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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 24 und 25

08.10.2017

24. Kapitel

 

20.10.1977

 

Brief an Angela Marcus, Gärtnerstraße 52.

 

Liebe Angela,

„eindringliches Geflüster“ nannte ich es, als ich die erste Nacht im Seekamp schlief, morgens um 6 der Wecker klingelte und nicht der verschlafene, sacht grunzende Marc wach wurde, sondern du. Über eine Stunde ging das, und mir wurde klar, trotz Drogenkopf, daß da ein quicklebendiges Mädchen am Werk war, gesund, liebevoll und lebensfroh, ein Wesen, das das Leben schätzt und die Destruktion bekämpft.

 

Du hast ein so frisches Wesen, daß man gern in deiner Nähe ist. Ich bin davon überzeugt, daß die starken lebensbejahenden Kräfte in dir dafür sorgen werden, daß du deinen Weg immer finden und gehen wirst. Eine Gefahr liegt nur darin, daß du vielleicht eines Tages an den falschen Mann gerätst, aber diese Gefahr besteht ja für alle.

 

Es ist verwunderlich, daß es heutzutage noch Menschen wie dich gibt, die, als wäre nichts geschehen, als wäre nicht die ganze Welt hochgradig verkorkst, natürlich für das Gute kämpfen, die auch keine Drogen mehr nötig haben, die sich morgens die Zähne putzen, ohne dabei an etwas zu denken. Es ist klar, daß so ein Mensch sehr anziehend ist. Man möchte ja nicht mit jemandem im Auto sitzen und sich gegenseitig erklären, wie absurd und existentiell leer die Welt ist, man möchte viel lieber das Gegenteil hören. Man möchte sich nicht aus dem politischen Kampf zurückziehen, viel lieber hätte man sie wieder, die gute alte geliebte Motivation. Man möchte gern gut sein, wenn man es nicht ist, nicht mehr ist, wenn man den Menschen gegenüber gleichgültig und sarkastisch geworden ist. Man hat doch keinen Nutzen von Gleichgültigkeit und Korruption, es geht einem ja nicht besser so, sondern schlechter.

 

Wenn ich mich mit einem Mädchen befreunde, möchte ich niemanden ausnutzen, und wenn ich das Mädchen verlasse, trage ich keinen Profit in der Manteltasche, sondern ein schlechtes Gewissen. Es geilt mich nicht auf, unzuverlässig zu sein, lieber wäre ich zuverlässig. Es stärkt nicht meine Eigenliebe, für unberechenbar gehalten zu werden, sondern es verstört mich. Ebenso macht es mir kein gutes Gefühl, einem Freund die Freundin weggenommen zu haben, sondern es macht mich traurig, daß so etwas überhaupt ablaufen muß. Wieviel lieber hätte ich Freunde, die ich liebe und eine Freundin, durch die ich mit mir und der Welt in Einklang komme.

 

Wissen, was man zu tun hat, das ist angenehm; verstört durch die Welt zu laufen und Gemeinheiten begehen, ist unangenehm. Und so finde ich es maßlos und doppelt ungerecht, daß man mich anklagt, daß die frischen und natürlichen Menschen, die glücklich sind mit ihren Zweierbeziehungen, ihrer linken Nestwärme, mich böse ansehen und sagen: du schauspielerst, du bist nicht stimmig, du bist nicht integer, du verheimlichst etwas! Entweder du wirst endlich ehrlich oder wir verurteilen dich.

 

Gut, offen und ehrlich kann ich erst sein, wenn es in meinem Herzen nicht mehr aussieht wie in einer Mördergrube. Wenn die tägliche Absurdität ersetzt ist durch ein Gut/Schlecht-System. Wenn ich meine Existenz wieder durch andere Mittel spüren kann als durch gesteigerten Ekel, durch Peep-Shows und erbärmliche Nächte am Hans-Albers-Platz und Andy Warhols Bad und... und durch 67jährige überlüsterne Schwule auf elenden Wichsklos, durch prügelnde Punk-Rocker, durch gespenstisch verlassene grün angestrahlte Innenstädte, durch lächerliches Befingern geliehener und geklauter Pistolen und Revolver.

 

Ja, verbraucht sind die menschlichen Werte, aber die Sehnsucht nach ihnen ist stärker als je zuvor. Dabei ist es nur eine Frage der Zeit, bis ich mich in ein frisches, ungebrochenes Mädchen verliebe und aufhöre mit Ekel und Horror, Absurdität und Nervenkitzel. Andererseits ist dieser Hang zur Todesnähe auch ganz konkret durch Anneroses Verhalten zu erklären. Tatsächlich quälte sie mich bis vor kurzem nicht unerheblich, und zwar in den innersten Bereichen. So alt man auch wird, man ist diesen zwischenmenschlichen Grundmustern doch immer auf die gleiche unsinnige und kindische Art und Weise ausgeliefert. Man benimmt sich unvernünftig, wird erst nach innen, dann nach außen destruktiv, verliert jedes Sachinteresse und wird grob zu den Freunden, weil sie sagen, daß man warten müsse.

 

25. Kapitel

 

21. Oktober 1977

 

Ich hatte die Stirn, diesen opulenten Kaiserschmarrn Angela vorzulegen, dann sogar Marc. Während ich das schrieb, dachte ich, daß mein sogenanntes Abenteuerleben vorbei sei, daß Simone, Marc und Marcs Freundin Angela und somit alle weiteren Satelliten nunmehr ihre Wertung vollzogen hätten, und zwar gegen mich. Grund hatten sie genug: mein unkontrolliertes, unzuverlässiges, aufdringliches und hochgradig närrisches Verhalten. Aber nein, die Toleranz der Leute scheint grenzenlos zu sein, jedenfalls mir gegenüber. Marc dachte allen Ernstes, seine Angela sei in Gefahr, von mir erobert zu werden, und er hatte noch mehr Respekt vor mir als sonst.

 

Wir fuhren in eine Bramfelder Kneipe, zu dritt. Marc schlug vor, sich nun besser kennenzulernen. Er war sehr verklemmt, und das war die richtige, die „menschliche“ Haltung. Ich dagegen war trotz der absurden Situation - Junge lernt Nebenbuhler kennen in mieser deutscher Kneipe im Beisein der Freundin - gut gelaunt und sicher. Angela war offen und ahnungslos.

 

Die Unterhaltung, die Marc schließlich mit Flucht beendete, lief etwa so:

Marc: „Du bist also in Angela verliebt…“

Ich: „Ja, eine brisante Theorie, nicht wahr? Ich verliebe mich übrigens nicht allzu selten, und wie sehr/wie weit ich zur Zeit in Angela verliebt bin, vermag ich gar nicht zu sagen. Auf jeden Fall finde ich es hochinteressant. Bist du eigentlich eifersüchtig?“

Mark: "Sehr. Wirklich unglaublich eifersüchtig bin ich."

Ich: „Ja, ja, die Eifersucht, das ist so eine Sache, nicht wahr, Marc? Ach, ich kenne das, und ich meine - das jedenfalls sind die Erfahrungen meiner Ehe mit Annerose - daß die Eifersucht das Salz der ganzen Suppe ist. Ich habe übrigens erlebt, daß bei allen Pärchen, die dies leugneten, etwas nicht stimmte, daß es dann versteckte Machtstrukturen gab, eine versteckte Dominanz des einen Partners, der das Verhalten Eifersucht beim anderen sanktionierte, während er selbst –„

Marc: „Ich finde, das hört sich alles so unpassend an, so weit weg –"

Ich: „Ja, du hast recht, Marc, ich rede altklug, das kommt vom Alkohol, aber macht ja nichts. Wechseln wir das Thema. Angela, na, du, erzähl doch mal, wie du mit Marc so auskommst. Findest du, daß du absolut nicht in deiner Entfaltung eingeschränkt wirst? Sollte es so sein, so – das kann ich dir gleich sagen - ist etwas morsch bei euch. Ich meine das natürlich nur so, es ist nicht gemein gemeint, im Gegenteil, ich glaube, daß ihr euch ganz hervorragend versteht. Ein Freund sagte mir mal, wenn selbst Angela und Marc keine gleichberechtigte, gewaltlose Beziehung zustande kriegten, könnte er sich gleich eine Kugel durch den Kopf schießen. So,  jetzt aber bist du dran, Angela, erzähle uns!“

 

Angela lachte, guckte mich an, dann Marc, der sich in seinem Stuhl wand, und erzählte dann alles mögliche, etwa: „Also, haha, ich treffe Marc nur, wenn ich Bock dazu habe, sonst niemals!“

 

Einmal ergab es sich, daß ich Marc fragte, wie alt er denn sei und er „21 Jahre“ antwortete, worauf Angela rief: „Stimmt ja gar nicht, 19 ist er“. Und Marc guckte angestrengt auf die Tischplatte.

