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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 3 und 4

08.03.2017

3. Kapitel

 

9.12.1976

 

O Gott! Diesmal verschenkte ich einen wertvollen Tag an einen gewissen Fritz Brinckmann! Ich mag es mir selbst nicht glauben. Doch das alles später.

 

Um es kurz zu fassen - geweckt wurde ich durch Klingeln an der Tür, also gab es kein traumerfülltes, gedankenschweres Erwachen, sondern gleich wieder Alltag. Hemdenwaschen, Baden und dergleichen. Essen. Alles Blödsinn. Endlich, um 15 Uhr, saß ich zufällig und etwas unschlüssig auf dem Boden. Ich merkte die Chance und beschloß blitzschnell, sitzenzubleiben. Fast vierzig Minuten saß ich regungslos auf dem Boden und kam ganz, ganz langsam zu mir.

 

Peng! Richard platzte herein, telefonierte, dann der Autoverkäufer, und dann… ja, ich machte übrigens mit diesem neuen Auto eine Probefahrt. Es beschleunigt mühsam, es lenkt sich mühsam, es bremst sich schwer. Der Motor dieselt und geht nach jeder Bremsung aus, der Anlasser kratzt böse beim Anlassen, der Winker geht elendiglich langsam. Das Auto ist alle naslang kaputt gewesen – jetzt ist angeblich alles heil. Die Reifen sind nicht besonders gut, die Batterie ebenso, der Sicherungskasten ist zerrissen.

 

Nach dem Seminar, in dem ich zum erstenmal schlecht war und unvorbereitet, fuhr ich nach Haus, setzte mich auf den Boden und wartete. Mist, den Französischkurs hatte ich auch ausfallen lassen. Mein Referat für Montag völlig vergessen. Und für morgen noch nichts gemacht. Ich stöhnte. Wie konnte all das kommen? Sehenden Auges verstricke ich mich von Tag zu Tag mehr in Belanglosigkeiten.

 

Die Verabredung mit Brinckmann fiel mir ein. Es mußte ja sein, es war seine erste Ausstellung, ich hatte es fest versprochen. Also los. Scheiße. Die Ausstellung war schon zu Ende, als ich ankam, Brinckmann kam mir entgegengelaufen. Erregt bewegte er sich auf mich zu, mit losen Armen.

 

Er wankte ein bißchen und sah verstört aus. Hatte man ihn geschlagen? Danae und noch zwei, drei Gestalten kamen hinzu. Ich bestand darauf, mir die Ausstellung doch noch anzusehen, Brinckmann schloß noch einmal die Räume auf und gab mir ein Glas Champagner.

 

Ich hatte mir vorgenommen, lieber wenige Bilder lange als viele Bilder kurz zu begucken, um ihm zu schmeicheln. "Ich bin weg vom Fenster," hörte ich ihn sagen. Er hielt sich an einem Mauervorsprung fest. Wir hatten Danae versprochen, schnell zu machen und sie, die schon langsam zum Café ging, wieder einzuholen. Danae hatte mich übrigens wie einen tollen Bekannten begrüßt, was Folgen haben sollte.

 

Ich stellte Brinckmann viele Fragen, die seine Ausstellung betrafen, um ihm zu schmeicheln. Er tat mir leid. Seltsam, die Idee, NICHT ins Café zu gehen, kam mir nicht, obwohl ich die Situation kurz überdachte. Gleich würde ich mit fünf Leuten am Tisch sitzen, von denen ich vier nicht kannte. Eine gequälte Situation würde das doch nur werden können, es sei denn, ich schaltete konsequent auf Zurückhaltung. Also rauchte ich nicht, sondern trank Glühwein, außerdem guckte ich keinen an.

 

Danae bestürmte Brinckmann mit Fragen über die Ausstellung, aus demselben Grunde, wie ich es getan hatte. Sie rettete den Abend durch ihre Frische und ihr Interesse. Ihr Freund, ein Mensch der inneren Beschränktheiten, saß stumm und kämpfte mit sich. Rechts neben mir eine Type, von der ich gar nicht erst reden will, ein Unsympath, ein Schwein, ein Fiesling. Er grinste spöttisch, wenn Brinckmann brillante Sätze fabrizierte.

