I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Tag Cloud
Featured Review

Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

1/1
Please reload

Die Frauen, die Kunst und der Staat 3

14.03.2019

 ...An sich hatte ich nichts gegen Künstler. Einige meiner besten Freunde waren Künstler gewesen. Aber nun mußte ich diesen Roman schreiben, um mein Zimmer abzugelten, ausgerechnet im Künstlerhotel, und das ließ diese Abart von Homosapiens wieder in mein Blickfeld rücken, diesmal schärfer und greller und gruseliger denn je. Schon einmal, 1982, hatte ich einen Sommer mit Künstlern verbracht und war dabei böse traumatisiert worden. Bildmenschen waren sie, allesamt. Das Wort galt ihnen nicht viel, höchstens das Schimpfwort. Das war für mich, den altertümlichen Schriftsteller, natürlich schlimm. Aber ich wollte warm und beköstigt über den Winter kommen. Und so trank ich sogar manchmal mit ihnen, den Künstlern, und lachte mit, herzhaft und ausgelassen, so gut ich eben konnte. Anschließend konnte ich mich für ein paar Tage wegwerfen, Tage, in denen ich von morgens bis abends schlafen mußte. Nach einem Abend mit Albert Oehlen hatte ich einmal 26 Stunden durchgeratzt. Er hatte mich durch einige Bordelle geführt und sich somit als echter Toulouse-Lautrek ausgewiesen, als ein Künstler, der seine unvergleichlich intensiven Anregungen, ja Visionen aus dem Schoße des grenzenlosen Lasters schöpfte, aus Schößen und Tiefen also, die der gemeine Spießer sich nur zu erträumen wagte.

Einmal war ich mit Werner Büttner unterwegs. Er bot mir zunächst formell die Freundschaft an, unterrichtete mich dann von seinen Problemen bei der Selbstbefriedigung, fragte dann, ob ich diese Probleme auch habe, lief dann in zwei Nachtclubs, wo sich mercedesfahrende Fleischereibesitzer und Immobilienmakler gute Nacht sagten.

Ich wußte nicht, was das sollte. Im Broadway Café saß ein österreichischer Künstler namens Joseph Strau. Eine erweiterte Runde saß da zusammen, auch Moyo Thompson, der Ende der sechziger Jahre 'Art And Language' erfunden hatte, eine meiner verständlicherweise wenigen Hoffnungen in der Kunst. Aber Thompson interessierte mich nicht sonderlich, den kannte ich schon. Nur der Österreicher war neu. Er wirkte recht schüchtern. Ein paarmal hatte man ihn im Künstlerlokal 'KW' gesehen, wie er schüchtern auf seine großen Füße sah. Die Leute riefen ihn 'Kafka', die Kinder nannten ihn wahrscheinlich, so er Kinder in der Nachbarschaft hatte, 'Goofy'. Er schien ein dürrer, großer Hund zu sein, dem das Herrchen weggestorben war, und der nun nicht mehr ein noch aus wußte. Leider gelang es mir nicht, mit ihm Kontakt aufzunehmen.

