© 2016-20 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Tag Cloud
Featured Review

Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

1/1
Please reload

Das Fritz Brinckmann Buch 76 (a)

02.10.2018

76. (a) Kapitel

 

14.4.1978

 

Bin immer noch bei der Post, aber das Konzept vom schnellen Nebenverdienst ist wohl hin. Muß Montag um sofortigen Urlaub bitten. Ist die einzige Chance, nicht gekündigt zu werden. Übernächsten Montag kann ich es mit einer neuen Tour noch einmal versuchen, werde dann wohl auch bis Mai durchhalten und 3.000,-- Mark kassieren, was ein Argument sein sollte. Die Post hat mir Geld und eine neue Ordnung gebracht (Schulden bezahlt, rückgemeldet und versichert, Autofrage geklärt, Prozess geklärt, Wohnung eingerichtet, Partyempfang durchgeführt, bei Wendt ordnungs- und kursus-gemäß eingeführt, gut eingekleidet, gesundheitlich fit gemacht), doch andererseits habe ich nicht mehr geschrieben, bin ich intellektuell abgestumpft und habe keinen Weg gefunden, etwas für meine berufliche Zukunft zu tun. Höchstens insofern, als ich meine Leistungskraft wieder besser taxieren kann: sie ist miserabel.

 

Auch mit gutem (nicht bestem) Willen bin ich langsamer als alle anderen, gedankenverloren, unkonzentriert. Gut war ich nur, wenn ich ein Spiel draus machte. Eine Woche lang nahm ich eine Stoppuhr mit und verglich auf Zehntel Sekunden die Zeiten vom Vortag, hetzte also wie ein Hürdenläufer und schlug mich selbst ein ums andere mal. Am Ende der Woche war ich mit meiner Tour um halb zwölf statt um halb vier fertig.

 

Freilich war ich damit immer noch eine Stunde langsamer als die anderen, und schludrig dazu. Wenn ich dann das Postgebäude sah und das Spiel aufhörte, machte ich, daß ich nach Hause kam, anstatt die Nachbereitung zu erledigen. So wurde meine Tour langsam zerschlissen wie ein alter Fahrrad-schlauch, und nur die Hilfe der Kollegen bewirkte, daß nicht alles drunter und drüber ging.

Die Kollegen wurden schließlich sauer. Aber hier setzt einer meiner Vorzüge ein: ich konnte immer wieder neue Kollegen mobilisieren, die mir halfen. Pro Woche verscherzte ich es mit etwa fünf Kollegen und gewinne fünf neue dazu. Am Ende verlängerte die Post sogar meinen Vertrag um weitere vier Wochen, gleichzeitig aber bekam ich erstmals eine Tour, die mir wirklich nicht paßte: leicht zwar wie alle, die ich hatte, aber häßlich. Sprachlose Rentner und andere Untermenschen, armselige Hinterhofe, Kasernen, langgezogene Häuserblocks ohne Beton und Plastik, ohne Werbung, Romantik, einfach nur Häuserblocks, nicht stilisierbar. Dazwischen aber auch richtig heruntergekommenes Abbruchparzellen und faulende Leichen, röchelnde Opas mit Hunden, ab und zu ein paar Türken, einzige Lichtblicke. Ohne die Gastarbeiter hätte ich schon fast die Post in den Kanal geworfen - für die Deutschen oder was von ihnen übriggeblieben ist, für die reflexlosen Fleischklumpen also, wollte ich keine Briefe in die Hand nehmen.

 

Heute traf ich dann auf meiner Tour zufällig Cornelia, die mir, der ich angewidert und tagträumend im Schneckentempo die Briefe in die Schlitze steckte, erzählte, sie habe früher auch zugestellt, es habe ihr riesengroßen Spaß gemacht. Das Wetter, das Radfahren, die geringe Entfremdung, alles tausendmal besser als im Büro hocken und tippen.

 

Dieselbe Cornelia sprach dann noch von ihren Berufsplänen, Ausbildungs-, Wohnort-, Sprachplänen, anschließend kaufte sie für mich ein, bereitete die Party vor, schenkte mir einen Kühlschrank, holte ihn sofort in meine Wohnung und machte ihn sauber, schenkte mir noch anderes Nützliche, Unentbehrliche, zündete uns zwei Zigaretten an und erzählte von ihrer Amerikareise letzten Sommer. Morgen wird sie Stephan aus dem Krankenhaus holen und, also was ich sagen will, ist:

 

Dieses Mädchen beherrschte den Postjob so wie ihr sonstiges Leben. Ich dagegen bin dem lächerlichen Postjob so wenig gewachsen wie anderen Lebensaufgaben oder Aufgaben allgemein. Das ist immerhin eine Erkenntnis, die sich operational einsetzen läßt. Es ist wohl so, daß es eine kleine Katastrophe gebe, wenn mich irgendjemand auf einen verantwortlichen Posten setzte.

 

Das Lustige ist diesmal, daß ich mich den so viel schnelleren und besseren Kollegen, vor allem den Aushilfen rettungslos überlegen vorkomme und natürlich auch bin. Diese Organisationsgenies, die zweitausend Namen pro Tag speichern, kennen und wissen, in welcher Etage Meier seit wann wohnt, diese Schnelldenker und schwungvollen Pragmatiker werden stotternde Krüppel, so bald ich ein paar Sätze mit ihnen wechsle. Wenn ich ihnen also so offensichtlich überlegen bin, gilt es doch nur noch, diese Überlegenheit zu lokalisieren, zu benennen, als Beruf zu formulieren und sich darauf, auf dieses Terrain, zu stürzen.

 

Also: was ist es, worin bin ich gut?

Menschenführung? Unterhaltung? Essayistik?

Diedrich fragen!

 

Zurück zum Ausgangspunkt.

Ich bin also, seit sechs Wochen, der Karriere nicht nähergekommen. Ich weiß nicht einmal, ob ich mich das nächste Semester beurlauben lassen soll (von der Uni) und eine Banklehre beginnen soll, das heißt, eigentlich weiß ich, daß es nicht geht bei meiner Zerstreutheit. Ich meine, was ist denn mit der Erlernbarkeit, mit der allmählichen Erlernbarkeit von Konzentration, Disziplin, Sauberkeit, Speicherfähigkeit, Verantwortungsgefühl?

 

Ich sehe zwar, daß sich der Postjob rettungslos verbraucht hat für mich, aber man könnte ja wechseln. Die Disziplin bliebe, die Tätigkeit wechselte und behielte eine inspirierende Kraft. Zwei Monate Post, zwei Monate Bank, zwei Monate NDR und schließlich Dauerstellung bei der Presse. Wäre doch was. Auf jeden Fall läßt mir das ganze Thema nicht einen Tag Ruhe. Es wird immer drängender für mich. Der psychische Druck eskaliert dynamisch. Auch bei Diedrich tut sich im Stillen allerhand. Ungeheure Umbrüche. Eine völlige Hinwendung zum Intellekt, zu den führenden Köpfen der Zeit, zu Philosophie, Strukturalismus, Gesellschaftsphänomenologie. Sicher, „das Wort" war immer schon sein Credo, aber jetzt erst macht er ernst damit, legt also noch einen Gang zu und entschwindet für mich in unerreichbare Regionen.

 

 

 

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload