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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Wörter für meinen Sarg (3)

01.04.2017

 

 

 

 

VIII

 

 

Mein Blut lief über den Findling wie über einen Opferstein. Dieses Bild entstand erst später in meinem Kopf. An jenem Abend in der Dunkelheit kriegte ich nicht viel davon mit und es kümmerte mich auch nicht. Ich meine, dass das Blut aus mir floss, kümmerte mich schon, aber nicht, wo es landete. Es war viel Blut, viel mehr, als ich jemals gesehen hatte. Die Schmerzen waren erstmal nicht so groß. Ich bemerkte aber, wie ich rasend schnell schwächer wurde. So ein kleines Loch war in mir drin, da zischte meine Kraft raus wie die Luft aus einem angepiksten Ballon. Nicht eine Sekunde lang hatte ich die Idee mich zu wehren. Alles war anders, als ich es mir bis dahin vorgestellt hätte. Meine Augen suchten Eva, fanden sie jedoch nicht. Ich hatte den Impuls aufzustehen und wegzulaufen, gleichzeitig fühlte ich mich müde und wollte einfach umsinken, daliegen, ausbluten. Du musst jetzt aufstehen, du musst hier weg, du musst etwas tun, sagte ich mir. Vollkommen sinnlos – aber in jenem Moment war mir das nicht klar. Ich hatte so eine Vorstellung mich zu etwas zwingen zu müssen, wie angeschossene Leute im Western, die noch tagelang reiten oder mit einem abgebundenen Bein und ohne Wasser eine Wüste durchqueren. Dass Eva mir auch noch in den Rücken stach, kriegte ich gar nicht richtig mit, das heißt ich registrierte etwas Schlimmes, konnte aber nicht sagen, was es war. Ich schaffte es aufzustehen und die paar Meter zum Strand zu hinken. Warum zum Strand? Ich dachte wohl, dass ich dort eine Telefonzelle finden würde.

      Ich humpelte direkt aufs Meer zu, ohne einen Gedanken daran, ob Eva mich etwa verfolgte. Ich wollte schnell aus dem trockenen Sand rauskommen, weil mir das Gehen solche Mühe machte, besonders mit dem linken Bein. Wenn du erst auf dem nassen Sand bist, den die Brandung zusammengebacken hat, sagte ich mir, wird es besser gehen. Genau bis dahin schaffte ich es. Ich merkte, dass ich nicht weiter konnte, und setzte mich hin. Aus dem Sitzen glitt ich langsam ganz zu Boden. Shit, ich wurde nass. Das Meerwasser drang aus dem Sand in meine Kleider. Es wirkte nicht besonders kühl, doch bald begann ich zu frieren. Ich wandte meinen Kopf landwärts. Von der Residence war nichts zu sehen. Das Licht, das unentwegt aus ihrem Innern leuchtete, war offenbar nicht stark genug, um die Büsche zu durchdringen, und meine Position darüber hinaus ungünstig. Also drehte ich den Kopf in die andere Richtung.

       Soll ich wirklich „also“ schreiben?

     Ich wandte meinen Blick dem Meer zu und dachte wieder das Gleiche: Die Wellen sahen künstlich aus. Sie kamen in schnurgeraden Reihen auf den Strand. Schultz-Wellen, dachte ich, Lego-Wellen. Ich fand, dass sie gut hierher passten. War nicht auch die Linie zwischen Sand und Wasser zu einhundert Prozent gerade? Und die zwischen Leben und Tod ... So sollte auch mein Sarg sein. Am liebsten wollte ich einen aus Wörtern bekommen. Gerade, einfache Wörter. Holz. Hobel. Nagel. Erde. Feuer ... Diese eine Sache wollte ich noch schreiben können. Die Wörter für meinen Sarg. Es hätte mir gereicht sie zu diktieren.

