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Das Fritz Brinkmann Buch 36

36. Kapitel

16. November 1977

Annerose wäscht ab. Sie hat das Radio dabei laufen. Ich sitze am Schreibtisch. Nichts fällt mir ein. Ich halte mich streng an die Chronologie, vielleicht geht es: "Nachdem ich den letzten Eintrag geschrieben hatte, las ich ihn Ulf Bertheau vor, mit dünner, oft durchfallender Stimme. Ulf hatte überraschend aufmerksam zugehört, ohne sich besonders konzentriert zu haben. Er hat eine Dachkammer, oben im Bertheau-Prunkhaus, man erwartet es nicht, nach soviel Prunk, Klassik, Sauberkeit. Fein und sauber ist es auch in der Dachkammer, aber Dachkammer bleibt es. Wie dezent alles war!


Das lange Warten nach dem Klingeln, das Hinaufgeführtwerden durch goldene Vorhallen und pompöse, hellerleuchtete Treppen. Das partielle Licht in Ulfs Zimmer, die Gottfried-Benn-Gesamtausgabe, die solide Steely-Dan-Musik.


Auffallend ist, daß Ulf an Literatur nichts weiter hat als die Benn-Gesamtausgabe, an Musik nichts weiter als Steely Dan, an Bildern und Wanddekorationen nichts weiter als zwei Fotos des späten Benn. Nirgends ist Überflüssiges, Nutzloses, Gedankenlos-Schlampiges. So wie das sehr feine und spärliche Essen, das der Diener auf Klopfzeichen ins Zimmer reichte und zehn Minuten später wieder, ich meine das Geschirr, entfernte.


Worüber wir redeten, vergaß ich schnell. Einmal ertappte ich mich, wie ich stockend über das große Ganze sprach, als hätte ich Jan vor mir, also über Beruf, Zukunft, Arbeitsschwierigkeiten, persönliche, psychologische und soziologische Probleme. Das klingt jetzt viel zu interessant, konkret hörte sich das etwa so an:


"Naja, und ich fühl mich wie befreit, wenn ich geschrieben habe. Natürlich schreibe ich nicht mehr, in München habe ich das getan, ein Jahr lang, aber ich tue nie etwas länger als ein Jahr, jetzt ist ja der Sexualtrip angesagt..."


So ertappte ich mich eine Stunde später dabei, daß ich mit Ulf besprach, wie ich mein Leben ändern könne, ob ich das Auto abmelden, die Wohnung wechseln, mich mit Annerose befreunden oder eine Banklehre beginnen solle. Endlich schlug ich vor, Mädchen besuchen zu fahren. Ulf, freundlich, intelligent, zurückhaltend, folgte mir ins Auto, Sturm und Regen peitschten uns entgegen.


"Du bist sehr zurückhaltend, Ulf, und du bist es gern" sagte ich. "Auch etwas schüchtern", meinte er ausweichend.


Wir fuhren zu Juana, ich hatte ihm mein Erlebnis mit Juana vorgelesen. Er hatte ruhig zugehört und gesagt: "Ich würde mir überhaupt keine Sorgen machen. Vielleicht, hat sie drei Tage vorher das gleiche Gespräch mit einem anderen geführt und wirkte deswegen so intelligent. Es wird ihr dann auch ein leichtes gewesen sein, das Gespräch heimlich auf genau das Thema zu lenken, das sie gerade eintrainiert hatte. Und bist du dir sicher, daß sie dich ernsthaft hinausgeworfen hat? Ich glaube es nicht."


Juana war nicht da, so besuchten wir Diedrich Diederichsen. Er hatte rote Backen, woran ich erkannte, daß er gerade literarisch produktiv war. "Ich schreib gerade über den gestrigen Tag!" warf er uns entgegen. Aufgeregt schritten Diedrich und ich auf und ab, Ulf freute sich.


