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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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„Man will immer, daß es auf die Welt kommt…“

24.03.2019

Joachim Lottmann im Interview mit Thomas Draschan über die späte Veröffentlichung von ‚Die Frauen, die Kunst und der Staat‘ (Teil 2):

 


Thomas Draschan: Wie ging es nach dem Skandal für Sie weiter? Der nächstfolgende Roman war ja „Mai, Juni, Juli“.


Joachim Lottmann: Der war vorher.


Draschan: Okee… Wie haben Sie sich dann aufrappeln können, das nächste Buch zu schreiben?


Lottmann: Ich möchte, mit Verlaub, noch ein bißchen bei „Die Frauen, die Kunst und so weiter“ bleiben. Es ist ja wirklich ein guter Roman, also guter Stoff, hinreißend geschrieben, sehr nah am Leben, das gefeiert wird, an Köln, an der schönen Zeit damals, den späten 80ern, als die Welt noch so locker und lebendig und sexy war. Ich meine damit ausdrücklich nicht nur die Kunstszene, sondern überhaupt. Die ganze Gesellschaft war aufregender und vitaler als heute, nicht so alt.      

                                                           
Draschan: Das kann jeder sagen. Wahrscheinlich würde das auch ein seniler Knacker von der AfD unterschreiben.


Lottmann (schlägt eine beliebige Seite im Buch auf): Sie können einfach einen Satz lesen, egal welchen, und verstehen sofort, was ich meine. Etwa den: ‚…Zum erstenmal sah er mir ins Gesicht. Keine glutvollen Augen, nur blasses Grau. Er wirkte müde. Jeans und Stiefel. Er rutschte weg. „Danke… sehr nett, danke!“ Wir liefen durch die Straßen. Das reine Glück. Die vielen Geschäfte, all die netten Menschen. Kölner seit zweitausend Jahren. Hennes & Mauritz. Die gute Musik zog einen hinein, in den Hennes & Mauritz Shop. Ich wurde gleich noch besser gelaunt…‘ 


Draschan: Hat das bis heute Konsequenzen, der damalige Skandal? Und ist das eine Motivation, ihn jetzt noch einmal herauszubringen?

 

Lottmann: Die Konsequenzen sind heute fast nur noch positiv. Gestern bat mich der Sohn von Kasper König um einen Katalogbeitrag für eine seiner Künstlerinnen. Kasper König kommt in dem Buch vor, sein Sohn kennt es nur gerüchteweise, nur seine Aura, wenn Sie so wollen. Aber diese Aura ist inzwischen so stark, daß ich dadurch viel Geld verdienen

 

 

 "Diedrich Diedrichsen soll kürzlich zynisch laut aufgelacht haben"


Draschan: Welche KünstlerIn soll das denn sein?


Lottmann: Natascha Süder-Happelmann. Sie repräsentiert Deutschland auf der diesjährigen Biennale in Venedig. 


Draschan: Nie gehört.


Lottmann: Ein Pseudonym der deutsch-iranischen Installations- und Videokünstlerin Sadr Haghighian.


Draschan: Nie gehört.


Lottmann: Sie gestaltet, äh, bespielt den deutschen Pavillon.


Draschan: Hängt die Motivation, das Buch jetzt herauszubringen, nicht eher mit den vielen Fans zusammen, bei denen es zirkuliert, und die seit zwanzig Jahren versuchen, Sie zu überreden, es zu veröffentlichen?


Lottmann: Ja, natürlich, das ist der Grund. Ich wäre nicht allein soweit gegangen, obwohl ich nicht sagen will, daß ich es vergessen hätte. Man vergisst ein eigenes Buch nicht, wenn es gut ist, also echt ist. Das ist ja wie ein eigenes Kind. Man will eigentlich, solange man lebt, daß es auf die Welt kommt.


Draschan: Seit 2018 leben Sie in Tel Aviv, nicht mehr in Europa. Denken Sie selbst da an ein altes Buch, das vor fast dreißig Jahren in einer kleinen deutschen Stadt entstand?


Lottmann: Köln war damals nicht so klein. 

 

"Sie versank, wie diese ganze Welt", Svenja Rossa, ca. 1988


Draschan: Mit welchem Buch ist Ihnen dann das Comeback gelungen? 


Lottmann: Warten Sie… das sage ich Ihnen gleich. Die Künstlerwelt in Köln damals bestand ja auch aus Schriftstellern, Lyrikern, Avantgarde-Autoren aus dem Journalismus, aus Leuten der musikalischen Subkultur, und all diese Leute verdienten dann auch noch Geld in der Werbung. Und zogen schöne Frauen magisch an. Die ganze Jugend strömte dorthin. Kann man das noch mit heute vergleichen? Sicher nicht. 


Draschan: Das nächste Buch war dann ‚Deutsche Einheit‘?


Lottmann: Und die einzelnen Stars werden treffsicher gezeichnet, und zwar mit einem Schlag, in dem Moment, da sie auftauchen im Buch. Als würden sie fotografiert, von einem Blitzlicht erfaßt. Zack! Schon sieht man sie vor sich, unverwechselbar, mit wenigen genialen Strichen gezeichnet, man erkennt sie wieder, das Herz lacht einem dabei. Diederichsen, Walter Dahn, die Oehlen Brüder, Kippenberger. Ich bezweifle sogar, daß ich heute so etwas noch könnte. Ich brauche viel mehr Sätze für dieselbe Aussage, und die Wirkung ist entsprechend verlangsamt.


Draschan: Was ist mit den fünf Büchern passiert, die Sie in den Jahren geschrieben haben, in denen Sie durch den Skandal so geächtet waren, daß Kiepenheuer & Witsch nichts von Ihnen publiziert hat?


Lottmann: Jetzt ist die Reihenfolge richtig. ‚Verliebt‘ war der Roman, der auf ‚FKS‘ (Die Frauen, die Kunst und der Staat) folgte. Literarisch noch besser, ja vielleicht mein bester Text überhaupt. Aber eine Liebesgeschichte und nicht so relevant, jedenfalls vordergründig. Es war natürlich trotzdem lupenreine Popliteratur und daher eigentlich ein noch besseres Dokument der alten Bundesrepublik als FKS. Gefeiert wird auch hier die bloße Existenz an sich, also das Glück, ausgerechnet in dieser Zeit, diesem Land und dieser Stadt leben zu dürfen. 


Draschan: Wo kann man das lesen?


Lottmann: In meinem Keller in der Berliner Wohnung.


Draschan: Nicht eines Tages in einer Sonderedition der ‚Gesellschaft der Literaturfreunde Frank Hornung e.V.‘?


Lottmann: Schaun' mer mal.


Draschan: Hat der Skandal zu einem Ende aller Freundschaften in Köln geführt, oder haben sich manche Freundschaften davon wieder erholt?


Lottmann: Kurioserweise hat ausgerechnet Martin Kippenberger mir sofort vergeben, schon am nächsten Morgen beim Frühstück im Hotel Chelsea. Er zog mich an seinen Tisch und zwang mich, neben ihm Platz zu nehmen. Er war mir wirklich nicht böse, ich tat ihm leid. Das Verhalten der anderen gibt mir bis heute Rätsel auf. Diedrich Diederichsen, mit dem ich neun Jahre zur Schule gegangen war, soll kürzlich zynisch laut aufgelacht haben, als man ihn fragte, ob er noch Kontakt zu mir habe. 


Draschan: So kannten Sie sich nur in der Schulzeit, später nicht mehr?


Lottmann: Später natürlich erst recht. Die erste Zigarette, die erste Freundin, der erste Artikel für Zeitungen, alles gemeinsam erlebt, wie die Gallagher Brüder von Oasis.


Draschan: Die mögen sich ja auch nicht mehr.


