Noch keine Tags.
Tag Cloud
Featured Review

Der Große Einsame und DIE WELT - II/1


... Ich tat so, als wäre Zu-Bett-Geh-Zeit. Die Zähne putzte ich mit Ajona und mit der Kunststoff-­Zahnbürste. Dann legte ich mich in das vier Quadratmeter große Ehebett, das Schäfer mir vor Jahren angedreht hatte. In das Tage- und Notizbuch schrieb ich: Der Große Einsame wurde ge­feuert....



Der Chefredakteur rief mich zu Hause an und stellte mich wieder ein. Es war höchste Zeit, die Pressekonferenz mit Jerry Lewis hatte fast schon begonnen. Ich schrumpelte mit meinem alten Wehrmachtskäfer zum Plaza Hotel. Hamburg war naß und milchig-grau-trübe. Am Dammtor­bahnhof sprang ich raus und kaufte Vivil. Dann ins Congress Centrum. Die Sache war um eine Stunde verlegt worden - gut. Dieser verantwortungslose Kitsch! Wer hatte dieses CCH bloß entwor­fen? Keine Linie, keine Klarheit. "Gemütlichkeit" sollte wohl durch das architektonische Durcheinander, durch Vitrinen, kleine Stände, plötzliche Treppen, neue Teppichmuster, versenkte Böden erreicht wer­den. Alles Grün, Rot, Orange, Braun. Die üblichen Neckermannfarben, das Auge schmerzte. Ich hatte eine gute halbe Stunde Zeit, mir diese heispielhafte Geschmacklosigkeit anzugucken und eventuell zu unter­suchen. Ich konnte ein für allemal meinen Respekt vor großen Hotels loswerden. Ja, es war reizlos hier, unspektakulär und trostlos wie ein Studentenheim während der Semesterferien. Die wenigen in den Le­dergarnituren hängenden Gäste fühlten sich alleingelassen oder fühlten sich überhaupt nach nichts mehr - meinungslos saßen sie nur da und warteten auf ihre Mama, auf ihren Geschäftspartner, auf ihren Termin am nächsten Vormittag. Durchschnittstypen allesamt, ohne Bil­dung und Sitte. Kleine Angestellte, wie es sie inzwischen Millionen gab. Mit Hamburg konnten sie nichts anfangen. Elende Schweine waren es, Leute, mit denen ich nichts zu tun hatte. Ich hatte, noch zu Hause, um wieder munter zu werden, eine Speedagon geschluckt, die aber, da ich das Zeug seit sechs Wochen (mit großer Freude) nahm, umgekehrt wirkte. Angenehm entspannt lehnte ich an eine der plötzlichen Säulen und blickte auf die elenden Schweine. Ein Mäd­chen plus Mutter gingen mehrmals an mir vorbei. Unwillkürlich sah ich zu ihnen hin, stellte aber, fast gegen meinen Willen, fest, daß das Mädchen wohl eine Studentengurke war und die Mutter Putzfrau. Na, im­mer noch besser als die toten Schweine in den grünen und orangenen Ledergarnituren. Das Mädchen sprach mich an - wo das Schwimmbad denn sei? „Wohlan, meine Damen! Bitte kommen Sie -" ich führte die bei­den durch das CCH, bis sie begriffen, daß ich es auch nicht wußte. Ich rief Diedrich und Stephan T. Ohrt an, bei Sounds, und sagte, daß die Pressekonferenz gleich losginge - ich sah nämlich, daß sich zwei dutzend englische und französische Reporter versammelten. Wir wurden in ein Konferenzzimmer geführt, schlicht, fensterlos, wie in der Uni. Ich war enttäuscht; bisher waren solche Sachen in alten Spiegelsälen mit Champagner und silbernen Serviettenhaltern… sogar die lumpige Filmförderungsanstalt hatte sich ein Dinner im Atlantik… na, immerhin gab es Apollinaris. Ich setzte mich neben Jerry Lewis. Der Raum war voll mit Fotografen. Ein widerliches Pack. Leute, die nichts zu tun haben und dabei noch eingebildet sind, sich für Künstler halten. Zertreten sollte man sie… sie sagten keinen Piepton, als endlich erschien und auf Fragen wartete. Es wurde zu einem