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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 15

07.05.2017

15. Kapitel

 

30. August 1977

 

Es war also so, daß ich mich nicht rauswerfen lassen wollte. Hier, an diesem Punkt wollte ich die Auflösungsentwicklung stoppen. Genauer gesagt wollte ich diese Entwicklung schon immer stoppen, nur dachte ich bis jetzt, durch Nachgeben mehr zu erreichen. Es hatte damals damit angefangen, daß ich nicht auf John 'eifersüchtig' war, daß ich ihn freundlich behandelte und ins Kino ging,"damit ihr beide euch mal etwas aussprechen könnt.“ Als ich vom Kino zurückkam, war die Stimmung gut, gab also meinem Verhalten recht.

 

Andererseits wollte nun mehr Annerose mit John im Bett liegen. Ich gestattete es ihr, widerrief dann das Versprechen. Vier Stunden lang mußte ich auf Annerose einreden und sie festhalten, ehe sie ihr Vorhaben fallenließ. Es war das letztemal, daß ich mich so konsequent wehrte. Am nächsten Morgen entschuldigte sich Annerose, sie sei wohl etwas hysterisch gewesen.

 

Später, in Hamburg, tolerierte ich wohlwollend, daß sie mit John essenging. Dann, daß er die halbe Nacht mit ihr aus war, dann die ganze Nacht, dann, daß er die ganze Nacht mit ihr hier in der Wrangelstraße verbrachte, daß er in meinem Bett mit ihr schlief. Ich verzog mich daraufhin, als einzige böse Reaktion, zwei Tage zu Stefan Kelle. Annerose wurde angst ich und sah John einige Tage nicht. Ich ließ mich ohne weiteres überreden, zurückzukommen.

 

Bald ging es mit John weiter wie bisher, nur daß Annerose jetzt schon ausfallend wurde, wenn ich nur fragte, wann ich sie denn wiedersehen könne. Ich hatte absolut jeden Anspruch auf sie verwirkt, sie nannte mich nur noch "Bubi". Mir war das ganz gelegen, denn ich konnte jetzt in aller Ruhe an mir arbeiten. Ich hatte wieder Zeit für mich selbst und    hatte dennoch Annerose als Wohnungspartner und als Frau     für alle gesellschaftlichen Anlässe.

 

Dann kam Thorsten. Nach zwei Tagen fühlte er sich stark genug, meinen Kopf zu fordern: ich sollte ausziehen. Annerose warf mich ohne zu Zögern aus der Wohnung, ohne zu ahnen, daß ich diesmal Widerstand entwickeln könnte. So weit der Strand gestern: baff über meine Weigerung auszuziehen, nahm sie ihr Anliegen zunächst zurück. Wie würde es weitergehen?

 

Ich ging ins Kino. Vielleicht würde es mir guttun, dachte ich. Ich fühlte mich nämlich niedergeschlagen. Ich konnte nicht so frisch über alles schreiben wie in den Tagen davor. Ich hatte aus dem Tagebuch Stellen herausgesucht, die die vergleichbare Phase vor einem Jahr behandelten, und war mutlos geworden. Damals hatte es nicht geklappt, obwohl ich ein heller Kopf war zu der Zeit und gute Ideen und Konzepte entwickelt hatte. Also sah ich mir lieber "Der amerikanische Freund" an.

 

Das brachte mich noch mehr runter. Ein Film voller Einsamkeit, heutiger hamburger Einsamkeit. Da sitzt Dennis Hopper allein in einem Blankeneser Zimmer, trinkt Whisky und wird fahl vom Fernsehleerbild angeleuchtet. Oder Bruno Ganz stolpert in seiner Fischmarktwohnung, findet sie leer vor: Frau und Kinde haben sie verlassen. Man sieht der Wohnung an, daß sie zieht, daß sie naß und lichtschwach ist, und Bruno läßt sich auf den Boden fallen. Was soll er sonst tun. Am Ende sitzt er in einem alten 56er VW, drückt die Augen zu und gibt Gas. Was soll er sonst tun.

 

Meine Magenkolik wurde während des ganzen Films nicht besser, aber dann plötzlich stand Stephan Ohrt vor mir. Man kann sich denken, welche Freundschaftsgefühle ich plötzlich für ihn hatte. Ich ging wie auf Watte und wurde so ruhig, daß ich hätte einschlafen können.

 

Wir gingen ins 'Ganz', wo ich Stephan ein Fünfmarkstück lieh, das er, völlig konzentrationslos, fallenließ. Wir krochen auf dem Boden herum, und ich fühlte mich sehr wohl. Danach saßen wir nebeneinander an einem Tisch. Ich erzählte zusammenhangslos alles, was mir einfiel. Ich erdrückte Stephan damit wohl. Er sagte bald, Grippe und Fieber zu haben, er rauchte ununterbrochen und trank viel. Er war weiß im Gesicht, sein Mund öffnete und schloß sich, ohne daß er etwas sagte, er guckte im Raum hin und her. Alles, was er in dieser einen Stunde sagte, war: „Lojo, ich weiß nicht… es ist so… es war noch nie so schlimm… Ach, ich rede Unsinn… aber trotzdem… ich bin am Ende… Würde man mir jetzt, auf der Stelle, ein Papier in die Hand drücken, auf dem stände, daß mein letzter Moment gekommen ist, ich würde unterschreiben… ach, ich rede wirres Zeug… ich kann nicht mehr… Lojo, was ist das nur…"

 

Natürlich hing es mit mir zusammen, dachte ich, mit meiner plötzlichen, angstdurchsetzten Redseligkeit. Sicher gingen kaputte Wellen von mir aus.

 

Ich ging weg und wußte wieder, wie das vor einem Jahr war, warum ich keine Chance gehabt hatte. Es ist einfach so, da man als Verlassener, Sitzengelassener ängstlich und komisch wird, egal, was man sich vornimmt. Etwas Unnatürliches, Krampfhaftes befällt einen, wenn man seinem Schicksal trotzen möchte. Viel weinen und sich zurückziehen ist dann das einzige, was nicht verkrampft wirkt.

 

Ich fuhr nach Hause. Annerose und Thorsten waren da. Thorsten ging bald und Annerose umarmte mich. Sie war sehr vollgekifft und erzählte aufgeregt, was es Neues gegeben hatte. Wie war ich froh! So froh, daß ich aus mir herauskam und ebenso erzählte. Wir schliefen dann zusammen.

 

Am nächsten Vormittag, ich überraschte sie mit Frühstück am Bett, ging es dann ganz anders weiter. Nichts sei geklärt, ich müsse ausziehen. Diesmal wehrte ich mich weniger überzeugend. Sie weinte, und zwar, wie sie sagte, aus Wut. Sie freue sich, mich zu sehen, aber eigentlich doch nicht, weil sie dann daran denken müsse, wie sehr ich ihrem Glück im Wege stehe. Ich solle nicht so dumm dasitzen, sondern endlich was sagen. Dabei sagte ich 'ne ganze Menge.

 

Ich ging und versprach, bis Mitternacht eine Entscheidung zu treffen.

 

Die Arbeit machte mir keinen Spaß mehr. Keinen Tag länger wollte ich den Job noch machen. Es war einfach zu deprimierend und häßlich. Am Ende der Welt, zwischen dummen Arbeitern, oh, es war beängstigend. Dagegen war der Film von gestern Abend eine Idylle.

 

Ich war endlich fertig, ging zurück in die Wohnung. Annerose und Thorsten waren da. Oh, schon, kann ich mit ihn reden, dachte ich, denn bisher war ich der Meinung, gut mit ihm umgehen zu können. Gestern abend zum Beispiel hatte ich gut mit ihm "gekonnt", aber er ging ja so schnell. Diesmal aber lief es nicht so gut. Ich konnte ihn nicht ansehen, die Unterhaltung war unpersönlich und Thorsten ging, wobei er sagte, hier schlafe er im Sitzen ein.

 

Annerose fragte, ob ich mich schon entschieden hätte, ich sagte hastig nein, nein, erst heute Abend. Dann saß ich ihr gegenüber, und mir fiel nichts ein. Da ich noch gehört hatte, wie sie mit Thorsten höchst angeregt und heiter im Treppenhaus geplaudert hatte, wollte ich wissen, wie das denn ginge. Ja, schwärmte Annerose, mit Thorsten konnte sie immer auf das Angeregteste reden, es sei ein nie endendes Spiel, morgens etwas langsam, abends sehr schnell. Es sei niemals wie bei all den Pärchen, die nur mit Dritten redeten, abgesehen vom Aus­tausch der Tagesgeschichtchen, wenn man sich nach der Arbeit sieht.

 

Ich gab ihr gerne recht. Ja, ich bin zur Zeit wirklich kein Springbrunnen.

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