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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 15

04.10.2019

 

Noch ganz geschwächt, traf ich am hellen Nachmittag Kunstkritiker Diederichsen, als ich die Schwungtüre des Broadway Cafés benutzen wollte. Er kam mir entgegengerauscht, sah mich aber um Sekunden später als ich ihn. So hielt ich inne und ließ ihn die Schwungtüre als erster passieren. Da ich so lange das Bett gehütet hatte, freute ich mich über jeden Bekannten, den ich in ein Gespräch ziehen konnte. In den Sekunden, in denen er, ganz mit sich selbst beschäftigt, mich noch nicht wahrgenommen hatte, musterte ich ihn fast liebevoll. Die Haare hatte er sich noch immer nicht abnehmen lassen, obwohl die 'Art Cologne' inzwischen vorbei war. Lang, ungewaschen, fettig - so fettig wie echte Margarine - hingen sie nach unten, wie die Zweige eines Weidenbaums, und kamen auf dem ebenso fettigen, unendlich verschmutzten Pelzkragen seines Kurfürstenmantels zu liegen. Er trug eine strenge viereckige Brille, ein schwarzes Gestell, fast eine Onassis-Brille, auch Ernst-Bloch-Brille genannt. Die Bügel waren gut einen Zentimeter dick, die Umrahmung der dicken Gläser auch - zentimeterdick und rabenschwarz. Ich sah, daß seine Haare noch vage und mit vielen Unterbrechungen und Verschiebungen einem Scheitel gehorchten, einer Grenze, die vor vielen Jahren zuletzt einmal mit einem Kamm gezogen worden war, wahrscheinlich dem Zitat eines Kamms, einer abgebrochenen Küchengabel oder mit den Borsten eines Besens... beim Anblick seiner Haare kam ich ins Grübeln. Er erschrak sich.

"Oh! Mir ist gerade schwindelig."

So sah er auch aus. Ganz grün die Augen, Schweißperlen auf der ohnehin immer glänzenden, pickeligen Denkerstirn, flackernde Augen.

"Dir scheint es wirklich nicht gutzugehen. Etwas mit dem Magen?"

"Ja, ja!", stieß er hervor, "zum erstenmal ist es der Magen. Sonst ist es ja immer das Herz."

"Ach, das ist wie bei mir. Nach der Acid-Party war mir auch schlecht, wie allen."

Er sah sich unruhig um, blickte hin und her, schien nicht gut drauf zu sein. Man mußte ihn immer beschäftigen, sonst war er hilflos, deswegen brachte ich die Unterhaltung auf das Thema 'Colours' - das war ein neuer Film, von dem ich sicher war, daß er, Kunstkritiker Diederichsen, ihn gesehen hatte. "Wie findest du denn Colours?" fragte ich, "ich habe gerade zwei Karten für den Abend gekauft und will dadurch Caroline zwingen, ihn sich anzusehen." 

"Habe seitenlang darüber geschrieben!"

"Und? Meinst du, der Film hat recht?"

"Ein Film hat NIEMALS recht oder unrecht! Was ist denn das für eine Haltung."

Er war schlecht gelaunt. So wie immer. Seine zweite Haut.

"Ich meine, äh, also ob die Tendenz stimmt, hab' ich halt gemeint."

"Eine Tendenz? Redest du jetzt davon, daß der Film tendenziös sei oder was ist das jetzt wieder für ein Schwachsinn?"

"Äh, öh, hoho, so ein Film macht doch immer auch eine Aussage über das Ganze, und..."

"DAS GANZE? DAS GANZE?! Das Ganze Land Kalifornien? Das ganze Universum? Was ist denn das für ein schwammiges Wischi-Waschi-Gerede!"

Er war wirklich kein bißchen besser gelaunt als sonst. Dabei hatte ich ihn doch, inmitten der vielen blasierten Flannellträger hinter uns, fast gern. So ein unkonventioneller Mann, so ein kompromißloser Denker; man mußte ihm Zeit geben.

"Also, mein Lieber, ich meine doch nur."

"WAS IN DREI GOTTES NAMEN HIMMELKRUZITÜRKEN 'MEINST DU DOCH N U R ' ? ! " Er stand, nur wenige Sekunde war die Begegnung alt, schon kurz vor einem halbepileptischen Anfall. Und das war nun doch ein Rekord. Was hatte er nur? Fast hätte ich gefragt: 'was hast du nur?' Aber er liebte das Persönliche nicht. Ruhig fuhr ich fort:

"Also die Aussage könnte zum Beispiel heißen, daß alles immer gewalttätiger wird im Amerika des George Bush. Stimmt aber nicht. Die Gewalttätigkeit nimmt in der Dritten Welt zu, aber in Amerika geht sie zurück." "Und die Zahlen?! Die Statistiken?! Willst du das alles leugnen?! Die Augen verschließen?! Den Kopf wieder mal in den Sand stecken?!" "Ich spreche doch von den Zahlen. Die sind erstmals seit dreißig Jahren rückläufig."

"Und die Arbeitslosigkeit, du Spinner, du wahnsinniger?! Gibt's die auch nicht, oder was! Du willst hier den Film fertigmachen und hast wieder mal nicht die Spur eines Schimmers! TYPISCH! Ich halt's nicht mehr aus!" Es nützte nichts, daß ich darauf verwies, die Arbeitslosigkeit habe mit weit unter fünf Prozent den niedrigsten Stand seit Roosevelt. Ich versuchte, ihn zu beruhigen:

"Ich mag den Film ja. Ich will ihn doch gar nicht fertigmachen. Ich habe mir doch extra die Karte gerade gekauft, und ich will sogar meine viel zu hübsche Freundin manipulieren, daß sie unbedingt mitkommt. Du brauchst nicht denken, ich sei uninformiert. Ich wollte nur deine Meinung hören, lieber Freund."

