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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinckmann Buch 73

05.09.2018

73. Kapitel

 

6.3.1978

 

Heute fing ich einen „Job“ an - den ersten meines Lebens. Die Überraschung konnte nicht größer sein: es war alles sehr LSD-artig, filmhaft, sehr sinnlich, erotisch. Die gelben U-Bahnen mit den Menschenmassen, die Abteile überfüllt mit Schülern und Schülerinnen, die voll jugendlichen Übermuts einem neuen Tag in ihrem jungen Leben bla bla…

 

Es dämmert, ich erreiche die Vorstädte, Deutschland liegt wie von Handke beschrieben in ungeahnter Modernität und Sauberkeit neben den Schienensträngen. Zehn Jahre nach 68, es hat sich vieles verändert, es geht jetzt alles noch besser, die Einkommen haben sich verdoppelt. Dann die schnellen und schicken Verkehrsverbindungen, wie das alles flutscht, lautlos, präzise, bequem. Der Busfahrer ist angenehm neutral, die Menschen sind gelassen, die Sitze rot und der Himmel blau. Eine Welt wie in Altman's „Drei Frauen“.

 

Schließlich der Betrieb. Alles neu, alles großzügig, alles perfekt. Kapitalistische Welt, schöne Welt. Alles ist geregelt, nirgendwo gibt es Pannen, Hektik oder Aggressionen. Die Leute behandeln einen sachlich, nicht aufdringlich, chauvinistisch, deutsch.

 

Berichte aus der Arbeitswelt

 

4.3.1978

 

Um fünf Uhr stehe ich auf, allein, habe sehr viel Zeit. 45 Minuten fürs Frühstück. Obwohl ich ein kleines Notizbuch mit mir führe, um etwaige Gedanken sofort festzuhalten, fällt mir nichts ein. 5.45 Uhr Dienstantritt. Die dreihundert Meter bis zum Dienstgebäude lege ich zu Fuß zurück. Es ist noch schwarze Nacht, es nieselt etwas, Vögel piepen ab und zu, einfallslos.

 

Gleich darauf beginnt die Arbeit, die ich am liebsten tue: sortieren. Schon nach dem ersten Tag war ich routiniert  genug, beim Sortieren innerlich abschalten zu können, besser gesagt: anschalten. Ich denke, wie schön die Uni ist und freue mich, wenn ein Brief für sie dabei ist.

 

Ich arbeite allein, entfernt von den männlichen Schweinen. Drehe ich mich um, habe ich höchstens zwei weibliche Schweine vor Augen, zwar abscheulich anzusehen, aber harmlos. Heute wurde mein mir zugewiesener Briefträger von den männlichen Schweinen aus Spaß blutig geschlagen, sowas kommt bei den weiblichen Schweinen nicht vor. Geschwulstartig wuchert ihr Gewebe aus den sowieso schon monumentalen Jeans heraus, breitet sich der Busen und andere Ausbuchtungen, die man dafür halten kann, in dem billigen, geschmacklos hellblauen Plastikpullover aus. Beide Frauen sind um die Vierzig, sehen älter aus, sind 1,50 Meter groß und ebenso breit. Ab und zu kommt ein männliches Schwein vorbei und macht ^Bumsbewegungen, faßt an die Titten, macht Witze wie. Muddi, besuchst mich ma, kannst was erleben, da kommst nich mit! (Er ahmt ihre Stimme nach!) Oh, oh, aufhören, ich kann nich mehr, oh, oh…“

 

Nach dem Sortieren werde ich zum Chef bestellt, Leiter der Abteilung. Er ist sehr nett und spricht ein dem Hochdeutschen erstaunlich gut angepaßtes Hamburgisch. Ich verstehe ihn, finde ihn freundlich, sympathisch, er fragt mich, ob er etwas für mich tun könne, ob ich Fragen hätte. Dann unterschreibe ich sieben weitere Formulare, zum Beispiel, daß ich davon Kenntnis erhalten habe, die Geburtsurkunde meiner Frau innerhalb der nächsten vier Wochen einreichen zu sollen.