"Was für eine dicke Haut ich bekommen habe, wie ich mich ganze Abende im tiefsten Sumpf aufhalten kann, inmitten der dümmsten und häßlichsten Menschen, dem Abschaum, den Prolos, den Heloten, ohne krank zu werden, ohne Übelkeit zu verspüren, ohne abschalten und verdrängen zu müssen - das ist ein großer Fortschritt!"


Ulf sagte, diskret unter vier Augen, als wir kurz allein waren: "Du solltest dich ganz darauf beschränken, solche Tage wie den mit der blöden roten Brille zu arrangieren. Auf das Reden solltest du dich nicht mehr einlassen, das kannst du nicht."


Was es bedeutet, öffentliches Publikum zu haben, erlebte ich gestern in der Uni. Ich hatte ein Referat über Wedekinds Einfluß auf Brecht gehalten, und nach dem Referat und dem Seminar kam ich mit einem Mädchen ins Gespräch. Sie war enorm freundlich und interessiert, obwohl sie mich persönlich ja gar nicht kannte, und ging deshalb unentwegt von falschen Annahmen aus.

Ich: "Nein, ich... habe keine Wohnung (Adresse), ich wohne seit einer Woche in einer Wohnung in der Isestraße, aber das gefällt mir nicht.“

Sie: "Isestraße? Wie teuer? Wieviel Quadratmeter?"

Ich: "Weiß nicht, sowas überlege ich nie, vielleicht 60 qm. Miete ist 360 Mark."

Sie: "60! 60 qm! Das ist doch gut, Mensch! Das ist ja toll für dich!"

Ich: "Ja, nein, ich will nicht allein wohnen, ich habe vorher bei meiner Frau gewohnt."

Sie: "Das ist ja prima, dann könnt ihr ja zusammen in die Isestraße ziehen."

Ich: "Ich fühle mich aber nicht wohl in dieser Wohnung, es spukt da!"

Sie: "Regnet es durch, was?"

Ich: "Was? Überhaupt nicht, ich sagte, es spukt da!"

Sie: "Ja, ich weiß, das war eben ein anderes Argument. Hast du denn Möbel drinnen?"

Ich: "Nein, nein, interessiert mich auch nicht."

Sie: "überhaupt, das ist ja blöde für dich, wenn du gerade erst eine Woche drin wohnst und alles niedlich eingerichtet hast, renoviert und so weiter, man will es doch gemütlich haben, und dann schon wieder raus sollst."

Ich: "Bitte: Ich will es nicht niedlich und gemütlich haben! Außerdem habe ich keine Möbel, will auch keine haben, es spukt, mit meiner Frau bin ich auseinander, und.. na, richtig auseinander bin ich nicht.

Sie: "Ihr wollt nicht zusammenziehen? Das hat wohl alle möglichen Gründe...?"

Ich: "Ja-a...

Sie: "Aber wenn ihr euch die Miete teilt, zahlt jeder die Hälfte, dann ist es gar nicht mehr so teuer!"

Ich: "Gott! Wir haben sowieso gemeinsames Geld, meine Frau hält mich aus, da ist es egal, nein, es liegt NICHT am Preis, es -"

Sie: "Ihr habt verschiedene berufliche Interessen."

Ich: "Nein! Die - - die Verbindung ist eben nicht mehr im besten Zustand, außerdem spukt es, es wohnte früher ein versteinerter Pharao in der Wohnung, jedenfalls sah er so aus, ein widerlicher Kerl, der hatte so eine blöde Bibliothek, lauter Mystik und Horror-Bücher, und ich kann es natürlich nicht lassen, vor dem Einschlafen darin rumzuschmökern -"

Sie: "Was, der holt seine Sachen nicht ab?! Ist der tot?"

Ich: "Ne, der lebt."

Sie: Also, das würde ich mir nicht gefallen lassen! Wenn DU da wohnst, dann MUSS ER seine Sachen da abholen! Da würde ich aber etwas unternehmen, wirklich!"