      Ich hatte niemandem kommen hören und erschrak, als Eva sich über mich beugte, als sähe ich ein fremdes Gesicht. Es war nur eine kurze Welle von Stress. Gleich darauf zog es mich zu ihr. Ich wollte in ihren Armen liegen, den Kopf auf ihrem Schoß ruhen lassen. Vielleicht konnte ich ihr ansehen, dass sie mir nichts weiter tun würde. Vielleicht konnte ich auch gar nichts sehen. Ich spürte die Unendlichkeit meiner Schwäche. Genau genommen war der Tod nur eine chemische Reaktion. Ein Wechsel von Aggregatzuständen. Nur weil wir das nicht ertrugen, machten wir so ein Aufheben davon. Was wären wir gewesen ohne den Schmerz des Verlusts, nichts anderes als das Gras oder das Laub an den Bäumen. Oder der Sand am Strand. Ich konnte ihn fühlen in meiner Hand. Ab und zu wehte Evas Stimme in meine müden Gedanken. Sie sprach schnell – als müssten ihre Worte über viel zu dünnes Eis laufen. Mehrmals rief sie meinen Namen, was sie dazwischen sprach, kriegte ich gar nicht mit, aber ich dachte mir, dass sie so was sagte wie: Es tut mir unendlich leid, Peter, was habe ich getan, Peter, bleib bei mir, Peter, und so fort. Auch ich wollte mit ihr sprechen. Nicht fragen, warum sie das gemacht hatte, oder so was. Ich wollte ihr sagen, wie schnurgerade diese Wellen waren, ich dachte, dass sie hier, so nah am Meer, genau dasselbe sehen müsste wie ich. Ich wollte ihr die Wörter sagen, in denen ich ruhen würde. Leider brachte ich keinen Laut heraus.

    Als sie mich endlich in den Arm nahm, fand ihre Hand das Blut, das anscheinend nicht nur aus meinem Bauch, sondern auch aus dem Rücken floss. Ich erinnere mich genau, wie ihr Gesicht bleich wurde und ihre Miene einen schmerzlichen, verzweifelten Ausdruck annahm.

       „Rühr dich nicht vom Fleck“, schrie sie, „Ich hole Verbandszeug. Bestimmt gibt es in Schultz‘ Haus so einen verdammten emergency case.“

Ich erinnere mich sehr genau an diese Worte, womöglich weil es so falsches Englisch war. Ich dachte, dass sie in Schultz‘ riesigem Haus nie etwas finden würde, nicht heute und nicht in diesem Jahr. Ich wollte aber, dass sie schnell etwas fand.

        „Im Auto“, brachte ich heraus.

Eva nickte. Ja, ja, ich renne zum Auto, jedes beschissene Auto hat einen Verbandskasten, den geh ich jetzt holen. Ich bin in einer Minute wieder da, lauf nicht weg, hörst du?

        Jedenfalls glaubte ich, sie etwas in der Art sagen zu hören.

 

 

 

 

IX

 

 

Als ich so allein im Sand lag, bekam ich auf einmal Angst um mein Leben. Ich spürte, dass ich immer mehr Blut verlor. Am meisten machte mir aber die Vorstellung Angst, Eva könnte zurückkommen, um mir den Rest zu geben. Ich war nichts weiter als ein verwundetes Wild, das mit letzter Kraft versucht, sich in ein Versteck zu schleppen. In diesem Zustand muss ich noch etliche Meter über den Strand gerobbt sein; meine Kleider sogen sich gänzlich voll und ich spürte das Meerwasser in meiner Rückenwunde brennen, ohne dass es besonders wehgetan hätte. Der Schmerz war eher ein Erfahrungswert. Meine Hand stieß plötzlich gegen etwas Weiches. Mein Kopf lag im Sand, ich war zu schwach, um ihn zu heben. Es stank bestialisch.

       Lange bevor ich es geschafft hatte, mich so zu drehen, dass ich etwas sehen konnte, wusste ich schon, dass es ein Kadaver sein musste, der da lag. Er war nackt, konnte aber einmal befellt gewesen sein. Er war vielleicht halb so groß wie ich. Ich sah in der Dunkelheit nicht viel davon, eine Vorderpfote oder ein Fuß streckte sich mir entgegen, an dem ein Band wie eine Fessel hing. Das Gesicht des Tiers jagte mir einen riesigen Schreck ein. Es sah aus, als hätte es vorn statt der Zahnreihe eines Säugetiers eine riesige klauenartige Zange. Dahinter entdeckte ich eine Reihe gewöhnlicher, aber superscharfer Zähne. Wow, dieses tote Monster hatte offenbar wochenlang im Wasser gelegen und war nun an den Strand gespült worden. Auf mich wirkte es, als wäre diese Kreatur direkt aus der Hölle gekommen. Ich rechnete jeden Moment damit, dass sie ihr Maul öffnen und mir den Kopf abkneifen würde wie der Gärtner mit seiner Schere mühelos die Rose vom Strauch zwickt.

