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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 10

05.08.2019

 

Dummerweise probierte ich den 'Stoff' als erster. Der 'Stoff' wurde aus einem 50-Liter-Benzinkanister per Benzinpumpe gepumpt. Beides, Kanister und Pumpe, hatte der Mixer-TYP - er hieß Alfred mitgebracht, sowie Spirituosen für fünfhundert Mark. Auf den Benzinkanister malte er einen schwarzen Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen. Nachdem ich ein paar Schluck probiert hatte, war der Abend nicht mehr derselbe. Von da an war alles anders. Gleichzeitig drängten von Außen unerwartet viele Menschen in die Kellerräume. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, denn in den letzten Tagen war die Pro-Party-Front zusammengebrochen. Alle Welt hatte sich distanziert. Alle Großkünstler zeigten sich entsetzt, und zwar aufgrund einer Aktion, die von Yoco Köter ausgegangen war. Yoco Köter, die erfolg- und talentlose Frau von Kunstkritiker Diederichsen, hatte Caroline im Künstlerlokal 'KW' demonstrativ geohrfeigt. Diederichsen selbst stand daneben und gab mit säuerlicher Miene den Umstehenden zu Protokoll: das, was wir, die schöne Caroline und ich, gemacht hätten, sei Rufmord gewesen. Das sei im Prinzip so, als hätten wir Plakate mit seinem und Yocos Namen gedruckt mit der Aufschrift: Wir, Yoco Köter und Kunstkritiker Diederichsen, sind dafür, daß der stellvertretende Bürgermeister getötet wird.' Dann ging er unsicher weg, stellte sich verdrossen an die Theke, während Yoco im Diskant weiterschrie, kein anständiger Künstler, der seinen Beruf noch als rechtschaffenes Handwerk sehe, werde unsere skandalöse Party besuchen. Die Frau war die Tochter eines frühpensionierten Bundeswehr-Feldwebels. Aufgewachsen im kleinbürgerlichen Reihenhaus, war sie erst Lehrerin gewesen, bis sie den Kunstkritiker traf und lieber ihn quälte als die Kinder. Alles an ihr war kleinlich und verbissen. Das deutsche Wort 'Arbeit' führte sie hundertmal am Tag im Mund, wobei sie das 'r' übertrieben hart aussprach. Aber Diederichsen war ein ehrenwerter Mann. Ich dachte wirklich, nun kämen keine Künstler mehr zur Party - zumal mich nach der Ohrfeigen-Aktion viele der Eingeladenen schlagartig nicht mehr grüßten.

Stattdessen kam das Volk herangeflutet, ob mit oder ohne Künstlerausweis. Die ersten zehn Menschen konnte ich noch aufrecht stehend begrüßen. Dann aber wirkte der 'Stoff', oder wie wir es intern nannten: DIE SUPPE. Innerhalb von Sekunden kreiselte ich genauso durch die Wohnung wie die 15jährige Mulattin, die immer hellere Haut bekam und deren negroide Lippen tiefrot vor meinen runden roten Augen tanzten. Einmal griff ich ihre Schultern und preßte ihren fragilen, leichten, biegsamen Oberkörper gegen die feuchte Kellerflurwand. So verharrte ich zwei köstliche Sekunden lang, und sie schloß die Augen und lachte irre. Zur gleichen Zeit versuchte ein international höchst bekannter Konzeptkünstler, einer der Väter der concept art, ein 56jähriger, schwarzgekleideter, frauensüchtiger Großkotz, Caroline zu 'nehmen', ja, man konnte FAST sagen: zu vergewaltigen. Natürlich hätte er sie niemals wirklich vergewaltigt, wenn es hart auf hart gekommen wäre. Er war nur in einer ungewöhnlichen Form aufdringlich. Er riß sich die Kleider vom Leib, packte Caroline und keuchte Widerwärtiges. Sie, Caroline, habe doch auch mit anderen Männern geschlafen, warum also wolle sie nicht mit ihm schlafen? Sie rannte weg… und setzte sich einem anderen Mann auf die Knie. Das war der gutaussehende Sohn von Baselitz. Ring frei zur Eifersucht! Aber ich merkte nichts, war nur glücklich und trunken, sozusagen glückstrunken. Die SUPPE schmeckte allen so gut wie mir, das sah ich noch. Schwer zu sagen, wieviele verantwortungsbewußte Menschen noch nichts probiert hatten und zu diesem Zeitpunkt - eine gute Viertelstunde vor dem offiziellen Partybeginn - noch eingreifen konnten, die Dinge noch steuern konnten.

Da wir nicht wußten, wie 'Acid'- oder 'House'-Musik klang - es gab nämlich durchaus eine neue Musikrichtung dieses Namens, die in England und Amerika Tag und Nacht gespielt wurde, meist von schwerkriminellen Jugendbanden -legte ich vier Cassetten alte 'Madonna' in den Ghetto-Blaster. Später kam von sich aus ein junger Mann mit den richtigen Platten vorbei und übernahm den bis dahin unbesetzten Posten des DJ. Er trank auch nichts von der SUPPE und brachte die Party mit schwerkriminellen 'House'-Rhythmen in Schwung. Gleich ging es allen besser, und es übergaben sich nicht mehr so viele Mädchen in der Toreinfahrt hinter der Wohnung.

Im Billiggroßmarkt 'Aldi' hatte ein Kommando einen Zentner weißer Pfeffernüsse für 99 Pfennig die Familienpackung abgeräumt. Das war das einzige Essen, das wir anboten. Als nun Young-and-Rich-Erfolgsgalerist Daniel Buchholz in mein Blickfeld rutschte, stopfte ich drei Handvoll dieser Pfeffernüsse in meinen Mund, um etwas nüchtern zu werden. Ich wollte wie-der reden können. "Daniel! Was macht die Kunst? Was macht das Geld? Kunst und Geld, nicht wahr, das ist es, ha ha... das ist die Frage, oder?"

Er hatte auch schon Suppe getrunken und lachte blöde mit. Ich zog die Stirn in Falten, wollte auf Deubel komm raus ernst werden. "Was sagst du zum SPIEGEL-Artikel?"

"Was willst du hören, es kommt ganz darauf an, was du hören willst."

Seine Augen waren knallrot und zeigten in verschiedene Richtungen. Ich konnte seinen Blick nicht fassen.

"Na, daß er gut geschrieben ist will ich jedenfalls nicht hören."

"Ja." Er machte eine wegwerfende Handbewegung, verzog den Mund.

"So ein sinnloses Geblubber... Blasen schlagen ."

"Bist du gegen den Markt, für den Markt oder was?"

"FÜR den Markt. Der einzige Bereich, wo der Markt noch funktioniert, ist der Kunstbereich, natürlich", sagte ich. Im SPIEGEL war wie üblich der Markt verteufelt worden. Der SPIEGEL berichtete immer 'kritisch', fand stets den grundsätzlichen Grund zur SORGE, zu schweren Bedenken, zu echter Betroffenheit, selbst wenn das Blatt über einen Lottogewinn oder über steigende Einkommen berichtete, oder über eine neue Kunstbegeisterung breiter Bevölkerungsschichten. Dennoch kam ich dem Redakteur zu Hilfe. um ein bißchen mit dern Partygast zu diskutieren. Ich sagte, vielleicht wolle der Artikel beweisen, daß der an sich subversive Sektor 'Kunst' vom kapitalistischen System gerade integriert werde, funktionalisiert und somit 'geschluckt' werde. Buchholz sah mich plötzlich gerade an, hob das Kinn, dachte 'hoppla' oder so was.

"Na, dann wird es bald eine tolle Gegenbewegung dazu geben." sagte er.

"Vielleicht einen neuen 'Schwarzen Markt' mit heimlichen Billigbildern." Ein amerikanischer Sammler stellte sich zu Daniel, der ihm die letzten Worte übersetzte.

"A black market!" lachte der.

"Der von rebellischen Hochpreiskünstlern beliefert wird", sagte ich. Auf der Tanzfläche bewegten sich nur noch Gestalten wie die Mulattin, ungefähr zehn, alle voll. Eine Brigitte-Bardot-Blondine wand sich aus einem karmesinroten Abendkleid. Tanja Drinhausen tanzte wie eine aufgezogene, müde gewordene, leicht gestörte Micky-Mouse-Trickfilm-Figur. "Wann fängt denn die Lesung an?" fragte eine Philosophiestudentin, und als ich eine Lesung ausschloß, wollte sie wissen, ob ich Aktfotos von ihr machen würde. Der Künstler Günter Förg habe bereits mit ihr gearbeitet.

"Danke. Ich habe von dem Fall gehört. Ich bin aber kein Künstler."

Und wieder zu Buchholz gewandt:

"Wenn das große Investitionsgeld in die Kunst fließt, kriegen wir alle was davon ab, du, ich, die Künstler, sogar die kleinen Künstler. Die Großen ziehen die Kleinen mit. Ich weiß wirklich nicht, was der SPIEGEL hat. Verfall der Sitten und so weiter. Ich weiß nicht, WAS er meint, wirklich nicht!"

Tanja Drinhausen versuchte mich anzutanzen, verlor dabei das Gleichgewicht und kollabierte genau vor meinen Füßen.

"Jeder, der jetzt plötzlich 'Bilder' als bleibende Wertanlage entdeckt," machte ich weiter, "also all die netten kleinen Neureichen, die werden doch nicht mit einem Picasso anfangen, sondern mit einer Federzeichnung für 1500 Mark..." Ein Besitzer einer Kunst-Speditionsfirina griff ein: "Aber diese Summen, die jetzt gezahlt werden, sechsundsechzig Millionen Mark für ein Bild, das ist doch Wahnsinn, das kann man nur als Wahnsinn bezeichnen, diese SUMME kann man sich schon nicht mehr vorstellen. Also ich selbst kann mir eine Summe über sechsundsechzig Millionen nicht mehr vorstellen."

Ich konnte mir sogar die Summe des amerikanischen Bruttosozialprodukts vortrefflich vorstellen, ließ ihn aber ausreden. Als Kind hatte ich noch Dagobert-Duck-Geschichten persönlich gelesen.

"Und dann die Geschichte von dem Bild! Allein die Geschichte! Das ist doch Wahnsinn, für so ein Bild mit DER Geschichte diese Summe zu zahlen. Das Bild mit dieser 'Entartete Kunst.-Sache, und dann verscherbelt von den Nazis an die Schweiz, das war doch alles peinlich..." Gerade die turbulente Geschichte machte es natürlich wertvoll. Lieber ein Kulturprodukt dieses Jahrhunderts MIT einer Geschichte als eines ohne. Ich sah ihn mitleidig an - auch er hatte den SPIEGEL gelesen. Wo bleibt bei alledem die Qualität? Der Maßstab? Die Seriosität des Gewerbes? Der Anstand? Der zwischenmenschliche Kontakt? Eine große Show ist es geworden, ein Spekulations-Remmidemmi..." 

 

 

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