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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinckmann Buch 50

26.03.2018

50. Kapitel

 

1.1.78

 

Offener Brief an Annerose

 

Liebe Annerose,

wohltuend ist es, dich wieder rege beschäftigt zu sehen. Man sieht dich nur stundenweise, deine Zeit ist begrenzt und damit kostbar, du bist insgesamt aufgeweckt und schlagfertig. Wann immer ich dich nach dem Schulabgang kritisierte, war es wegen deiner Inaktivität (die mich selbst immer daran hinderte, etwas zu tun). Ich dachte immer: Der Geist bewegt die Welt, man muß sich für diese Welt interessieren und das heißt: man muß diese Welt intellektuell durchdringen wollen... Ist dieses Interesse nicht da (weil die Bücklersche Erziehung eine geistfeindliche, mystische, mittelalterlich-faschistische war...!), so sollte man sich zumindest praktisch für etwas interessieren: egal, was es ist. Dachte ich.

 

Heute ist es mir nicht mehr egal. Es gibt viel, was ich als Tätigkeit und Interessengebiet ablehnen würde, selbst wenn es dich ausfüllte und mir eine aufgeweckte Frau bescherte. Weil es anachronistisch wäre. Nämlich:

 

1. Das Abspielen anachronistischer Popmusik: Tube, Jethro Tull, Frank Zappa, Beatles, Supertramp, Eagles, Wishbone Ash u.ä.

 

2. Das Führen grundsätzlicher Sozialismusgespräche

 

3. Das „Kennenlernen neuer Leute“

 

4. Das weitere Hegen und Pflegen kleinbürgerlicher Wohnkultur

 

5. Jede Form von Kontakt mit Personen der Bücklersfamilie

 

6. Beschäftigung mit Bastelarbeiten jeder Art: Emaille, Häkeln, Stricken, Puzzeln, Laubsägearbeiten, Pinseln, Kochen

 

7. Beschäftigung mit Astrologie, Futurologie, Mystik, Kartenlegen, Handlesen, Homöopathie

 

8. Beschäftigung mit reaktionärer Literatur (Rebell Rimbaud). mit reaktionären Filmen (Der Schatz im Silbersee), mit reaktionärer Psychologie (Die Psychologie der Frau)

 

9. Beschäftigung mit Kitsch und Quatsch (Däneken)

 

10. Lesen reaktionärer Frauenzeitschriften (Petra, Brigitte etc.)

 

11. Kontakt mit Wohngemeinschaften

 

12. Beschäftigung mit „1968“

 

13. Einnahme von Drogen

 

14. Besuch von Subkulturdiskotheken

 

15. Lesen der Frankfurter Rundschau mit anschließender Terrorismusdiskussion

 

16. Eingehen einer neuen Liebesbeziehung

 

17. Beziehungsgespräche

 

18. Einkaufen und Essen

 

19. Wohnungssuche und Autokauf

 

20. Besuchen alter Bekannter mit anschließenden Ponyhofgesprächen

 

21. Gitarrespielen

 

22. Neckermannflüge

 

23. Handkelesen

 

Was all diesen Tätigkeiten gemein ist, ist ihr Anachronismus und ihr Verbinden mit Leuten, die anachronistisch denken, also NICHT denken, sondern in Klischees leben, also NICHT leben (Sinn unseres Erdendaseins ist, sich zu entwickeln...!).

 

Erlaubt sind dagegen alle Tätigkeiten, die nicht anachronistisch, nicht von der Studentengeneration einerseits und von Bücklersideologien andererseits verpfuscht sind. Also: Wenn Psychologie, dann Freud in der Gesamtausgabe, wenn Marxismus, dann Karl Marx im Original, wenn Filme, dann Howard Hawks, Capra, Bunuel, italienische Frührealisten u.vm.,

wenn Theater, dann Schauspielhaus und nicht Thalia, wenn neue Leute, dann solche aus einer neuen Schicht, also nicht neue alte Leute,

wenn Musik, dann keine Popmusik, sondern free Jazz inklusive theoretischer fundierter Anleitung, wenn Diskothek, dann eine in Lagos und nicht in Amsterdam,

wenn Zeitung, dann Frankfurter Rundschau OHNE anschließende Terrorismusdiskussion,

wenn Essen, dann im Restaurant jeden dritten Tag anstatt dreimal täglich zu Hause,

wenn Treffen mit alten Bekannten, dann um die eigene Kontinuität in der Entwicklung nachzuvollziehen,

wenn Handkelesen, dann um ihn zu parodieren,

wenn Besuch von Wohngemeinschaften, dann um sich auf Abartigkeiten und Bluten der Geistlosigkeit hinzuweisen,

wenn Wohnkultur, dann eine ä la Stephan Ohrt, wenn Liebesbeziehung, dann eine mit mir.

 

 

 

 

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