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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 23

02.10.2017

23. Kapitel

 

19. Oktober 1977

 

Inzwischen ist der dritte Uni-Tag und der achte Simonetag und alles nervt mich: Mit Simone habe ich eine richtige Zweierbeziehung, die fünfzig Prozent des Tages kostet. Der Rest ist Uni, jedoch wird es weniger... heute war ich kaum noch da, gestern vielleicht drei Stunden, vorgestern sieben. Neue Leute lerne ich nicht mehr kennen, weil... auch noch Diedrich und Annerose da sind. Annerose raubt mir wertvolle Stunden, Diedrich verhindert neue Unikontakte. Bei alledem gebe ich an die fünfzig bis hundert Mark pro Tag aus.

 

Mit Simone schlief ich letzte Nacht bzw. sie mit mir, und zwar auf dem Seekampboden, kalt, düster und ungelenk. Man sollte sowas einfach nicht machen, wenn es nicht Sommer, Spanien, Nacht und Haschisch dabei gibt. Und die Körper müssen leicht, elastisch und gebräunt sein.

 

Nee, nee, nun ist es vorbei. Sowas Grausames, ich muß unbedingt etwas für das Mädchen tun. Aus mit Simone heißt aus mit Seekamp, heißt Ende der Abenteuerzeit. Oder? Danach bliebe die Uni, die aber von mir als lächerlich und angesehen wird.

 

Mein schönes Geld geht drauf. Ich sollte schnellstens ein neues Mädchen kriegen. Angela. Wie? Heute Nacht hier schlafen? Bin gerade bei ihr. Sie sitzt am Boden und füllt Formulare aus. Reden ist Mist. Wie lernt man ein Mädchen kennen?

 

Nun gut, teilweise denke ich schon, ich laß alles sausen und fahr erstmal weg von Hamburg. Aber es wird wohl eher so sein, daß es noch einige Tage so weitergeht, daß ich Glück habe und Simone nicht treffe. Annerose sollte ich lange Zeit nicht sehen, denn sie hat mich ein ums anderemal mit ihren Geschichten, Bedürfnissen und Meinungen überfahren. Daß ich es immer wieder zuließ, spricht gegen mich und ist wohl ein Beweis für Schwäche.

 

Sim und ich badeten. Es ging gut... doch frei war ich nicht. Freier als beim Essen. Die Angst war diesmal fast bis ins Unterbewußtsein zurückgedrängt, aber da wirkte sie weiter. Ich glaubte tatsächlich, daß es ein schönes Baden war, aber was freies Verhalten, unbeschwertes Gefühl bedeutet, merkte ich dann in der Küche, in die wir hinterher gingen, wo Maria und Adelt saßen und wo ich mich totlachte bei Adelts Witzen. Es war das Lösen angestauter Beklemmung. Dabei hatte Simone eine Problematisierung versucht, doch ich konnte darauf nicht antworten. Ich liebe sie nicht, und zwar, weil sie nicht hübsch genug ist und weil sie nicht naiv genug ist. Sie ist vielleicht doch schwach, und vor schwachen Menschen habe ich Angst. Dennoch macht mich der Gedanke an sie und an mein Verhalten traurig und melancholisch.

 

Aber jetzt mit Angela... ich könnte mit ihr und noch einem Dummerle um die Alster spazieren. Schöne Umstände, um ein Mädchen zu beeindrucken, muß mal ne Liste machen.

 

Nachdem ich mich mit Maria und Freund totgelacht hatte, schlug ich vor, ins Kino zu fahren, wieder mit der Überlegung: kann es gutgehen? Kriegen wir das ohne Zusammenbruch über die Bühne? Sowie mit dem Gefühl: diesen Tag noch, morgen die Sintflut.

 

So fuhren wir hin, waren ganz guter Dinge, stürmten sogar das Kino ohne zu bezahlen und sahen einen guten Bogard-Film. Wohl war ich eine Stunde abgelenkt und mußte NACH dem Film erst wieder tief Luft holen. Ich konnte nicht an meine schwer erkämpfte Einstellung VOR dem Film anknüpfen. Ich hatte ein gänzlich leeres Gesicht.

 

Und jetzt das Finale des Tages, dachte ich und umkrampfte das Steuerrad. Es schien keine andere Möglichkeit zu geben als weiterzulügen oder zu sagen: ich liebe dich nicht, weil du nicht hübsch genug bist. Dabei konnte es das doch einfach nicht sein: Schließlich war es dasselbe wie bei Mia, und die ist bildhübsch. Es ist der Mangel an Für-sich-sein, es ist das Auf-Lojo-bezogen-sein. Ihr Verhalten hing von meinem Verhalten ab, tatsächlich hat sie wohl recht, wenn sie sagt, ich sei dominant. Ja, ich dominierte, war sozusagen der Vater. Ihre Stärke sah sie ein ums andere Mal in der Körperlichkeit, und das ängstigte mich, ohne daß ich Respekt bekommen hätte. Mit der den Schwachen eigenen Sensibilität erkannte sie das weitgehend, ahnte auch den Ausgang und übergab sich mehrmals täglich deswegen. Wie Mia, die "stark" war, tapfer und selbstsicher blieb, aber jeden Morgen Blut spuckte, ohne mein Wissen. Warum nur  mußte es so sein?

