückwärts-gerichteten Kölner Institution. Der Jubel kannte keine Grenzen mehr, Krawatten flogen in die Luft; wohin man trat, lagen Visitenkarten.

     Auch seine reaktionären Dresdner Kreise hatten offenbar von der geplanten Schließung des Hänneschen-Theaters erfahren, jedenfalls sprach mich Christian auf der Toilette des Goethe-Institutes darauf an.

  -Wie stellt der sich das denn vor, empörte er sich, während wir nebeneinander vor den etwas zu tief angebrachten Urinalen standen, was soll denn aus den ganzen Puppen werden?

    Er redete weiter, aber ich hörte ihm nicht mehr zu. Die blassgelb gekachelten Wände erinnerten mich an die Nasszellen des Kinderkrankenhauses in Wuppertal-Barmen, in dem ich einmal wegen eines komplizierten Beinbruchs gelegen hatte. Jeden Abend war eine noch sehr junge Krankenschwester an mein Bett gekommen und hatte mir mit einem groben Waschlappen den Rücken gewaschen. Sie hieß Claudia und war, wie sich später herausstellte, die Tochter von Bekannten der Eltern meines besten Freundes. Noch Monate, nachdem ich entlassen worden war, lag ich nachts wach und träumte von den sanft kreisenden Bewegungen des Waschlappens entlang meiner Wirbelsäule und der Sensibilität ihrer Hände, mit der sie die grobe Materialität des Stoffes mehr als nur ausgleichen konnte. Fast täglich besuchte ich meinen Freund, in der vagen Hoffnung, sie oder ihre Eltern könnten vielleicht ebenfalls einmal vorbeischauen. Aber sie kamen nie, und mit den Jahren verblassten meine Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit, bis sie mir nun auf der Toilette des Goethe-Instituts plötzlich wieder lebhaft vor Augen traten. Ich ließ den sich noch immer über den Kölner Oberbürgermeister echauffierenden Christian am Waschbecken zurück und eilte zurück ins Obergeschoß, wo ich den Direktor nach dem nächsten Telefon fragte. Er schloss mir sein Büro auf und zog sich diskret in den Flur zurück. Ich wählte die Nummer meines Freundes, aber unter dieser existierte kein Anschluss mehr, wie mir die Stimme von Heike Makatsch mitteilte. Ich selbst war vor einem halben Jahr Mitglied der Findungskommission gewesen, die über die konkrete Umsetzung der noch von der alten Regierung angestoßenen Telefonansagen-Reform zu entscheiden hatte. Die Makatsch war nicht meine erste Wahl gewesen, aber wie ich sie nun so hörte, musste ich zugeben, dass die Entscheidung für sie richtig gewesen war. Denn das Bedauern, meinen Freund nicht erreicht zu haben, wich der Freude, ihre Stimme zu hören. Beschwingt kehrte ich zu meinen Freunden zurück, wo man inzwischen die dritte Flasche Krimsekt entkorkt hatte.

       -Was sollte das denn eben?

      Christian war beleidigt, aber ein kumpelhafter Boxhieb gegen die Schulter besserte auch seine Laune, und wir tranken weiter. Als dann um Punkt 22 Uhr der Strom abgestellt wurde, traf uns diese Sparmaßnahme recht unvermittelt. Bernhard verschüttete seinen Sekt auf die Hose des Direktors, der dies persönlich zu nehmen schien. Ein Schwall russischer Flüche brach aus ihm hervor, in der plötzlichen Dunkelheit spürte ich einen Luftzug an meinem Kopf und hörte, wie Bernhard neben mir mit einem Stöhnen zu Boden fiel. Die Lage drohte, wie so oft in Russland, zu eskalieren. Da es keine gute Idee ist, in völliger Finsternis einen Streit zu schlichten, kroch ich auf allen Vieren in die Richtung, in der ich die Tür vermutete. Mein Kopf stieß gegen Holz, ich griff nach oben und ertastete den Türgriff. Auf dem Flur brannte eine grüne Notbeleuchtung, die mir den Weg nach draußen wies. Erst an der frischen Luft bemerkte ich, dass ich einen leichten Schwips vom Sekt hatte. Ich lehnte mich gegen die Fassade des Goethe-Instituts, holte tief Luft und warf einen Blick auf die gemächlich dahin fließende Newa.