Zwiege­spräch zwischen Lewis und mir. Es waren tatsächlich ausschließlich Fotografen erschienen außer mir. 20 Stück. Wir redeten über die 80er Jahre, Blondinen, Afghanistan, Verfremdungsmomente, Los Angeles, Mar­tine Getty, Ingmar Bergman und Woody Allen. Draußen traf ich auf ein paar Schülerinnen, die Jerry Lewis für ihre Schülerzeitung interview­en und fotografieren wollten. Man hatte sie abgewiesen. Aber nun kam ich, natürlich, und, na-das-kriegen-wir-schon! Es waren sieben Schü­lerinnen und ein Schüler, ich marschierte mit ihnen zum Saal 2, in dem Lewis inzwischen probte. Ich sah anscheinend so geschäftig aus, daß ich überall durch durfte und man mich auch respektvoll in den Probenraurn einließ. Dort erkannte mich Lewis gleich, stoppte, winkte mir zu, wollte wissen, was los sei. Ich setzte die Gurken in die zweite Reihe und ging wieder. Ich mußte in die Redaktion. Wieder am Pförtner vorbei, Gott ich weiß noch, wie Polcuch mich aus seinem Zimmer schmiß und dem Proletenpförtner das vor meinen Augen mitteilte, schnell die drei Meter zum Lift (immer hatte ich Angst, in diesen Sekunden könnten andere Kollegen kommen und mit mir mitfahren wollen, was mir komischerweise nie passierte), und in den Produktionsraum. Wieder die Angst, auf dem Flur jemandem zu begegnen. Morgens rannte ich mit angelegten Ohren durch den Flur, später, wenn ich den ersten Artikel geschrieben hatte, war ich mutiger. Ich rannte dann mit dem Bewußtsein durch den engen Schlauch, jedem ein donnerndes "Na?!", mit breitem Grinsen, hinlegen zu können. Was dann auch immer erfolgte, da ab 17 Uhr jeder zweite Redakteur schwatzend im Rahmen seiner Tür hing. Es hatte Tage gegeben, da dachte ich tatsächlich, ich sei der totale und allereinzigste Fremdkörper in diesem vierten Stock. Das war Ende Januar, als der Chefredakteur einen Tag nicht da war und ich kein eigenes Büro hatte. Ich zählte die Sekunden, hatte nichts zu tun, las in allen Blicken die Frage: Was wollen Sie noch, Herr Lottmann? Ich hatte keine zehn Minuten mehr Reserve, als der Chefredakteur den nächsten Entlastungsangriff startete. Ich hatte längst und nicht zum ersten Mal, aufgegeben. Mein ganzer Werdegang im Journalismus hatte von Anfang an zu 98 % mit diesem sonderbaren Chefredakteur zu tun. Das vergaß ich dauernd. Ich bildete mir ein, ich könnte auch zu einer anderen Zeitung gehen - dabei würde ich da nach zwei Tagen oder nach zwei Wochen scheel angesehen werden. Oder anders: ich selbst hätte nach den ersten Kontakten die Nase voll ge­habt. Aber so ging meine Journalismusphase bereits ins zweite Jahr. Ein Ende wurde immer unwahrscheinlicher, was mich nachts vor Entsetzen nicht ließ... Ich betrat also den Produktionsraum, erkannte Dr. Guractshzsch und berichtete von der Pressekonferenz. Er war bald begeistert und wollte unbedingt einen sofortigen Artikel haben. Ich machte mich ans Schreiben. Wie immer bei kurzen Stücken, war es ein Spaß zu schreiben und ging schnell. Ich griff einen Aspekt heraus, verschwieg alle anderen Aspekte, und war stolz. Ein Gefühl von Frei­heit, wenn man so auswählen durfte. Diese Skrupellosigkeit, mit der man tausende von gesprochenen Sätzen einfach unter den Tisch fallen ließ, gefiel mir außerordentlich. Ich tippte die appetitlich-kurzen 30-Anschläge-Zeilen und trank regelmäßig einen Schluck Kaffee. Die Türen meines Büros schloß ich, entgegen sonstigen Gebrauchs, manch­mal kam jemand und riß sie wieder auf, meistens Dr. Guraczksh selber. Von oben