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Der Große Einsame und DIE WELT - III/1


14.6.1980


Der schwule Sallowski hatte inzwischen gekündigt, ebenso Chef­redakteur Tiedje, Dr. Guracchz, Detlev Ahlers und andere. Geblieben war eigentlich nur ich. Und Bärbel Wieschermann, die nach einer vierteljährlichen Schamfrist wieder aus Bonn zurückgeholt worden war. So ist das im Journalismus: jeder springt von Zeitung zu Zeitung. Leid tat es mir um Ahlers, mit dem ich mich angefreundet hatte. Nachts waren wir durch den Alsterpark gegangen, zu dritt, Stephan T. Ohrt war auch dabei, und Ahlers trumpfte in seiner behäbigen Weise mit Anekdoten und Angebereien auf - bis zuletzt. Es war schon morgens um neun Uhr, Detlev Ahlers baute sich sein zweites Kawumm, Stephan war todmüde (aber doch amüsiert), und es nahm kein Ende, dieses: "Lottmann, zu dem Ge­bäude linkerhand muß ich Ihnen etwas erzählen. Mein Urgroßvater mütterlicherseits…" Am nächsten Tag machte es schon mehr Spaß, im Produktionsraum der WELT zu stehen; Ahlers und ich star­teten eine Reportage über das Popper-Phänomen. Ich lud Popper und ausgewachsene Punks in die Redaktionsstube und Ahlers und ich wechselten uns im Sprechen ab. Später, als ich mich auf die Seite der Punks schlug, verzog er sich. Enttäuscht war er auch, als ich es ablehnte, mit ihm zusammen eines seiner "aus dem Le­ben gegriffenen" Themen zu bearbeiten: Alltag im Jugendstraf­vollzug. Gefängnis heute. Knast und Realität. Illusion und Wirk­lichkeit: die Jugend im Vollzug. Soziale Ignoranz und blinder Reformeifer - Gefängnisse für junge Menschen. Die enttäuschten Erwartungen von gestern und die Wirklichkeit von heute: Praxis der Jugendstrafanstalten in Deutschland. Und so weiter/und so fort. Ahlers wurde wieder reserviert und quittierte meine unveränderte Freundlichkeit mit Mißtrauen. Immerhin war er scharf darauf, meine Berichte über die WELT zu lesen, sowie meine Artikel. Ein­mal war er empört. Man hatte eine Personalie von mir gedruckt,

in der ich einen pickeligen Jugend-forscht-Landessieger, eine totale Null übrigens, fertiggemacht hatte. Ich hatte geschrieben, daß er keine Freundin hätte und angedeutet, daß er, als Null und Pickeltyp und Jugend-forscht-Landesidiot, auch keine kriegen könnte. Ahlers war entsetzt. Wie hatte man das drucken können?! Ganz einfach, lachte ich: man hat es nicht vorher gele­sen. Wer liest schon Personalien - niemand. Die sind in der Re-el so langweilig, daß sie nicht einmal der Nachrichtenführer liest, geschweige denn der Setzer, oder gar der Leser. "Nur Sie, Ahlers, lesen meine Personalien und das ist schön von Ihnen. Ich schreibe nur noch für Sie." Er schüttelte den Kopf. Ich sollte endlich über "heiße Themen" schreiben, über soziale Härten, zum Beispiel in der Fernfahrerkneipe, im Pik-As, oder in einer Ju­gendstrafanstalt, dann würde man mich lesen. Ich sah ihn freund­lich an. Ich wollte ihm brav zunicken und gehen, aber er war noch nicht fertig. "Neulich, bei der Geschichte über die Hamburger Schiffsbefestiger, gab es durchaus soziale Aspekte. Das war gut geschrieben, Lottmann." Ich erinnerte mich. "Stimmt, da hatte ich einen sterben lassen. Das mußte ich machen, ich bin ja selbst beinahe gestorben, so langweilig war das." Ich hatte tatsäch­lich einen sagen lassen: 'ist doch gerade wieder einer draufge­gangen von uns. Gestern haben wir ihn beerdigt'. Das brachte Fahrt in die Story, bei der es an sich rein gar nichts zu berich­ten gab. Es handelte sich um irgendwelche Leutchen, die mit dem Auto zum Kai fuhren und die Schiffe festmachten. Aber nun: "Ham­burgs letzte Helden in Lebensgefahr!" Ahlers flüchtete. Fortan rechnete er sich selbst hoch an, solche Dinge nicht zu petzen. Wenig später hörte er dann plötzlich auf. Inzwischen sitzt er vielleicht in Malibu und raucht den dritten Joint seit dem Mittagessen.