Es war nicht das erste Mal, dass ich mich in St. Petersburg aufhielt. Anlässlich der 300-Jahr-Feier hatte ein kleines Theater eines meiner Stücke gespielt und mich zur Premiere eingeladen. Unerkannt hatte ich im Publikum gesessen, das erstaunlich zahlreich erschienen war, und war der Vorstellung gefolgt. Die Inszenierung war makellos, ich erkannte mein eigenes Stück nicht wieder und war selbst überrascht, wie natürlich die Dialoge aus dem Mund der Schauspieler klangen. Zuhause in Deutschland war der Text bei Erscheinen einhellig verrissen worden; hätten die Kritiker damals diese Aufführung gesehen, wären sie gewiss zu einem anderen Urteil gekommen. Nach dem ersten Akt wurde ich wehmütig. Da ich im Theater oder im Kino immer nur am Rand sitze, gelang es mir, mich unbemerkt davonzuschleichen. Ich sah auf die Uhr: die Vorstellung würde sicher noch eine gute Stunde gehen, es reichte, wenn ich erst kurz vor Schluss wieder meinen Platz einnahm, um dann, wenn man mich auf die Bühne riefe, den Applaus entgegenzunehmen. Ich beschloss, mir solange etwas die Füße zu vertreten. Vor dem Theater bog ich nach links auf eine größere Straße ab, es war erst kurz nach acht und die sommerliche Abendsonne warf alles in ein pittoreskes Licht. Überall waren Clowns und Jongleure unterwegs, das Organisationskomittee des Stadtjubiläums hatte das komplette Personal der Eröffnungsfeier der letzten Olympischen Spiele übernommen, es herrschte ein poetisches Treiben, wie es sich André Heller nicht in seinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Als Zeichen des guten Willens hatte auch die benachbarte Volksrepublik China einige Artisten des berühmten Nationalzirkus gesandt; es war rührend mitanzusehen, wie die gastfreundlichen Russen einer jungen Schlangenfrau zu Hilfe eilten, die sich bei der Ausübung ihrer Kunst verheddert hatte. Ein älterer Mann zog sachte an einem wohlgeformten Bein, eine Frau mit Kopftuch verdrehte vorsichtig einen fragilen Arm. Immer wieder schrie die Chinesin unter Schmerzen auf, woraufhin alle Helfer sofort von ihr abließen und für einen neuen Versuch die Positionen tauschten. Während ich diesem zutiefst menschlichen Schauspiel beiwohnte, vergass ich völlig die Zeit. Erst, als endlich ein anderer Chinese auftauchte, der offenbar mit dem Problem vertraut war und seine Landsmännin innerhalb von Sekunden aus ihrer misslichen Lage befreite, warf ich wieder einen Blick auf die Uhr. Erschrocken musste ich feststellen, dass die Vorstellung längst beendet war. Ich fühlte mich elend, im Vergleich zu den eilfertigen Russen war ich ein undankbarer, verwöhnter West-Schnösel. Eine hohe Welle Selbstmitleid spülte mich immer weiter von dem Theater fort, bis ich nicht mehr wusste, wo ich war, und auch nicht darauf achtete, wohin ich trat. So fiel ich plötzlich in ein Loch im Bürgersteig - ein Bautrupp hatte vergessen, die Stelle zu sichern - und brach mir den Knöchel. Die Schmerzen trieben mir Tränen in die Augen, ich rief mit aller Kraft um Hilfe, aber nun war inzwischen doch die Sonne untergegangen, die Straßen hatten sich geleert, auch war ich offenbar in einer ohnehin recht verlassenen Gegend gelandet. Am Ende verbrachte ich die ganze Nacht in dem Loch.

      -Das hast du nun davon, sagte ich laut zu mir selbst, geschieht dir ganz Recht.