sickerte blutarmes Büroneonlicht auf Tisch und Schreibmaschi­ne. Das klemmende, seit 20 Jahren nicht gestrichene, gardinenlose, vorhanglose, durch die winterliche Dunkelheit nachtschwarz gewordene Großraumfenster war einen Spalt geöffnet und machte das blutarm neon­bestrahlte, längliche Bürozimmer im Nu zugig und kalt. Durch die Tür zum Nebenzimmer hörte ich F.Gert Pohle telefonieren. Die proletige Chefsekretärin Frau Hohmann kam in mein Zimmer und beschwerte sich wieder - ich hätte nicht aufgeräumt, ich hätte unerlaubterweise meine Manuskripte von den Schreibkräften ins Reine tippen lassen. Ich sah, noch ganz im Artikel, die proletige Zwergengestalt charmant an, aber sie reagierte nicht. Lächeln konnte sie nicht. Die aufgerissenen Tablettenaugen unter der Afrofrisur zuckten unsicher und rechthaberisch zugleich, die selbstgerechten, dummen, - na, Schluß mit dem Thema. Auf meinem Schreibtisch standen zwei Telefone. Ich konnte ein Gespräch von außerhalb erwarten und gleichzeitig ein anderes Gespräch führen. Eine schicke Sache. Bärbel Wieschermann hatte noch ihre ganzen Sachen liegengelassen (sie war nach Bonn zurückgeschickt worden, wohl etwas überraschend). Mein neues Büro lag gleich neben der Kaffeemaschine, sodaß mir die früheren angstvollen Wege vom alten Büro bis dorthin erspart wurden. Um mich herum nur Chefs und Schreibkräfte. Nicht mehr Boten und - Gott, die Boten! Was war das für eine Plage gewesen. Ich konnte, noch in Polcuchs Zimmer, nichts gegen sie und ihre das Ohr beleidigende Sprache tun. Man konnte nicht ins (angrenzende) Boten­zimmer gehen und sagen: Reden Sie Hochdeutsch! Oder: Schweigen Sie! Die Leute konnten es ja nicht besser. Außerdem hatten sie ohnehin schon Komplexe. Sie schlichen noch ängstlicher durch den Flur als ich. Aber jetzt war das vorbei. Ich hörte jetzt höchstens den angeregt mit Bonn plaudernden Dr.Guracchzsk. Der hatte das größte und nobelste Zimmer von allen, wie der französische Innenminister. Er war nämlich offiziell der Lokalchef, inoffiziell aber seit einem Jahr restlos entmachtet und journalistisch mausetot. Alle rechneten seitdem mit seiner freiwilligen Kündigung, aber er blieb und plauderte. Immer wenn ich ihm in die Arme lief, verlor ich zwanzig Minuten. Dr.Guraczk hatte so unendlich viel freie Zeit, daß er mich nie ohne einen länge­ren Vortrag losließ. Widersprach ich, dauerte es gleich nochmal zwan­zig Minuten länger. Aber der Mann war nett und stets gut gekleidet - eine Seltenheit im Haus Springer. Außer ihm trug nur Claus Jacobi den richtigen Anzug, und ich natürlich. Ein Ärgernis blieb mein (fehlender) Kaffeebecher. Jeder in der Redak­tion hatte seinen eigenen Becher, erkennbar durch verschiedene Auf­schriften und Symbole, also der Hund Wum, Miß Piggy von der Muppet-Show, braun-grün-orangene Karos oder sogar die Micky Maus - nur ich hatte keinen eigenen Becher mitgebracht, sondern benutzte immer den Becher eines anderen. Ich dachte nicht daran. Im Flur - ich füllte gerade den Becher nach – traf ich auf die alte Frau Bütow. „Na?!“ sagte ich, und sie: „Herr Lottmann, Sie sehen ja so fein aus! Wissen Sie, das steht ihnen gut, viel besser als, als dieser ‚Gammel-Look‘!“ Ich sagte: „Kleider machen Leute, was, Frau Bütow!“ und maschierte beschwingt weiter zur Kaffeemaschine.Beim nächsten Becher traf ich sie schon wieder, einfach, weil sie sich nicht verändert hatte und in ihrem Türrahmen auf Ablenkung wartete. Diesmal sagte sie, es sei schon wieder ein Beschwerdebrief meinetwegen gekommen: "Auf jeden Ar­tikel bekommen wir bei Ihnen einen Beschwerdebrief, Herr Lottmann, auf JEDEN!" Das hatte sie schon öfter gesagt. Sie selbst schrieb üb­rigens nie Artikel, sondern saß ihre letzten Dienstjahre ab, ausge­rechnet in der Kulturredaktion. Ich zog einen schon vorbereiteten Satz aus der Tasche: "Bei Ihnen kommen nie Beschwerdebriefe, Frau Bü­tow, wie machen Sie das bloß?" Mit schwappendem Kaffeebecher ver­schwand ich in meinem Zimmer. Es war schon irre: die Redaktion hatte 25 Mitglieder, mit Fotografen und Hospitanten sogar 30. Aber schrei­ben taten nur wenige. Zu 50% schrieb Freund Ahlers die Zeitung voll. Mein Anteil hatte einmal 20% betragen und lag jetzt bei 5%. Jeden zweiten Tag einen Artikel, das war mein Richtwert, den ich nur noch in besonders guten Wochen (wie der letzten) erreichte. Jeden Sonnabend hatte ich meinen Harburg-Report, dazu in der Regel ein kleiner Kon­zert- Fernseh- Kinobericht am Montag. Dazwischen mal eine Personalie, ein Gerichtsbericht, eine Über-Land-Reportage (die das meiste Geld einbrachten) oder etwas Eigenes. Diese Woche war zum Beispiel eine 150-Zeilen-Reportage über das Abaton drinnen, eine reine Eigenproduk­tion. Diese Eigenproduktionen waren früher meine Stärke. Im Laufe der Zeit ging das dann immer schwerer… ich war halt ausgebrannt, das Hirn wollte nur noch fernsehen und in Ruhe gelassen werden. Jeden­falls, wenn ich keine Drogen nahm. Mit Hilfe von Speedagon aber lies­sen sich Zusatzkräfte herbeizaubern, die mir das Denken und Disponie­ren über mich zurückgaben. Seitdem ich aber im SPIEGEL einen Artikel über den tablettensüchtigen Hitler gelesen hatte, der wie ein Junkie an der Nadel hing (jeden Morgen ließ er sich von Dr.Morell Speedagon spritzen) und deswegen den Krieg verloren hatte, setzte ich das Zeug immer seltener ein. Folge: ich dämmerte immer öfter vor dem Fernseh­apparat dahin, das Leben ging langsam zu Ende.Der Chefredakteur rief mich zu Hause an und stellte mich wieder ein. Es war höchste Zeit, die Pressekonferenz mit Jerry Lewis hatte fast schon begonnen. Ich schrumpelte mit meinem alten Wehrmachtskäfer zum Plaza Hotel. Hamburg war naß und milchig-grau-trübe. Am Dammtor­bahnhof sprang ich raus und kaufte Vivil. Dann ins Congress Centrum. Die Sache war um eine Stunde verlegt worden - gut.

Dieser verantwortungslose Kitsch! Wer hatte dieses CCH bloß entwor­fen? Keine Linie, keine Klarheit. "Gemütlichkeit" sollte wohl durch das architektonische Durcheinander, durch Vitrinen, kleine Stände, plötzliche Treppen, neue Teppichmuster, versenkte Böden erreicht wer­den. Alles Grün, Rot, Orange, Braun. Die üblichen Neckermannfarben, das Auge schmerzte. Ich hatte eine gute halbe Stunde Zeit, mir diese heispielhafte Geschmacklosigkeit anzugucken und eventuell zu unter­suchen. Ich konnte ein für allemal meinen Respekt vor großen Hotels loswerden. Ja, es war reizlos hier, unspektakulär und trostlos wie ein Studentenheim während der Semesterferien. Die wenigen in den Le­dergarnituren hängenden Gäste fühlten sich alleingelassen oder fühlten sich überhaupt nach nichts mehr - meinungslos saßen sie nur da und warteten auf ihre Mama, auf ihren Geschäftspartner, auf ihren Termin am nächsten Vormittag. Durchschnittstypen allesamt, ohne Bil­dung und Sitte. Kleine Angestellte, wie es sie inzwischen Millionen gab. Mit Hamburg konnten sie nichts anfangen. Elende Schweine waren es, Leute, mit denen ich nichts zu tun hatte.

