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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Das Fritz Brinckmann Buch 78

17.10.2018

78. Kapitel

 

11.5.1978

 

Der Spaziergang mit Annerose am 12. Januar 1978, vier Tage, bevor wir uns trennten, an einem Sonntagnachmittag, bei trübem Schnee-Regen-Wetter: Aus der Idee heraus, ausnahmsweise einmal ehrlich zu sein, gab ich endlich zu,  demnächst von ihr wegziehen zu wollen, sie allein in der vertrockneten Wrangelwohnung zurückzulassen, meine Pläne selbst - ohne sie - auszuführen.

 

Dann gingen wir in der menschenleeren Sonntagnachmittagsstadt bei Regen, Schnee und Dunkelheit hin und her, klapperten fünf Adressen ab, niemand war da, keiner ließ uns ein. Schließlich trennten wir uns. Annerose stieg in die Straßenbahn, die in Richtung Wrangelstraße fuhr.

 

Was für eine Stunde! Was für ein Empfinden. Ich hatte niemanden, ich hatte es ohne jede Deckung getan, ich - schlimm, schlimm, Becketts Stücke sind warmherzig und heiter dagegen. Das erlebe so ein normaler, erfolgreicher Ehemann erst einmal!

 

Ich ging dann durch den leeren Campus zum Philturm, zum Verfügungsgebäude, dann zurück in die leere Mensa, und vor der leeren Mensa stand Annerose, die nur eine Station gefahren war ...

Normale, erfolgreiche Ehemänner vergnügen sich auf ekelhaften Partys (berichtet Eva Zeller), vögeln viel, reißen Tabus ein, predigen Freiheit und das Lustprinzip, trinken viel und rennen verzweifelt dagegen an, alles sinnlos zu finden. Denn sinnlos ist ihre krankhafte Kompensation: auch sie stecken bis obenhin voller Wiederholungen. Die "Spiele der Erwachsenen“, die Seitensprünge, die Party-witze, das Unkonventionelle Gebaren, die Sprachschablonen  - alles bis zum Überdruß gehört, gesehen, und die Jahre zerplatzen wie Sekunden. Rechtfertigungen, dennoch leben zu wollen, werden an den Haaren herbeigezogen. Meistens sind es 'die Kinder', die es 'einmal besser haben' sollen.

 

Bruder Eckart wiederum, der zugibt, seit zwei Jahren „wie nicht“ zu leben, muß „Linker“ sein, um nicht zu verzweifeln. „Kurios. kurios“, sagt der alte Buddenbrook und schließt die Augen.

Fassen wir zusammen: All diese vielen Zeitgenossen leben ein sinnloses Leben und fühlen sich dementsprechend. Sie werden entweder täglich kleiner bis sie lebende Klischees sind, oder sie sind unglücklich und nehmen Valium.

 

Professor Hillmann ist jovial: ein Linker, der sich ebr nichts und niemandem ekelt, ein sozialer Aufsteiger, der noch immer Genugtuung darin findet, „Professor“  zu sein' ein zweifacher Ehemann und Familienvater, der sich keine Gedanken um die Freizeitgestaltung zu machen braucht. Tja, so geht es, abgesehen davon, daß Professor Hillmann sein Leben bewußt lebt bzw. spielt und genießerisch in Szene setzt.

 

Nehmen wir Holger Hofmann. Seit vierzig Jahren arbeitet er ununterbrochen. Im Urlaub sitzt er nie ohne Diktiergerät im Pensionszimmer. Dieser Mann scheint sich wie ein Besessener, sagen wir: wie ein Besinnungsloser an eine Beschäftigung zu klammern. Aus welchem Grund? Ist er in jungen (und etwas späteren) Jahren zu der Erkenntnis gekommen, daß sein Leben sinnlos, ein Selbstmord noch sinnloser und ein Zustand der Arbeit erträglich bis angenehm ist? Noch zehn, fünfzehn Jahre (höchstens), dann ist es aus mit ihm. Ich werde zur Beerdigung gehen und mich fragen, warum dieser Mann sein Leben nicht anders gestaltet hat.

 

Oder nehmen wir Herrn Werner Klose, Kunstmaler, München. Eine Tochter, 18, eine reizende, zierliche Frau, 55. Herr Klose malt jeden Morgen, wenn die Sonne aufgeht, ein Bild. Dann legt er sich wieder hin, geht spazieren, liest ein gutes Buch, hört Radio, malt noch ein Bild und geht endgültig schlafen. Das macht er seit genau dreißig Jahren. Er ist menschenscheu (immer noch! denke ich), stottert, kann sich nicht ausdrücken, verdient kein Geld, wird allmählich krank (hinkt bereits seit dem Krieg), ist der Tochter kein Vater und der Frau kein Mann. Tja, also nun: ob er sich je Rechenschaft ablegt? Ob er sein Leben unter eigener Regie führt, Denkt er? Ist er sein eigener Herr, ist er den anderen und der Welt gegenüber souverän, Weiß nicht!

 

Nun zu mir. Ich behaupte, niemals Objekt, sondern immer Subjekt meines Lebens gewesen zu sein. Ich behaupte, den Netzen der totalen Manipulation entgangen zu sein und neunundneunzig Prozent unserer Mitbürger überlegen zu sein. Welche Sprach- und Bewußtseinsschablonen sie auch immer abspulen, es sind eingebimste Schablonen und damit wertlos. Nur ich und das restliche Prozent sind eigen. Nur 'wir' haben überhaupt die Chance, einen Sinn zu finden.

 

 

 

 

 

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