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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 4

14.04.2019

 

 

... Die 92 Partys mußten bewältigt werden. Neue Discotheken schienen extra für die Messe aufgemacht worden zu sein. Und überall die enervierende Acid House Musik, die einem schnell auf den Wecker ging. Ein harmloser Aquarellist lief mit 350 Trips am Kölner Glitzer-Flughafen in die Zollfahndung:

"Das sind genau fünf Jahre", meinte der Barmixer wütend. Offenbar war er ein Freund des harmlosen Aquarellisten. Fünf Jahre Knast, Klingelpütz, auf jeden Fall: er wollte mit Drogenpartys NIEMALS etwas zu tun haben. Ich bat ihn, auf unserer Party die Drinks zu mixen, aber er schüttelte entschlossen den Kopf. Seine Drinks, Cocktails mit vier verschiedenen Alkoholika sowie Limonen, Puderzucker, Sirup und Eis, wirkten nämlich genauso wie LSD. Man hätte den Gästen beim Eintreten Placebos auf die Zunge legen und einen Irrwitz-Cocktail in die Hand drücken können, und sie wären alle ausgeklinkt. Die Placebos hatten wir bereits: halbmillimeterkleine Pucatilla-Kügelchen.

"Geld ist übrigens kein Problem", munterte ich ihn auf, "ein bundesdeutscher angesehener Großverlag sponsort die Chose!"

"Vier Blaue für fünf Stunden!"

Er war dabei.

Bei Monika Sprüth standen sich hundertfünfzig Händler und Politiker die Beine in den Bauch. Ihre Party galt als eine der drei Partys, die man während der Messe nicht versäumen durfte, wollte man im Geschäft bleiben. Die anderen beiden: Tanja Grunerts und Max Hetzlers Party. Alle drei Namen gehörten Galerien, die den Boom an den Rhein gebracht hatten und die seit zehn, seit fünf Jahren zunehmend das Geschehen steuerten. Am Anfang stand die Idee einer neuartigen alljährlichen deutschen Messe für internationale Gegenwartskunst. Tatsächlich gab es dergleichen vorher nicht, wie mir ein Student der Kunstgeschichte versicherte, der es auf sich nahm, mir wenigstens ein paar Häppchen Wissen aufzunötigen, mitten auf der Monika Sprüth Veranstaltung. Ich hörte ihm verzweifelt angestrengt zu, diesem Filius von Immendorf oder Baselitz. Theorie haftete nicht bei mir, an meinen Gehirnwänden, rutschte immer ab, kam gar nicht erst an, und so sagte ich, nachdem er mir etwas von Ausdruckskunst, die leidenschaftlich sei und aus dem Bauch komme, und von Konzeptkunst, die mit der Kunstgeschichte spiele, erzählt hatte:

"Und dein Vater war Immendorf, wie ich hörte?"

"Nein, Baselitz."

"Mensch, da kann man ja Komplexe kriegen." "

Verstehe ich ÜBERHAUPT nicht. Wieso soll man, Herrgottnochmal, deswegen Komplexe kriegen. Mein Vater ist ein ganz normaler, sehr netter, freundlicher, umgänglicher Mann."

Zu dem Zeitpunkt stand Baselitz unangefochten auf Platz Eins der bestverkaufendsten Künstler Liste der Zeitschrift 'Capital'. Baselitz war das, und zwar seit mehreren Jahren, im Kunstbereich, was David Bowie Anfang bis Mitte der 80er Jahre im Musikbereich gewesen war. Ich sagte:

"Na, das ist doch ein großer Name. Da kriegt man schon Respekt. Stell dir bloß mal vor, du würdest erfahren, mein Vater hieße Thomas Mann!" "

Wer ist das?"

Ich lachte herzlich. Hübsch reagiert, wirklich charmant. Aber er meinte es so, da er nicht mitlachte.

Ich schob mich am heißen Buffett entlang, wo ein acht-Sterne-Koch die Lachssuppe servierte, unterstützt von zwei Dienern, die kleiner waren als er. Und kaum sah ich vom Teller auf, sah ich ihn: Kunstkritiker Diederichsen. Speckig, fettig, dicklich und gutgelaunt, die Haare lang wie Winnetou, das Gesicht voller Pickel, unrasiert seit einer Woche, so stand er, eine Doppelportion auf seinem Teller verschlingend, an übersichtlicher Stelle im Partyraum, die Menschen mit Blicken verschlingend wie die Lammkoteletts auf dem schweren Porzellanteller, mit lustigen Äuglein und gerecktem Hals. Er trug zerrissene, ja zerstörte Stoffturnschuhe, faltenschlagende Jeans, so ungewaschen wie die Haare, und einquelliges, ehemals weißes Bläh-Hemd. Ich gab ihm glücklich die Hand, spürte den Bluthochdruck und den Schweiß, wischte sie mir mit einer Serviette wieder trocken, und lachte. 

"Wie schön dich zu sehen!"