 Aber war das nicht dieselbe Larmoyanz wie zuvor? Musste damit nicht endlich einmal Schluss sein? Hatte es Sinn, mich auf diese Weise selbst anzuklagen? Ich verstand, dass ich mich viel zu sehr um mich selbst drehte. Doch anstatt diesen Charakterfehler nun als Vorwand zu nehmen, weiter über mich nachzudenken, fing ich an, mir Gedanken über meine Heimat zu machen. Auch Heine hatte das ja am liebsten in der Nacht gemacht und dafür sogar auf seinen Schlaf verzichtet, wie ich in der Schule gelernt hatte. Also wollte auch ich nicht schlafen - es war ohnehin zu kalt - und lieber nachdenken. Das erste, was mir einfiel, waren die Arbeitslosen. Von denen gab es entschieden zu viele, da waren sich alle einig, aber ich wollte mit meinem Nachdenken über das hinausgehen, was sowieso schon alle wussten, das war ich meinem Vaterland schuldig. Also dachte ich: Was ist eigentlich schlimmer, kein Geld zu haben oder keine Arbeit? Waren reiche Leute reich, weil sie Arbeit hatten, oder hatten sie Arbeit, weil sie reich waren? Früher war es einfach gewesen - die so genannten einfachen Leute hatten zwar kein Geld, durften dafür aber den ganzen Tag arbeiten. Und heute hatten sie zwar keine Arbeit, durften dafür aber den ganzen Tag fernsehen. Es waren nun die Gebildeten, die zwar kein Geld hatten, dafür aber den ganzen Tag arbeiten mussten. Man nannte sie Praktikanten, was vielleicht nicht von ungefähr so ähnlich anlautete wie Proletarier. Daher war mir plötzlich klar: Sollte es in Deutschland doch noch einmal zu einer Revolution kommen, dann würde sie nicht vom Proletariat ausgehen, sondern von den Praktikanten. Ich erinnerte mich, in diesem Zusammenhang auch schon einmal den Ausdruck Medienproletariat gehört zu haben. Je länger ich in dieser Nacht in meinem Bauloch über diese Fragen sinnierte, desto stärker war mein Eindruck, am Rande einer Zeitenwende zu leben. Alles, was noch fehlte, war die Initialzündung, ein Fanal, um all die Praktikanten zu einen und zur Revolution zu bewegen. Aber was konnte das sein?

     Als ich nun, drei Jahre später, erneut durch das nächtliche St. Petersburg lief, kam mir all dies wieder in den Sinn. Denn ich hatte weder in jener Nacht noch in der seitdem vergangenen Zeit eine Antwort auf meine Frage gefunden. Auch Christian und Bernhard, mit denen ich öfter darüber gesprochen hatte, waren zu keinen neuen Einsichten gekommen, im Gegenteil. Christian war der Meinung, man solle seine Hoffnungen nicht auf das Medienproletariat setzen, da dieses letztlich genauso verkommen sei wie das ursprüngliche Proletariat. Bernhard hatte sich mir gegenüber einmal in ähnlicher Weise geäußert, er war es auch, der als erster in Kontakt mit den gewissen reaktionären Dresdner Kreisen getreten war. Ich fühlte mich deshalb zunehmend von meinen beiden Freunden entfremdet, und war es nicht auch symptomatisch, dass ich mich in dieser Nacht alleine aus dem Staub gemacht und die zwei mit dem rasenden Direktor des Goethe-Instituts im Dunkeln zurück gelassen hatte? Plötzlich hatte ich eine Ahnung, dass diese Nacht mir vielleicht die Antworten auf die Fragen bringen würde, die mich beschäftigten. Immerhin befand ich mich in St. Petersburg, der Stadt, in der alles begonnen hatte. Ein Plakat an einer Häuserwand fiel mir ins Auge, das ich sofort als eine Bestätigung meiner Ahnung las. Es zeigte den nackten Torso einer Frau, die Brustwarzen waren durch zwei horizontale Zensur-Streifen verdeckt, auch über ihrem Schamhaar befand sich solch ein dicker, nun vertikaler Strich, der seltsamerweise wirkte, als verdecke er einen Penis. Auf ihren Bauch war am Computer die Ankündigung einer Party derart montiert worden, dass es aussah, als handele sich um eine Tätowierung.