 

Der Danae-Freund meinte schließlich, ihm wäre schlecht, konnte aber nicht sagen, wo und wie und warum. Der Unsympath meinte verletzend, Brinckmann rede zuviel. Der Danae-Freund freute sich über diese Bemerkung. Ich biß mir auf die Lippen, Danae auch. Brinckmann erklärte weitschweifig seine Redeweise. Der Unsympath erklärte, Brinckmann müsse uns allen die Zeche bezahlen, da er so schön geredet hätte.

 

Brinckmann überlegte ernsthaft diesen Vorschlag. Wir verließen das Lokal, und Brinckmann mußte tatsächlich alles bezahlen, wenn auch Danae eindringlich versprach, ihm morgen etwas wiederzugeben.

Danae wollte noch nicht aufgeben. Sie verlangte trotzig, noch etwas erleben zu wollen. Der Unsympath grüßte hart und ging. Der Danae-Freund verzog das Gesicht. Brinckmann nahm Danaes Anregung freudig an und machte ihr blumige Komplimente. Ich dachte schon seit einiger Zeit darüber nach, wie man die Lage retten könnte, wie man diese Rechnung so zuende kriegen könnte, daß Danae dabei heraussprang. Ganz plötzlich machte ich den Vorschlag, zu den Südsee-Bongo-Trommlern zu gehen. Das war es, was ich bei dem Wort "Erlebnis" assoziierte. Sicher spielten die Bongotrommler schon lange nicht mehr, aber ich schwärmte ihnen davon vor und erfand noch einiges dazu, damit die Stimmung erstmal anstieg.

 

Danae war nicht schön, und anfangs bekrittelte ich alles Mögliche an ihr. Während ich mich zurückgehalten hatte und Glühwein trinkend darauf aus war, den Unsympathen zu ignorieren, hatte ich sie gemustert, mit zusammengezogenen Augenbrauen und strichförmigem Mund. Jetzt aber war ich so weit, sie zumindest zu mögen und nur noch auf die gelungenen Stellen zu gucken, etwa auf die pechschwarzen Haare oder überhaupt auf ihr Gesicht als Ganzes. Ich glaube sogar, von einem ungewissen Punkt an gar nicht mehr beobachtet zu haben, sondern ganz unbewußt das erlebt zu haben, was man normalerweise Mienenspiel nennt.

 

Auf dem Weg zu den Bongos hielt sich der Danae-Freund immer mehr abseits, dann stellte er sich vor einen Baum und pißte. Brinckmann sah schnell weg und begann etwas hastig eine neue Erzählung und entfernte sich mit Danae. Ich wartete auf den Freund. Als er etwas grinsend, mit langen schlurfigen auf mich zukam hatte ich keine Skrupel mehr. Ich sagte: „Du bist eifersüchtig."

Er ging darauf ein und bat mich, wobei er gar nicht uninteressiert schien, das näher zu erklären. Ich sagte, wenn man die Menschen studiere, könne man aus den Gesichtern die Eigenschaften herauslesen, und er hätte das Gesicht eines Eifersüchtigen und wäre damit schon auf die Welt gekommen. Ich war seltsam erregt und ohne es zu wissen bereits dabei, mich in Danaes Leben hineinzubohren. Der Freund antwortete Unbedeutendes, ich hörte auch nicht hin.

Die Tischordnung wurde so gewählt, daß Danae mir gegenübersaß. Sie stand auf und ging rasch nach draußen. Der Freund blieb sitzen und hatte in seiner Art zu sitzen etwas Unerschütterliches und Klumpenartiges an sich. Brinckmann bemerkte nichts, im Gegenteil, er hatte ein neues Thema entdeckt und führte es aus, wobei er jeden Satz mit eleganten Hand- und Körperbewegungen einleitete.

 

Ich ging langsam nach draußen und stellte mich hinter Danae. Sie hüpfte mit einem Bein, man nennt es, glaube ich, Karreespringen, legte den Kopf schief, hielt inne und die Hände aus den Manteltaschen.

 

Nach einiger Zeit kamen die beiden anderen, Brinckmann klatschte in die Hände und schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. Als er des Danae-Freundes Gesicht sah, fragte er freundschaftlich, wie es ihm gehe, doch hoffentlich gut? Er nahm den Danae-Freund gutgelaunt am Arm und zog ihn mit sich, wobei er ihm etwas aus seinem Leben erzählte, eine Geschichte über eine Frau, die ihm hörig gewesen sei, was ihn zu erstaunlichen Überlegungen angeregt habe.

