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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinckmann Buch 69

05.08.2018

69.  Kapitel

 

21.2.1978

 

Diedrichs Theorieküche hat einen neuen Zentralbegriff hervorgebracht: "Gegenwelt". Grund genug, ihn zum Gespräch zu laden.

 

Ich: Was meint das, „Gegenwelt“?

D.: Praktisch: sich nicht von momentanen Zuständen drankriegen zu lassen, auch im Stress und im Dreck die 'Gegenwelt' im Kopf haben ... zu wissen, daß es das gibt, diese Gegenwelt. Dazu muß man natürlich viele Erfahrungen gemacht haben.

Ich: Auf deutsch: Auch wenn man acht Stunden lang Eisenträger verladen hat, ins Theater gehen, obwohl man sich kaputt und dröge fühlt.

D.: Richtig. Einen Filmartikel schreiben, obwohl die Freundin mit einem Schluß gemacht hat und man am liebsten in die Kneipe rennen möchte.

Ich: Also Disziplinierung, ganz einfach.

D.: Ja, im Sinne von Entthronung des Lustprinzips, aber eine gezielte Disziplinierung.

Ich: Die, die 'Gegenwelt' im Auge hat.

D.: Ja. Übrigens muß man einmal ganz dem Lustprinzip gelebt haben, um zu dieser Einstellung zu kommen. Ich möchte also davor warnen, Leuten, jungen Schulmädchen etwa, schon jetzt so etwas zu empfehlen.

Ich: Was ist eigentlich Gutes daran, Filmartikel zu schreiben, anstatt in die Bordelle zu laufen und sich zu besaufen?

D.: Es macht Spaß, es ist lustvoll, wesentlich lustvoller als die sogenannte Lust des Fleisches oder ähnlich Geistloses

Ich: Das mach mal einem Eisenklopper klar, daß Filmkritikschreiben ...

D.: Die Lust, Informationen aufzunehmen, sie an schon gespeicherte Informationen heranzusetzen wie einen Legostein...

Ich: Gib mal ein Beispiel…

D.: Ich rede mit einem alten Grafen aus dem Baltikum über den Golfsport, lasse ihn mir bildhaft beschreiben und setze dann diese Golfbilder in meine Arbeitswelt ein. Das Präzise Umgehen mit dem Gabelstapler sehe ich plötzlich als Entsprechung zum präzisen Hantieren mit Schlägern, Ball und Loch.

Ich: Golf als Manifestation urmenschlichen Bedürfnisses , nach realisierter Geschicklichkeit im Kontext gesellschaftlicher oder sogar geselliger Interaktion.

0.: Natürlich. Um es noch einfacher, sogar leicht verfälschend zu sagen: dieses Golfgespräch verdichtet sich in meinem Kopf zu einem Bild, das ich weiterverwende, das ich in meine Bildersammlung im Kopf dazuhänge.

 Ich: Diedrich, der Bildersammler.

D.: Kann man sagen. Darin liegt nichts Lächerliches, ich sehe sogar eine Affinität zu deinem früheren Selbstverständnis als Klischeesammler.

Ich: Die Weiterverwendung von Bildern oder Klischees ist mir noch unklar. Ist das - also Stilisierung, darf ich so sagen? - AN SICH gut? Wenn sich Woody Allen als Bogart sieht oder wenn Doris Buck billige Metapherneruptionen inszeniert –

D.: Was hat Doris Buck gemacht?

Ich: Früher, auf Eimsbütteler Feten, etwa bei Hannes Alpheis und Thorsten Günther, „passierten“ ihr verbale Ausbrüche ganz sonderbarer Art. Vielleicht hatte sie viel Ginsberg gelesen, es war eine Suada, ein „Geheul“, aber eben recht billig, Bettermann hätte aus ihr etwas machen können, aber nicht Leute wie Ali Hempel, die sie großäugig beglotzten. Texte wie von Uriah Heep oder Led Zeppelin, also Gut und Böse, Höllenqualen als Kehrseite des extensiven Glücks, das Leben auspressen bis zum letzten Blutstropfen, Felsen hinunterstürzen und den Mutterschoß ersehnen, der Häßlichkeit ins Gesicht lachen und die Sühne ertragen, dem Monster, dem Moloch, dem Beton den Krieg erklären und –

D.: Reicht, reicht. Aber wie du schon sagst: Bettermann hätte aus ihr etwas machen können. Ich lasse es also gelten.

Ich: Auch Woody Allen als Bogart? Auch unkontrollierte Tagträume? Auch Nagel mit seinen Projektionen gegenüber Dagny?

D.: Das alles ist eine erkenntnisphilosophische Frage.

Ich: Am Ende sind alle Gehirne auf gleiche Weise strukturiert und die ganze Theorie fällt ins Wasser.

D.: Ja, vielleicht läuft es tatsächlich auf einen nur quantitativen Unterschied hinaus. Will sagen: ich habe einen IQ von 167, die anderen nur von 100.

Ich: Was bewirkt, dass du aus allem, was du tust und bist, eine geistige Bereicherung ziehst, neue Informationen, Bilder, Klischees, Phantasien, Konnotationen, Zusammenhänge, Erkenntnisse, Erleuchtungen ... während andere so etwas nur selten erleben, vielleicht, wenn sie das erste Mal Kokain spritzen. Das, was für andere Schlüsselerlebnisse sind, habe ich immer.

Ich: Seit wann?

D.: Schwer zu sagen. Vererbt ist es nicht. Es muss irgendeinen Punkt geben im Leben eines Menschen, wo es zu spät ist, noch klug zu werden, und einen Punkt, wo es zu spät ist, noch von den Umständen ...

Ich: ... determiniert zu werden, verblödet zu werden. Weil er sich inzwischen mit genug 'Gegenwelt' vollgesogen hat.

D.: Kann man so sagen.

 

 

 

 

 

 

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