 

Der Film war gut gewesen, mit jedem anderen hätte ich mich glücklich und angeregt Auto gesetzt: So aber schlichen wir uns mit schlechtem Gewissen die Flure und Treppen entlang und gelangten, ohne uns anzusehen, ins Bett. Dort spielten wir Liebe. Eigentlich war meine Meinung "Lieber Gott, erspare mir das!“ gewesen, doch allmählich wurde es erträglich. Es tat mir so höllisch weh, mein Schwanz blutete, und ich war abgelenkt. Ich dachte nur an meinen blutenden Schwanz und beschäftigte, um von dem Schmerz wegzulenken, Arme und Beine. Ich rubbelte und fingerte und küßte und stöhnte aus Wut, aus Schmerz, weil es mir guttat, weil ich dadurch am Ende tatsächlich einen Bezug zu ihrem Körper fand.

 

Es dauerte so lange, daß wir sogar beide zum Orgasmus kamen - was man sich um Gottes willen nicht toll vorstellen darf. "Das also ist der vaginale Orgasmus“, dachte ich kurz und hörte auf mit meinen Bewegungen, mit Übergang natürlich. Der Vorgang des morgendlichen Zähneputzens wäre gewaltiger als dies hier, so kam es mir vor.

 

Ich bin dann schnell eingeschlafen, alles andere als entspannt und wohlig, ich sackte weg. Ich träumte, wie ich mit Simone im Schauspielhaus auftrete, ganz großes Stück, Premiere, wir beide haben mittlere Rollen und eine Szene, in der wir zusammen auftreten. Wir sitzen auf der Bühne, die großen Scheinwerfer schaffen monströse Licht-Schatten-Spiele, und ein gewaltiges Publikum schaut uns an. Ich , sage leise zu Simone: „Witzig, was?“ und lächle sie an, sie aber kommt dadurch durcheinander und vergißt ihren Text. Minutenlang warten alle auf ihren Einsatz, aber nichts passiert. Zuerst hält man es für einen dramaturgischen Einfall, dann aber wird es peinlich. Es kommt zu einem Skandal und ich fühle mich ungeheuer schuldig. Warum nur lächelte ich ihr so insiderhaft zu, wo sie sich doch gerade auf ihre Rolle konzentrieren mußte!

 

Ich wäre noch lange traurig gewesen, aber ich wurde geweckt, und zwar von Simone, die erneut zärtlich wurde, so daß wir ein weiteres Mal miteinander schliefen. Diesmal war es weit schlimmer, ich blutete kaum noch, hatte weniger Schmerzen, und alles ging in wenigen Minuten vonstatten. Natürlich gab es nunmehr keinen V.O., und ich quälte mich lustlos ab, um das Unmögliche doch noch zu schaffen, wenigstens den Willen dazu vorzutäuschen. Die Augen hielt ich geschlossen, aber wenn ich aus Versehen schaute, gewahrte ich eine sich absurd bewegende Simone, einen schmucklosen, leeren, von trübem Tageslicht grau erleuchteten Raum...

 

Es war Hans, der mich rettete. Er begann, Simone zu küssen und ihr eine Geschichte zu erzählen. Ich hörte eine Minute lang zu und ging dann fast unbemerkt aus dem Raum. Unten war ich anscheinend wieder (schon wieder?) intakt, jedenfalls konnte ich später mit ihr reden. Es ging ja richtig, und sie sagte, daß auch sie fände, daß das Miteinanderschlafen sehr viel verändere. Ich fühlte in der Tat eine Veränderung, ich konnte relativ frei mit ihr umgehen, ich lächelte nicht zwanghaft.

 

Wir gingen einkaufen, und ich stellte meine Stimme tief und sagte: „Naturgemäß verändert die Defloration das Verhalten. Männer werden zum Beispiel männlicher.“

 

Beim Einkaufen liefen wir durch den nebligen Wintermorgen, wie fröhlich. Aber beim Sich-in-die-Arme-fallen nach dem Lauf waren wir wieder verstört.

 

Schließlich, nach dem Frühstück, verabschiedete ich mich, verhandelte geschickt wegen eines Termins und verschwand. Ich sollte sie anrufen, mehr brauchte ich nicht an Versprechen zu brechen, und ich saß recht locker im Auto. Erst als ich fünfhundert Meter vom Seekamp entfernt war, begann ich, eine Gänsehaut abzuschütteln. Ich dachte an das zweite Gerammel im Bett und klapperte mit den Zähnen.

