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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 11

19.08.2019

 

Ich wandte mich ab. Buchholz, der in einer Tageszeitung gerade innerhalb eines Galerie-Tests zum 'Nettesten Galeristen Kölns' erkoren worden war, kümmerte sich mit einer Engelsgeduld um den aufgeputschten Mann. In dem Galerie-Test hatte sich ein Reporter als armer Student verkleidet, hatte sich alte Jeans angezogen und war von Galerie zu Galerie gelaufen, naive Fragen stellend. Außer bei Buchholz war er überall unsanft vor die Tür gesetzt worden. Ich wandte mich gerade rechtzeitig ab: Im Eingang erschien ein Begrüßungskommando meiner Gegner. Yoco Köter war zum Glück nicht darunter, aber einige andere kleinwüchsige Spießgesellen, die ihr alltägliches Werkeln als 'Künstler' noch als unumstößlichen, grundsoliden Arbeitsplatz verstanden wissen wollten und die sich 'mißbraucht' fühlten. 

"Die Party ist scheiße!", erklärte Sebastian Zabel, ein angehender juveniler Chefkommentator der Kunstzeitschrift 'Spex', "Wir wollten nur einmal  sehen, ob sie wirklich so scheiße ist, wie wir gedacht haben."

Zabel hatte - wie die Saga berichtete und er selbst nicht müde wurde kund zu tun - mit 16 Jahren geheiratet. Inzwischen war er 27 Jahre alt und immer noch verheiratet. Auch das erzählte er immer wieder leuchtenden Auges. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr stockte bei ihm das körperliche Wachstum. Da er stets einen zu kleinen grünen Kinder-Anorak trug, wirkte er zwergenhaft, zumal in Begleitung seiner um Köpfe größeren Frau; dabei brachte er hundertsechzig Zentimeter sicher noch zusammen. Diesmal hatte er die Frau aber zu Hause gelassen. Stattdessen präsentierte er händchenhaltend eine Konkubine - so nannte einer wie er sicher solch Verhältnis.

"Das ist Eleonore!" strahlte er mich aus Versehen an.

"Ich denke, du liebst deine Frau seit elf Jahren über alles, Zabel! Damit hast du uns allen doch in den Ohren gelegen bis zum Kotzen! Was ist denn nun das da?"

"Äh, das ist, das ist unerhört. Das ist typisch. Du... ich weiß, daß du Menschenversuche anstellst."

Ich lachte aus voller Brust.

"Geh zum Psychiater!" riet ich ihm wohlmeinend.

"Doch, ich weiß es genau. Du stellst Menschenversuche an."

"Hör mal, wenn du sowas WIRKLICH glaubst, dann hast du zuviele Zombie-Filme gesehen."

"Die Party ist jedenfalls scheiße. Da geht man nicht hin. Das weiß inzwischen jeder!"

"Aber ihr seid doch da."

"Nein, wir wollten nur mal sehen. Wir gehen jetzt ins 'Rave'."

"Und quakt rum, die Party sei scheiße."

Er grinste, zog die Schultern hoch. Er wollte schon gehen, als eine Begleiterin loskeifte. Es war Cosima, die noch ein paar alte Rechnungen mit mir offen zu haben glaubte. Ich war zu vollgedröhnt, um mich daran zu erinnern.

"Was soll das? Was soll das?" hörte ich sie gerade noch, und:

"Mein Name ist etwas wert! Den lasse ich nicht mißbrauchen!"

Anscheinend hatte auf einem der frühen Plakate auch ihr Name gestanden, was mich wunderte, denn ich kannte ihren vollen Namen gar nicht. Sicher war sie eine viel zu ernsthafte Person, kam sie doch aus der Selbstmordstadt Salzburg. Die Lippen hielt sie meist fest geschlossen, den Kopf wie ein Stier vor dem roten Tuch. Sie hatte den Körperbau eines alten Hochseekapitäns, der es gewohnt ist nachts um halb eins auf der Reeperbahn Schifferklavier zu spielen. Die Haare schnitt sie sich selbst in wirren Kastrationsanfällen jede Woche auf halbe Streichholzlänge. Verglichen mit ihr wirkte Arnold Schwarzenegger wie ein zierlicher Fips und der große alte Western-Shooter John Wayne wie ein schwuler neapolitanischer Nachwuchstänzer einer Transi-Bar. Wäre ich nicht so betrunken gewesen, hätte ich Angst vor ihr gehabt. So aber leierte ich:

"Alles muß anders werden. So, wie es ist, soll es nicht bleiben. Die soziologischen Strukturen sprich Freundeskreise sprich Cliquen sollen zerschlagen und neu gemischt werden."

"WAS SOLL DAS? WAS SOLL DAS?" sagte sie schon wieder, als ob ich nicht geantwortet hätte.

"Geh zurück zur Köter ins Arbeitslager" sagte ich neutral und wandte mich ab. Die Menschen liebten sich, da wollte ich nichts verpassen. Die Kunstauffassung von Cosima, das kam noch hinzu, mochte ich nicht. Ich verstand nichts von Kunst und ließ alles gelten, aber dieses nicht. Es war die grössenwahnsinnige apodiktische Attitüde des Krebber-Kreises und ging ungefähr so: 'Siebentausend Jahre Kunstgeschichte habe ich gewogen, geprüft und geschmeckt. Hier nun höret mein Urteil: die einzige Kunst, die ich sah, war der in einen Basketball geworfene Apfel des holländischen Neo-Concept-Künstlers Leo van der Beulen am dritten April Neunzehnhundertzweiundsiebzig. Alles andere war keine Kunst. Hugh! Ich habe gesprochen. Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Mit mir die Wahrheit und der Tod. Wer mir nicht folgt, wird an den Kompromissen, die er schließt, zugrunde gehen. Wer mir nicht folgt, ist ein Elender. Wer mir nicht folgt, ist ein Nichtswürdiger.'

"Es wird nicht gehen!" rief sie ziemlich theatralisch in meinen Rücken. Sie wollte wohl gehen, doch nun kam Krebber selbst angestelzt. Der Mann war vollkommen blau. Das Abgehackte seiner Bewegungen blieb dabei erhalten, wahrscheinlich selbst dann, wenn er auf allen Vieren kroch, oder wenn er schlief. Wahrscheinlich träumte er auch eckig. Er war Jacques Tati als Psychopathenausgabe. Der Mann mit dem Fallbeil-Arm. Seine Aussagesätze stanzte er in die Luft, schnitt sie mit dem heruntersausenden eckigen Arm in kleine Stücke. Er sprach wenig, aber druckreif. Nur diesmal war er so betrunken, daß ich ihn schon mit der fünfzehnjährigen Mulattin zusammenrumpeln sah. Wenn DAS passierte, gab es Tote. 
Ich konnte nichts machen, nur hoffen. Krebber verschwand, nachdem er ohne mich zu sehen an mir vorbeigewankt war, im 'Love-In-Raum'. Vielleicht suchte er die Toilette. Cosima schnaufte hinterher. Zehn Minuten später kam sie zurück, diesmal wie in Flucht vor ihm. Sie schienen sich zu strei-ten. Sie stritten sich oft, wie echte Asis, wie Jack Nicholsen und Faye Dunaway in 'Barfly'. Jedenfalls in der Öffentlichkeit. Privat waren sie vielleicht ganz zivilisiert zueinander, aber im Kneipenleben nach Null Uhr spielten sie das Asi-Pärchen: immer nur geblökte Silben, die sie sich zuschrien über weite Strecken, immer von einem Ende des Lokals zum anderen. Er stand am Ausgang, sie am Klo, er rief:

"VORBEI!!!"

Sie stand vorm Klo, er stand am Ausgang, sie holte Luft, wartete, schrie: "MENSCH!!!"

Er stürzte raus, sie stapfte gesenkten Hauptes, stierigen Nackens hinterher. Sie trampelte rein, er stelzte, hastete, kobolzte auf sie zu, versuchte, den Saum ihres langen Feldherrenmantels zu erhaschen. Und so weiter, immer hin und her. Am Ende schmissen sie sich Gläser vor die Füße. Eigentlich waren sie rührend und sicher sehr verliebt. Wenn Asis liebten, sah es eben so aus. Sie konnten nicht miteinander reden, weil sie sich nicht in die Augen sehen konnten. Stritten sie sich nicht, so standen sie nebeneinander vor einem Kneipentresen, hielten einen Meter Abstand voneinander, hielten schützend ein Kölsch zwischen sich und dem/der anderen, blickten verlegen parallel in die gleiche Richtung, wirkten aber dennoch oder gerade deswegen bis über beide Ohren verliebt ineinander. Es hatte mich oft selbst verlegen gemacht und innerlich angerührt. Zwei so nette Wesen auf Gottes Erde, hatte ich dann gedacht und ihnen allen Wahnsinn nachgesehen. Tatsächlich hatten sie beide noch keiner Fliege ein Haar gekrümmt. Wenn Krebber nun doch noch auf die Mulattin stieß, würde er sie wohl am Leben lassen, selbst wenn sie zu ihm, wie zu Klarczyk, jaulen würde, er sei EKLIG, so EKELIG, SO UNGLAUBLICH EKELIG, er solle weggehen, er solle entfernt werden. Sie war auf LSD, da durfte man dergleichen sagen, das würde Krebber, der erfahrene Fahrensmann durch alle Untiefen des Daseins, schon merken. Nur wenn sie EINEN Satz über zeitgenössische Kunst... nicht auszudenken... was DANN passieren würde... Ich wurde wieder unruhig. Noch dreimal kam das Psychopathenpaar, teilte die  Wogen, rauschte rein und raus, spukte durch meinen Kopf, spukte sozusagen durch die SUPPE, die mir im Kopfe saß. 

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