 

Ich bin Deutschland

CD Release Party

Tonite @ Ja/Nee Klub

 

Deutsch singende Bands waren in Russland keine Seltenheit, es gab sogar einen ursprünglich aus der Ukraine stammenden Sänger namens Kavalier, der die hessische Mundart derart perfektioniert hatte, dass seine Lieder klangen, als seien sie während des Mainzer Karnevals aufgenommen worden. Und nun also Ich bin Deutschland, warum nicht? Von dem Club hatte ich noch nie gehört, aber ich kannte die Straße, in der er sein sollte, sie war nur wenige Blöcke entfernt. Zu Fuß machte ich mich auf den Weg, vorbei an amerikanischen Mormonen und russischen Literaten, den einzigen, die sich um diese Zeit auf die Straße trauten. Mit jedem Schritt wuchs meine Erwartung, ich war mir nun sicher, in dieser Nacht etwas Unerhörtes zu erleben. Allerdings fand ich, als ich in der genannten Straße angelangt war, keine Spur des Clubs. Nachdem ich zweimal alle Häuser abgegangen war, wandte ich mich schließlich an einen der vorbei kommenden Russen.

-Ja/Nee?, fragte ich.

Er sah mich verständnislos an, seine buschigen Augenbrauen zuckten.

-Ja/Nee?, wiederholte ich.

-Ja/Nee што?, fragte er zurück.

Ich ließ ihn stehen und ging weiter zum nächsten Passanten.

-Ja/Nee понимаю, antwortete der, Ja/Nee знаю, kurz darauf ein anderer.

Endlich kam, nach längerer Pause,  wieder ein Mormone vorbei.

-Excuse me, sprach ich ihn an, do you know where the Ja/Nee Klub is?

-Of course I know, lachte er, I happen to run it.

      Erstaunt sah ich ihn an, ich war mir nicht sicher, ob das nicht nur seine Art der Gesprächsführung war - immer erst einmal den Leuten Recht geben, damit sie nicht gleich wieder Reißaus nehmen.

-I didn’t know the Mormons were allowed to run clubs, merkte ich deshalb vorsichtig an.

-Forget about the Mormons, sagte er und lachte wieder, that’s just a cover.

Come, I take you to the Klub. Bist du Deutscher?

      Ich nickte, ich hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten.

     -Ich mag die Deutschen, ließ er mich wissen - er sprach ohne Akzent, sie sind immer so süß unbeholfen. Alles wollen sie richtig machen und können einfach nicht verstehen, dass das nicht geht.

     Er hielt einen Moment inne und klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, dabei konnte ich endlich einen Blick auf sein Namensschild erheischen, er hieß Jeff.

      -Mein Vater war GI, erklärte er und ging weiter, aber ich habe ihn nicht oft gesehen.

      -Tut mir Leid, sagte ich, aber er schien nicht wirklich zu erwarten, dass ich dazu etwas sagte.

       -So, da sind wir.

    Jeff blieb vor einem unscheinbaren Wohnhaus stehen, an dem ich zuvor sicher auch schon vorbei gegangen war. Mit einem altmodischen Schlüssel schloss er die Haustür auf, ein Schimmelgeruch kam uns aus dem dunklen Flur entgegen. Nach ein paar Metern stieß er eine Tür auf der rechten Seite auf, hinter der eine Treppe in den Keller führte. Während wir sie hinabstiegen, verschwand allmählich der Schimmelgeruch und wurde von Zigarettenrauch abgelöst. Am Ende der Treppe befand sich eine rot lackierte Eisentür mit einem vergitterten Guckloch. Jeff klopfte, ein Augenpaar erschien hinter dem Loch, sofort wurden schwere Bolzen entriegelt, die Tür öffnete sich.

     -Hallo Chef, sagte der Türsteher und warf mir einen misstrauischen Blick zu.

     -Schon in Ordnung, sagte Jeff, und gemeinsam betraten wir den Ja/Nee Klub.

