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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 26 und 27

23.10.2017

26. Kapitel 

 

Kleiner Exkurs: Immer wieder sagt A.: Wenn du doch bloß nicht weggelaufen wärst damals, alles wäre anders gekommen!“ Die Antwort auf diese ewige Geschichtsverzerrung muß lauten: "Mit dem Abgang von der Schule hast du dich für einen Lebensstil entschieden, der meinen Interessen entgegenstand, und du hättest es mühelos durchgesetzt, mir diesen Lebensstil aufzuzwingen. Ende meiner Selbstentfaltung wäre das gewesen mit der Folge des Stumpfsinns, der Depression, der Langeweile meinerseits, der Ablösung durch einen anderen, der diesen Lebensstil besser gestaltet: Thorsten. Um dem zuvorzukommen, lief ich weg. Wäre ich nicht weggelaufen, wäre nicht alles anders gekommen, sondern genau so, nur vierzehn Tage später…

 

Von Karin fuhr ich zu Annerose, die gerade mit Thorsten im Bett lag, dann in die Uni, wo ich einen Lateinkurs besuchte. Ich sah wieder nur langweilige Gesichter und setzte mich widerwillig hin. Dann hatte ich scheinbar Glück: ein schlankes blondes Mädchen mit den schönen Farben blau-weiß-gelb setzte sich, zu spät kommend, neben mich. Ich registrierte: nicht schön, aber lebhaft. Freie Haltung. Ich erfuhr, daß sie den Lateinkurs schon zum viertenmal machte, und das war doch sehr sympathisch.

 

Ich starrte immer wieder auf die engen blauen Jeans, zum erstenmal hatte ich ein angenehmes Gefühl bei diesem an sich so ekelhaften, langweiligen, schlaffes Studentenfleisch einpackenden Stoff. Und blond war sie, endlich, nach all den brünetten, unappetitlichen Frauen ein blondes Mädchen, hygienisch, sauber, geruchlos. Ja, Schluß mit dem Schmutz.

 

Das Mädchen hieß dann später auch ganz folgerichtig Brigitte, fand mein Verhalten, das ich gleich beschreiben werde, anmaßend. Feste Werte hatte Sie, war nicht von irgendwelchen Dekadenz- oder Entfremdungserscheinungen angekränkelt, war also genau das, was ich mir vorgestellt hatte.

 

Sie ging schon bald, ich gleich mit. Ich gehe einfach mit ihr mit, dachte ich in eigentlich verwunderlicher Naivität (woher habe ich die bloß?). Ich machte mir nicht mehr die Mühe, nach Anlässen zu suchen, ich sagte auf ihre Frage, wohin ich wolle: "Zu dir."

 

Ich fühlte mich wohl in ihrer Nähe, wir fuhren Straßenbahn. Ich war so entsetzlich unengagiert, daß die Sache nicht gutgehen konnte. Ich hatte wohl tatsächlich durch die letzten Tage und die vielen Mädchen einen Zustand der Entrücktheit erreicht. Das Mädchen stieg aus, ich gleich mit.

 

Jetzt wurde ich ihr unangenehm. Spätestens jetzt hätte ich mir einen handfesten Grund ausdenken müssen, doch ich hatte einen gesunden Widerwillen dagegen. Tatsächlich behandelte ich sie so, als kennte ich sie schon seit Jahren. Vielleicht sollte ich schnell sagen, daß ich einen Trip eingeworfen hätte oder daß ich gesuchter Terrorist sei, dachte ich, ließ den Gedanken aber schnell fallen.

 

Wir gingen in die Kaffeestube, ich stellte ab und zu normale Fragen wie: Gefällt dir Hamburg? Oder: In welchem Semester bist du?, und mit Behagen merkte ich, daß ich nichts sagte, was ich nicht auch wirklich sagen wollte. Dennoch war es klar, daß dieses so ausdrücklich natürliche Mädchen mich anmaßend fand. Ich war fast traurig, daß ich so wenig willens oder so schlapp war, nichts dagegen zu tun.

 

In der Kaffeestube wurde ich dann zum erstenmal wirklich aufdringlich - ich bestellte ihr einen Kuchen. Ich tat das, weil ich halbwegs dachte, eine alte Bekannte säße an meinem Tisch. Scheiß Realitätsverlust. Dann stand ich mit dem Kuchen vor ihr und rechnete damit, daß sie ihn nicht annehmen würde. Doch sie tat es, und ich beging - ungewollt und fehlerhaft - die nächste Aufdringlichkeit: ich las ihr aus dem Tagebuch vor. Nun schaltete sie sofort: aha, Probleme, gleich labert er mich voll. Ja, ich rutschte jetzt rein, ich rechtfertigte mich und verlor meine lockere Haltung.

 

Die Sache machte keinen Spaß mehr, ich merkte, wie mein Herz unangenehm zu schlagen begann. Das Mädchen stand prompt auf. Klar. Das war es denn wohl, Schluß mit dem ausgeflippten Leben. Ich nahm eine Zigarette, wovon mir schlecht wurde. Na, endlich ein Ende mit all der Hetze, jetzt werde ich wohl wieder zur Ruhe kommen, ist ja auch schön.

 

Das Mädchen kam wieder, war netter als vorher, sagte freilich, daß sie mein Verhalten unverschämt fände, womit sie Recht hatte. Ich stimmte ihr nur zu gern zu, ich hatte wirklich eine blöde Figur gemacht. Sollte ich einfach aufstehen und weggehen, das würde wieder aufgesetzt wirken. Übrigens: ist nicht vielleicht wirklich alles aufgesetzt? Nein. Was ist es dann? Eine außergewöhnliche Lage, in der ich drin bin. Welche Lage, doch nicht wieder ganz einfach eine Problemlage? Ja, aber jeder hat Probleme, darauf kommt es doch nicht an. Es ist das Reagieren einer sowieso schon überindividuellen Person auf das Ende ehelicher Sexualität und Bindung.

 

27. Kapitel

 

23. Oktober 1977

 

Dies alles schrieb ich natürlich FÜR jenes blond-saubere-geruchlose Mädchen mit den azurblauen Jeans. Es war ein Holzweg, das gleich vorweg. Für sie war das Schreiben und Vorlesen ein lauwarmer Trick, ein bemitleidenswertes Bubi-Verhalten: hat der Junge doch tatsächlich solche Umwege nötig! VIELLEICHT aber war ich es, der so etwas plötzlich glaubte und mit einem Mal das Lokal verließ. „Närrisch“, dachte ich, “uninteressant“ (während ich las).

 

Sie stöhnte und lehnte sich zurück, von mir weg, so daß ich so laut lesen mußte, daß andere zuhörten. Nein, das mit dem Schreiben ist lächerlich. Ich ging. Ihr Abschiedsblick war deutlich: -.

 

Dennoch ist diese kleine Geschichte sehr wichtig. Es war immerhin ein repräsentativer Uni-Einsatz. Wie sollte ich es sonst machen? Darauf bauen, daß ich sowieso schon attraktiv bin und -? Aber wie fülle ich die Zeit bei den Rendez-vous?

 

Ich sehe schon, was ich brauche, sind... ist eine noch bessere Gesprächshaltung: Schweigen! Gekonnt schweigen, d.h. vieles HABEN, was ungesagt bleibt, obwohl es gesagt werden könnte. Ich bin wieder bei den Russischen Blicken, April 76. Ich kann wieder beim letzten Klimax anknüpfen, das ist doch schön. -

 

- Obwohl das Mädchen mich abblitzen ließ, fuhr ich zum Theater. (Normalerweise hätte ich zu absolut nichts mehr Lust gehabt...) Gebrochen saß ich bis zur Pause da und verfluchte das Stück, das mich anödete.

 

In der Pause lernte ich eine polnische Schauspielerin kennen. Es soll wohl so sein: die jetzige Phase hat sich noch lange nicht totgelaufen. So waren dann die weiteren Stationen des Abends: Schauspielensemble, Diedrich, Angela, Holger, Spundloch, die Polin usw.

 

Ich schlief dann NICHT mit der Polin, weil ich Angela gegen 24.00 kurz besuchte und dabei feststellte, daß sie bereits schlief, und zwar allein. Mit Macht verlangte es mich, auch in dieses Bett zu schlüpfen. Freilich mußte ich vorher nochmal zur Polin. Es wurde halb fünf Uhr morgens, und außerdem lag dann, als ich endlich kam, das Dummerle neben Angela im Bett.

 

So überbrückte ich die Stunden bis zum nächsten Tag, ging dann zu Annerose rüber und schlief mit der. Es war das letzte Gerammel, das ich in der ganzen Zeit hatte, echt. Ich war auch wirklich froh, meine Serie nicht unterbrochen zu haben dadurch. Denn ich glaube, daß all die Ausstrahlung, die ich zur Zeit auf Mädchen habe, vom täglichen Rammeln kommt. Diese neue Sexualität, die ich endlich praktiziere, ist spontan und experimentierend, sie ist kein Surrogat mehr für etwas anderes. Es ist wirklich so, daß sie jetzt endlich frei ist von festgesetzten Abfolgen, vom Küssen-Streicheln-Fummeln-Vögeln-Prinzip, daß die Zärtlichkeiten Ereignisse AN SICH sind, ohne die Hypothek zu tragen, "Vorspiel" zu sein. So kann der Genitalverkehr wieder zu einer spielerischen Möglichkeit werden, ohne stereotype Notwendigkeit jeder lustvollen Begegnung zu sein. Wenn es also gelingt, nicht mehr mit dem Orgasmus zu rechnen, ja, ihn geradezu zu verunmöglichen, dann - kommt er bestimmt!

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