 

Ich fuhr in die Gärtnerstraße. Bevor ich in die Uni fuhr, wollte ich unbedingt ein bißchen Angela einklinken. Schnell das Horrorbild mit einem hübschen Mädchen vertreiben. Wem aber begegne ich: Annerose. Sie stiehlt mir wie gestern und vorvorgestern einige wichtige Stunden Zeit. Was sie sagt, wurde schon millionenmal gesagt, zum x-ten Male mache ich mir meine Gedanken zum Thorsten-Lojo-Komplex, Gedanken über Taktik, über angewandte Sexualökonomie und Olaf-Moll-schen Funktionalismus. Wie müßig!

 

Ich sitze im Auto und weiß nicht, was tun, da kommt Angela. Ich gehe mit nach oben und beginne zu schreiben. Angela sitzt im selben Zimmer und unterhält sich mit Corinna. Mein Verhältnis zu ihr ist auch nicht besser als das zu Simone. Aber wie schön sie ist, wieviel Taille sie hat, Wenn ich nur einen Anlaß fände, mit ihr etwas zu erleben! Während ich so schreibe, denke ich darüber nach.

 

Angela wird gleich einen Spaziergang mit dem Typ machen, da könnte ich mich einklinken, der Typ ist so harmlos, da wirke ich gut und intelligent und kann trotzdem den anderen Alleinunterhalter und Ablenker spielen lassen, mich währenddessen gänzlich auf meine Rolle konzentrieren.

 

Genau so kommt es. Das Schreiben hat mich so rege gemacht, daß ich überzusprudeln drohe. Nach einiger Zeit aber habe ich genug gesprudelt, und die peinliche Sprachlosigkeit der anderen steckt mich an. Doch ich überstehe das gut, ich werte die peinliche Lage einfach um und erlebe sie als Experiment. Angelas freches Peanutsgesicht nimmt mich aber gar nicht so sehr wahr, wie ich hoffte. Meine schleimig-schwülstigen Annäherungen sind ihr unangenehm. Doch das will gar nichts besagen, denke ich. Ein Blick kann genügen... und der kann noch kommen.

 

Als wir aus dem Lokal gehen, bemerke ich, daß sie mich mit großen Augen anstarrt. Ich trete ganz nah an sie heran und sage mit einschmeichelnd-schleimiger Männerstimme: „Der Alsterdampfer fährt um halb acht.“ Sie sagt schnell und hell: „Die-die-die-die Uhr geht nicht.“

 

Wir gehen zurück, ich sage wenig, umso mehr fühle ich mich wohl, umso kräftiger werden die wenigen Sätze, die ich sage. Wir fahren in die Kaffeestube. Hier ziehe ich mich zurück und vermeide eine Wiederholung der Szene von eben. Sie wäre schlimm gewesen, man muß da höllisch aufpassen und Fehler vermeiden. Ich sitze an der Theke, telefoniere mit Diedrich, weiß Angela im Lokal, höre Steely-Dan-Musik und sehe die vorbeistreichenden Figuren der Hallo-Alter-Szene.

 

Ich bekomme den großen peripheren Blick und erkenne daran die Verliebtheit. Wunderbar intensiv und tief wird alles Wahrgenommene, es ist der erste Tag seit Wochen, an dem ich ohne Drogen bin, und trotzdem fühle ich mich angeknallt, und zwar durch die Gefühle. Geliebt werden ist eine Plage, Lieben dagegen macht das Leben zum Erlebnis.

 

Ich bleibe mit Angela zusammen, noch viele Stunden, doch dann kurz vorm Ziel, passiert etwas Störendes: Man gibt mir einen Joint, ich werde wieder blöd im Kopf und muß mich mit aller Kraft zwingen zu schreiben. Alles, was ich denke, vergesse... ich exakt drei Sekunden später, der reine Unsinn.

 

Angela kommt ins Zimmer und will sich mit mir unterhalten. Ich ärgere mich außerordentlich, nun ist das ganze Konzept hin, ein völlig anderer, mit Drogen vollgepumpter Lojo steht Angela gegenüber. Ich kann nicht mehr mit ihr und mit der Situation und deren Medien: Stimme, Sprache, Blicke spielen wie auf einem Steinway-Flügel. Der ganze große Spaß ist zuende. Ich schwöre mir prompt, nie mehr zu rauchen. Das Gespräch mit Angela wird noch ein solches, aber ich merke, daß sie sich mit der Zeit langweilt und mich seltsam ansieht, wenn ich spreche. Sie verläßt den Raum, und ich schreibe weiter.

 

Ich werde versuchen, hier zu schlafen. Ich glaube einfach so fest daran, daß ich sie haben will, ich fiebere schon den ganzen Tag danach, ich werde mich durch Drogen nicht in einer so existentiellen Sache besiegen lassen. Ein Vierteljahr mit Angela, und ganz Hamburg gehört wieder mir. Thorsten, hehehe, wird dumm aussehen.

 

 

 

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