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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 12

06.09.2019

 

 

Offenbar konnten sich Cosima und Krebber nicht darauf einigen, wie sie gegen die Party, also die unerhörte Mißbrauchung ihres Namens vorgehen sollten. Sie glaubten noch an das bürgerliche Individuum. Um diesem Glauben entgegenzuarbeiten ließ ich nun Sekt ausschenken. Wir hatten dreißig Flaschen beste Hausmarke auf  Lager, und der Bar-Cocktail-Mixer hatte uns gesagt, dieser Sekt erhöhe noch einmal die Wirkung der 'Suppe'. Wen die 'Suppe', noch nicht gekillt hatte, der bekam durch die formidable Hausmarke den Rest; beides verstärkte und ergänzte sich gegenseitig, da die 'Suppe' äußerst trunken, aber auch müde machte, während die Hausmarke das Blut in Wallung bringen konnte und in der Regel ziemlich aufputschend wirkte. Der Hexenmeister himself hatte weder das eine noch das andere getrunken. Er, der Erfinder der 'Suppe', war nach wie vor einsetzbar und kurbelte die Party unermüdlich an. Inzwischen drangen erste Gerüchte von draußen an unsere Ohren, Angeblich hatte es auf unserer Party gerade eben eine Polizeirazzia gegeben. Ein Mädchen namens Sabine hatte sich demnach ausgezogen, wie ein Anrufer aus Düsseldorf wissen wollte. In der Cola befand sich 'Etwas', wahrscheinlich die Droge 'Crack'. Tatsächlich streckten wir die ausgehende 'Suppe' seit einigen Minuten mit Coca Cola. Der chilenische Freund von Brigitte Schenk war angeblich wahnsinnig geworden. Martin Kippenberger hatte sich Daniel Buchholz gegenüber von der Party distanziert, gerade in dieser Sekunde.

"Aber Buchholz ist doch hier. Das hätten wir doch mitgekriegt.", sagte ich.

"Vielleicht steht er nicht auf Drogen." - sagte ein Gast .

"Aber er hat doch das Plakat gemacht. ER, nicht wir. Außerdem hat er selbst 700 Trips in seinem Leben reingetan. Zwei Jahre lang war er ununterbrochen nur auf Pille."

Kippenberger befand sich gerade in Spanien, sonst wäre er gekommen. Vielleicht hatte ihn aber auch die Köter in die Mangel genommen. Kippi war ein Kind. Gegenüber einer harschen Gouvernante wurde er schnell kleinlaut und unterschrieb alles.

"Ist es wahr, daß eben so aufgebrachte Eltern da waren und ihr minderjähriges Kind rausholen wollten, aus der Haschhöhle?“

„Ja, aber sie kamen zu spät. Das Kind ist bereits gegangen, fort von hier, direkt auf die Straße, fortgespült nach Amsterdam, per Autostop.  Jetzt müssen sie eine Suchmeldung im Radio verlesen lassen." sagte ich zu Bobby Goldman, einem armen Bildermaler aus New York. Ich hatte einmal in seinem Atelier gewohnt, als ich seelisch am Ende gewesen war. Er hatte davon gar nichts gewußt, hielt sich in New York auf. Ich bin in sein Atelier regelrecht eingebrochen, da es leerstand. Ich wollte mich nur verkriechen. So ein armseliges Atelier! Das kleinste Atelier aller Zeiten, drei mal dreieinhalb Meter klein. Fünfzig aufeinandergeschichtete Bilder, eine Staffelei und ein Bett. An den Wänden seine selbstgemalten Lieblingsgemälde. Er hatte noch nie etwas verkauft, was er ja auch nicht mußte, als amerikanischer Künstler. Seine internationale Sprache legitimierte ihn hinlänglich im Kunstbetrieb. Bobby Goldman war frauenfixiert, und so zwinkerte ich ihm zu:

„Hey, Bobby, gotcha' find som gashy girlies, ha?“ Und ich machte ihn auf die Brigitte-Bardot-Blondine im roten Kleid aufmerksam. In Europa konnte er abstauben, was er wollte. Außerdem war er nett. Jüdische Herkunft. Er trug eine große, eckige, dick schwarzumrandete, starke Brille, war klein, fast so klein wie Zabel, ging dazu noch gebückt und grinste immer höchst unsicher. Wenn er sprach, nickte er unaufhörlich. Er tat es auch, wenn er zuhörte. Er lachte gern und oft, aber nicht laut. Auch jetzt lachte er und ging nickend auf die Blondine zu.

"Zack und weg! Räum' ab, alter Junge!"

Ich war in einer fast ordinären Stimmung. Der Barmixer - angeblich hieß er Alfred - hatte mir den letzten Doppelbecher Original-SUPPE reserviert. Augenzwinkernd zeigte er mir das geheime Plätzchen im Kühlschrank. Niemand konnte mich noch stoppen, auch nicht Barbara Kraft, die in meine Flugbahn gesegelt kam und an meiner Brust haltmachte. Und die mir allen Ernstes erzählte, sie sei Videokünstlerin.

"Sind Videokünstler Menschen?" kalauerte ich.

Pech! Pech! Pech! Eine Dreiviertelstunde verlor ich durch diesen nervtötenden Vortrag über ihre nächsten Videoprojekte, den ich angeschlagen über mich ergehen ließ. Es war die Hölle. Tröstend dabei war höchstens, daß mir jeder zweite Partygast eine ganz ähnliche Geschichte vorgetragen hätte.

"Mir geht es um die Komposition, um die Sichtbarmachung von Stimmungen. Jede seelische Stimmung ist auch eine visuelle. Wenn du nicht weißt, daß Stuhl Stuhl heißt, gehst du ganz anders mit dem Gegenstand um, entdeckst vielleicht sinnliche Reize, die dir sonst gar nicht mehr auffallen würden."

"Am Stuhl?" sagte ich gequält. 

„Ja, an dem physischen Material, das wir mit dem Begriff STUHL schon toteschlagen hatten. Was ich will, ist eine bestimmte Form von Präsentation, weißt du. Auch von Projektion, wenn du so willst. Für mich ist es interessant, genau zwischen der Grenze von Installation und Performance zu wandeln."

Sie sagte das wirklich. Ich mochte nicht glauben, daß jemand WIRKLICH die vier absoluten Null-Worte PRÄSENTATION PROJEKTION INSTALLATION PERFORMANCE in einen Satz tat und es NICHT ironisch meinte. Oder meinte sie es ironisch? Ich mußte nachfragen.

 "Du meinst das doch nicht ernst?"

"Wieso?"

"Na, was meinst du denn konkret?"

Sie schoß los. Sie wolle zwanzig Videogeräte oder auch 16-Millimeter-Filmprojektoren gleichzeitig an eine Wand knallen, und das visuelle Ereignis dabei, die geänderten Sehgewohnheiten, also insgesamt würde das zu einem Aufbau eines BILDES führen, einer gewissermaßen filmisch erarbeiteten Komposition, zu einem Erstarrten, das sich jedoch auch wieder auflöse.

 

 

 

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