Ich genoß noch immer die mittägliche große Produktionskonferenz. Es war ein ganz eigenartiges Gefühl, da zu stehen. Hier schlug der Puls der Zeit, zumindest der Zeitung. Die jeweils kommende Ausgabe, das heißt die jeweils letzten Nachrichten, wurden kon­trovers diskutiert und abgehandelt. Ich fragte mich immer, was die Kollegen wohl mittlerweile von mir hielten. Ich hatte den Verdacht, sie hätten sich an mich gewöhnt, ich würde sie lang­weilen. In fast jeder Konferenz war ich der Sündenbock und Stein des Anstoßes - und das gab anscheinend nichts mehr her. Ein Wun­der, daß ich nicht gefeuert worden war. Wie kam das? Vielleicht, weil in dieser Redaktion noch nie jemand gefeuert worden war? Weil durch ein Mißverständnis - ich hatte Annerose einmal in die Redaktion mitgenommen - die Meldung aufkam, ich hätte gerade ge­heiratet? Auch meine vierwöchige 'Südamerikafahrt' wurde als Flitterwochenfahrt gewertet und somit verziehen. Vielleicht, aber das glaubte ich kaum noch, hatte man mich an höherer Stelle, bei Peter Boenisch (Tiedje war einmal meinetwegen bei ihm), mit Pro­tektion versehen. Ich war tatsächlich das einzige Redaktionsmitglied, über das in der Konferenz geschimpft, gerügt, beschwert wurde. Nur ich bekam jeden Tag Beschwerdebriefe. Der Chefredak­teur F.Gert Pohle hielt sie mir schnaufend und rotangelaufen vor Wut jeden Mittag entgegen - dann polterte er los. Die Beschwer­debriefe kamen, weil ich regelmäßig die Unwahrheit schrieb. Das mußte ich machen, um mir meine Selbstachtung zu bewahren. Wohl auch, weil das Recherchieren unangenehm war - aber das muß nicht sein. Eigentlich recherchierte ich gerne, eigentlich hatte ich es nie nötig, die Unwahrheit zu schreiben - es war ein bewußter Akt des inneren Widerstandes. Einmal hatte ich mich gleich mit 20 000 Lesern angelegt: mit Teilnehmern einer friedlichen Trimm-dich­-Fahrradtour. Ich hatte ein wüstes Kannibalismus-Szenario daraus gemacht. Angeblich schlug ein wilder Langhaartrommler (nackter Oberkörper, Stirnband) dumpfe Rhythmen auf eine ans Fahrrad mon­tierte Kesselpauke und versetzte die ganze Horde (20 000 Mann) in tranceartige Kriegstanzstimmung. So und ähnlich mein Bericht. Das war gegangen, weil es gerade Sonntag war und nur wenige Redak­teure gekommen waren - man brauchte meinen Bericht, um die Seiten füllen zu können. Natürlich hatte es diese Stadtindianerszene wirklich gegeben, nur hatte das mit der Trimm-dich-Tour nichts zu tun. Die nächsten Wochen waren hart: die Trimm-dich-Typen wollten mich fertigmachen. In der Rubrik 'Leserbriefe' wurden jedes Mal neue Haßbriefe gegen mich abgedruckt, sodaß ich die meiste Zeit damit zubringen mußte, eigene (gefälschte) Pro-Lottmann-Leserbrie­fe zu schreiben. Schließlich schrie mich der Nachrichtenführer vor aller Augen an: "Schreiben Sie eine Gegendarstellung und schreiben Sie, daß alles genau umgekehrt war, total umgekehrt!" Ich wandte höflich ein: "Aber würde man damit nicht ins andere Extrem verfallen?" Der Nachrichtenführer, ein Mann in der Midlife­crisis namens Groetecke, schrie weiter: "Das andere Extrem?! Ent­schuldigen, schämen müßten Sie sich, das wäre extrem, das müßten Sie tun! Sagen, daß Sie nicht recherchiert haben, daß Sie stinkend faul gewesen sind!" Ich antwortete geschwind: "Das will ich ja gerne tun, aber was die Sache angeht, die Fahrradtour - darf man da einfach das Gegenteil schreiben, ohne sich einer Verletzung der Wahrheitspflicht des Journalisten schuldig zu machen?" Der Midlifemann sah mir sekundenlang in die Augen, nach dem Motto: Dich krieg ich klein, du Hund. Er triezte mich dann einen Nach­mittag lang, wurde dabei aber nervös und unsicher. Er ließ mich den nächsten Artikel fünfmal neu schreiben. Aber beim vierten Mal konnte er mir schon nicht mehr in die Augen sehen und beim fünf­ten Mal zitterten seine Finger, die er viel zu hastig mir und dem Manuskript entgegenstreckte. Vernünftigerweise ließ er es dann sein. Aber dabei war es noch nicht zu Ende für ihn. Das Un­glück wollte es, daß wir uns nach getaner Arbeit im Lift wieder­trafen, dann noch eine peinliche Strecke von 50 Metern gemeinsam zu Fuß gehen mußten, bis zu meinem Auto. Dort angekommen, lud ich ihn freundlich ein, mitzufahren. Er antwortete nicht, aber ich war so herzlich, daß er nichts entgegenzusetzen wußte. Er wohnte in der Ludolfstraße. Auf der Fahrt dorthin faselte er zusammen­hangsloses Ideologie-Gemisch: "Man muß die dreifache Transzendenz im Auge behalten, wenn man auf dieser Welt nicht krank werden will… die Übereinstimmung mit der Natur, die Übereinstimmung mit dem sozialen Umfeld, die Übereinstimmung mit der Transzendenz selber… " Ich sprach nett von seiner Tochter, mit der ich einmal ausgegangen war. Groetecke fing sich etwas und äußerte, ich sollte bestimmte Fehler vermeiden, ich würde sonst womöglich nicht alt werden in der Redaktion der WELT. Ich strahlte: "Ganz im Ge­gensatz zu Ihnen. Sie werden da noch in zwanzig Jahren sitzen." Groetecke, noch ganz in der Midlife-crisis, konnte darob nicht froh werden. Gebeugt ging er in seine Wohnung.

Der blinde Herr Deppisch ging schon lange nicht mehr mit mir untergehakt durch den langen Korridor des vierten Stocks des WELT­Hauses. Aber vor ihm hatte ich Hochachtung. Mit seinen 62 Jahren hatte er sich in eine Discothek begeben, nichts gesehen, nichts verstanden, aber eine Reportage darüber geschrieben. Ganz im barocken Stil seiner sonstigen Berichterstattung, die ausschließ­lich über Restauranttips ging. Unter dem Pseudonym "Apicius" schrieb er dann: die jungen Kartoffeln mundeten vorzüglich, woge­gen der Nachtisch, eine Kaltschale Vanillepuddings, zu wünschen übrig ließ, und so weiter. Herr Deppisch hatte sich in 36 Sprin­gerjahren seine Identität bewahrt - das imponierte mir. Ich unter­hielt mich gerne mit ihm über seine Tochter, die auf Nimmerwieder­sehen nach Australien abgehauen war (ausgerechnet!), über sein hübsches Zuhause, das im Laufe der Jahre immer stiller und leerer geworden war. Die Nachbarn, die vor 20 Jahren – 1960 - noch zu den Grillparties gekommen waren, lebten schon zum Teil nicht mehr. Sein Leben schloß ab mit Einsamkeit und Stillstand. Nach 62 Jahren stand er in gewisser Weise vor dem Nichts. Er sah das selbst so, vermied aber Wehleidigkeit und modische Anklage der neuen Zeit. Ein netter Mann, ein Bankrotteur.

Frau Bütow dagegen schien ihre Schäfchen ins Trockene gebracht zu haben. Ihr haftete nichts Trauriges an. Ihre Mentalität war die einer Internatsschülerin kurz vor dem Abitur. Sie wirkte zerbrechlich, schüchtern, noch unerfahren, voller guter Erziehung, voller guter Prinzipien, aber auch ein bißchen doof. Vielleicht sogar sehr doof, das hatte ich nie untersucht, weil es auch ne­bensächlich war. Ich mochte sie gerne, war dann aber enttäuscht, daß sie weniger gute Prinzipien hatte, als ich dachte. So buckelte sie vor ihrer Vorgesetzten - ein mir unbegreiflicher Vorgang. Sie maß dem Urteil ihrer Vorgesetzten mehr Wert zu als ihrem eigenen, und das, obwohl das Gegenteil richtig gewesen wäre. Die Vorge­setzte, eine Frau Warnecke, war die typische Hysterikerin, eine unliebenswürdige, sich selbst entfremdete, zutiefst angstdurch­setzte Karrierefrau. Diedrich würde sagen: Feuilletonistenpack. Sie bewegte sich auf den bundesdeutschen Feuilleton-Sprachbahnen und nirgends sonst. Ein einziger Satz mit eigener Kraft, und sie stürzte. Bei mir war es, gleich zu Anfang, der vergleichsweise harmlose Satz gewesen: "Was sind eigentlich Ihre Kriterien bei der Beurteilung der zeitgenössischen Kultur, Frau Warnecke?", und seitdem hatte sie eine horrende Angst vor mir, wich mir aus, ver­mied jede Zusammenarbeit, schwärzte mich an - es war idiotisch. Ich wollte einfach abwarten, bis sie den Satz und ihre Angst vor mir vergessen hatte - aber umsonst. Offenbar hatte sie mich heim­lich zum inneren Feindbild stilisiert - und das wurde für sie immer leibhaftiger, je weniger sie mit mir zu tun hatte. Also ging ich eines Tages zu ihr und sagte, sie solle sich einen gleich­wertigen Gegner ausgucken, nicht mich, der ich doch eine unver­hältnismäßig kleinere Nummer sei als sie. Das sei schlicht un­ritterlich. Sie war überrascht, gluckerte, prustete, empörte sich, schlawenzelte hennenhaft hin und her, ich beließ es dabei, em­pfahl mich und wartete ab. Ihre Hetze nahm noch zu. Immerhin, ich hatte es versucht.

Ein Kapitel für sich war der Chefredakteur Tiedje. "Lottmann! Ich begrüße Sie!" rief er mir noch immer in ungebrochener Solidarität entgegen. Er war der einzige, über den ich wenigstens ab und zu etwas Schlechtes hörte, außer über mich. Das tat gut. Die kleinen Volontärinnen verachteten ihn, weil er Fehler machte und "zuviel Wind" fabrizierte, "den Mund zu voll" nahm und so weiter. Angeber, Spinner, Hochstapler, Kindskopf wurde er genannt, alles Bezeich­nungen, die auch auf mich zutrafen. "Der ist völlig verklemmt! Ein kaputter Typ! Ich kann diese Stimme nicht mehr hören, diese auf­gedrehte, künstliche Stimme! Der braucht 'nen Psychiater, der ist doch krank!" sagte Ingrid Baas über ihn. (Tiedjes Urteil über Ingrid Baas ist allerdings um ein Vielfaches verheerender gewesen: sie sei ganz gut, aber von Talent könne man nicht sprechen und für eine überregionale deutsche Tageszeitung reiche es leider nicht aus). Ich hatte schon damals gesagt, gerade das Kaputte, Verklemmte, Künstliche fände ich so interessant an den Menschen - wobei ich nicht ganz ehrlich war. Ich fand niemanden, der Tiedje mochte. Überall begannen die Leute zu zwinkern und überheblich zu werden, wenn sein Name fiel. "Ach, Tiedje, den dürfen Sie nicht ernst nehmen" wurde mir ständig eingeredet. Oft wurde ich gewarnt: "Verlassen Sie sich nicht auf den, der redet doch bloß." In der Konferenz bekam er manchmal einen übergebraten - auch wenn er selbst wesentlich öfter zuschlug. Detlev Ahlers zuckte nur arro­gant die Schultern über ihn: "Tiedje - na ja." Für Barbara Möller war er einfach der 'Feind', der 'Mann', der gedankenlose Frauen­unterdrücker, der "nichts dazugelernt hat". Sie haßte ihn. Und in gewisser Weise hatte sie recht, ein Softi war er wirklich nicht. Seine Frau führte ein Schattendasein, war überstrahlt vom Charis­ma des Mannes, daß es für Frauenemanzipierte eine Schande war. Es war schwer, ihn in diesem Punkt zu verteidigen. Sicher, er war rührend zu seiner kleinen Familie, aber das zählte in Barbaras Augen nicht. Die Frage blieb offen, schon deshalb, weil Barbara Möller nach einiger Zeit nicht mehr mit mir sprach. Nun, wichtig war es weiß Gott nicht, was die kleinen Kraucher über Tiedje dach­ten - er ging über die Wogen der hausinternen Gemeinheit wie der Ritter über den Bodensee. Neid, Niedrigkeit, Inkompetenz - Tiedje lachte nur. Er räkelte sich in seinem Sessel, Füße auf dem Tisch, und telefonierte stundenlang mit seinen Spezis in ganz Deutsch­land. Während die anderen Intrigen gegen ihn entwickelten, unter­schrieb er längst einen 250 OOO-Marks-Vertrag bei der Konkurrenz. Am Ende destruierte er noch nachhaltig die Führungsspitze und verschwand als der große Überflieger - winkend, mit dicker Zi­garre und Blumen.

Ich freute mich über seinen letztendlichen Triumph, aber verstehen tat ich Tiedje immer weniger. Jetzt ging er zur Konkurrenz, wo ihn sicher das gleiche erwartete wie bei der WELT. Ich hatte ihn einmal erzählen lassen, wie er seinen Tag verbrachte. Und siehe da: er arbeitete zu Hause weiter. statt der großen Gegenwelt, dem EIGENTLICHEN Leben, gab es in den eigenen vier Wänden das Gleiche in Grün: Artikel schreiben, Telefonieren, Organisieren. Wozu leb­te der Mann? Ich fragte ihn das eindringlich. "Es macht Spaß!" ant­wortete er aufgedreht. Er hatte in den letzten zehn Jahren weniger Mußestunden gehabt als ich in einer Woche, sich also gar nicht er­lebt, und doch schien ihn die im Super-D-Zug vorbeiratternde Zeit nicht zu ängstigen. Zehn Jahre wie zehn Sekunden - ihm war es egal. Stattdessen feierte er jede neue Mark, die er verdiente, als Ge­winn. Einmal sagte er, und er gab das als Quintessenz seines Le­bens aus: "Ich möchte mir alles kaufen können! Verstehen Sie, Lott­mann." Ich verstand nichts weniger als das. Was meinte er bloß? Mir fiel nicht ein, was man kaufen könnte, das einen Zugewinn an Lebensfreude bedeuten würde. Ein Auto? Das hatte ich auch. Ein Haus? Meine Mietwohnung war besser als jedes "Häuschen", in dem später Leute wie Herr Deppisch schwermütig wurden oder jetzt schon die eigene Frau zur grünen Witwe wurde und das Kind träge. Kleidung? Tiedje zog sich trotz seines Gehalts nicht besser an als ich mich. Reisen? Er fuhr in Horror-Orte an der Ostsee und ließ seinen gewiß aufgeweckten Nachwuchs auf gesichts- und ge­schichtslose Plastic People los, die wie die Zombies die stillose Uferpromenade abschritten, während ich nach Südamerika fuhr. Also - was wollte er sich mit seinem Geld kaufen? Sicherheit, sagte er einmal. Aber Sicherheit wofür? Doch dafür, niemals in meine Lage zu kommen. Dabei war meine Lage nicht schlechter als seine. Also was dann? Ich kam nicht darauf. Vielleicht Sicher­heit vor der Lage, in die ich noch geraten konnte, später einmal? Wenn das der Fall war, kannte er offenbar so eine Lage - woher sonst die übermächtige Angst davor? Auch die Nachkriegsgeneration bezog die lebenslange Angst vor dem Elend aus der eigenen Er­fahrung. Nachrückende Generationen waren frei davon - bis auf Tiedje. Was hatte der Mann bloß durchgemacht? War er in der DDR großgeworden? Was es auch war, ich ließ den Mann ziehen, richtete mich aber innerlich darauf ein, ihn irgendwann einmal durch­füttern zu müssen. Sein Lebensplan hatte zu viele Lücken und Ri­siken und würde nicht gut gehen können. Wer so undurchdacht nach vorn marschierte, konnte sich natürlich keine Generaldebatte mehr leisten. Aber die würde kommen und mit ihr ein zehnjähriger Ab­stieg - zurück zum Ausgangspunkt. Dr. Guraschtz war da anders: der war schon mitten drin im Abstieg und zeigte dabei Format. Dessen Basis war fest. Unverändert freundlich trödelte er zu seinem Platz und begrüßte alle Kollegen einzeln. Die betriebliche Autorität war ihm schnuppe - über derart lose Werte war er hinaus - sodaß er unbeschadet seinen nahezu vollständigen Machtverlust überdau­ern konnte. Noch ein Jahr und er hat es geschafft - und zwar ohne Magenkrebs. Dann ist Dr. Pohle wieder im Autoteil und Guraktzch leitet den Lokalteil in Hamburg.