Ich stauchte die Bedienung im Broadway Café in Grund und Boden. "Sie haben echte Kippenberger-Plakate vernichtet! Wissen Sie nicht, was ein echtes original-handsigniertes Kippenbergerplakat auf dem Kunstmarkt bringt? Mit dem Erlös hätten Sie in die Karibik fahren können!" Art and Language glaubte an die Sprache in der Kunst. Angeblich bestand die einzige Bedeutung eines Kunstwerkes in den Worten, die über es gesprochen wurden. Eine richtige Einstellung. Erfinder Mayo Thompson interessierte sich noch für Musik, und das machte vieles zunichte. Viel lieber schien er Lieder zu singen und eine Gitarre in der Hand zu halten, als daß er Art-and-Language-Bilder malte. So trat er während seiner Ausstellungen als Avantgarde-Barde auf, und seine Bilder verkamen zur unpassenden Konzert-Kulisse. Nach fünf Langspielplatten, die er mit seinen gut verkäuflichen Bildern finanzierte, wurde er in London und Köln ordinärer Plattenproduzent sogenannter 'guter', also halbavantgardistischer Rockgruppen. Dabei konnte er seinen Platz in der Kunstgeschichte gar nicht mehr verlieren. Er war fast ein Klassiker der Moderne, es fehlte nur ein Quentchen. Wahrscheinlich wußte er es nicht. Er war fünfundvierzig Jahre alt und hatte eine junge Frau. Als Plattenproduzent verdiente er ein Pfund. Der jungen Frau konnte er London zu Füßen legen. Die Locken, das Doppelkinn, die am Bauch und in den Hüften spannenden, schwärzlichen New-Wave-Anzüge, das zerstörte Gesicht, die Parkinson'schen der schon erahnbare leichte Schlaganfall im nächsten Hochsommer, der Tadder beim Sprechen: der Gute war voll damit beschäftigt, die Kleine zu halten, da war nicht mehr viel Kraft übrig für etwas anderes. Sicher erfüllte er sich mit der Kleinen seinen letzten großen Herzenswunsch. So etwas Niedliches und Blondes-Blauäugiges hatte er wohl immer haben wollen und so lange nicht gehabt. Stattdessen Ehe, Nachwuchs, Art-and-Language, Art-and-Langeweile, ein bißchen blöde Rock-Musik, als Papa, um jung zu bleiben. Er saß im Broadway Café, um sich den schüchternen Österreicher, natürlich die Kleine, Psychopathen-Krebber und zwei, drei andere Lauscher aus der Wenzel-am-Ring-Szene versammelt. Sie hörten ihm zu, dem großen alten Mann, der Art and Language erfunden hatte. Später erfuhr ich, daß sowohl Strau als auch Psychopathen-Krebber und dessen Freundin zu dem Kommando gehörte, das Aktionen gegen die Drogen-Love-In Party durchführte. Daß Mayo Thompson seine altgewordenen Finger in diesem Spiel hatte, wollte mir nicht in den Kopf, denn er grüßte mich freundlich, vielleicht aber nur deswegen, weil ich ihn über beide Backen freundlich angrinste. Auch ich hatte nämlich eine nervöse, anspruchsvolle, überaus attraktive Frau und war selbst nicht mehr der Jüngste, war gut doppelt so alt wie mein kleiner Blendfisch. Daher war mir der Mann innerlich recht nah und ich hatte nichts gegen ihn. Sicher litt er Höllenqualen, wenn die halbe Stadt nach seiner hellweiß blondierten Zierpuppe lechzte, und wenn diese auch noch angeregt mit südamerikanischen Stechern heiße Blicke tauschte, unter dem Tisch mit Gigolos aus der jungen Kölner Möchtegernkünstlerclique, dem sogenannten 'Kreis Würges am Ring', fußelte, oder die Hand auf dem behaarten Unterarm eines Gesprächspartners liegen ließ, einfach so, ohne Absicht, dann versammelten sich die Thrombosen seiner Blutkreisbahnen schon kurz vor der Herzkammer und hielten ein Teach-In ab. Dann lief die Pumpe nur noch hektisch stotternd, das Ende kam bedrohlich näher, Art and Language war kurz davor endgültig ein Klassiker zu werden, jede Minute, ja Sekunde sägte an den wunden Nervenfäden, bis sie durchgesägt waren und mit einem unhörbaren 'zipp!' rissen. Dann raffte sich der Alte auf, er bäumte sich wiehernd auf, gab den Bären, erzählte Geschichten aus der guten verflossenen Art and Language Ära, schmiß Lokalrunden, umarmte die maskuline Konkurrenz. Ich kannte das alles, ich war selber so. Für eine übertrieben schöne Frau mußte man der Gesellschaft einen Preis entrichten, ein Entgelt, einen Lastenausgleich oder auch Schadensersatzausgleich, denn eigentlich steht die übertrieben schöne Frau allen zu, der ganzen Gesellschaft, denn dazu ist die übertrieben schöne Frau ja da. Das war damals so und wird immer so sein. Damals, im Winter 88/89.

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

© 2016-20 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft