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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 13

16.09.2019

 

"Also zwanzig Videofilme gleichzeitig," rekapitulierte ich, "und was soll auf diesen Filmen draufsein?"

"Wichtig ist, daß ich die Förderung bekomme. Das deutsch-französische Kulturförderwerk bezuschußt das alles, zahlt den technischen Teil und ein persönliches Stipendium in Paris."

"Keine Bange. Ich bin mir sehr sicher, daß du damit durchkommst. Das ist bestimmt die Art von Wortschrott, auf den solche Bürokratenhanseln reinfallen... Sie war schon beim nächsten, also beim übernächsten Projekt. Sie wolle einen zwei Kubikmeter großen Eisblock abschmelzen lassen, dabei von allen vier Seiten bewegte Filmbilder auf den Eisblock projizieren und dazu einen lebendigen Saxophonspieler ein bestimmtes musikalisches Thema aus einem Jarmush-Film sieben Stunden lang variieren lassen. Das solle dann ein sinnliches nonverbales Bewußtsein von Zeitabläufen herstellen, oder auch kompositionell vermitteln, wenn man so wolle. Die vier bewegten Menschen, die auf den Eisblock projiziert seien, würden übrigens laufende FRAUEN sein. Ich wollte schon fragen, was das alles in Gottes Namen bloß solle, erinnerte mich aber an den - unpassenden - Satz von dem Sinn der Kunst, der darin liege, daß es sie gebe. DIESE Kunst jedoch GAB es bereits seit fünfundzwanzig Jahren. Es handelte sich also nicht um Kunst, sondern um Wiederholung. Oder handelte es sich um ein Handwerk? Um ein gutes altes deutsches in dritter Generation vererbtes Kunsthandwerk? Das Wort 'Installation' erinnerte schon fast befreiend an das Wort 'Installateur'. Die Zeiten änderten sich, die Menschen blieben. Lernte früher ein junger Bursch das Schusterhandwerk, so lernte er heute Kunst, mit Nebenfach Anglistik. Und was war so lächerlich daran, eine Fachsprache zu erlernen? Barbara spachtelte gleich weiter: „...daß man das als Geschichte zu sehen versteht“, hörte ich, nachdem ich längere Zeit abwesend gewesen war, „und es als Konzeption im eigenen Kopf selbst zusammensetzt, daß du also verstehst Zusammenhänge zusehen, sozusagen als Wahrnehmungen.“

„Häh?“

„Naja, es soll ein Gefühl zur Stadt hergestellt werden.“

"Zu welcher Stadt?. „Zu Paris!“

„Wieso Paris?“

 Sie hatte es mir gesagt, ich hatte bloß nicht hingehört: In Paris sollte das hochdotierte Stipendium des deutschen Steuerzahlers angewandt, also verlebt, also verjubelt werden. ZIEL des Stipendiums der ersten sechs Monate war es offiziell, ein 'Gefühl zur Stadt zu erarbeiten'. Erst danach sollten technische Fragen angegangen und auch neu zusatzfinanziert werden. Ich sah Barbara an. So schlank die Taille! Und leuchtende, ein wenig zu großäugige, anklagende Kinderaugen, ein bißchen brennend. Es war schwer, lange in diese Augen zu gucken, aus dem eben genannten Grunde. Die blonden Haare hatte sie hochgesteckt. Ihr Jahrgang: 1962, ihre Geburtsstadt: Stuttgart. Wie gesagt, ich hatte nichts dagegen, wenn jemand Anglistik studierte und sich im Englischen auszudrücken versuchte, anstatt im Deutschen. Es gab eben Sprachen, so auch diese, wenn es auch die häßlichste von allen war:

„…eine Inszenierung, die dort eingreift, bewirkt letztendlich eine Art fotografisches Malen, die dokumentarisch ist, die du anders aufnimmst, anders wahrnimmst. Egal, was es ist. Auch wenn es eine rote Kugel ist, die die Straße entlanggerollt wird. An sich sind bewegte Bilder ja nicht malerisch, aber was ich will, ist, ein Bild AUFZUBAUEN. Viele eigenständige Bilder sind da, die sich pro Bild nach und nach aufbauen. Heute zum Beispiel habe ich solange auf ein Bild geschaut, bis ich gemerkt habe, daß ich es plötzlich ganz anders sehe, ja, anders WAHRNEHME, weißt du?“

"Nein, entschuldige bitte."

Ich war wirklich ein Klotz. Ich verstand nichts von Kunst und ließ mich dennoch auf solche Gespräche ein. Ich war ein Westberliner Taxifahrer. Ich war Volkes Stimme, ein blödes faschistoides Arschloch, in die Jahre gekommen, mit Halbglatze und Zigarre, Bild Zeitung und - ach, Scheiße, ich lenkte mich gerade ab. Mit aller Kraft hörte ich wieder zu.

"... weißt du, es ist, was ich meine, wie diese Ausstellung in der Vilette: 'Filme'. Da haben sie so Interieurs den Filmen nachgebaut, und du gingst in so Zimmer hinein, sahst Möbel, und alles wie im Film, aber in Wirklichkeit eben, und an einer Seite der Film dazu, der FILM, verstehst du, der lief da, Humphrey Bogart oder so! Sodaß sich das menschliche Auge daran gewöhnt, Dinge als SERIE zu begreifen, als Handlungsabläufe innerhalb einer Geschichte..."

"Schon gut! Schon gut!"

Ich machte mich frei. Der Sermon war mir nun doch ZU vertraut. Ich hatte meine Franzosen AUCH gelesen, damals, in den späten Siebzigern. Wenn ich Logikbrei wollte, ging ich lieber zu Klarczyk. DER konnte reden! Das war ein Rhetor, Wo war er nur? Caroline hatte ihn als Türsteher abkommandiert. Aus den Künstlerlokalen kam der Rückstau angerobbt. Dummerweise beging ich nun den einzigen echten Fehler dieses Abends: treuherzig überließ ich Klarczyk den für mich reservierten Doppelbecher Original-SUPPE. Mir war nämlich bereits übel von dem Zeug, und die sich erbrechenden Mädchen auf dem Hinterhof machten mich übervorsichtig. Zunächst ging er seine Aufgabe angemessen an. Er gab sich Mühe, für die Neuankommenden zum Alptraum dieser Nacht zu werden. Gut dreißig Leute verschreckte er. Später wurde er sehr emotional. Auch mich hatte die Plörre samt Crack und Exstasy - oder was immer dieser angebliche 'Alfred' da hineingemischt hatte - emotional werden lassen. Ich entwickelte Gefühle - gegen MICH! Einmal sah ich im Badezimmer in den Spiegel und fand, daß ich rund, süßlich, weibisch aussah, genau wie jemand, den ich, wenn ich ihn auf dieser Party träfe, hassen würde. Ich fand mein Gesicht verlogen, hinterhältig, verschlagen… Ein buckliger Schleimer säuselte mir als 'ich' entgegen, beugte sich verträumt zu mir, distanzlos, vertrauensselig, unerträglich anbiedernd, ein Schlehmil. Ich begann mich anzulächeln. Es wurde immer schlimmer. Ich sah jetzt schon so aus wie Marcel Reich Ranicki auf dem Höhepunkt seines Abstiegs. Ich war Klaus Bednarz und hatte den Fairneßpreis für saubere engagierte journalistische Arbeit bekommen. Ich war eine Fliege an dem Rand einer Untertasse. Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

 

 

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