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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 21

18.09.2017

21. Kapitel

 

14. Oktober 1977

 

Eben tauschte ich die Carola-Bücklers-Küche gegen den Fußboden von Angeles Zimmer: mal sehen, ob es tatsächlich "vibrations" gibt. In der Küche jedenfalls wurde ich matt und schwach.

 

"Wenn man Hilfe braucht, allein bleiben!", dieser Ingrid-Oesten-Rat wurde gestern Nacht noch widerlegt. Dreißig Minuten lang setzte ich mich in die Ecke und schrieb wahllos Zeilen auf unsauberes Seekamppapier, und schon wurde ich ein bißchen lebendiger. Im Hintergrund hörte ich Simone, die eine lange Geschichte erzählte. Dann sang ein Seekampmitglied mit AA0- Vergangenheit *) ein improvisiertes Lied im AAO-Stil. Ich hörte nur mit einem halben Ohr hin, da ich schrieb, doch ich fand es ganz ordentlich. Der Junge erreichte erstaunliche Gefühlsausbrüche, schluchzte und schrie, immer im Sinne von „ich brauche ein Zuhause und "niemand hat mich richtig lieb“ oder auch „ich bin ein Baby, das Wärme will“. Mit im Zimmer waren noch ein unbekannter, etwa 20jähriger Hipster mit schwarzen Locken, roten Augen, Bijonbärtchen und happy-go-lucky-Grinsen. Er fühlte sich am wohlsten. Und schließlich jener 08-15-Langhaar-Schüler mit Trotzhaltung. Er saß mürrisch da, hielt sich aus dem Gespräch raus und seine Gedanken waren sicher, hätte er sie ausgesprochen, "mach mich nicht an, Alter“. Naja.

 

Gerade hatte ich einen Brief an Simone angefangen, als der AAO-Typ mich ins Gespräch integrieren wollte. Ich hörte etwas über meiner Schulter, es war Simone, die mich fragte, was ich denn machte. Ich reichte ihr den angefangenen Brief hoch, der nur einen Satz enthielt, freilich einen, der es in sich hatte. "Liebe Simone, ich mag dich, du bist gut und gewissenhaft." Während sie das las, setzte ich mich zu den anderen. Simone antwortete sofort, steckte mir einen Antwortzettel ins Jackett. Nun würde ich aufgeregt, Simone auch, das sah man, beide hatten wir rote Gesichter und unruhige Hände, während wir ein Gruppenspiel mitmachten. Was für eine Wende des Tages, nicht wahr?

 

Seit meinen Tagen als Hamburger Gymnasiast hatte ich sowas nicht mehr erlebt. Man spielt noch das Spiel er andren mit, wartet aber nur darauf, sich in die Schmusematratzen-Ecken  stürzen. Fehlte nur noch Jimi-Hendrix-Musik. Mein Gott, die Leute hier hatten es wirklich besser eingerichtet als anderswo, hier war wieder die zwischenmenschliche Spannung, ohne die ich noch nie richtig leben konnte. Nun, die anderen merkten nach viel zu langer Zeit endlich, was los war und zogen sich zurück. Der AAO-Junge wirkte mit einem mal niedergeschmettert, er tat mir leid, und ich sah ihn auch bis jetzt nicht wieder.

 

Simone und ich gingen aus dem Haus, hinein in eine dunkle Nebelwand. Es war zwei Uhr nachts. Simone umarmte mich und führte mich, man konnte wegen des Nebels kaum etwas erkennen. Viel zu spät merkte ich, daß sie zum Friedhof ging. Auch daß sie katholisch war, wußte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht, auch nicht, daß sie eine Mystikerin und Geisterbeschwörerin ist. Bevor ich fortfahre, muß ich kurz die Szene meines Ankommens im Seekamp beschreiben: ich näherte mich der Küche, aus der ein dürftiger gelber Lichtschein fiel. Unter der verhältnismäßig trüben Lampe saßen, am Küchentisch, etwa sechs Menschen. Von hinten erkannte ich Simone, dann auch Maria. Ein Stuhl war noch frei, auf den ich mich setzte, neben Simone. Ich war noch ein bißchen außer Atem und sagte sofort, bevor ich befangen werden konnte: Hast du schon gehört, von Brigitte, warum ich komme? Hat sie nichts erzählt, nein? Simone, mit weit geöffneten Augen, wußte es nicht. Hans machte jetzt: "Hohoho, wie dramatisch." Maria sah mich offen und lächelnd an. Ich hatte Publikum, und schon konnte mir nichts mehr passieren. "Hohoho, wie dramatisch.“ etwas Schöneres hätte man mir gar nicht sagen können. Ich erzählte teils atemlos, teils flink, wie alles zusammenhing. Maria sah mich unentwegt an, wohlwollend,  Simone gefiel mir sehr gut in dieser Szene, sie war verunsichert oder einfach nur sehr angesprochen, doch sie flüchtete sich in kein Gesicht, in kein vorgestanztes Lächeln, in keine Sprache.

 

Nun kam die Österreicherin hinzu, jenes Mädchen, das ich bisher, am ersten Abend, als stets nacktes Chaosmädchen kennengelernt hatte. Diesmal war sie gut angezogen, seekampgemäß, mit modischem Riesenkragenpullover und hochgesteckten Haaren (was, miteinander kombiniert, sehr apart wirkte), sogar die Augen waren mit einem guten unaufdinglichen make up versehen. Das Mädchen kannte mich leider nicht mehr.

 

Man sprach jetzt über die Faschisierung in der BRD, man überlegte ob der Seekamp demnächst, nach Ausgang der Schleyergeschichte, von der Polizei aufgelöst werden würde. Doch zurück zum Friedhof. Simone und ich gingen stundenlang durch die Gräberreihen. Ich hatte immer mal wieder Angst, drei-, viermal große Angst, und einmal glaubte ich einen Geist zu sehen. Simone schaufelte an einem frischen Grab herum und holte eine Trauerschärpe heraus, auf der man das Wort „Pfeilshof“ entziffern konnte, ein winzigkleines Dorf in Schleswig-Holstein, in dem zufälligerweise Simone geboren wurde.

 

Ich fürchtete, von der Angst zu sehr angestrengt zu werden. Ich umklammerte Simones Hand und verließ mich ganz auf sie. Eigentlich fror ich sehr und war ausgelaugt müde. Da alles so neblig-irreal aussah, nahm ich es nicht sehr intensiv auf, es war ein wenig wie ein diffuser Halbschlaf, es war so sehr wie im Traum, daß es auch nur dessen Bedeutung bekam.

 

Simone wollte ins Leichenschauhaus, aber dagegen sträubte ich mich. Warum nur, diesen Schock hätte ich nötig gehabt, um richtig auszuflippen, das hätte mein langweiliges, ranzig gewordenes Bewußtsein gesprengt. Wir verließen den Friedhof und gingen um den See. Erst hatte ich Angst vor Simone gehabt, dann vor den Toten und jetzt blieb nur noch eine gewisse Restangst vor Simone übrig.

Wir erzählten uns viel, ich bemerkte an mir eine gewisse Onkelhaftigkeit, ja, leider war ich nicht so ergriffen und verliebt, wie ich es hätte sein können auf Grund der Umstände. Aber hier muß man mir einfach zugestehen, daß ich keine Kraftreserven mehr hatte.

 

Ja, es wurde nicht wirklich gut, durchschlagend und funkenschlagend gut, es lief kein Spiel ab. Dennoch war es noch prima, ich fühlte mich allmählich leichter und redete frei. Als wir gegen halb fünf wieder im Haus waren, kochte Simone einen Tee, und das war zuviel. Ich fühlte mich überfordert, zumal es ja auch noch außer Zweifel stand, daß wir miteinander schlafen würden. Daran durfte ich gar nicht denken, das würde ich ja nie packen. Andererseits hatte ich wirklich Vertrauen zu Simone und machte mir wenig Sorgen. Meine Freundin würde sie nicht werden, und mich verraten würde sie auch nicht. Ich wollte mir ganz und gar von ihr helfen lassen, mich auftauen lassen, und dafür nahm ich in Kauf, unattraktiv zu sein. Und so kletterte ich ganz gern in ein hohes handgeschnitztes Seekampbett.

 

Als Simone endlich eingeschlafen war, begann etwas wirklich Seltsames: Ich hatte ein Gefühl, als würde Energie in meinen Körper gepumpt, und zwar in einem starken und beständigen Strom, der umso stärker war, je größer die Berührungsfläche unserer Körper war. Es war so schön, daß ich nicht einschlafen wollte, auch tatsächlich die ganze Nacht kaum schlief.

 

Am nächsten Morgen war ich voll regeneriert. Es war toll, auch jetzt noch fühle ich mich stark, und am liebsten würde ich Simone etwas schenken. Es ist ja wohl das Gütigste, was man mir bisher gegeben hat. Denn verliebt war ich gar nicht, nach dem Aufwachen. Ich fühlte mich zwar stark, wußte aber dennoch nicht, was ich mit Simone tun sollte. Sie küssen, umarmen wollte ich nicht, reden auch nicht, das war bei mir nicht angesagt, wohl blöde von mir, aber nicht zu ändern.

 

So rappelten wir uns ungeschickt einzeln aus dem Bett und strichen die nächsten zwei Stunden aneinander vorbei. Einmal hatte ich sie plötzlich wieder im Arm, strich ihr ratlos übers Haar und ließ sie wieder los. Ich wollte sie zum Arzt fahren, aber es wurde nichts richtiges daraus. Ich war desorientiert und ratlos.

 

In der Küche frühstückte man. Maria las BILD-Zeitung. Es waren wieder so viele Leute da, daß ich mich nichts zu sagen traute. Ab und zu gab ich jemandem Feuer oder reichte den Zucker rüber. Ich versuchte, mich durch Abwaschen nützlich zu machen, ließ es wieder. Immer wieder stand ich auf, suchte mehr oder weniger Simone, sah sie irgendwo und ging wieder zur Küche zurück.

 

Die wurde schließlich leerer, und ich traute mich, den einen oder anderen anzusprechen. Das ging ganz gut, wenn auch die ganze Szene etwas Absurdes behielt, im Sinne von Ichweißnichtwas. Liegt es daran, daß ich zu manchen der Jungs keinen Bezug habe, weil sie vielleicht tatsächlich etwas weggetreten sind?

 

Jedenfalls bekam ich wieder Boden unter den Füßen, als ich mit Maria wegfuhr, hierhin und dahin, der Tag bekam Farbe, und das wäre es erstmal. Maria sitzt mir jetzt gegenüber. Ich glaube, sie ist im Moment die Letzte, die ich noch näher kennenlernen sollte. Aber wie? Mit ihr in den Seekamp, das wäre peinlich. Mit ihr in die Wrangelstraße? Aha, ich höre gerade, daß sie hier bei mir bleiben will. Dann klappt das also, nach Sibyll, Karin, Corinna, Simone also jetzt Maria. Das einzige Mädchen, mit dem ich mich befreunden möchte, ist Angela. Sie ist nicht so intelligent wie Annerose, aber ein Vierteljahr könnte ich es wohl gerade mit ihr aushalten. Mensch, was für Zeiten!

 

*) AAO = Aktions Analyse Organisation", eine Psycho-Sekte, die Selbstverwirklichung mit Urschrei-Methoden anstrebte.

 

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