 

Wir gingen in ein Restaurant und aßen. Brinckmann zeigte lachend seine Brieftasche und bedeutete, daß Geld keine Rolle spiele. Wir blieben. Wir blieben die ganze Nacht dort. So oft ich auch versuchte zu gehen, zwang mich Brinckmann zu bleiben und zuzuhören. Ich saß Brinckmann gegenüber, ließ mich zu neuen, nie dagewesenen Projekten überreden, während sich Danae um ihren Freund kümmerte, der restlos zusammengefallen war. Ab und zu passierte es, daß Brinckmann ihn spielerisch in das Gespräch integrierte, was den Zustand des unseligen Menschen jedesmal verschlimmerte. Schließlich glaubte ich ihn leise schluchzen zu hören.

 

Brinckmann verkündete, einfach glücklich zu sein, anderer­seits sagte er in den Redepausen zwischen den Themenkomplexe jedesmal Sätze wie: "Ich bin weg vorn Fenster", "nun ist alles aus", "ich bin fix und fertig". Er hatte angeblich seit drei Nächten nicht mehr geschlafen, und tatsächlich hatte er tiefe Ränder unter den Augen. Ich schrieb auf eine Streichholzschachtel: "Du näherst dich einer furchtbaren -  und vergaß es. Als Brinckmann sich die nächste Zigarette anzünden wollte, las er es und wurde kreidebleich. Dann lachte er. "Alle sagen es jetzt, daß ich in eine Krise rutsche", meinte er achselzuckend.

 

Danae wandte sich ihm zu. Das holte mich aus meinen Träumen. Schnell bastelte ich einige freche Sätze, schickte sie zu Danae rüber, die dankbar den Faden aufnahm und mich befreit anlachte. Ihr Freund reagierte darauf, indem er gepreßt, aber doch für alle vernehmlich vor sich hingrölte. Danae kümmerte sich wieder um ihn, ich versank wieder im inzwi­schen merklichen Glühweinrausch.

 

Brinckmann diskutierte über seine Fehler und seine Krise, die er nicht zu fürchten brauche. Sollte sie nur kommen! Er würde standhalten. Das Seltsame war, daß ich nicht ging, daß auch Danae nicht ging und daß ich sogar um nichts in der Welt gegangen wäre. So hielt sich diese unmögliche Konstel­lation bis weit nach Mitternacht. Am Ende schließlich trugen Brinckmann und ich den Danae-Freund zum Taxistand, brachten ihn auf der Rückbank unter, Brinckmann zahlte das Taxi und verabschiedete sich unter hundert Galanterien von Danae, der er versicherte, bald wieder so einen angeregten Abend zu viert zu arrangieren.

 

Währenddessen schlich ich leise weg, meiner Wohnung entge­gen. Nach drei Kreuzungen hatte mich Brinckmann wiederge­funden. Mit völliger Selbstverständlichkeit kam er mit in meine Wohnung, setzte sich hin und erzählte. Nach etwa anderthalb Stunden sagte ich ihm, daß ich gerne schlafen würde, und er ging auf der Stelle, war höflich und liebens­würdig und wirklich kein bißchen böse. Ich ging daraufhin zu Richard, der gerade aufstand. Er las mir etwas von Gott­fried Benn vor, wobei ich einschlief, sogleich wieder ge­weckt wurde, dann zu mir zurückging und dies hier schrieb.

 

4. Kapitel

 

20.12.1976

 

12.30 Uhr, der Tag ist da. Noch zweieinhalb Stunden bis zum Referat in der Uni. Schlechtes Gewissen, mühsam bekämpfte Unruhe, Alpdruck, Ohrensausen, hoher Blutdruck, flacher Puls. flauer Magen, gespannte Gesichtszüge. Ich tue alles, mich zu beruhigen und zu kräftigen.

 

15.20. Ich betrete den Vorlesungssaal, der Professor sieht mich glücklich an, ruft: "Ab, da ist er ja, das ist ja schön", ich blicke souverän in das Publikum, packe dann, scheinbar unaffektiert, zwanzig Bücher aus. Als hätte ich in meinem ganzen Leben nie etwas anderes getan, beginne ich die Show. Wie beiläufig erkläre ich, nicht frei vortragen

 

zu können (was streng vorgeschrieben ist), weil ich die Brillanz der Sprache sonst nicht hundertprozentig wieder­geben könne. Dies sei eine Dichterlesung. Selbst der Pro­fessor, der den Mund schon geöffnet hatte um zu protestieren, ist jetzt gespannt. Niemand ahnt, daß ich nur einen Torso parat habe, ein dreifach zusammengestoppeltes Zeug, bei dem die Gliederung erst nachträglich entstanden ist, ohne Aus­sage, ohne Zusammenfassung, ohne roten Faden. Nur der ganz große Bluff könnte mich rausreißen.

