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Der Große Einsame und DIE WELT - I/2


...Über die Trostlosig­keit der WELT-Existenzen war ich mir schnell im klaren. Kompromisse brauchte ich nicht mehr einzugehen. Nach zwei Tagen hatte ich zwi­schen Spreu und Weizen getrennt und hielt mich fortan konsequent an den Weizen, wissend, daß es für mich der bessere Weg war, egal was kam. Zeitweise (eigentlich meistens) erwartete ich stündlich meine Kündigung...


Wäre sie gekommen, hätte ich dennoch von der gan­zen WELT-Sache zehnmal mehr gehabt als Ahlers, der seinem Glück ferner war denn je. Wir kannten uns nun zweieinhalb Monate und seine Hand, die er mir ab und zu hinhielt, fühlte sich noch immer druck­und kraftlos an, beinahe schlaff.

Ich war behende durch die Tür des Produktionsraumes gewutscht und auf mein Fach linkerhand zugegangen. Wie in Gedanken vertieft sah ich an allen vorbei, nahm aber doch Ahlers wahr, der mich ebenso wahrgenommen haben mußte, sich aber nicht zum stummen und herzli­chen Zunicken in Positur stellte. Ein schlechtes Zeichen, dachte ich. Daraufhin richtete ich meine Augen zu Deppisch, der am ge­schlossenen Ende des hufeisenförmigen Tisches saß. Ich nickte freundlich. Dann öffnete ich meinen blauen Koffer und tat so, als läse ich. Ahlers drehte sich, vielleicht unabsichtlich, zu mir um und nickte mir zu, allerdings nicht herzlich. In meinem Fach lagen zwei Meldungen, eine davon ganz interessant, ausnahmsweise. Ich freute mich jeden Morgen, daß man mir etetwas ins Fach legte, so, als gehö noch etwnoch immer etwas ins Fach legte, so, als gehörte ich ganz normal dazu. Ich war also in ihren Augen nach wie vor ein "Kollege", ein Mitarbeiter. Ich hatte bis­her noch nie auf diese Meldungen reagiert. Diesmal wurde ich auf­gefordert, über junge Bhagwanmädchen zu schreiben und in der Ham­burger Bhagwan-Gemeinde rumzuschnüffeln. Vielleicht tat ich es so­gar, obwohl es Quatsch war. Ich war längst in der Bhagwan-Gemeinde gewesen, damals, als es aktuell gewesen war. Neues gab es für mich nicht zu erfahren. Und was ich wußte, hatte ich schon geschrieben. Es war abgelehnt worden. Mit schlechtem Gewissen, wie ich wieder merkte. Sonst hätten die Leute nicht immer noch daran gedacht. Ich erblickte die Volontärin Bärbel Wieschermann. Ihr verdankte ich, daß ich noch dabei war. Als ich Anfang Januar gerade endgültig ab­hauen wollte, tauchte sie auf, aus Bonn. Drei Tage war ich ein kleines bischen verliebt - das reichte immerhin, die Kündigung zu verschieben. Verschiedenes war an ihr reizvoll: daß alle Kollegen in sie verliebt waren, daß sie schlank war, daß sie mir ihre Ma­nuskripte zum Redigieren gab und daß sie aus Bonn kam. Ich konnte mit ihr mein Redaktions-internes Image aufbessern, den Haß und den Neid der kleinen Geister weiter schüren, ich konnte sie ins Cha-Cha mitnehmen, ich konnte lernen wie man redigiert und ich hatte eine Integrationsfigur für meine Zeit in Bonn. Leider - das heißt, ganz gut, denn sonst hätte ich mich wirklich in sie verliebt - hatte sie nichts im Kopf, was ihr nicht stand. Sie war vom Typ her nämlich kein Dummerchen, sondern ein problematischer Mensch. Was sie aber an Erklärungen und Theorien hervorzerrte und aufsammelte, war er­schreckend dürftig. Zwar entging sie der sonst so häufigen, typischen "linken Meinungsscheiße", sodaß sie mir sympathisch blieb, aber ihre Gedanken waren unklug und stumpf. Man sollte sich, sagte sie zum Beispiel, immer vorstellen, daß man etwas nur spiele, also nicht richtig mache, quasi auf der Bühne eines Theaters agiere - dann würden viele Probleme kleiner. Ich konnte, als ich das hörte, nur meine Gesichtsmaske aufsetzen, also sie mit festgezurrter Auf­merksamkeit ansehen und so tun, als wäre ich interessiert und nor­mal bei der Sache. Dabei war ich erschüttert bei dem Gedanken, daß sie das ernst meinte. Mein Gott, wo stand das Mädchen! Ich konnte nur hoffen, daß sie erst 14 war und die Pubertät noch vor sich hat­te. Leider sprach alles dafür, daß sie schon 22 war. Angeblich war Bärbel Wieschermann eine Freundin von Peter Boenisch. Wahrschein­lich hatte sie ihn mit diesen geistigen Null-Nummern genauso er­schüttert wie mich. Boenisch hatte sie wohlweislich in die Sport­Redaktion gesteckt, wo es auf Köpfchen nicht ankam. Bärbel wurde mir, leider, immer gleichgültiger. Anstatt meinen Trumpf auszu­spielen und mit ihr auf dem Klo erwischt zu werden (ich hätte das so hindrehen können), wimmelte ich sie nur noch ab. Der Zufall (oder sie selbst?) wollte es, daß ich seit drei Tagen mit ihr im selben Büro saß - in meinem. Sie hatte sich dort einquartiert, was ihr gutes Recht war. Das Seltsame war, daß sie von der allgemeinen Stimmung gegen mich halbwegs unbeeindruckt blieb. Seltsam, weil sie niemals die Intelligenz hatte, meine Vorzüge zu erkennen. Nett wa­ren sie alle zu ihr - warum mochte sie mich lieber? Ich wußte es nicht. Ich wußte auch nicht, warum ich froh war, daß sie mich nicht durch die Tür hatte schlüpfen sehen. Sie saß mit dem Rücken zu mir und räkelte sich mit ihren hautengen Jeans auf einem unmöglichen Behelfsstuhl herum - ein großer Papierkorb, in den sie beinahe hi­neinfiel.

Der Produktiosraum war etwa 40 Quadratmeter groß, war gelblich­gilblich gestrichen, war neonbeschienen und nicht mehr neu. Verglichen mit schicken, modernen Büros der Farbfernseh-Ära (bei Gru­ner und Jahr, beim NDR), war die Atmosphäre hier die eines alten "Kommissar"-Krimis (in Schwarzweiß). Die Schränke waren noch aus Holz, einer hatte Glasscheiben innen drin, die klirrten. Die Hamburgkarte war selbstgemalt. Die Türen schlossen nicht richtig, waren laut, hatten Leisten und Borde, waren angegrabbelt und an manchen Stellen dunkel vor Schmutz. Die Telephone waren Vorkriegsmodelle, jene schweren schwarzen Dinger, die in der Münchener 30'er Jahre Ausstellung neben der Volkswagen-Urfassung gezeigt wurden. Der Hörer war nur zur Hälfte auf die Gabel gelegt, war aber so schwer, daß es reichte, sie runterzudrücken. In der Mitte des Rau­mes war ein riesiger, wohl 20 Quadratmeter großer Tisch - der Produktionstisch. Darauf standen die alten Telefone und lagen Ber­ge von Papier. Um den Tisch herum saßen um Punkt 14 Uhr alle Re­dakteure, das heißt, die Hälfte hatte keinen Stuhl und stand. Ich selbst hatte meinen festen Platz, den ich mir gleich am ersten Tag ausgesucht hatte: hinten links, neben dem Notausgang. War ich zu spät, schlich ich unbemerkt durch den Notausgang an meinen Platz. Damals, zu Beginn, kalkulierte ich noch, jedes zweite Mal zu spät zu kommen. Ich stand, hatte aber einen hohen Seitentisch neben mir, zum Aufstützen und Mitschreiben. Ich konnte mich verstecken, wenn ich einen Auftrag nicht mochte, oder einen Schritt unmerklich nach vorne treten, wenn ich einen anderen haben wollte. Es klappte im­mer. Während die Kollegen stets die Sonnen- und Schattenseiten des Journalistenberufes vor sich hatten - mal Spaß, mal Quälerei - sah ich "nur" die Sonnenseiten: ich schrieb nichts, wozu ich nicht eine innere Affinität hatte. Auf diese Weise hoffte ich, mich unbefleckt zu halten, nicht in die Mühle hineinzugeraten. Ich sah, wie andere von manchen Aufträgen so geschlaucht wurden, daß sie in die Defen­sive gedrängt wurden und keine eigenen Initiativen mehr entwickel­ten. Die Freizeit brauchten sie nur noch zur Erholung. Am Ende rea­gierten sie nur noch und hatten die Souveränität über ihr Leben verloren. Nicht so ich. Schwierigkeiten ging ich bewußt aus dem Weg, entwickelte ein Früherkennungssystem. Als einer der oberen Bosse, Herr Groetecke, Gefallen an mir fand, ich aber nicht an ihm, entwickelte ich neue Wege, um ihm nicht zu begegnen. Es wäre sonst zu zeitraubenden Diskussionen gekommen, zu Verstrickungen, zu immer aufwendigeren Erklärungen (meinerseits), die er regelmäßig nur zur Hälfte verstanden hätte, bis ich vor lauter Wut meine Sachen ge­packt hätte. Nichts war schlimmer als Leute, die immer beinahe ver­standen, wer man war und worum es einem ging, nur nicht ganz. Wie leicht packte mich normalerweise ein natürlicher Optimismus und die Verlockung, nun "alles" zu erzählen, über Klischeefreiheit, Umwer­tung der Werte, Sinndefizit, dem Elend der Trivialität und so wei­ter zu referieren, am Ende gar über Persönlichkeit. Nein, jedes Wort war zuviel, auch das normale Wort der Alltagskommunikation. Es zeitigte nur Ekel vor dem ganzen Laden. Ein einziges langes Ge­spräch mit Barbara Möller, einer Feministin, hätte genügt und ich hätte mich auf der Herrentoilette übergeben müssen und wäre auf immer abgehauen. Das wußte ich und hielt mich daran: mit der „Spreu“ mied ich jeden Kontakt. Genüßlich registrierte ich, wie sie mich zu hassen begannen – gut so, die Gefahr einer unseligen Annäherung, eines kräftezehrenden Mißverständnisses war gebannt.


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