 

Ich war wirklich in allerbester Stimmung, trotzdem hätte ich Angela nicht mitgenommen, weil ich mich vorher auf Abschied, Rückzug und Ehre programmiert hatte. Angela kam mir zuvor und erklärte mit unaufrichtigem Genuschel, daß es besser für sie sei, bei Marc mitzufahren. Ich wollte noch ein paar nette Worte sagen, da war schon die Tür zugeklappt und Marc und Angela waren verschwunden. Sicher wird Marc einen kleinen Anfall von Traurigkeit und Angst gehabt haben, und Angela wird ihn süß und menschlich gefunden und ihn liebevoll getröstet haben. Die beiden hatte ich schön wieder zusammengebracht.

 

Ich fuhr in die Stadt, in die Uni, fuhr in den 13. Stock und sah auf die Stadt hinab. Es war 21.30 Uhr. Ich erlebte dann eine Euphorie, weil ich so allein war und so aus vollen Zügen leben durfte.

Im Audimax war eine Veranstaltung von Atomkraftgegnern, ich wunderte mich über die Häßlichkeit und Dümmlichkeit der Teilnehmer. Ich guckte diesmal genau hin, ich wollte mir nichts vormachen, und tatsächlich: schiefe Nasen, offene Münder, niedrige Stirnen, fliehend. Kinne, krumme Rücken, schielende Augen, schlurfende Schritte, obligatorische Bärte und lange Haare, Atomkraftneindankeparkas. Zehn Minuten lang suchte ich das erste intelligente Gesicht, fand es, sprach es an. So etwas ist immer gut, zur Zeit habe ich vor Fremden nicht die geringste Scheu.

 

So fuhr ich dann auch zu Otti, fragte sie als erstes, ob sie mich wiedererkenne, ich sei jemand aus ihrem Seminar, und als zweites, ob sie mit mir schlafen wolle. Ihr Freund war da, ich machte ihn fertig, er gefiel mir absolut nicht, und ich sagte: Was bist denn du für ein Ekel? und als Otti darauf sauer reagierte, ging ich. Auch sie nur Mittelmaß, Wohngemeinschaftsniveau, Studentenkultur.

 

So fuhr ich zu Karin und schlief mit ihr. Vorher hatte ich nacheinander Angela, Diedrich und Annerose nicht erreicht und bekam bereits großen Welt-Katzenjammer. Mit Karin zu schlafen, stoppte erstmal diesen Prozess.

 

Übrigens machte es mir erneut nicht SOVIEL Spaß. So geil ich auch war, es kam nicht zur Ekstase. Ich mache noch immer irgendwas falsch. Ich tue zwar das Richtige, indem ich sofort voll loslege und auch, indem ich das Vorspiel auf dreißig Minuten strecke. Aber trotzdem fallen nicht alle Hemmungen, wir toben nicht skrupellos im Bett oder noch besser: im Zimmer herum. Die Körper werden noch immer angesehen als festgesetzte Immobilien, als große Baustellen, an denen gearbeitet wird, also Träger der Zärtlichkeiten sind Hände und Mund, der Rumpf dagegen ist wie tot. Ich glaube, daß das am Mädchen liegt, aber auch ein bißchen an mir, weil ich sie aus Mangel an Konzentrationsfähigkeit nicht auf wirklich hohe Touren bringe. Ich kann mich zur Zeit an der Muschi nicht konzentrieren, vielleicht langweile ich mich auch. Ich sollte jedenfalls mal ein paar Massagepraktiken erlernen und ansonsten nur noch mit Mädchen ins Bett gehen, die unter 50 Kilo wiegen. Heute abend: Ande.

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