     „Oh, Mann, was ist das für ein Vieh? Sieht aus wie ’ne Schildkröte ohne Panzer.“

        Ich konnte nicht sehen, wer da sprach.

      „Eine Schildkröte ohne Panzer? Ihr Numbskulls!“ Das musste Schultz sein. „Eine Schildkröte ist so mit ihrem Panzer verwachsen, dass nicht viel übrig bleibt, wenn sie ihn verliert. Außerdem haben Schildkröten keine Zähne. Ich wette, es ist ein Pitbull.“

        „Aber was ist mit dem Armband?“

Auch diese Stimme kannte ich nicht, so wenig wie die folgende.

      „Ich hab so ein Vieh schon mal gesehen. Es ist in mein Haus eingebrochen, hat all meine Armbänder geklaut und ist dann durch die Hintertür verschwunden.“

       „Elizabeth!“

       „Was denn?“

     Ich begriff. Die zuletzt gesprochen hatte, musste Schultz‘ Frau sein. Es ge-lang mir den Kopf ein wenig zu heben und diese Leute anzuschauen, die um den Kadaver herumhockten. Ich erkannte Susanna, Eva, den Mann, mit dem ich gekämpft hatte. Elizabeth sah ganz anders aus als ich sie mir vorgestellt hatte, jugendlich, schlaksig. Sie hatte ein schmales Gesicht und starke schwarze Augenbrauen. Glattes graues Haar.

      „Es gibt gar keinen Kadaver. Das ist eine Fata Morgana.“

      „Echt oder nicht, ich möchte dem Vieh nicht im Dunkeln begegnen.“

      „Das bist du doch gerade.“

      „Das Ding ist für einen Film gemacht worden. Eine Puppe. Ein Hoax.“

     „Also ich versteh ein bisschen was von Anatomie und ich kann euch sagen, dass der Schädel nicht die Form eines Hundeschädels hat. Wenn ich mir das Aas so ansehe, würde ich am ehesten auf eine Hauskatze tippen.“

      „‘ne Riesenhauskatze, hehe ...“

    „Es hat sicher eine Zeitlang im Wasser gelegen und der größte Teil seiner Haut und seines Fells sind verloren gegangen. Der Leib ist aufgebläht und irgendetwas hat seine Nase und Lippen gefressen. Die obere Zahnreihe ist noch von Haut oder Muskeln bedeckt, die untere liegt frei.“

     „Ist es echt oder ist es nicht echt? Das will ich wissen. Alles andere, ob es eine Schildkröte ist oder ein Hund oder was, interessiert mich nicht. Redet keinen Bullshit. Ich möchte das Wesentliche ... das Wesentliche ...“

     Elizabeth wirkte müde, als sie das sagte. Ich konnte mich nicht von ihrem Anblick losreißen. Das ist eine richtig berühmte Schriftstellerin, dachte ich, die für ihre Bücher ihren Namen geändert hat. Der Erfolg hat sie kein bisschen müde gemacht, er hat sie im Gegenteil verjüngt oder, sorry, jung gehalten.

    „Es ist eine gehäutete Bulldogge“, sagte Schultz. „Eine Schildkröte, ts, eine Katze ...“

     „Ich glaube, dass es ein Wachhund ist“, sagte Eva. „So eine Spezialzüchtung wie der Pitbull – für die wirklich fiesen Sachen. Die Frage ist, wem das Vieh gehört hat, wer es umgebracht hat und warum sie es hier hingeworfen haben. Hat es jemanden getötet, wird es weiter gezüchtet? Insofern das eine Angelegenheit der Polizei ist, muss es sich um eine Fälschung handeln. Diese Frauen wären nicht so unverantwortlich, keine Untersuchung des Tiers zuzulassen. Sonst müsste man sie vor Gericht bringen, weil sie die öffentliche Sicherheit gefährden.“

   Entdecken Sie da irgendeine Logik? Mir war das peinlich, ich wollte ihr zurufen, dass sie den Mund halten und mir endlich den Verband anlegen sollte. Den Leuten hier am Strand musste sie ebenfalls verrückt vorkommen, wenn sie so redete, und wahrscheinlich war sie das auch. Anstelle von Wörtern bekam ich bloß etwas Magensaft in den Mund. Ich dämmerte weg, ich begegnete dem felllosen Tier in der Hölle, da war es sehr lebendig, und ich wusste sofort, dass es mich zerreißen würde.