Gedanken dieser Art hatte ich immer, wenn ich zum Nachrichten­führer mußte und meine Manuskripte ablieferte. Ein Blick in dessen verzweifeltes Gesicht genügte. Ich hatte ihn nie gemocht. Von An­fang an dachte ich: dem will ich nicht zu nahe kommen, das ist ein restlos verzweifelter Mensch. Einer, der einen immer runter­bringen würde. So war es auch. Insgesamt 127 Themenvorschläge hatte mir der Mann im Laufe eines Jahres ausgeredet - einfach, indem er nur nickte, beim zuhören seine kleinen braunen Punkt­augen apathisch auf die Revalpackung auf dem Tisch richtete, an­teilnahmslos brummte oder nörgelte und mäkelte. Ein echter Downer, dieser Groetecke. Einer, der seine Mitarbeiter nicht motivieren konnte. Das war wiederum die überragende Eigenschaft Tiedjes: zu motivieren. Wann immer ich lustlos war und auf trübe Gedanken kam, half mir ein kurzer Besuch in seinem Büro auf die Beine. Wie elektrisiert ging es anschließend an die Arbeit.

Zu Dagmar Schnippenkötter hatte ich einmal gesagt: "Vor dem Groe­tecke mußt du dich in Acht nehmen. Das ist ein Dunkelmann. Der erschlägt junge Katzenbabies im Morgengrauen und verbrennt heim­lich dicke behaarte Spinnen, die er vorher gefangen hat. Der tut Dinge, die kannst du dir gar nicht vorstellen." Dagmar fiel mir fast ins Wort: "Jal Ein Dunkelmannl Mir ist der so furcht­bar unheimlich, das glaubt keinerl Wenn du wüßtest, was für eine Angst ich vor dem hab… " Ich wußte es und legte ihr ernst meine Hand auf die Schulter.