"Warum sagst du das nicht gleich? Wie ich diese Spielchen hasse! Dieses Rumgetrickse!"

"Wie bitte?"

"Es ist immer dasselbe mit dir. Du läßt erstmal Leute in niedliche witzig-seinsollende Kommunikationsfallen laufen und erklärst ihnen später, wenn sie sich erregt und produziert haben, du hättest es nicht so gemeint. Ich hasse das!"

Ich wußte nicht, wovon er sprach. Man sah ihm an, daß er fieberhaft nach weiteren Ansatzpunkten für grundsätzliche Aggressionsentfaltungen suchte. Da waren noch viele Schübe, die rauswollten. Sollte ich mich dafür zur Verfügung stellen? An sich war ein guter Tag dafür. Ich hatte nichts zu tun und nichts zu verlieren. Die Situation an sich war mir vertraut; normalerweise entschuldigte ich mich mit einem Termin. Diesmal, ich war so ruhig und sonnig vom tagelangen Liegen, ließ ich es darauf ankommen und fragte arglos und wohlgesetzt, wobei mir plötzlich Zwerg Zabel einfiel:

"Kommunikationsfalle? Du meinst, ich führe Menschenversuche durch?"

"Du machst erstmal irgendeinen erstklassigen WIRKLICH GUTEN Film fertig und erklärst dann, im Nachhinein: Ha ha, alles nur Spaß! Wollte nur sehen, wie du springst!' Du stehst da und rufst laut 'Angeschmiert! Angeschmiert!' Und das ist absolut verachtenswert! Und ich mache es auch nicht mehr länger mit! Es reicht mir!"

Bisher hatte ich kein Sterbenswörtchen gegen den Film hervorgebracht. Es war daher schwierig, diesen Faden weiterzuspinnen, und so überlegte ich halblaut und gedehnt, ob wohl seine Freundin Yoco Köter dahinterstünde, hinter den Aggressionen. Daß die mich haßte, unter allen Umständen, was immer auch geschah und gesagt/nichtgesagt wurde, verstand sich von selbst. Es war der strukturelle Mordinstinkt des faschistoiden Kleinbürgers und Vorstadtreihenhausbewohners gegen DIE ABWEICHUNG. Selbst gegen die eingebildete. Für Leute ihres Schlages, das kannte ich schon, Bundeswehrangestelltentöchter und so weiter, war ich das alles zusammen: die Abweichung, das Andere, der anarchistische Bluthund, die Rote Flut, die es zurückzudämmen galt, der Bombenleger. 'Vergasen' war noch das humanste, was solchen Leuten spontan zu mir einfiel. Zu dumm, daß ausgerechnet der gute alte Kunstkritiker Diederichsen mit ihr im Bunde stand. Denn Diederichsen war ein ehrenwerter Mann. Aber die Alte hatte ihm sichtlich eingeheizt: Er verwendete jetzt Redewendungen, die er auswendiggelernt dahersagte. Ich würde die anständige handwerkliche Arbeit nicht hochschätzen und mache mich über andere Menschen lustig, die nur ihr Bestes tun würden. Es war an der Zeit, dachte ich, ihm etwas beizupflichten, sonst entwickelte sich noch eine Kontroverse.

"Ich denke manchmal auch, daß ich Menschen denunziere. Daß ist natürlich schrecklich, wenn es stimmt..."

"Natürlich denunzierst du, du tust überhaupt nichts anderes! Und laß gefälligst meine Freundin Yoco aus dem Spiel, du Wahnsinniger! Was ist das bloß wieder für ein Wahnsinn, den du da betreibst und denkst und redest! Die Leute haben es nicht gern, wenn man sie intellektuell verarscht! Die merken das! Meinst du WIRKLICH, du kannst jahrein, jahraus anständige Leute denunzieren und ungestraft dabei wegkommen?"

Er stand feuerrot vor mir, den Hals nach oben gereckt, ein Prediger, ein Besessener. Langsam zeigte ich Wirkung, die Knie wurden mir weich. Wenn er nun recht hatte? Ein Mädchen hatte mir vor Jahren einmal gesagt, ich würde schlecht von den Menschen denken. Die hatte mir allerdings auch gesagt, ich sei 'ein Medium' und im übrigen ein Steinbock im Aszendenten Wassermann oder so ähnlich. Ich sei der typische Krebsmensch und hätte alle ungünstigen Eigenschaften des Widders. Allerdings würden diverse Aszendenten wieder genau das Gegenteil aussagen, woraus man nur schließen konnte, daß ich widersprüchlich sei. Von den 'Menschenversuchen' stand noch nichts im Horoskop, aber trotzdem. Ich war gewarnt. 

"Gib mir einen Tip, Diederichsen. Ich weiß nicht, was du meinst, würde es aber so gern wissen. Was mache ich falsch? Wen habe ich denunziert? Du brauchst keine Namen zu nennen, aber gib mir einen Tip, damit ich nicht so sehr im Dunkeln tappe."

Plötzlich wollte ich wirklich wissen, was mit mir faul war.

"Du läßt den Menschen keine Gerechtigkeit widerfahren! Du manipulierst sie, mißbrauchst sie nach deinen intellektuellen Interessen, schreibst über sie und wirfst sie weg, denunzierst sie und verschmierst ihr Bild in der Öffentlichkeit! Aber keiner mag das! KEINER!! Es will ja auch keiner Pornobilder von sich in der Zeitung wiederfinden, die noch dazu heimlich aufgenommen wurden und für die es noch nicht einmal ein stattliches Honorar gibt!"

Ich: ein Pornofotograf. Ein Spanner. Ein Honorarbetrüger. Ich holte Luft. Was sollte ich tun?

 

 

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