     „Es ist ’ne Fälschung“, hörte ich einen der Männer sagen. Seine Stimme weit weg, in der irdischen Welt. „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass wir irgendwann auf diesem Planeten noch etwas Neues entdecken, aber glaubt ihr nicht, wir hätten etwas dermaßen Großes längst schon mal gesehen? Es kann doch nicht das erste Tier dieser Art sein, das an einen Strand gespült wurde.“

     Als letzte äußerte Elizabeth sich. Sie schien extra laut zu schreien, damit ich sie noch verstehen konnte. Sie wusste, wo ich gelandet war.

     „Es sieht so aus, dass seine Vorderläufe gefesselt sind. Daraus folgt, dass ihm schon andere Menschen begegnet sind. Ich schätze, dass sie es nicht besonders gut behandelt haben, weil es voller Beulen ist. Vielleicht haben sie es ausgesetzt und vorher halb gesteinigt. Die Beulen hat es bekommen, als es noch lebte. Es sieht so echt aus, dass ich nicht an eine Fälschung glauben kann. Man sieht seinem Gesicht noch an, welch qualvollen Tod es erlitten haben muss. Was auch immer ihm geschehen ist, es war grauenhaft.“

     Hör dieser Frau zu, Eva, rief ich aus der Unterwelt. Sie spricht sehr gut, sehr logisch und gleichzeitig einfühlsam. Sie ist die Einzige von euch, die etwas taugt. Selbst ein Monster wie dieses, das mich gleich in Stücke reißen wird, kann das spüren.

 

 

 

 

X

 

 

In den folgenden Tagen verließ ich das Bett nur, um aufs Klo zu gehen oder um mich zu waschen. Der Blutverlust war vielleicht doch nicht so groß gewesen, aber er hatte mich geschwächt. Außerdem tat mir so ziemlich jede Bewegung weh. Auch meine Hüfte schmerzte noch. Wie es aussah, hatten wir großes Glück gehabt. Keiner der beiden Stiche hatte ein Organ verletzt, genauso wenig schien es eine Infektion zu geben. Ich bildete mir ein, durch den Verband schon den dicken Wulst zu fühlen, den die Narbe bilden würde. Die grünen Paneele am Kopfende des Bettes wirkten sehr erfrischend auf mich. Als hätte der Architekt eingeplant, dass hier mal ein Krankenzimmer nötig werden könnte. Draußen war der Himmel makellos, die See blieb still. Eva kümmerte sich um mich, sie brachte das Essen und wechselte meine Verbände. Es war in Ordnung für sie, das zu tun, vielleicht war es auch ein Stück Wiedergutmachung. Wir sprachen lange nicht über das, was geschehen war.

      Mein Macbook Air stand neben mir auf einem kleinen Tischchen. Ich rührte es nicht an, mein Bedürfnis zu schreiben schien ausgelöscht. Bloß keine Geschichten mehr. Bloß keine Gestalten mehr, die ich nicht niederringen konnte. Einzelne Sätze machten mir hingegen Spaß, das wurde mir bewusst, als ich zum ersten Mal wieder nach draußen ging, um auf einem der Deckstühle beim Haupthaus in der milden Herbstsonne zu ruhen. Das Verlangen nach Sonne und frischer Luft überkam mich unvermittelt an einem Vormittag. Eva stand gerade unter der Dusche. Deshalb beschloss ich, es allein zu versuchen. Ich musste sehr langsam gehen und mehrere Pausen machen, besonders die Treppe strengte mich an. Doch ich hatte nicht das Gefühl, mich zu übernehmen. Beim Hinsetzen spürte ich allerdings ein höllisch scharfes Ziehen unter beiden Verbänden. Erst nach einer Weile ging es weg.