Dann gab es da noch einen, der hieß Naumann, wurde von den Mitrbeitern "Naumi" genannt und war der apriorische 'beliebte Kol­lege'. Er war als einziger unverheiratet - selbst der latent hochgradig homosexuelle Polizeireporter Dalchow war verheiratet - und hatte einen Hund. Einen Dackel. Er war der Typ 'Erst mal entspannen/erst mal Picon‘. Also ein sogenannter Lebenskünstler, der die Gaulloises-Werbung nachlebte. Ein wirklich netter Kum­pel, sehr ausgeglichen, etwas arbeitsscheu, etwas unpünktlich. Ein Mann, der der zwergenhaften Fotografin Christa Kujath am hellichten Tage zwanzig Minuten nonstop in die Auge schaute - ohne zu erröten oder sich zu verlieben oder sonstwie zu reagieren. Einfach so. Stumme Begegnung zweier Seelen, spannungslos. Abge­klärt wie in Poona und ebenso bedeutungslos. Nett aber schlapp. Ich als Zeuge konnte nur staunen. Es gab für mich immer wieder etwas zu lernen in diesem seltsamen Komplex "Arbeitswelt". Des­wegen war ich ja auch so lange geblieben. Oder eben Dalchow. Ein Mann mit Münchener Akzent, der monomanisch "lustige" Bemerkungen von sich gab, während der Produktionskonferenz. Keiner achtete auf ihn. Als Münchener war er nun einmal nicht lustig. Das ging doch gar nicht. Auch ich konnte ihn nie lustig finden. Der Ak­zent überlappte jede Pointe. Herr Dalchow war ein Schönling, des­wegen mochte ich ihn. Aber sonst ließ sich nichts über ihn beob­achten. Er telefonierte mit seinen Bullen, übrigens mit unsicherer Stimme (das machte mich ganz unglücklich: der arme Mann! dreißig Jahre Reporter und immer noch eine unsichere Stimme) und ging einmal im Monat zu den 'Medienschützen'. Das waren Bullen, die am Feierabend um die Wette ballerten, mit scharfer Munition. Ich war auch einmal dabei - es war gräßlich. Es waren nur Männer da, etwa 30, alles Tunten. Sie faßten sich alle ununterbrochen an, schäkerten und zappelten hin und her, kreischten unmotiviert und ballerten für ihr Leben gern. Erst spät am Abend kam ein Mädchen dazu, eine junge Journalistin von Action Press. Ich bin mit ihr gleich losgezogen. Sie erschien mir stundenlang als das schönste Wesen der Welt. Sie war auch groß und schlank, während die tuckerigen Polizisten teilweise schrecklich alt und feist wirkten. Dieses Mädchen sagte mir sogar etwas, was ich noch nie zuvor gehört hatte: sie würde meine Artikel lesen. Angeblich hing das mit ihrem Beruf zusammen. Ich war baff. Wir fuhren dann zu ihrem Freund, das war so ein sensibler Graphiker, Anfang dreis­sig, ein besonders leiser Mensch. Ich glaubte nicht, gegen den eine Chance zu haben und rief nicht mehr, entgegen der Abmachung, bei Action Press an. Vielleicht war das ein Fehler - mit einer Journalistin als Freundin hätte es sich womöglich leichter bei der WELT gelebt. So aber blieb alles schizophren. Tagsüber war ich im "System", in der "Arbeitswelt", und abends war ich wie eh und je in der Gegenwelt, im eigenen Kosmos. Mich einmal ganz ins "System" zu begeben, hatte ich nur einmal versucht, Mitte De­zember. Da hatte ich Chefredakteur Tiedje versprochen, nur noch die Wahrheit zu schreiben. Das war dann endlich die lange dis­kutierte Selbstaufgabe und Anpassung. Geschadet hätte es mir nichts - nur kam jetzt etwas dazwischen. Tiedje verschwand für mehrere Wochen. Und: die Artikel mit Wahrheit machten viel mehr Ärger als die anderen. Der Zufall wollte es, daß ich einem Sport­redakteur Teske in die Hände fiel. Für den schrieb ich Sportar­tikel mit Wahrheit. Aber wie wahrhaftig ich auch schrieb, Teske, der keine Ahnung vom Schreiben hatte und eigentlich Fußballtrai­ner werden wollte, mochte es noch wahrhaftiger haben, das heißt: er wollte noch mehr "Facts", oder wie er sagte: "Dadsachen" in die Artikel hineinstoppeln. Am Ende kamen Computer-Artikel heraus, für die ich mich nur schämen konnte. Ich lebte in der Angst, einer meiner Bekannten könnte das lesen. Es war zuviel der Barbarei: ich quittierte den Dienst. Ich ließ mich drei Wochen lang nicht sehen, bis Tiedje wieder vom Urlaub zurück war. Dann erst ging es weiter - natürlich mit dem bewährten Geflunker und ohne "Wahrheit". Wenn die Wahrheit auf der Seite des Sportredakteurs Teske war, konnte sie mir nur leid tun. Dann war für mich jedenfalls kein Platz mehr in der Nähe der "Wahrheit". Ich kam seitdem gut aus, schrieb meine Geschichten, wurde gerüffelt - es hätte ewig so weitergehen können. Ging es ja auch.


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