Ich hatte, noch zu Hause, um wieder munter zu werden, eine Speedagon geschluckt, die aber, da ich das Zeug seit sechs Wochen (mit großer Freude) nahm, umgekehrt wirkte. Angenehm entspannt lehnte ich an eine der plötzlichen Säulen und blickte auf die elenden Schweine. Ein Mäd­chen plus Mutter gingen mehrmals an mir vorbei. Unwillkürlich sah ich zu ihnen hin, stellte aber, fast gegen meinen Willen, fest, daß das Mädchen wohl eine Studentengurke war und die Mutter Putzfrau. Na, im­mer noch besser als die toten Schweine in den grünen und orangenen Ledergarnituren. Das Mädchen sprach mich an - wo das Schwimmbad denn sei? „Wohlan, meine Damen! Bitte kommen Sie -" ich führte die bei­den durch das CCH, bis sie begriffen, daß ich es auch nicht wußte. Ich rief Diedrich und Stephan T. Ohrt an, bei Sounds, und sagte, daß die Pressekonferenz gleich losginge - ich sah nämlich, daß sich zwei dutzend englische und französische Reporter versammelten. Wir wurden in ein Konferenzzimmer geführt, schlicht, fensterlos, wie in der Uni. Ich war enttäuscht; bisher waren solche Sachen in alten Spiegelsälen mit Champagner und silbernen Serviettenhaltern… sogar die lumpige Filmförderungsanstalt hatte sich ein Dinner im Atlantik… na, immerhin gab es Apollinaris. Ich setzte mich neben Jerry Lewis. Der Raum war voll mit Fotografen. Ein widerliches Pack. Leute, die nichts zu tun haben und dabei noch eingebildet sind, sich für Künstler halten. Zertreten sollte man sie… sie sagten keinen Piepton, als endlich erschien und auf Fragen wartete. Es wurde zu einem Zwiege­spräch zwischen Lewis und mir. Es waren tatsächlich ausschließlich Fotografen erschienen außer mir. 20 Stück. Wir redeten über die 80er Jahre, Blondinen, Afghanistan, Verfremdungsmomente, Los Angeles, Mar­tine Getty, Ingmar Bergman und Woody Allen. Draußen traf ich auf ein paar Schülerinnen, die Jerry Lewis für ihre Schülerzeitung interview­en und fotografieren wollten. Man hatte sie abgewiesen. Aber nun kam ich, natürlich, und, na-das-kriegen-wir-schon! Es waren sieben Schü­lerinnen und ein Schüler, ich marschierte mit ihnen zum Saal 2, in dem Lewis inzwischen probte. Ich sah anscheinend so geschäftig aus, daß ich überall durch durfte und man mich auch respektvoll in den Probenraurn einließ. Dort erkannte mich Lewis gleich, stoppte, winkte mir zu, wollte wissen, was los sei. Ich setzte die Gurken in die zweite Reihe und ging wieder. Ich mußte in die Redaktion.

Wieder am Pförtner vorbei, Gott ich weiß noch, wie Polcuch mich aus seinem Zimmer schmiß und dem Proletenpförtner das vor meinen Augen mitteilte, schnell die drei Meter zum Lift (immer hatte ich Angst, in diesen Sekunden könnten andere Kollegen kommen und mit mir mitfahren wollen, was mir komischerweise nie passierte), und in den Produktionsraum. Wieder die Angst, auf dem Flur jemandem zu begegnen. Morgens rannte ich mit angelegten Ohren durch den Flur, später, wenn ich den ersten Artikel geschrieben hatte, war ich mutiger. Ich rannte dann mit dem Bewußtsein durch den engen Schlauch, jedem ein donnerndes "Na?!", mit breitem Grinsen, hinlegen zu können. Was dann auch immer erfolgte, da ab 17 Uhr jeder zweite Redakteur schwatzend im Rahmen seiner Tür hing. Es hatte Tage gegeben, da dachte ich tatsächlich, ich sei der totale und allereinzigste Fremdkörper in diesem vierten Stock. Das war Ende Januar, als der Chefredakteur einen Tag nicht da war und ich kein eigenes Büro hatte. Ich zählte die Sekunden, hatte nichts zu tun, las in allen Blicken die Frage: Was wollen Sie noch, Herr Lottmann? Ich hatte keine zehn Minuten mehr Reserve, als der Chefredakteur den nächsten Entlastungsangriff startete. Ich hatte längst und nicht zum ersten Mal, aufgegeben. Mein ganzer Werdegang im Journalismus hatte von Anfang an zu 98 % mit diesem sonderbaren Chefredakteur zu tun. Das vergaß ich dauernd. Ich bildete mir ein, ich könnte auch zu einer anderen Zeitung gehen - dabei würde ich da nach zwei Tagen oder nach zwei Wochen scheel angesehen werden. Oder anders: ich selbst hätte nach den ersten Kontakten die Nase voll ge­habt. Aber so ging meine Journalismusphase bereits ins zweite Jahr. Ein Ende wurde immer unwahrscheinlicher, was mich nachts vor Entsetzen nicht ließ... Ich betrat also den Produktionsraum, erkannte Dr. Guractshzsch und berichtete von der Pressekonferenz. Er war bald begeistert und wollte unbedingt einen sofortigen Artikel haben. Ich machte mich ans Schreiben. Wie immer bei kurzen Stücken, war es ein Spaß zu schreiben und ging schnell. Ich griff einen Aspekt heraus, verschwieg alle anderen Aspekte, und war stolz. Ein Gefühl von Frei­heit, wenn man so auswählen durfte. Diese Skrupellosigkeit, mit der man tausende von gesprochenen Sätzen einfach unter den Tisch fallen ließ, gefiel mir außerordentlich. Ich tippte die appetitlich-kurzen 30-Anschläge-Zeilen und trank regelmäßig einen Schluck Kaffee. Die Türen meines Büros schloß ich, entgegen sonstigen Gebrauchs, manch­mal kam jemand und riß sie wieder auf, meistens Dr. Guraczksh selber. Von oben sickerte blutarmes Büroneonlicht auf Tisch und Schreibmaschi­ne. Das klemmende, seit 20 Jahren nicht gestrichene, gardinenlose, vorhanglose, durch die winterliche Dunkelheit nachtschwarz gewordene Großraumfenster war einen Spalt geöffnet und machte das blutarm neon­bestrahlte, längliche Bürozimmer im Nu zugig und kalt. Durch die Tür zum Nebenzimmer hörte ich F.Gert Pohle telefonieren. Die proletige Chefsekretärin Frau Hohmann kam in mein Zimmer und beschwerte sich wieder - ich hätte nicht aufgeräumt, ich hätte unerlaubterweise meine Manuskripte von den Schreibkräften ins Reine tippen lassen. Ich sah, noch ganz im Artikel, die proletige Zwergengestalt charmant an, aber sie reagierte nicht. Lächeln konnte sie nicht. Die aufgerissenen Tablettenaugen unter der Afrofrisur zuckten unsicher und rechthaberisch zugleich, die selbstgerechten, dummen, - na, Schluß mit dem Thema. Auf meinem Schreibtisch standen zwei Telefone. Ich konnte ein Gespräch von außerhalb erwarten und gleichzeitig ein anderes Gespräch führen. Eine schicke Sache. Bärbel Wieschermann hatte noch ihre ganzen Sachen liegengelassen (sie war nach Bonn zurückgeschickt worden, wohl etwas überraschend). Mein neues Büro lag gleich neben der Kaffeemaschine, sodaß mir die früheren angstvollen Wege vom alten Büro bis dorthin erspart wurden. Um mich herum nur Chefs und Schreibkräfte. Nicht mehr Boten und - Gott, die Boten! Was war das für eine Plage gewesen. Ich konnte, noch in Polcuchs Zimmer, nichts gegen sie und ihre das Ohr beleidigende Sprache tun. Man konnte nicht ins (angrenzende) Boten­zimmer gehen und sagen: Reden Sie Hochdeutsch! Oder: Schweigen Sie! Die Leute konnten es ja nicht besser. Außerdem hatten sie ohnehin schon Komplexe. Sie schlichen noch ängstlicher durch den Flur als ich. Aber jetzt war das vorbei. Ich hörte jetzt höchstens den angeregt mit Bonn plaudernden Dr.Guracchzsk. Der hatte das größte und nobelste Zimmer von allen, wie der französische Innenminister. Er war nämlich offiziell der Lokalchef, inoffiziell aber seit einem Jahr restlos entmachtet und journalistisch mausetot. Alle rechneten seitdem mit seiner freiwilligen Kündigung, aber er blieb und plauderte. Immer wenn ich ihm in die Arme lief, verlor ich zwanzig Minuten. Dr.Guraczk hatte so unendlich viel freie Zeit, daß er mich nie ohne einen länge­ren Vortrag losließ. Widersprach ich, dauerte es gleich nochmal zwan­zig Minuten länger. Aber der Mann war nett und stets gut gekleidet - eine Seltenheit im Haus Springer. Außer ihm trug nur Claus Jacobi den richtigen Anzug, und ich natürlich.

