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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 5

02.06.2019

Die Akademie war ohne Beuys auch nichts anderes mehr als eine studentoide Studenten- universität, wie sie in jeder blöden mitteleuropäischen Kleinstadt zu finden war, etwa Heilbronn, Hildesheim, Hannover, Heidelberg. Das hatte mit dem sogenannten Klüngel zu tun, dem Kölner, der sich hinter den Kulissen im Bundesverband Deutscher Galerien durchsetzen konnte. Ein paar Jahre noch klotzte Düsseldorf mit lustigen, aufwendigen Mammutsondermessen dagegen an, etwa mit der international beachteten Gesamtschau gegenwartsbezogener Alltagskunst namens 'Von Hier Aus', oder der 'Binationale', doch allmählich erlosch der Stolz, der bittere Geschmack des Verlierens stellte sich ein, war zu schmecken in jedem Glas Altbier, und esging soweit, daß Kölner Brauereien Düsseldorfer Szenekneipen in der Innenstadt mit 'Kölsch' beliefern mußten. Das war nur vierhundert Jahre vorher noch undenkbar gewesen, als Fremde, die in Düsseldorf ein Kölsch bestellten, schlicht erschlagen wurden.

Düsseldorf war ohnehin nicht besonders anregend. Dunkle Backsteinbauten, die zum grauen Himmel ragten, Kohle, Ruhrgebiet, Arbeitslosigkeit, kein Sonnenschein in vielen Monaten, keine Geselligkeit des Abends und auf der Straße. In der Altstadt rund um die Uhr Provinzler, die sich nicht benehmen konnten, ewige Bundeswehr-Heimkehrer. Werbeagenturen, die 'Partner & Partner' oder 'Team & Partner' oder 'Creative Teampartners' hießen und pleitegingen. Johannes Rau, der gegen Helmut Kohl verlor. Und ein Michael Schirner/Schirmer, der Millionen in der Werbung durchbrachte, selber Bilder malte und Ausstellungen mit dem Thema 'Werbung ist Kunst' veranstaltete.

Im Broadway Cafe tauchte eines der abgerissenen Plakate, die auf unser 'LOVE-IN' hinwiesen, wieder auf, nachdem im 'Spitz' alle Plakate hängen-geblieben waren. Und nachdem in der Lokalboulevardzeitung 'Express' eine Anzeige erschienen war, in der wir uns 'ausdrücklich von Drogen, namentlich LSD, Extasy, Haschisch, Kokain' distanzierten. Das 'Spitz' machte gerade das 'Broadway' fertig, also leer - binnen Tagen einigte sich die Klientel auf das neue Lokal, auf das Spitz, zu recht, im Broadway bedienten Phlegmatiker, ja beinahe Alt-Rocker, Alt-Rockisten. Die schämten sich nicht, eine Platte von 1979 zu spielen, am hellichten Tage. Da verließ dann jeder anständige Mensch hastig den ungut wabernden Raum. Unsere Distanzierung von Drogen aller Art brachte das Gerücht, es würden welche verteilt, erst richtig auf. Nun sprachen ALLE davon. Das Gerücht verselbständigte sich, wir konnten die Hände in den Schoß legen. Wir, das waren nur noch meine übertrieben schöne Freundin Caroline und ich - Dirk Scheuring, ein dritter Veranstalter, war abgesprungen. Ausgerechnet er aber besaß die ACID-HOUSE-Platten.

"Machen wir einfach NUR ein Love-In", schlug ich vor, "dafür aber ein richtiges! Wir legen uns ins Bett und lassen uns fotografieren."

"Wir sollen uns lieben?"

Sie meinte, ob sie vor aller Augen kopulieren sollte. Ich verneinte. Wir saßen im 'Spitz'. Ein paar südamerikanische Gigolos hatten sich zu uns gesetzt, und der eine bohrte seit zwanzig Minuten sein ausgestelltes, vorgerecktes Knie in Carolines Unterleib.

"Hey! Komm' doch auch zu unserer Party."

Die Idee begeisterte sie. Sie sah mich mit leuchtenden dunkelbraunen Augen an, fragte, ob die beiden Stecher nicht eher kommen sollten, um uns bei den Vorbereitungen zu helfen.

Schlechte Gesellschaft, dachte ich. Diese Visage! Die Visage eines müden, schläfrigen, haschischverseuchten Frauenbeschlafers, eindeutig Halbwelt. Müde, faule Augen, breite aufgesetzte, sinnliche Lippen, nach hinten geklatschte, eingefettete, tiefschwarze Haare, heruntergezogene Mundwinkel.

"Er arbeitet in einer Discothek, im 'Rave'!" jubelte Caroline. Gräßlich! In einer Disco! Das war das Letzte! Da gehörte so einer hin, so ein erotischer Zeichenträger. Ich forderte ihn auf, sein Knie nicht länger in ihren Unterleib zu bohren.

Er verstand mich nicht.

"Ich sitz doch ganz normal."

Ich nahm ein Feuerzeug, leuchtete in den Teil unter dem Tisch, beleuchtete Knie und Unterleib. Klarer Fall: Berührung. Die beiden beließen es dabei, machten überhaupt keine Anstalten, etwas zu verändern, fühlten sich im Recht, fanden mich affig.

Nun stand ich blöde da. Eine Idee rettete die Situation.

"Es ist ja nur, weil du auf meinem Stuhl sitzt. Da habe ich gesessen, weißt du, bevor du kamst."

Schweigen. Vielleicht war er nur langsam. Endlich:

"Willst du jetzt sagen, daß du gern hier sitzen willst, oder was?"

"Ja, wär' nich schlecht, eigentlich!"

Zum erstenmal sah er mir ins Gesicht. Keine glutvollen Augen, nur blasses Grau. Er wirkte müde. Jeans und Stiefel. Er rutschte weg. "Danke... sehr nett, danke!"

Er trollte sich! Wieder geschafft! Krise gemeistert, Klappe zu, Affe tot, weiterging es im Programm! Und das alles für nur 64 Mark - soviel kosteten die Getränke, es hätte doch so leicht ein weit höherer Betrag werden können.

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