 

Der Professor erklärt respektvoll, daß er dem Auditorium bereits erklärt habe, daß mein Vortrag länger als vorgesehen sei, daß er aus dem Rahmen falle. Das Auditorium schlägt vor, ich solle meinen Platz mit dem Professor tauschen, was auch geschieht. Ich mache noch einige Scherze über meine Arbeit, öffne umständlich eine Coca-Cola-Dose, fingere an der Nickelbrille und vertiefe mich dann in meine Papiere, während es mäuschenstill wird. Alles wartet: Ich zögere noch einige lange Sekunden.

 

Dann blicke ich wie zerstreut ins Publikum, grinse breit wie ein amerikanischer Wahlkampfpolitiker, setze die Brille wieder ab, nehme einen Schluck Coca-Cola und beginne, die ersten Worte zu intonieren. Dürre, zerstreute Worte, leise und wissenschaftlich. Ich wundere mich, daß ich stockend lese und unruhig. Ich hatte das Skript mehrmals laut im Zimmer gelesen und wußte inzwischen, daß ich es kräftig und virtuos zu lesen imstande war. Ich weiß, was ich weiß, ich ließ mich jetzt durch meine Unruhe nicht täuschen: tatsächlich erreichte ich nach etwa einer Seite die eingeübte Ausdruckskraft, steigerte mich noch, las atemlos, dann wieder gedehnt und bedeutungsschwanger, setzte die Worte wie Taktschläge, ließ andere obszön platzen, wieder andere zerfließen.

 

Ab und zu blickte ich ins Auditorium: alle starrten mich an, die meisten hatten Mund und Nase offen, der Professor hatte den Oberkörper weit vorgebeugt und spitzte die Lippen.

 

Ich las alles vor, die ganze verunglückte Knetmasse, bis zu dem Punkt, wo ich mitten drin aufgehört hatte vor Ekel an diesem sinnentleerten Quatsch. Es hörte also mitten drin auf, und ich sagte: "Bis hierhin erstmal, meine Damen und Herren. Wer sich für den ganzen Text interessiert, möge bitte nach der Veranstaltung zu mir kommen."

 

Alle nickten. Mein Wort hatte das Selbstverständliche der Autorität. Der Professor lobte dann alles in geschwungenen französischen Formulierungen, sagte noch einiges Sachliche über mein Referat, was im Grunde genommen offenbarte, daß ich nichts gesagt hatte.

 

Die Veranstaltung ging weiter. Ich wunderte mich, welch kluge Sachen gesagt wurden. Ich kam gar nicht dazu, mich zu melden. Geschah es dann doch ab und zu, so zogen sofort alle anderen ihre Meldungen zurück und der Professor rief beglückt aus: Ah, Herr Lottmann, aber bitte sehr. Insgeheim war mir mulmig, nachträglich, und vor allem jetzt, da ich sah, was für kluge Kerle in dem Seminar saßen. Ohne Zweifel sagten die bessere Sachen als ich. Oder war es mein Anzug, mein Aussehen, der drei Meter lange Schal? Ich rauchte eine Zigarette und trank die Cola zuende. Der Kreislauf wurde fahrig, der Puls flach, die linke Hand schlief ein, die rechte zitterte. Dann war die Veranstaltung zuende.

 

Alle schönen Mädchen, vier an der Zahl, drängelten sich mir vor, dazu noch unzählige Jungen. Severini strahlte, der Professor lud mich zum Kaffee ein, ein bildhübsches schwarzhaariges Mädchen stand vor mir und redete wirres Zeug. Ich ging in einer Traube von Menschen in Richtung Leopoldstraße, nach Hause. Das Mädchen und noch einer kamen sogar mit in meine Wohnung.

 

Der Typ ging dann, und ich hätte mit dem Mädchen schlafen können, doch bevor es so weit war, dachte ich an Danae und an die unübersehbaren Verstrickungen, die das flüchtige sexuelle Erlebnis mit sich bringen würde, und brachte sie zur Tür anstatt ins Bett. Tschüß, Tür zu, wieder allein im Zimmer.

 

Ich saß auf dem Fußboden, rauchte eine Zigarette, fiel hintenüber und schlief ein.

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