 

Ich gehe zurück an meinen Arbeitsplatz, wo der mir zugewiesene Briefträger, ein kleiner harmloser Blumenzüchter, dem die Geschlechtsteile schon vor Jahren von den männlichen Kollegen abgerissen wurden, gerade zum zweitenmal aus Spaß verprügelt wird. Drei andere männliche Schweine haben ihn von hinten gepackt, zu Boden gezerrt und kitzeln ihn durch, während sie ihn niederhalten. Ich gucke weg.

 

Rechts neben mir sitzt ein ekelhafter Kerl, über dreißig, Beatltlefrisur, Pfeifenraucher, fettes, aufgeblasenes Pfannkuchengesicht, ein Schweinchengesicht, der Restkörper ebenso verfettet. Dieser Kerl, immer unwirsch, beginnt nun, mich gegen meinen Briefträger aufzuhetzen. Mein Briefträger ist offenbar vogelfrei, und das Schweinchengesicht will mir das signalisieren. Ist ja eigentlich gutgemeint. Ich soll meinem Briefträger ruhig herzhaft in die Nieren schlagen, die Kollegen decken das schon. Mein Briefträger heißt "Heinzi“, niemals habe ich ein Wort so häufig gehört. Die Mitschweine wabern und schmieren ständig auf ihn zu und denken sich „Sprüche“ aus wie: „Na, Heinzi, du, haha, haha, hast dir wieder einen runtergeholt, Heinzi, haha, was. Heinzi! Hahaha!“

 

Jetzt ertönt vom Lautsprecher eine Ansage, der Stellenleiter, der Sympathische, gibt Durchsagen. Lauter Krach bricht augenblicklich los. „Halts Maul!“ brüllen wie die Menschen des Dr. Moreau die Kollegen, gebärden sich wie Tiere, rütteln an Tischen und Schränken, rufen unflätiges Zeug, der Mob steht auf, die Revolution ist da. Den Stellenleiter, den Sympathischen, mögen sie also nicht. Ja, hier läßt man sich nichts sagen, hier ist echter, archaischer, revolutionärer Geist, hier liest man Mopo und Das Da, seit 1919 arbeiten Studenten aus der direkt angrenzenden Uni mit den Schweinen zusammen, von hier aus wird die Revolution losbrechen, wenn nicht vorher zivilisierte Konservative wie zum Beispiel Dr. Dregger dazwischenfahren!

 

Ich gehe dann zu den sog. Kleinpostfächern und hole die Briefe ab, dann zu den Großpostfächern für die Großpost, dann zu den Zeitungsfächern für die Zeitungen, dann zum Glaskasten für die Einschreiben und Meldebogen, dann zur Kasse für die Geldanweisungen. Dann packe ich Briefe, Großpost, Päckchen und Zeitungen in zwei bis drei große Taschen, hole ein Fahrrad und fahre zum Einsatzgebiet. Briefe und Großpost werfe ich in die Kästen, Einschreiben lasse ich unterschreiben oder hinterlasse eine schriftliche Benachrichtigung, Geldanweisungen lasse ich quittieren, Nachnahmen kassiere ich, faule Briefe nehme ich wieder mit.

 

Gegen Mittag, zwischen elf und eins, komme ich wieder beim Postamt an, trage zugestellte und nichtzugestellte Einschreiben, Nachnahmen etc. ein, tippe den Betrag in die Rechenmaschine, lasse gegenzeichnen und liefere dann Bogen und Restgeld bei der Kasse ab. Während der eigentlichen Briefträgertätigkeit regressiere ich zum Tagträumer.

 

Mein Notizbüchlein bleibt leer. Nach der Arbeit bin ich nicht sehr euphorisch, eher so leer wie mein Notizbuch.

 

 

 

 

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