Lottmann: Die mochten sich noch nie!


Draschan: Hatten Sie mit dem frühen Ableben von Martin Kippenberger gerechnet?


Lottmann: Ja, habe ich tatsächlich. Damals starb man schneller als heute. Der erste Tote, der ihm schon 1990 vorausging, war der äußerst heldenhafte Stephan T. Ohrt. Die Leser kennen ihn aus ‚Mai, Juni, Juli‘ (sowie aus den frühen Tagebüchern, die die ‚Gesellschaft der Literaturfreunde‘ letztes Jahr herausbrachte). Das war bereits ein Tod mit Ansage. Nämlich der Ärzte. Die hatten, wie bei Kippenberger, ein baldiges und nicht mehr behebbares Nierenversagen angekündigt.
Draschan: Das klingt jetzt aber wenig nach Lottmann. Das klingt so, als hätten sich da Leute einfach zu Tode getrunken?


Lottmann: Oh nein, natürlich nicht. Die großen Tragödien des Lebens geschehen jenseits des Alkohols, und sie geschehen in der Jugend. Man kann nicht begreifen, daß man die Liebe kennenlernt und sie trotzdem an einem vorüberzieht. Das ist zu widersinnig, zu grausam. In den späten 80er Jahren, also zur Zeit des Buches, kannte ich mehrere junge Männer, die sich unsterblich in dasselbe Mädchen verliebten. Nur einer davon war Stephan T. Ohrt, und die anderen endeten fast ähnlich.


Draschan: Das wäre ja ein noch besserer Stoff gewesen?


Lottmann: Ich konnte es nicht tun, weil ich selbst noch zu jung war, um es zu verstehen. Ich war befangen, gab dem Mädchen die Schuld, ahnte aber die ganze Zeit, daß das nicht die Wahrheit sein konnte. Sie war 17 Jahre alt und konnte nichts dafür. Ihre einzige Schuld war, daß sie mitfühlender und tiefgründiger war als andere. Dazu noch intelligenter und schlagfertiger, muß ich zugeben, ganz abgesehen von ihrem wahrlich perfekten Aussehen, für das sie aber auch nichts konnte.


Draschan: Wie hieß sie denn?


Lottmann: Svenja Rossa.


Draschan: Nie gehört. Was wurde aus ihr?


Lottmann: Sie versank, wie diese ganze Welt.


Draschan: Was wurde aus Susanne Kippenberger, der Schwester von Martin Kippenberger, die ja auch ein Buch über ihn herausbrachte, erst letztes Jahr, glaube ich. Ist auch sie Ihnen gegenüber nachtragend?


Lottmann: Überhaupt nicht, also so wenig wie ihr Bruder. 


Draschan: Sehen Sie in FKS eine Parallele zu dem Art Basel Buch von Tom Wolfe?


Lottmann: Nur inhaltlich und formal.


Draschan: In der Zeit haben Sie auch viel fotografiert. Ich habe ein paar von den Sachen gesehen, da gibt es auch ein paar ganz tolle Kippenberger Fotos. Wird es einmal die Gelegenheit geben, die irgendwo in einer Ausstellung zu sehen?


Lottmann: Angela Stief wird 2020 eine entsprechende Show organisieren.


Draschan: Angela Stief, echt?


Lottmann: Die angesehene Wiener Galeristin, ja.


Draschan: Wäre eine Karriere, wie sie Kippenberger gemacht hat, mit zotigen Witzen, Weibergeschichten, eigenen Büchern über Frauen, wo er seine ganzen erotischen Erfolge auflistet, heute in #MeToo Zeiten überhaupt noch denkbar? Könnte so eine Figur, so ein Künstler noch einmal hochkommen?


Lottmann: Innerhalb von vier Tagen säße er hinter Gittern.  
(…)
Teil 3 folgend im April 2019

 

 

Stephan T. Ohrt, ca. 1988

 

 

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