      Das ist ein Stein, dachte ich, als ich den Findling betrachtete. Und an diesem einfachen Satz fand ich Freude. Es klebte kein Blut an dem Stein, wahrscheinlich hatte Eva ihn abgeschrubbt. Ich lag auf der Terrasse und dachte mit stillem Genuss meine Sätze. Der Himmel ist blau. Das Meer ist ganz ruhig. Das Laub färbt sich rot. Ich werde schläfrig. – Sätze, die nicht zum Aufschreiben sind. Bessere Sätze, als ich sie je hatte schreiben können. Warum waren sie besser? Weil sie im Fluss waren, weil sie sich in meinem Kopf formten und dann ein kleines Wölkchen hinterlassend wieder verpufften. Ich döste ein.

   Als ich aufwachte, saß Eva auf dem zweiten Deckstuhl, quer zur vor-gesehenen Sitzrichtung, die Füße auf dem Boden. Die Rückenlehne befand sich rechts von ihr. Sie hatte sich keine Decke mitgebracht, sondern saß auf dem nackten Kunststoff. Oxytocin, sicher wissen Sie das, ist auch so ein Liebeshormon. Es stärkt die Bindung eines Paars. In einer Partnerschaft wird es höchstens vier Jahre lang ausgeschüttet. So lang war ich nun mit Eva zusammen. Ich liebe dich. Ich liebe nicht. Einfache Sätze, oder?

      „Wie geht es dir?“, fragte sie sanft.

      „Die frische Luft tut mir gut. Ich bin schon wieder viel kräftiger.“

      „Ich bin so froh, dass du kein Fieber bekommen hast.“

      „Ja“, sagte ich.

      Sie schaute aufs Meer, als erwartete sie die Ankunft eines Schiffs oder

so was.

      „Dein Telefon hat vorhin geklingelt“, meinte sie dann.

      „War die Nummer auf dem Display?“

      „Ich bin rangegangen.“

Das alarmierte mich, auch wenn ich nichts zu verbergen hatte.

      „Wer war es denn?“, fragte ich, weil Eva schwieg.

      „Schultz‘ Frau.“

   Ich zog meine Decke bis über den Hals hinauf, als hätte ich gerade den Schatten einer Sonnenverfinsterung auf mich zurasen sehen. Susan?, wollte ich fragen, aber ich brachte es nicht heraus.

     „Sie hat sich erkundigt, ob wir alles haben, was wir brauchen. Sie hat noch mal betont, dass wir uns auch im Haupthaus frei bewegen dürfen.“

      „Das Gästehaus ist doch schon riesig genug.“

   „Wir haben keinen Kamin. – Hier“, sie deutete mit dem Kopf durch die Fenstertür, „könnten wir ein Feuer machen.“

     Ich sagte ihr nicht, an was ich dachte, als ich das hörte. Meine Decke war zu warm, ich konnte nicht länger in sie eingemummelt bleiben. Ich versuchte Eva in die Augen zu sehen. Sie schaute auf den Platz links neben sich. Offenbar lag da ein Magazin oder ein Buch, das sie las. Wie häufig betrachtete ich sie dabei, und sie war vollständig konzentriert und tat, als würde sie gar nichts mitkriegen von meinem Schauen. Plötzlich hob sie den Blick. Ich dagegen schlug, vollkommen überrascht, meine Augen nieder.

    „Ich habe nachgedacht“, sagte sie. „Ich glaube, ich wollte, dass es ein Ende hat.“

     „Mit mir?“

Sie zuckte nicht mal mit den Wimpern.

    „Nicht mit dir. Ich wollte, dass diese Reise ein Ende bekommt. Wie ein Buch. Wie irgendeine Geschichte, die man zu Ende erzählt.“

     „Und?“

    Ich muss sagen, dass mein Herz bis zum Hals schlug. Für einen Moment war alles wieder gegenwärtig – wie ich auf dem Stein saß und sie mich niederstach. Bis heute bleibe ich nicht ruhig bei der Erinnerung. Es war mir damals nicht klar, aber irgendwo in meinem Hinterkopf klingelte es vielleicht dennoch, dass der Gedanke, den sie da geäußert hatte, gar nicht von ihr stammte. Sie hatte es in diesem Buch gelesen, beim guten alten Mad Max. Aber machte das ihre Worte weniger zynisch? Oder machte es sie im Gegenteil noch zynischer? Immerhin hatte sie mich wirklich verletzt. Ich hätte sterben können. Andererseits, denke ich heute, hat sie mit ihrer Tat im Grunde unsere Beziehung gerettet, die damals beinah schon zu Ende gewesen wäre. Aber das ist doch auch ein komischer Gedanke, gegen den ich mich jedes Mal wieder wehre. Am Ende werde ich noch denken, dass Eva mein Leben gerettet hat, insofern es eng mit dem Schreiben verknüpft war – diese unselige Verbindung hatte sie jedenfalls glatt durchtrennt. Ihre Attacke hat mich auf eine andere Ebene des Erkennens gebracht. Ich kann die naturwissenschaftlichen Tatsachen ebenso anerkennen wie die Wirklichkeit der Freaks, die mich in jener Nacht am Strand umgaben, letzteres durchaus jenseits einer Halluzination. Ich habe etwas über Gott verstanden sowie über den Teufel. Und über die Scheinbarkeit von Widersprüchen. Das alles begriff ich nur nach und nach. Damals auf dem Deckstuhl war ich viel zu nah an allem dran. Ich konnte ja nicht mal sicher sein, dass ich doch noch ein Bauchfellentzündung kriegen und daran krepieren würde

      „Sie hat etwas Komisches gesagt“, fuhr Eva unvermittelt fort.

      „Was? Wer?“

    „Schultz’ Frau. Elizabeth. Sie sagte:  Ich hoffe, ihr braucht keinen Arzt da draußen. Als hätte sie was geahnt.“

    Das ergab keinen Sinn für mich. Sollte es auf diesem Eiland der Super-reichen etwa keine ordentliche medizinische Versorgung geben? Ich forschte in Evas Augen nach dem alten Schatten; ich stellte mir den weiteren Verlauf unseres Gesprächs in der gleichen Hoffnungslosigkeit vor, an der unsere Unterhaltungen ein paar Tage zuvor erstickt waren. Eva, die fragte, wann ich mit Schultz’ Frau telefoniert und ihr von der Attacke erzählt hätte. Ich, der alles abstritt ... Doch Eva schwieg. Da erst fiel mir auf, dass sie von Elizabeth gesprochen hatte und nicht von Susan. Eva schien wieder zu lesen, ganz als wäre ich nicht da. Was mochte in ihr vorgehen?

     Sie ist komisch, dachte ich. Es war bei weitem das Unpräziseste, was man über einen Menschen denken kann, den man doch einigermaßen zu kennen glaubt. Aber der Satz gefiel mir. Ich schaute den Himmel an, der immer noch blau war, und das Meer, das noch ruhig war, und das Laub, das weiterhin weithin rot leuchtete. Es kam mir vor, als hätten all diese Dinge, die doch ständig wechseln, Bestand.

       „Darf ich dir was vorlesen?“

Eine leichte Röte war auf ihre Wangen getreten, eine Röte, wie ich sie für mich zurückwünschte.

       „Yeap“, antwortete ich. „Ich bitte darum.“

     „‚Mitternacht. Manchmal prallt es wieder an den Strand, so dass man ver-gisst, woran man eben gedacht hat. Meistens rauscht es gleichmäßig. Ein Mal sind es vier Wellenkämme hintereinander.’“

     „Das kenne ich doch. Warte mal. Ist das nicht von unserem unbeugbaren Jacques?“

       „Nein, von dem gerade nicht.“

Wie gesagt, damals fiel es mir nicht ein. Ich rätselte auch nicht groß. Ich genoss einfach, dass Eva mir vorlas. Ich tastete mit der Hand nach ihrem Bein und streichelte es zärtlich. Sie rückte etwas näher, damit ich sie leichter erreichte.

      „Wie geht es weiter?“, fragte ich.

Sie schaute mir mit einem superwarmem Blick in die Augen.

      „‚Es wäre schade, jetzt zu schlafen.’“

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