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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 7

03.07.2019

Im 'Dos Meckis' verkehrte Daniel Buchholz, ein junger Spund, der wie im Märchen die interessanteste Galerie der Stadt von seiner Mutter geerbt hatte. Als ich ihn sah, drückte ich ihm das neueste Plakat in die Hand, jenes, auf dem wir uns von Drogen distanzierten.

"Wieso denn das? Dann ist doch alles nicht mehr aufregend!"

Er trug lange blonde Haare, wie sie heranwachsende Jugendliche in französischen Bürgerfamilien seit hundert Jahren zu tragen pflegten. 'Lange Haare' stand dort einfach für 'noch nicht erwachsen' und nicht für 'Protest' oder 'Mode'.

"Doch, gerade. Das Dementi heizt das Drogengerücht erst recht an."

"Oder so, klar. Das geht natürlich auch."

Er freute sich. Nun wollte er alle Einzelheiten wissen: die Zusammensetzung des Mörder-Cocktails, die Anzahl der Kerzen und so weiter. Er hatte schon tausend Leuten Bescheid gesagt. Ich redete aufgedreht auf ihn ein, als mich plötzlich jemand von hinten an der Schulter packte. Es war der große deutsche Suhrkamp-Lyriker, der mit seinem Gesicht auf mich zukam, sardonisch beziehungsweise haßerfüllt/verkniffen grinste und mir die Wange tätschelte. Ich zuckte lieber etwas zurück.

"Was machst du denn für eine hübsche kleine niedliche Aktion," säuselte er ironisch, "mit Plakaten und Telefonzellen... das geht schief!!"

Er 'durchbohrte' mich mit einem furchteinflößenden, furiosen Blick. Hochaufgereckt war er, guckte von oben nach unten, wandte sich dann brüsk ab. Vier Meter und acht Schritte weiter drehte er sich theatralisch um:

"Paß auf!!" Er kreischte fast. 

Was konnte er meinen? Was motivierte ihn, das Orakel zu spielen? Sicherlich war er persönlich gekränkt, aber wodurch? Natürlich war Suhrkamp nicht mehr das, was es einmal gewesen war, aber dennoch... es war anscheinend noch immer sehr leicht in Deutschland, sich beliebig viele Feinde durch pure kleine harmlose Konventionsbrüche zu schaffen, in allen Bereichen, besonders im Kunstbereich, wo der 'legale', der 'angesagte' Konventionsbruch das Leben und das Einkommen organisierte. Die bloße Tatsache, daß ich Namen auf ein Plakat gesetzt hatte ohne die Namen vorher davon zu informieren, also die Träger der Namen, reizte gerade die Künstler zu blinder Wut, sie, die von der exakten, eindeutigen Beziehungsetzung ihres Namens zu ihrem 'Schaffen' lebten. Im 'Schaffen' ging's anarchisch zu, hier tobte die Spielwiese des bürgerlichen 'Individuums', doch außerhalb dessen funkelte waffenstarrende Verklemmtheit, Haß, Wut, Unsicherheit. Das galt sogar für diesen großen deutschen Suhrkamplyriker, anscheinend, der mir nur eine Woche vorher noch vertraulich geworden war. 'Ein wahrlich echter Schriftsteller' sei ich, und das gebe es nur äußerst selten, und 'wahrlich gute Prosa' sei mein letztes Buch gewesen, wenn auch er, Mr. Suhrkamp, 'nur Lyrik' schriebe, ausschließlich, und zwar total:

"Lyrik! Nur Lyrik. Prosa nicht eine Zeile. Nicht EINE Zeile!"

Wenn selbst er jetzt so reagierte, so böse, er, der gar nicht auf dem Plakat gestanden hatte, mußte die psychopathologische Energie von Psychopathen-Krebber und seiner Adlaten-Bande immens sein. Ein Gerücht besagte, ich solle im 'Klein-Köln' meine Lektion erhalten. Dieses Lokal lag nur unweit des 'Dos Meckis' in der Friesenstraße. Psychopathen-Krebber behauptete von den Gästen dort, sie würden 'wissen, daß sie verloren haben'. Hier herrschte der Abgrund.

Ich ging dann wirklich hin, um die Gerüchte zu zerstreuen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß kleine erfolglose größenwahnsinnige Künstler, die noch jeden Monatsersten von der Mutter einen Geldschein abholten, einem Manne wie mir sich entgegenzustellen wagten. Ich war bekanntlich nicht mehr der Jüngste und sogar zwei oder drei Jahre älter als mancher der hoffnungsvollen jungen Maler. Doch ich hatte Pech. Statt der Künstlerkollegen raste ein betrunkener Mafia-Angehöriger durch das widerliche Lokal, Klappmesser voran. Dazu jaulte deutsche Schnulzen-Musik, Hans Abers, die ewige Travestie, und alte Nutten erzählten sich was, saßen ohne Perücke kurzgeschoren am Tresen. Ich packte Caroline und verduftete! 
Gewiß hatte auch mich das 'Klein-Köln' schon einmal gerührt, wenn auch nur für Minuten. Vielleicht waren es nur Sekunden. Und unbestreitbar hatte selbst Daniel Buchholz sich einmal, mindestens einmal dort sehenlassen. Irgendeine Art hohen Gefühlswert mußte dieses Lokal, das es in jeder Stadt der Welt mit mehr als einem Künstler gab, wohl haben. Wo immer sich zwei oder mehr Künstler abens trafen, zwischen Hongkong und Zürich, gab es zum Kehraus Hans-Albers-Geschnulze in rötlicher Umgebung. Seltsam. Auch an diesem Tag erschloß sich mir nicht das Geheimnis dieser Billigfolklore - aber der Tag kam noch, ich gab nicht auf. Nicht nur Daniel Buchholz, der junge, reiche, gutaussehende Erfolgsgalerist, der zu allen guten Gaben Gottes auch noch den Humor, die Schlagfertigkeit, die überschäumende Redelust, das persönliche Interesse am Mitmenschen und eine fast unbegreifliche Hilfsbereitschaft besaß, nicht nur dieses Ebenbild des Schöpfers also, ging ab und zu ins 'Klein-Köln' und weihte es für Stunden zu einer Kirche, sondern auch Axel Mecky. Das war immerhin ein gruseliger Geschichtenerzähler. An manchen Abenden fesselte er seine Tischrunde mit apokalyptischen Visionen über Ratten, Spinnen und giftigen Insekten, die unaufhaltsam die Welt eroberten, allen Bemühungen und Giften der Menschen trotzten, eindrangen in jeden Flur, jedes Schlafzimmer, jedes Bett, jeden Schlafenden, die den Frauen die Beine hochkrabbelten, vor allen den jungen Frauen. Einmal hatte er sich auf Caroline geworfen mit solchen Erzählungen, die er alle schon erlebt haben wollte, in New York, Los Angeles und London. Er war dicklich und pyknisch, eine Dickens-Gestalt, ein nachgewachsener Hitchcock, mit vorgewölbten, nassen, stets 'angewiderten' Lippen. Wenn er erzählte, näherte er sich seinem Opfer bis auf wenige Zentimeter. Ich sah, wie seine vorgewölbten, allen Ekel dieser Welt ausdrückenden, nassen Fleischlippen Carolines verängstigtem Kindergesicht immer näher kamen, wie sie sich dann zu Kußlippen verformten - ich täuschte mich nicht - und dann auch wirklich Kuß- beziehungsweise Schmatzgeräusche machten. Damit war der Ekel perfekt. Sein Bein hatte er schon seit Stunden an dem ihren, und sie hatte es sich wohl gefallen lassen. Nun kam ihr auch der übrige massige, wabbelige Altmännerkörper immer näher.

 

 

 

 

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