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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 14

23.09.2019

 

 

Alles hatte ich falsch gemacht. Freunde besaß ich nicht. Draußen kotzten wildfremde Menschen. Der Mann, der sich 'Alfred' nennen ließ, war in Wirklichkeit...

„Hey, wann wird denn das Klo mal frei? Hier muß jemand reihern!"

Ich drehte mich um, umarmte den Mann - es war der Freund von Tanja Drinhausen. Ich schluchzte: "Wo sind meine Freunde? Wo ist mein Bruder? Sie haben mich verlassen! Weil ich sie alle denunziert habe!"

„Na na! Was ist denn hier los...?"

"Ich war immer so selbstgerecht..."

"Hör mal, Tanja muß aufs Klo."

"Tanja? Ach was!"

Ich stolperte in jäher Wallung auf sie zu.

"Tanja! Komm! Weg von hier!" Und ich küßte sie mitten auf den Mund. Ich bekam nicht heraus, ob es ihr gefiel oder nicht. Da ich den Freund hinter mir wußte, konnte ich nicht zu weit gehen. Ihn hatte ich umarmt, sie geküßt - das ging noch. Aber der Kuß durfte nicht zu lange sein. Also nahm ich sie bei der Hand und zerrte uns beide nach draußen, dorthin, wo Klarczyk gerade mit seinen emotionalen Anfällen kämpfte. Ich sah einen blutverschmierten jungen Mann kerzengerade vor dem kleinen Klarczyk stehen. Der Blutende wirkte an sich gutmütig, und gewiß hatte sein Bluten nichts mit unserem Türsteher zu tun, aber ich hörte dauernd das Wort 'Polizei holen'. Mir wurde angst und bange. Doch dann stand die blonde Annette mit dem Silberblick vor mir, eine hochgewachsene Norddeutsche, zu der ich, wenn ich gerade Angst hatte und mich klein und bucklig wie Sartre fühlte, aufblickte.

"Ich möchte mit dir schlafen", kürzte ich die Unterhaltung ab.

"Wo?" fragte sie und ruckelte nervös mit dem germanischen Kopf.

"Bei dir. Aber schnell."

Um nichts zu bereuen, riß ich Klarczyk den halbvollen Doppelbecher SUPPE aus der Hand, schüttete das Zeug in den ausgebrannten Schlund, überwand die Rebellion des Magens, indem ich dreimal heftig schluckte. In der Ferne heulten eingebildete Polizeisirenen. Ich sah, wie Annette, obwohl so hackevoll wie ich, gierig und unweiblich aus einer abgeschlagenen, geköpften Sektflasche trank - buchstäblich soff. Wir rannten weg. Es war drei Uhr und zehn Minuten.

Das 'Erlebnis' jener Nacht mit der blonden Annette wird an anderer, passenderer Stelle ausreichend gewürdigt werden. Es dauerte jedenfalls nicht allzu lange, da sich von Stunde zu Stunde stärker abzeichnete, daß alle Partyteilnehmer mit körperlichen Beschwerden zu rechnen hatten. Mein eigenes Timing war so geschickt gewählt, daß ich erst um Punkt vier Uhr in Carolines Wohnung zusammenbrach.

“The party is over“ röchelte ich.

Am nächsten Morgen wachten wir zwar auf, hatten aber Beschwerden. Bei mir war das Sprachzentrum leicht gestört sowie der Gleichgewichtssinn. Wollte ich gehen, fiel ich einfach immer zur Seite. Zwar konnte ich sprechen, aber die Nebensätze verschwanden ganz, die Hauptsätze zur Hälfte. Menschen, mit denen ich über den vergangenen Abend telefonieren wollte, nahmen nicht ab. Auch ich nahm bald nicht mehr ab. Bis 18 Uhr blieben mir die Sprach-und Gleichgewichtsstörungen erhalten, sodaß ich nichts anderes tun konnte als schlafen. Zweimal versuchte ich aufzustehen und die Straße bis zum Café zu überqueren, gestützt von der immer noch überraschend attraktiven Caroline, beide Male mußte ich unverrichteter Dinge wieder umkehren. Ich mußte es bald aufgeben, irgendetwas tun zu wollen. Katzenjammer überkam uns beide. Die ehrbaren Bürger hatten recht behalten. Die anständigen Kunsthandwerker, die in Würde und Rechtschaffenheit ihre todernste Tätigkeit verrichten und respektiert werden wollten, also Krebber, Yoco Köter, Strau und all die anderen Spießer-Maniacs triumphierten. Gegen 18 Uhr brach bei Caroline die Krankheit erst richtig aus. Magenkrämpfe, Fieber, Erbrechen. Drei Tage und vier Nächte rannte ich um sie herum, bestellte Not- und Hausärzte. Jeden Tag stieg das Fieber um ein Grad. In dieser Zeit verlor sie viel von ihrer blühenden, 'übertriebenen' Schönheit, was mich erschreckte.

”Verdammte Designer-Droge! Diesem 'Alfred dreh ich den Hals um!“

Ich war wirklich sauer auf den Typ. Caroline bekam Paspertin, kalte Umschläge, Kamillentee - umsonst. Die Not- und Hausärzte versagten. Am zweiten Tag versuchte ich es mit Donald Duck Sonderheften, Aspirin, schwarzem Tee und Haferflocken. Am dritten Tag ging es aufwärts, das Fieber sank. Das war der Punkt, an dem wir uns abwechselten: Von nun an stieg bei MIR das Fieber, und ICH machte schlapp. Die folgenden Tage und Nächte tauchte ich ein in jene bewußtlose Fieberkrankheit, aus der Caroline erwachte. Erst neun Tage später gingen wieder aus.

 

 

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