    Er bestand aus einem einzigen, annähernd quadratischen Raum, am einen Ende war eine winzige Bühne, die von einem schwarz-rot-goldenen Drumset dominiert wurde, am gegenüber liegenden Ende befand sich die Bar. Aus den Boxen drang nicht näher definierter Tech-House. Es waren nicht sehr viele Gäste anwesend, der Klub war nicht einmal zur Hälfte gefüllt, für eine Party keine sehr gute Quote. Dafür rauchte jeder der Anwesenden gut für zwei, in Deutschland hatte ich schon lange kein derart Rauch geschwängertes Etablissement mehr gesehen. Ich hustete und wollte Jeff etwas fragen, aber der war verschwunden. Sicher musste er einmal backstage nach dem Rechten sehen oder etwas in der Art. Da ich niemanden hier kannte, stellte ich mich an die Bar und bestellte eine Cola. Der Barkeeper trug einen mausgrauen Anzug und hatte die Haare zu einem gegelten Seitenscheitel gekämmt. Wortlos stellte er mir das Glas hin, als ich bezahlen wollte, winkte er ab. Die Gastfreundlichkeit der Russen verblüffte mich immer wieder. Aber war er überhaupt Russe? In diesem Moment hörte die Musik auf, ein Spot richtete sich auf die Bühne, auf der nun vier Gestalten erschienen, drei Männer und eine Frau. Die nun hängte sich eine Gitarre um, der größte der Männer nahm den Bass, der mit den längsten Haaren setzte sich an die Drums, und der letzte schließlich stellte sich in die Mitte an das Mikrofon. Es gab verhaltenen Applaus, dann begann auch schon das erste Stück. Ich ging weiter nach vorne, um besser sehen zu können.         

Der Sänger hatte etwas längere dunkelblonde Locken, seine kleinen Augen waren hinter einer Brille mit Goldrand fast nicht mehr zu sehen. Das Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, aber ich konnte nicht genau sagen woher. Er trug einen hellbeigen Nicki und eine Kordhose in gleicher Farbe, was zusammen wie ein Schlafanzug wirkte - ein komplizierter Dresscode, von dem ich noch nichts gehört hatte. Mit nölender Stimme fing er an zu singen.

 

Ich bin ein trauriger Schwuler

Du bist ein fettes Kind

Komm wir machen Sozialkitsch

Wir gründen eine Bewegung

 

Die Musik war treibend, aber nicht zu hart, die Gitarristin hatte offenbar eine Vorliebe für Johnny Marr. Nach einem kurzen Break fuhr der Sänger mit der zweiten Strophe fort.

 

Alles Vergängliche ist nur ein Anfang

Demokratie ist noch kein Wert an sich

Liebe und Freiheit sind die besten Freunde

Mach was du willst, aber mach es für mich

 

     Ich fing an, mit dem Fuß den Rhythmus zu mitzutappen. Der Refrain setzte ein, der Sänger warf die Haare zurück, und plötzlich wurde mir klar, woher ich ihn kannte. Es war Claudia, meine Kinderkrankenschwester! Ich hatte sie nur nicht erkannt, weil sie jetzt ein Mann war! Für einen Moment wurde mir schwindlig, mit der Hand stützte ich mich an einem Mädchen ab, das neben mir stand. Vom Rest des Songs bekam ich nicht mehr viel mit, in meinem Kopf rasten die Gedanken. Wie hatte es Claudia hierher verschlagen? Warum war sie plötzlich keine Frau mehr, sondern ein Mann? Oder war sie es vielleicht damals schon gewesen und ich hatte es als Kind nur nicht verstanden? Ihre Stimme klang tiefer, als ich sie in Erinnerung hatte, ich versuchte unter ihrem Nicki verräterische Wölbungen auszumachen, aber da war nichts. Während die Band den nächsten Song spielte, ging ich zurück an die Theke. Als hätte er meine Gedanken gelesen, stellte er mir einen doppelten Wodka hin.

      -So geht es allen, wenn sie die Band zum ersten Mal hören, erklärte er und nickte wissend. Auch er sprach in akzentfreiem Deutsch. Langsam dämmerte mir, dass das komplette Publikum aus Exil-Deutschen bestand, die hier in der Fremde zu einer ganz neuen kulturellen Identität gefunden hatten. Mitten in St. Petersburg lebte ein fiktives Deutschland, in dem Barkeeper wie Bankangestellte aussahen, während es im richtigen Deutschland mittlerweile genau umgekehrt war. Ich sah mich um, und tatsächlich, kein einziger der Anwesenden war gepierced oder hatte ein Tattoo. Langsam erholte ich mich von dem Claudia-Schock. Der Wodka brannte angenehm in meiner Kehle, ich entspannte mich.

    Nach einer guten Viertelstunde war der Auftritt der Band zuende, unter lautem Beifall und Kreischen zogen sich die Musiker hinter die Bühne zurück. Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Während die Umstehenden noch klatschten, sprang ich auf die niedrige Bühne und schlüpfte hinter der Gitarristin in den Backstage-Bereich, der aus einem schmalen Flur bestand, von dem zwei Türen abgingen. Die linke lehnte nur an, also versuchte ich es zuerst dort.

-Hey, was machst du denn hier?!, herrschte mich der Bassist an, als ich einen Schritt in den nur schwach beleuchteten Raum hinein tat.

-Lass mal, schob Claudia ihn beiseite und sah mich an. Als ich in ihre braunen Augen sah, war der letzte Zweifel beseitigt, sie - oder besser er - war es.

-Claudia?

Sie zögerte einen Moment, dann erkannte auch sie mich.

-Wir müssen vorsichtig sein, sagte sie und zog mich in die Garderobe, es sind Spione in der Stadt.

      Langsam gewöhnten sich meine Augen an das Licht. Der Raum war spärlich eingerichtet, es gab ein altes Stoffsofa, zwei passende Sessel und einen Eiche-Furnier-Tisch, der schon einige tiefe Kratzer hatte. Claudia setzte sich mit mir auf das Sofa, ihre Band ignorierte sie einfach, sie stellte mich nicht vor und nannte auch mir keine Namen. Für sie gab es offenbar nur uns beide, und ich spürte, wie mich das glücklich machte.

     -Was machst du hier? Warum bist du jetzt ein Mann? Was soll diese Band? Kann ich dich trotzdem weiter Claudia nennen?

     Die Fragen sprudelten nur so aus mir heraus, aber Claudia legte den Finger an den Mund und legte mir die andere Hand aufs Bein.

     -Keine Sorge, sagte sie dann, ich werde dir alles erklären. Aber erst, wenn du auch soweit bist, es zu verstehen.

      Ich nickte, das klang vernünftig.

     -Zunächst einmal bin ich froh, dass du dich heute abend von Christian und Bernhard getrennt hast. Die beiden sind uns nämlich leider keine Hilfe mehr. Sicher, ohne Christians Roman wäre Putin niemals an die Macht gekommen, das hatte seinen Sinn zu seiner Zeit, aber die Dinge sind, wie so oft in Russland, aus dem Ruder gelaufen. Mit Ich bin Deutschland geht es deshalb jetzt darum, zunächst hier einmal für das nötige Bewusstsein zu sorgen, damit endlich Schluss ist mit all diesen gedrechselten Beschreibungen, den feinen Beobachtungen und all dem anderen Scheiß, verstehst du?

      Ich verstand nicht, aber ich nickte, einfach nur, damit sie nicht aufhörte zu reden.

      -Deshalb habe ich vor drei Jahren auch die Aufführung deines Stückes in die Wege geleitet, das Stück ist wirklich nicht gut - du bist mir hoffentlich nicht böse, wenn ich das so offen sage? - aber es markiert immerhin eine Art Neuanfang, das haben wir schon allein an den Diskussionen unter den Zuschauern gemerkt, die sich an jede Vorführung anschlossen. Und jetzt gehen wir den nächsten Schritt.

     -Ich bin dann jetzt weg, unterbrach die Gitarristin Claudias Erklärungen, also bis morgen.

       -Ciao, pass auf dich auf, sagte Claudia und warf ihr eine Kusshand zu. Dann fuhr sie mit ihren Ausführungen fort. Mit den kreisenden Bewegungen auf meinem Rücken damals habe sie meinen Chi-Fluss bereinigt, erklärte sie mir, so habe sie vielen Kindern geholfen, die jetzt alle in meinem Alter und folglich bereit zur Tat seien. Mit dieser Enthüllung allerdings konnte ich nicht sehr viel anfangen.

       -Ich habe immer gedacht, sagte ich, das mit dem Chi ist bloß so ein Esoterik-Quark, um den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen, Feng Shui und so.

      -In den meisten Fällen ist das auch so, gab Claudia zu, sie schien mir nicht übel zu nehmen, dass ich ihr widersprochen hatte, aber wenn man es richtig macht, kann man damit einiges erreichen. Vor einem Monat etwa haben wir die Möbel im Büro des Kölner Oberbürgermeisters umgestellt, um auch dort einen besseren Chi-Fluss zu ermöglichen, und du weißt ja selbst, was daraus geworden ist...

       Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu, ich war baff.

    -Du siehst müde aus, wechselte sie plötzlich das Thema, wenn du willst, kannst du hier auf dem Sofa schlafen.

      -Ja später, aber jetzt noch nicht, ich will noch mehr wissen. Warum bist du denn nur ein Mann geworden?

       Sie lächelte und streichelte meine Wange.

      -Alles hat seine Zeit, sagte sie, ihre Stimme klang jetzt sanfter als zuvor und erinnerte mich daran, wie sie mir damals im Krankenhaus manchmal vor dem Schlafen noch eine Geschichte erzählt hatte, am Anfang braucht ein Kind vor allem seine Mutter, später dann mehr den Vater. Und du bist jetzt bereit, selbst ein Mann zu werden.

       -Ich will aber vielleicht gar kein Mann sein, gab ich zu bedenken.

       -Du kannst dich nicht immer nur verwöhnen lassen, sagte sie und nahm die Hand wieder von meiner Wange, ich nenne das Fördern und Fordern, sagte sie, wenn das Chi erst einmal richtig fließt, geht es an die Arbeit. Und jetzt ist es wirklich Zeit zu schlafen, morgen ist einiges zu tun, auch für dich.

Sie stand auf und knuffte ein Kissen zurecht, dann gab sie den anderen beiden Männern ein Zeichen, all drei zogen sich zurück und überließen mich meinen Gedanken, die zu ordnen ich einige Mühe hatte. Genau genommen schaffte ich es gar nicht, irgendwann überkam mich die Müdigkeit und ich schlief auf dem Sofa ein.

      Die Sonne weckte mich. Zu meiner Überraschung hatte das Zimmer einen Lichtschacht, durch den nun hell der neue Tag sich meldete. Ich reckte mich und stand vom Sofa auf. Das Zimmer roch nun muffig und nach Schweiß, der unangenehme Geruch ernüchterte mich und ließ mich kurz auf die Vorstellung verfallen, ich hätte das Wiedersehen mit Claudia nur geträumt. Doch da hörte ich Schritte auf dem Flur, die Tür öffnete sich und Claudia wünschte mir einen guten Morgen. Sie trug nun ein weißes Chiffonkleid, auf dem Kopf hatte sie eine blonde Perücke, die immer wieder verrutschte. Wir frühstückten zusammen und sie erklärte, sie wolle gerne noch meine weiteren Fragen beantworten, aber zu meinem eigenen Erstaunen musste ich feststellen, dass ich gar keine weiteren Fragen mehr hatte. Es war, als hätten sie sich in der Nacht schon alle von allein beantwortet. Eine neue Energie durchpulste meinen Körper und mein Denken, vielleicht war an der Sache mit dem Chi doch mehr dran, als ich hatte glauben wollen.

-Ich bin nur froh, wenn ich mit dir zusammen sein kann, sagte ich, als wir gemeinsam die Treppe nach oben gingen.

-Ich auch, stimmte sie zu, aber es liegt noch ein steiniger Weg vor uns.

     Wir traten auf die Straße, es war noch früh, nur wenige Passanten waren unterwegs. Claudias Gesicht hatte trotz der Geschlechtsumwandlung einen gewissen femininen Touch behalten, und im Licht des anbrechenden Tages erinnerte sie mich an Ingrid Bergman auf dem Stromboli. Ich verstand: Claudia war der Heilige des Medienproletariats, Ich bin Deutschland war das Fanal, auf das alle warteten. Die Revolution war möglich, aber sie würde ganz anders ausfallen, als wir sie uns vorgestellt hatten. Sie war keine Utopie mehr, sondern Fakt. Claudia gab mir einen Kuss auf die Wange; unter dem Rascheln ihres Kleides flüsterte sie mir ins Ohr, was ich zu tun hatte. Per Handy buchte ich den nächsten Flug zurück nach Deutschland, das erfahren sollte, was ihm bevorstand.

 

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