An sich haßte ich Verwahrlosung, aber an diesem Abend war Diederichsen der einzige, der nicht in feinem Zwirn erschien.

"Welch ein Outfit...!"

"Sobald die Messe endet, kommt alles wieder runter. Dann lass ich mir eine New Age Birne scheren."

Er wirkte wie ein Fettfleck auf dem schneeweißen Damast-Tischtuch. Aber Diederichsen war ein ehrenwerter Mann. Er gehörte zu den ganz Großen in der Stadt - nur ihm trauten viele der neuen Erfolgskünstler zu, Kunst zu verstehen. Er formulierte wie ein Gott. Dabei verdiente er nichts und tat alles nur für seine ehrgeizige Freundin, die er pushte wie Orson Wells in Citizan Cane dessen talentlose Frau, die wohl Sängerin war. Diederichsens Frau war Malerin. Seit Jahren pushte er sie, und vorübergehend hatte sich sogar der Erfolg eingestellt, bis sie wieder abstürzte ins bedeutungslose Gestern. Doch Diederichsen pushte weiter, drehte hier und da, gab nicht auf. Daß er nun bei Monika Sprüth stand, konnte nur heißen, daß er etwas für sein Weibchen herausholen wollte. In dieser Branche hatte ins Irrationale gesteigerte Ausdauer eine eigene Funktion, einen eigenen Wert. Was sich schließlich durchsetzte, mit welchen Mitteln auch immer, war einfach gut, es steckte ein Wille dahinter, eine eigensinnige, verbohrte Energie, auch wenn sie über mehrere Ecken lief, über ein Medium, über einen Liebeskranken. Auch dieser Liebeskranke mußte ja zum Srühen und Glühen gebracht werden, durch irgendetwas, das existierte. Wenn dieses Irgendetwas noch die Kraft hatte, Diederichsen fünf weitere Jahre am Glühen und Pushen zu halten, MUßTE es einfach Kunst sein, und dann kam es doch noch, endlich-endlich, das große Geld. Denn Diederichsen war ein ehrenwerter Mann. Ich fragte ihn, was er von Jule Kewenig halte.

"Eindeutig ein 'HAS BEEN', ganz klarer Fall. Sie gilt noch immer als die große Frau der Stadt, Domina und so, Schwulenphantasie Nr. 1, das Prachtstück ihres Geschlechts, und das kann ihr auch nichts und niemand mehr nehmen. Dennoch ist das Tolle an ihr doch eher das, das einmal gewesen war. Jedenfalls, seitdem sie die Galerie nach draußen verlegt hat, in dieses Schloß."

Ich sah sie an, die Herrscherin Roms. Ihre Ehemänner hießen entweder Lüppertz, Penck, Richter, oder Maenz, Dahn und Doukupil, ich konnte mir keine Namen merken, in diesen Hierarchien. Daran war ich schon in der Werbung gescheitert. Jeder Berufsstand, der sich kreativ dünkt, baut blitzschnell Star-Hierarchien auf, die muß man auswendig lernen, oder man geht unter. In der Werbung hatte ich mir außer Michael Schirner nie einen Namen merken können, und selbst bei Schirner wußte ich bis zuletzt nicht, ob es nicht SchirMer, mit M, heißen mußte. Ich nuschelte mich dran vorbei, an der Stelle, und brachte das Wort dadurch nie überzeugend heraus, bis eines Tages für mich der nächste Erste der Letzte war. Die Kollegen hatten das schnell begriffen, daß da mein Schwachpunkt lag. Einmal traf ich Michael Schir?er im überfüllten Fahrstuhl, und er sagte, ganz fahrlässig, wie geht es Ihnen, und ich antwortete, tja, gut, glaube ich, und wie geht es Ihnen? Das hätte ich nicht tun dürfen, denn ich war neu und die Fragefloskel nicht ernst gemeint. Ich hätte nicht IHN fragen dürfen oder so ähnlich. Egal. Ich wußte also nicht, wen Jule Kewenig alles geheiratet hatte, aber es waren verdammt dolle NAMEN. Da war ein guterhaltener Werner darunter, womöglich, oder ein früher Immendorff, irgendwie diese Preisklasse. Und schließlich hatte sie sich ein Schloß außerhalb Köln gekauft und ihre Galerie dort aufgeschlagen. Natürlich konnte sie damit keinen müden Hund aus der Domstadt herauslocken. Köln hatte immerhin gerade Düsdorf geschlagen, nach achthundertjähriger Rivalität. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem Düsseldorf kapitulieren und für immer auf die Messe verzichten mußte - bis dahin war die Kunstmesse immer abwechselnd von beiden Städten, Köln und Düsseldorf, ausgerichtet worden - war die Kewenig auf ihr Schloß gezogen!

Nur die Stadtluft macht frei. Nur noch in Köln spielte jetzt die Musik. Die Kewenig konnte auf ihrem Schloß versauern. Die Düsseldorfer mußten fortan jahrein, jahraus Joseph Beuys ausstellen, und als er tot ging, nur noch mehr.

 

 

 

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