Ein Ärgernis blieb mein (fehlender) Kaffeebecher. Jeder in der Redak­tion hatte seinen eigenen Becher, erkennbar durch verschiedene Auf­schriften und Symbole, also der Hund Wum, Miß Piggy von der Muppet-Show, braun-grün-orangene Karos oder sogar die Micky Maus - nur ich hatte keinen eigenen Becher mitgebracht, sondern benutzte immer den Becher eines anderen. Ich dachte nicht daran. Im Flur - ich füllte gerade den Becher nach – traf ich auf die alte Frau Bütow. „Na?!“ sagte ich, und sie: „Herr Lottmann, Sie sehen ja so fein aus! Wissen Sie, das steht ihnen gut, viel besser als, als dieser ‚Gammel-Look‘!“ Ich sagte: „Kleider machen Leute, was, Frau Bütow!“ und maschierte beschwingt weiter zur Kaffeemaschine.Beim nächsten Becher traf ich sie schon wieder, einfach, weil sie sich nicht verändert hatte und in ihrem Türrahmen auf Ablenkung wartete. Diesmal sagte sie, es sei schon wieder ein Beschwerdebrief meinetwegen gekommen: "Auf jeden Ar­tikel bekommen wir bei Ihnen einen Beschwerdebrief, Herr Lottmann, auf JEDEN!" Das hatte sie schon öfter gesagt. Sie selbst schrieb üb­rigens nie Artikel, sondern saß ihre letzten Dienstjahre ab, ausge­rechnet in der Kulturredaktion. Ich zog einen schon vorbereiteten Satz aus der Tasche: "Bei Ihnen kommen nie Beschwerdebriefe, Frau Bü­tow, wie machen Sie das bloß?" Mit schwappendem Kaffeebecher ver­schwand ich in meinem Zimmer. Es war schon irre: die Redaktion hatte 25 Mitglieder, mit Fotografen und Hospitanten sogar 30. Aber schrei­ben taten nur wenige. Zu 50% schrieb Freund Ahlers die Zeitung voll. Mein Anteil hatte einmal 20% betragen und lag jetzt bei 5%. Jeden zweiten Tag einen Artikel, das war mein Richtwert, den ich nur noch in besonders guten Wochen (wie der letzten) erreichte. Jeden Sonnabend hatte ich meinen Harburg-Report, dazu in der Regel ein kleiner Kon­zert- Fernseh- Kinobericht am Montag. Dazwischen mal eine Personalie, ein Gerichtsbericht, eine Über-Land-Reportage (die das meiste Geld einbrachten) oder etwas Eigenes. Diese Woche war zum Beispiel eine 150-Zeilen-Reportage über das Abaton drinnen, eine reine Eigenproduk­tion. Diese Eigenproduktionen waren früher meine Stärke. Im Laufe der Zeit ging das dann immer schwerer… ich war halt ausgebrannt, das Hirn wollte nur noch fernsehen und in Ruhe gelassen werden. Jeden­falls, wenn ich keine Drogen nahm. Mit Hilfe von Speedagon aber lies­sen sich Zusatzkräfte herbeizaubern, die mir das Denken und Disponie­ren über mich zurückgaben. Seitdem ich aber im SPIEGEL einen Artikel über den tablettensüchtigen Hitler gelesen hatte, der wie ein Junkie an der Nadel hing (jeden Morgen ließ er sich von Dr.Morell Speedagon spritzen) und deswegen den Krieg verloren hatte, setzte ich das Zeug immer seltener ein. Folge: ich dämmerte immer öfter vor dem Fernseh­apparat dahin, das Leben ging langsam zu Ende.

© 2016-20 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft