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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinkmann Buch 32

27.11.2017

32. Kapitel

 

5. November 1977

 

 

21 Jahre alt, weiße Lederschuhe, Khakihose, weißes Hemd - so drängte ich mich durch Hunderte häßlicher Jugendlicher, in der Bauerndisco „Trichter“. VOR der Disco ein Bild für Ästheten: eine hellweiße Neonröhre taucht die herumstehenden Jugendlichen, die Dreckpfützen, die Jugendlichen-Autos, die umstehenden Häuser, Scheunen und Schuppen in die Studio-Atmosphäre alter, mythisch-verbrämter Hollywood-Filme der 50er Jahre. ICH mochte diese Filme noch nie, konnte mit der Ästhetisierung nichts anfangen, weil mir die Inhalte zu abstoßend waren: Einsilbigkeit, Phantasielosigkeit, Grobheit.

 

Der Raum ist kaum beleuchtet, die Jugendlichen sind - nicht nur deshalb - ununterscheidbar. Stephan Kelles Gedicht über das nach 8 könnte einem einfallen - nur ist das hier (leider!) nicht einmal bürgerlich oder chauvinistisch. Hier ist überhaupt nichts mehr. Kein Gesicht, kein Ausdruck, keine Neugierde, kein Spiel. Stattdessen Knopfaugen, aufgemachte und aufgehaltene Knopfaugen.

 

Ich sehe lange, glatte, braune Haare, aus denen eine schöne, gerade, kleine Nase hervorschaut, darunter einen Cambridge-University-Pullover mit zwei holzwolleartigen Ausbuchtungen, worin man wohl den im billigen Plastik-Büstenhalter eingepackten Busen vermuten muß, ich gehe weiter.

 

Ein Pärchen hängt in einem Sofa, nur die Schultern und Ellenbogen berühren sich, beider Blicke sind geradeaus gerichtet, parallel zueinander, beider Knopfaugen sind so ausdruckslos offen, daß man laut klatschend die Hände zusammenschlagen möchte. Wolfgang, ein „lieber Typ“, Freund von Corinna, geht neben mir, und ich möchte schon sagen: „Unsere deutsche Jugend! Vermasst, ungeschliffen, konturlos, gesichts- und charakterlos, die reine Scheiße..., doch ich überlege: ich will nicht pessimistisch wirken wie Jean-Marie. Solche eine Haltung ist immer die der Erfolglosen, der verkrachten Existenzen, der Sichselbstbemitleidenden, nicht ohne eigene Schuld verbitterten gewesen. Also: Gelassenheit: Ich lächle daher und mische mich lässig unter das Volk. Ich tanze.

 

Angela und Corinna tanzen mit, ich versuche, Ulf Henning zu imitieren. Sollen sie mich doch für muskulös halten, hehe. Nach einigen Stücken, die musikalisch dröge und rhythmisch ohne jede Finesse sind, nach einem pseudo-experimentierenden, hochbanalen Geblubber und Gezirpe, zu dem man nur die vollen Haare rotieren lassen kann, höre ich auf und beginne einen Rundgang.

 

Ein Tuschi-ähnliches Mädchen fällt mir auf, das breit grinst und die Augen amerikanisch-weit aufgerissen hat (sie verkörperte den früheren Discotheken-Wert Nr. 1: gute Laune um jeden Preis) (auch eklig), ansonsten aber ein Haufen Fleischsäcke. Seelenloses, unbelebtes Fleisch stand im Raum, ich bekam schlechte Gefühle und ging raus. Mir wurde klar, daß ich es mir selbst schuldig war, rauszugehen und Brecht zu lesen. Das tat ich dann auch.

 

 

 

 

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