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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinckmann Buch 54

23.04.2018

54. Kapitel

 

19.1.1978

 

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn!

 

Nirgends lief mehr ein Seminar, die Mensazeit war vorbei und der ganze Komplex wie leergefegt, nur hier und da noch scheue, blasse Gesichter. Ein Arbeiten, ein Erleben gar wurde immer unmöglicher. So war es zweifellos sehr glücklich, daß ich von einem dieser blassen Studenten zwanzig Pfennige schnorren konnte und Annerose anrief.

 

20.1.1978

Elende Uni! Nicht von ohngefähr betrat ich sie erst um zwölf Uhr, und prompt geschah ein Malheur, das meine Erregung dämpfte. Ich spreche eine Studentin an, die ich irrtümlich für Diedrichs Freundin halte. "Bist du nicht Anja?" frage ich. Sie schüttelt unwirsch den Kopf. Ich wende mich wieder an meine Begleiterin, Anke Jacobsen, und diese sagt: "Das ist nicht Anja, sondern Frauke." Ich beginne, indem wir zur Mensa gehen, ein bißchen zu schwärmen. "Wunderbare Augen, schönes Gesicht, scharfgeschnittene Nase... edle Züge!"

 

Ich sitze dann in der Mensa, plötzlich wird mir schlecht. Ich muß husten, als ob Gase ausströmen. Um mich herum sitzen Ausländer, vielleicht Araber, Iraki, Pakistani. Sie reden aufeinander ein mit einer Geschwindigkeit, einer Lautstärke und einer Gleichförmigkeit als sei es auswenig gelernt. Sie sprechen restringierten Code, schnelle, abgehackte Informationen, kurze hingekotzte Sätze ohne Melodie und Struktur.

 

Ich stehe auf, huste stark und treffe am Ausgang wieder das Mädchen, das ich für Anja gehalten hatte. Ich sage: "Bist du nicht Frauke?" (inzwischen wohl wissend, daß es stimmte). Sie blickt mich haßerfüllt an und dreht weg, läßt mich einfach mit meiner Frage stehen. Ein Student, offenbar ihr Freund, kommt und fragt, was los sei. Sie sagt, ich hätte sie das schon einmal gefragt. Ich stottere: "Aber dafür kann ich doch nichts." Die beiden beachten mich nicht mehr.

 

In dieser Uni steckt der Satan. Es ist rational nicht erklärbar: Warum ist hier alles so dröge? Warum bringen einem gerade die Leute, die objektiv die Intelligenzija sind und für Diedrich mich retten will, in einen Zustand der Drögheit? Wieviel netter hätte eine Frau aus dem Volke reagiert: "Na, Süßer, so schnell geht's nicht bei mir", und ich wäre normal und heiter meines Weges gegangen.

 

Dann Brauneck. Als ich ihn heute hörte, verstand ich, was Olaf Moll gemeint hatte, als er sagte: "Fakten sind langweilig. Man kann und soll sich alle Fakten selbst konstruieren."

 

Wie tot und dröge, das einzig Interessante waren diese Wurstfinger, die sinnlos durch die Luft fuhren und Phantasiefiguren zeichneten. Alles, was Brauneck sagte, imponierte mir, andererseits hätte ich mit etwas Ruhe auch selbst drauf kommen können, mehr noch: Ich hätte einen Eindruck vermittelt.

 

Abends besuchte ich ein Mädchen namens Antje. Ich kannte sie kaum, hielt nicht viel von ihr, hoffte aber, durch sie neue Menschen kennenlernen zu können. Schon nach zehn Minuten schmökerte ich in ihren Fotoalben.

 

Ich ging chronologisch vor, von der Geburt 1956 bis - mich ein Bild fesselte, ich hatte gerade das 1976er Album aufgeschlagen. "Was für eine Nase, was für ein Profil!" dachte ich. Ich bombardierte die Albumbesitzerin mit Fragen über die fotografierte Schöne - sie hatte eine schönere Nase als Cleopatra -, schließlich fuhren wir hin. Das Mädchen lebte noch, wohnte in Hamburg, machte gerade Abitur.