Ich: "Ja, da hast du aber recht. Guter Gedanke, das werde ich dann gleich mal machen. Komischer Pharao. Am besten, ich mache es gleich. Machs gut, du, bis bald, Scheiß-Wetter heute, naja, tschüß denn, mein Referat war gut, was?"

Sie: "Ja, das war echt stark!"

Ich: "Also tschüß, bis dann!"


Doch zurück zur Chronologie.

Ulf, Diedrich und ich in Diedrichs Wohnung, Friedjoff Gayer kam hinzu, trollte sich aber bald wieder. Zwar hatte ich ihn noch auf traditionelle Lojo-Art angesprochen (wobei er aufleuchtete): "Du also bist der führende marxistische Theoretiker Friedjoff Gayer?" Es begann eine Unterhaltung, aber ich brach ab. Der Ansatz sah folgendermaßen aus:

Gayer:"Ja, Marxismus, das stimmte schon."

Ich: "Jetzt nicht mehr?"

Gayer: "Hab lange kein Buch mehr in der Hand gehabt. Manchmal denk ich, fang doch mal wieder an, aber dann, whuu, nee, is mir das zu viel."

Ich: "Auch nicht Frankfurter Schule, Marcuse, Adorno, Habermas??"

Gayer: "Mann, Mann... nee, auch nicht."

Ich: "Ich dachte immer, du seiest DER Intellektuelle, völlig vergeistigt, psychisch verkrustet!"

Gayer: "Hm (grinst), man soll das alles mal'n bißchen lockerer sehen, das stimmt schon."

Ich: "Womit beschäftigst du dich denn zur Zeit?"

Gayer: "Ich? Oh... nichts besonderes, ich leb einfach vor mich hin.

Ich: "Bringt's das denn, Alter?" "

Gayer: „Naja, du weißt schon, weißt ja, wie das is.“

Ich: "Jaja, höhö, klar...


Später, vor dem Schlafengehen, unterhielt ich mich mit Diedrich über Annerose. Ich war nicht so stupid, nach vier Jahren noch Aussagen über einen Menschen selbst herausfinden zu wollen, sollte es also Diedrich für mich machen. Wir schliefen darüber ein.


Am nächsten Morgen das gleiche Bild: Wir sitzen in der kalten Eimsbütteler Diedrichwohnung, rauchen französische Zigaretten, schlottern und reden Blech über Annerose. Während ich darauf hinauswill, die Annerosekommunikation zu formalisieren, drängt Diedrich darauf, Annerose mit Inhalten zu füllen. Meiner Meinung nach nützte es gar nichts, wenn Annerose Inhalte hätte, sie würde diese Inhalte erzählen wie vorher die Thorstengeschichten. Zuhörer wäre allemal ich.


Annerose sitzt inzwischen im Zimmer und schnüffelt und schluchzt demonstrativ - zwei Stunden lang ist sie nicht liebgehabt worden. Sie will den ganzen Tag schmusen. Sie hat ein "Recht" darauf, geschmust zu werden, weil sie krank ist. Krank ist sie immer. Sie hat ein Recht darauf, mit mir zu frühstücken, denn Frühstück ist das Schönste am Tag.


Während des Frühstücks sage ich ihr, daß sie sich dringend Inhalte aneignen müsse - und denke gleichzeitig, daß es MIR niemals auf Inhalte ankommt. Ich habe eine katholisch angeheizte Sexualität: Frauen sollen "Huren und Madonnen" sein, nicht aber inhaltsbeladene, mein Gott, am Ende gar verstehende" Wesen. Sie müssen Phänomene sein, nicht Charaktere. Isabelle, die zwölfjährige Lolita, die mir die Hemden vom Leib prügelte, Musch, die fünfzehnjährige Baal-Gestalt, laut und vulgär, ihre kaputte Sexualität in spontanen Bänkelsongs auf der blechernen Kindergitarre herausschreiend, falsch und feige, und Annerose, siebzehnjährige Hure, die Männer in geheimen Abhängigkeiten haltend.. all das und vieles mehr mobilisierte Emotionen und Irrationalismen. Die vielen Jahrhundertgespräche mit fortschrittlichen Mädchen führten dagegen nur zu einem: zu Weltüberdruß. Und so ist das, was ich an Olaf, Diedrich, Fritz schätze, auch nicht ihr Intellekt, sondern ihr Genie. Und daher frage ich mich, was ich Annerose raten soll.