 

An diesen Volksdorfer Villen gibt es keine Klingeln. Man betritt ohne Ankündigung das Haus und sucht die Bewohner. In der Eßdiele saßen offenbar die Eltern, Antje ging zu ihnen und sagte guten Tag, während ich im Wohnzimmer die Klassenlage abschätze. Dann hörte ich:

"So? Sowas! Ist er wieder zurück aus München! Und wohnt er wieder mit Annerose zusammen? Ahja. Soso. Hat es ihm nicht gefallen in München..." Es war eine ältliche Stimme, die eines vielleicht fünfzigjährigen Mannes.

 

Dann kam Antje zurück und wir gingen nach oben. Mir kam das Haus jetzt bekannt vor. Antje klärte mich auf: ich war bei Kolls. Das schönnäsige Mädchen war die in ganz Deutschland ob ihrer Schönheit gepriesene Koll-Tochter.

 

Sie schlief. Und war natürlich krank. Verwöhnte Millionärstöchtersind ja oft krank und schlafen viel. Antje weckte sie und zündete zwei Kerzen an, um sie nicht durch zu viel Licht zu schrecken. Sie sprach sehr leise, woran ich merkte, wie empfindsam das Töchterchen sein mußte. Antje war sehr still geworden und betrachtete verliebt oder versunken das hübsche Mädchen. Dieses begann einen Satz, hielt inne, beziehungsweise verlor sich mitten im Satz und vergaß alles um sie herum und war, in ihrem Für-sich-sein, entzückend anzuschauen. Dann klappte sie ein-, zweimal mit den schweren schwarzen Wimpern, lächelte und sprach den Satz zuende. Es war das einzige, was sie an diesem Abend sprach, und ich weiß nicht mehr, was es war. Vielleicht:

"Als ich heute Morgen in die silbernen Schuhe schlüpfte... überkam mich große Traurigkeit." Oder sie hatte vielleicht gesagt: "Der Fehler des Sozialismus ist... daß er durch die Sowjetunion unter Stalin pervertiert und kompromittiert wurde." Aber vielleicht, und das ist das Wahrscheinlichste, hat sie, in diesem einen Satz, gesagt: "Irgendwie... fühl ich mich heute nicht so." Egal. Sie gähnte.

 

Dieses zarte Gähnen und leichte Nasekrausen war eindrucksvoller als drei Jahre Diedrich-Vorträge. Nicht zu fassen, daß er aus mir einen Professor Unrat machen wollte, einen Weltveränderer und Systemüberwinder, einen Steppenwolf!

 

Nie mehr sollte ich den Blick auf die Fesseln und Füßchen... nein, dieser teuflische Plan war ihm mißglückt! Keiner weiß, was er mit Nici macht, aber der Verdacht, daß er sie ähnlich dem Leben entfremdet, liegt nahe. Blut und Boden, ähnlich Ewigweibliche, die Romantik, das alles gilt ihm nichts, dem Frevler. Die deutschen Nationalsozialisten sind für ihn einfach Kleinbürger. Gefühl, Erotik und körperliche Leidenschaft sind für ihn Verdummungsmethoden. Mit aufgerissenem Entenschnabel ruft er aus: "Jeden Löffel Samenerguß kannst du gleich aus dem Gehirn rausschöpfen!" Und setzt sich wieder an die Bücher, glaubt auch selbst daran, merkt nicht, wie er in schizoider Selbstverkennung längst die BILD-Zeitung über die Bücher gelegt hat, merkt nicht, wie ihm das ekstatische Saugen an der Coca-Cola-Flasche das Berühren der weiblichen Brust ersetzt, wie er im Tischfußballspiel sexuelle Energien abreagiert.

 

Doch zurück zu Hier und Jetzt: Gleich treffe ich Elenor, mit ihr fahre ich zu Antje und mit diesen beiden zusammen zur Millionärstochter, die übrigens auch einen Namen hat: Anette.

 

 

 

 

 

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