Daß sie nervt mit ihren Infantilismen, steht außer Frage, daß sie niemals das anspricht, was mich interessiert, ebenso, daß sie also ein Hemmfaktor ersten Ranges für mich ist. Aber kann ich ihr raten, Genie zu werden?


Doch weiter in der Chronologie: Mit Diedrich in seiner Wohnung, schlotternd und mit französischen Zigaretten. Diedrich, mit der dem Zivilisationsliteraten eigenen Verkürzung, ließ alles Mythische, Blut und Boden, Phänomenologie und Katholizismus außer Acht und schlug mit kläffender Stimme vor, Annerose in eine Fotoschule zu schicken. Noch immer im Wilhelm-Meister-Entwicklungsroman steckend, meinte er: "Lerne sie die Welt kennen, versuche sie ein Handwerk, fünfzig Handwerke, beim 51. klappt es dann." So entließ er mich.


Ich trottete zu Annerose in die Wrangelstraße und referierte kurz das mit Diedrich Besprochene. Natürlich kamen wir nicht weiter. Wir rührten dreimal die alte Mühle, dann ging ich, hatte wieder zwei Stunden verloren, fühlte mich wie Franz Kafka in der alte Mann und das Meer, wie Ulrich Hummel im Mythos von Sisyphos, wie Bettermann in l'Etranger.


In der Uni traf ich auf Diedrich. Viel zu früh hatte er sich ins Seminar gesetzt, bereitete sich nun auf seinen Auftritt vor.

"Hallo Diedrich", sagte ich, wollte aber eigentlich was anderes sagen, etwa "Hallo Onkel Donald", dabei fühlte ich mich, so abgegriffen und irreführend das jetzt klingt, wie die Walt-Disney-Figur Goofy.


Diedrich zückte die französischen Zigaretten. Ich hielt ihn zurück: "Paß auf, da sitzt der krankhafte Nichtraucher!" Der so Bezeichnete sah auf: Was ich denn unter "krankhaft" verstünde, wollte er wissen, was denn in dieser Gesellschaft krank und anormal genannt werden könne?


Eine breite Empörung entstand, andere Kommilitonen schalteten sich ein, wiesen auf die Schädlichkeit der Giftstoffe in den Zigaretten hin, sprachen über Strategie und Taktik von Rauchern und Nichtrauchern - es war dasselbe studentoide Schattengefecht wie bei der Kernkraftgeschichte.


Ein schleswigholsteinischer Prototyp-Student bollerte mich an: "Fick erst mal mit 'ner Frau, dann haste andere Probleme!" Etwas irritiert blickte ich lieber in die Bücher und sagte nichts mehr, obwohl Diedrich bereits Feuerschutz gab.


Der krankhafte Nichtraucher gab aber keine Ruhe. Er wollte partout wissen, was ich mit krankhaft gemeint hätte. Ich blickte ihn aufrichtig an und sagte naiv, es sei eben sehr psychopathologisch bei ihm. Er bekam einen roten Schädel, die Adern traten hervor, Diedrich stand auf und sagte etwas Allgemeines über Studentenverhalten, wobei er in kurzen Abständen den Rauch einsog und schnell wieder auspaffte. Eine Kommilitonin sagte, daß die Raucher die engagierten Nichtraucher dazu mißbrauchten, ihr eigenes schlechtes Gewissen, das sie wegen des Rauchens hätten, zu entlasten. Ich griff das schnell auf. Dieser kompliziert und verquer vorgetragene Satz eignete sich dazu, Verwirrung zu stiften. Ich mißverstand ihn absichtlich und beantwortete etwas, das gar nicht gesagt worden war, und zwar wieder aufrichtig-naiv: "Sehr richtig", lobte ich die Studentin, "die krankhaften Nichtraucher sind ein wertvoller Faktor für uns. Ganze Seminare werden manchmal von ein, zwei krankhaften Nichtrauchern psychisch entlastet. Das hat enormen Einfluß auf die ganze Arbeitshaltung, wenn man nicht aus Gewohnheit und mit schlechten Gewissen raucht, quasi abgeschlafft, sondern GEGEN ein, zwei so Quängler in der Ecke." Der krankhafte Nichtraucher begann jetzt zu brüllen: "Ich kriege aber Kopfschmerzen davon! Was ist denn daran psychopathologisch! Ich will, daß mir das einer erklärte!"


Tatsächlich begannen jetzt einige über psychosomatische Krankheiten zu sprechen, ich konnte mich aus der Debatte ausklinken, Diedrich setzte sich wieder, und bald kam der Professor herein. Ein Gottfried-Benn-Gespräch begann.

Diedrich nahm von Anfang an das Heft in die Hand, gefiel sich darin, drei Zeitstunden lang alle anderen im Raum zu nichtssagenden Nullen zu degradieren. Ich selbst empfand die Demütigung nicht sehr stark, da ich die Zeit nutzte, mich schriftlich auf etwas anderes vorzubereiten.


Diedrich hatte sich erstmals auf eine Sitzung vorbereitet, hatte gut geschlafen und war so mächtig, daß der Professor alle Konzentration brauchte, ihm zu folgen, und alle Didaktik dabei vergessen mußte.


Zwischendurch ging ich in die Mensa. Ein Mädchen fiel mir auf, ein interessanter Vorfall: ich ließ den Blick über die Mensafresser schweifen und dachte nur immer: guck sie dir an, die Würmer, die hirn- und seelenlosen Amöben, die endzeitlichen Schwachköpfe! Die genetische Substanz gibt nichts mehr her, die Mutation ist zu Ende, Hirnblase mit Suchttrieb! Die apokalyptischen Reiter werden über sie hinwegfegen wie Napoleon über die Neger, mit krachendem Löffel auf der Affen Arsch!


Und wie ich das dachte, noch ganz erfüllt von der flutenden Rede Diedrichs, kreuzte sich mein Blick mit dem eines Mädchens, das dasselbe dachte. Mehrere Sekunden lang sahen wir uns kalt an. Ich ließ es dabei bewenden und kehrte ins Seminar zurück.


Nach dem Seminar trafen sich Annerose, Diedrich und Loio zu einer Gruppensitzung, Beginn 15 Uhr 30. Wir sprachen über Annerose, es kam wieder nichts heraus, so daß wir uns um 16 Uhr wieder trennten. Diedrich war nervös gewesen: Wie konnte man ihm eine so abgenutzte Problematik noch einmal zumuten!


So befand ich mich wieder allein im Philturm. Mittags quellig, quirlig, laut und bunt, war es jetzt, gegen fünf Uhr, schon wieder still wie im Leichenschauhaus. Jetzt sitzen die 35.000 Studentenkörper schon wieder in ihren popeligen Wégés und haben Gummizeug und Parkers in die Garderobe gehängt. Sie unterhalten sich über ihren studentischen Alltag, man erspare mir, das hier wiederzugeben.


Ich ging, wie Holden Caulfield durch die kalten Häuserblocks New Yorks, durch die Unigebäude. Was für ein Himmel! Er zwingt die Menschen ja geradezu, billige Ästhetisierungen zu entwerfen, so zu tun, als wären die bärbeißigen schleswigholsteinischen Schnaps- und Grogtrinker nichts weiter als die vernünftige Entsprechung zu diesem Himmel: zerrissener Sturmhimmel - hirnlose Säufer: alles klar. Wie kam ich bloß dazu, ausgerechnet hier im hohen Norden zu leben.


Ich setzte mich hin und machte mich an den nächsten folgerichtigen Schritt zum Thema Annerose: ich schrieb Nici einen Brief. Sollte sie für neuen Wind sorgen. Wenn ich den Status quo aufbrechen will, überall aber auf rettungslos ausgeleierte Kommunikationsstrukturen treffe, muß ich jene Elemente innerhalb meines Planes, die miteinander unverbunden sind, zusammenführen.


Während ich schreibe, spricht mich Telse an, geborene Diederichsen. Wie ich sie gefunden habe, letztlich in der Nacht, will sie wissen. Sie müsse einfach erfahren, wie andere sie sehen. Schwere Frage! Schließlich ist Telse ein Mädchen, von dem man nicht weiß, warum es auf der Welt ist. Sie ist nicht einmal spröde. Man muß Telse kennenlernen, um zu sehen, wieviel es bei den verklemmten, sich hinter Attitüden versteckenden, scheinbar gefühlskalten und triebfeindlichen Menschen zu entdecken und zu lieben gibt. Wie schillernd und menschlich ist das alles gegenüber Telse, die lebloser wirkt als eine Kuh. Freilich ist sie intelligent, aber was solls, selbst Anneroses horniger Zehennagel ist wirkungsvoller als Telse mitsamt ihrer Intelligenz. Soweit die Antwort, die ich natürlich nicht geben durfte. Lügen wollte ich auch nicht. Ein interessanter Fall also.


Als sie immer wieder darauf zurückkam, entschloß ich mich zu dem Satz: "Du bist ein Mädchen, das... also der Ausgangspunkt war frei, unverkrampft, günstig um sich kennenzulernen, und wir plauderten dann eine Stunde lang noch in aller Offenheit, hätten dies, wären wir ineinander verliebt gewesen, auch die ganze Nacht durch tun können... sind aber nicht verliebt. Was kann man sich besseres wünschen, als sich zu sehen, 'ne Stunde nett zu plaudern, ins Bett zu gehen und sich in aller Unverbindlichkeit zu trennen." Sie nickte. Dann bat ich sie, mich weiterschreiben zu lassen, ich würde sie in den nächsten Tagen besuchen.


So schrieb ich den Brief fertig, fuhr zu Annerose. Dort saß Frau Bücklers, trank Cognac, war noch vergnügter als sonst und zog über die Juden her. Außerdem erzählte sie, daß ihr ab und zu der Geist ihrer Großmutter erscheine, berichtete, verschämt und glucksend, von ihrer ersten Liebesnacht und tausend anderen Sachen, schließlich fuhren wir sie nach Hause und besuchten Diedrich.


Wir klingelten, hörten eine Frauenstimme: Mein Gott, wer stört denn jetzt schon wieder! Nach einigen Minuten machte Diedrich auf. Er hatte Stechapfel gegessen, hatte dicke Backen, führte uns ins Gästezimmer, vorbei an der liegenden Nici, die nur stöhnte. Wieder waren wir zu dritt zusammen und kamen nicht miteinander zurecht. Man redete Unverbindliches, sprach über Filme, Uni, Donald Duck. Ich unternahm den ersten Problematisierungsversuch, zückte den Brief an Nici. Diedrich las, erbleichte, mochte aber nichts dazulegen. Er wurde still, Annerose und ich bemühten uns stockend um weitere Belanglosigkeiten. Nach einiger Zeit hatte sich Diedrich erholt, übernahm wieder die unverbindliche Führung, bis ich den zweiten Versuch machte. Ich gab ihm 'Lagebericht, den einer schrieb, bevor er aus dem 8. Stock sprang" zu lesen. Er legte ihn weg und sagte, ich sähe einfach alles zu schwarz. Mehr wollte er nicht dazu sagen. So redeten wir wieder über Film und Fernsehen, Uni und Literatur. Annerose versuchte mitzureden, sprach dabei aber nicht in Sätzen, sondern in Fauxpas'. Dann gingen wir, überließen Diedrich der kranken Frau, liefen schnell Hause und fielen übereinander her.

Es war der 14.11.1977.

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