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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 16

17.10.2019

 

 

Was sollte ich tun? Irgendwas an seinen Ausführungen hatte etwas Bestechendes. Er hatte mich am Genick. Er bellte immer lauter. Ich versank in Gedanken. Hatte ich nicht tatsächlich einmal Artikel in deutschen Zeitschriften geschrieben, noch dazu sogenannten „Zeitgeist“-Zeitschriften, und waren in diesen Artikeln nicht auch Menschen vorgekommen, Menschen, die ich gut gekannt hatte und die mir anschließend spinnefeind waren?

"Tja, ich gebe zu, ich habe einmal für dieses Zeitgeistmagazin geschrieben..." grübelte ich.

"Eben! Und wer da auftaucht, in so einem Magazin, ja selbst im SPIEGEL, ist sowieso erledigt. Wer da verbraten wird, um mit seiner Person, mit seinem guten Namen, einen x-beliebigen NEUEN TREND zu bebildern, ist doch für alle Zeiten besudelt…“

Ich wollte widersprechen, aber der Kunstkritiker machte gleich weiter.

"Und Du hast sie nicht nur verbraten, deine besten Freunde und Bekannten, du hast sie auch noch lächerlich gemacht, und zwar IM DIENSTE DES COMMON SENSE lächerlich gemacht. Gegen das Lächerlichmachen wäre nichts zu sagen, wenn es gegen die Herrschenden und wenn es eben gerade NICHT im Sinne des Common Sense geschähe. Du aber haust auf die Kleinen und machst sie fertig im Namen des Billigen und Schäbigen, im Namen der nur zu gewöhnlichen kleinkarierten Untertanenschadenfreude...“

 Er war nicht mehr zu bremsen. Er war so beseelt von seiner Aussage, daß sie einfach MEHR sein mußte als irgendeine verschobene häusliche Ehefrustration oder berufsbedingte Allerweltsaggression. Ich spürte mit einem Mal, daß der Mann recht hatte. Sein Kurfürstenmantel spannte, der letzte noch verbliebene Knopf wäre fast abgesprungen.

"Was kann man denn jetzt noch dagegen tun?“ jammerte ich etwas kleinlaut und versicherte ihm durch eifriges Kopfnicken, daß ich ihn sehr wohl und durchaus in der ganzen Tragweite seiner Ausführungen und Behauptungen verstanden hätte.

"Da ist nichts mehr zu tun, GAR NICHTS! Weil es uns jetzt reicht! Weil wir das alles viel zu lange mitgemacht haben! Wir wollen nicht mehr! Es ist vorbei! Ein für allemal!"

Er wollte sich umdrehen und abwenden. Einen Schritt war er schon weggerückt. Diesen einen Schritt karm ich nun hilfesuchend wieder auf ihn zu: "Weiß du... als Schriftsteller, da schreibt man eben, was man sieht."

"So, und jetzt reichts."

Er sah mich gar nicht mehr an und verließ geradezu fluchtartig die Stätte. Mein letzter Satz schien ihn noch einmal ganz besonders gequält zu haben. Dieser Verweis auf das angebliche Schriftstellerturn hatte bei ihm anscheinend irgendein Faß endgültig zum überlaufen gebracht. Weil man, wie er

vielleicht fand, als Schriftsteller ganz besonders und erst recht darauf achten sollte, Menschen nicht zu denunzieren? Geschwind setzte ich ihm hinterher, holte ihn beim 'Spitz', das nur zwanzig Meter neben dem 'Broadway Café lag, wieder ein.

"Meinst du nicht, daß wir das auf dem kleinen Dienstweg jetzt regelt können?" sagte ich hilfsbereit. Ich wollte nicht, daß wir im Streit schieden - seit zwanzig Jahren kannte ich den Kunstkritiker und wir waren noch nie im Streit geschieden. Ich kannte ihn aus den Tagen der Vor- und Grundschule.

Eine Kunstschnepfe hatte sich an ihn gehängt, die scheuchte er jetzt weg, was mir in gewisser Weise schmeichelte. Wahrscheinlich war das mein Glück; er wollte nicht mit der Kunstschnepfe reden und redete daher lieber noch mit mir. Die Kunstschnepfe trug streichholzkurze gelbe künstliche Haare und hatte eine schwarze lederne Schwulenmütze auf dem Hinterkopf sitzen. Im 'Spitz' erkannte ich den Maler Walter Dahn, was mich wunderte, denn dieser Maler Walter Dahn hatte angeblich vor wenigen Tagen einen Herzinfarkt erlitten. Er sah aber auch käseweiß aus, mit dicken Kater-Karlo-Stoppeln im Gesicht, und ließ sich links und rechts von zwei schönen Fünfundzwanzig-jährigen die Hand halten: von Marylin und Ursula. Ursula machte Fotos, - während Marylin... aber ich hörte dem Kunstkritiker zu:

"Was du nicht begriffen hast, ist folgendes: Seit fünf Jahren ist es vorbei mit dem Changieren der Codes und der Identitäten. Das interessiert heute keinen mehr. Diese Spielchen mit der Wahrheit und den Irritationen. Ich weiß nicht, was das noch soll. Das macht das herrschende System inzwischen selber - und zwar viel besser, als du das je machtest. Und weil das herrschende System diese Spielchen inzwischen im Interesse genau dieses herrschenden Systems selber inszeniert, bist du plötzlich dabei und verdienst dein Geld damit, läßt dich bereitwillig einspannen, führst den Zug an, schreist Hurra für die Reaktion, schmeichelst dem Kaiser, duckst dich vor dem Kanzler...

Ich beugte mein Haupt vor Helmut Kohl, alle Wetter! Der Mann hatte mich erkannt. Tatsächlich imponierte mir die Europapolitik des deutschen Kanzlers ungeheuer; im Jahre 1992 würde Westeuropa die größte Wirtschaftsmacht der Erde sein: Kohls Verdienst. Aber was meinte Diederichsen mit 'Codes' und 'changieren und 'irritierenden Identitäten' und so weiter? Als Intellektueller meinte er doch sicher etwas Bestimmtes und Weiterführendes damit. Ich wagte aber nicht zu fragen, er war so in Fahrt. Vielleicht kam es ja noch. Er legte wieder ein Scheit auf, wurde aggresiver:

"Zum wievielten Male sage ich dir das eigentlich, Es ist mir zuwider und ich bin es leid, dir immer und immer wieder dasselbe sagen zu müssen. Du widerst mich an, ja, so ist es, ich sage es jetzt einfach! Du hast deine Ideale verraten und deine Freunde. Du bist nichts als ein einziger, fleischgewordener VERRAT."

"Äh... weil ich mich, also, an die Zeitgeistzeitschriften, äh, verkauft habe."

"Ja und noch viel mehr! VIEL VIEL MEHR! Weil du dich an den ZEITGEIST SELBST verkauft hast, und nicht nur dich, sondern alle deine Freunde dazu. Alles hast du verscherbelt, auch deine Großmutter, deine Freundin, alles, jedes und jeden!!"

Ich schluckte. Mir wurde wieder weich. Der geballten Schreierei hatte ich keine Courage mehr entgegenzusetzen. Es tat mir alles leid. Das war doch immerhin mein Freund gewesen. "Schon verstanden", sagte ich leise und strich unbeholfen-versöhnlich über den schmutzigen Fettpelzkragen seines Kurfürstenmantels. Er wollte sich aber nicht versöhnen lassen, er WOLLTE ES NICHT, er hatte es sich fest vorgenommen. So riß er sich zusammen, gab sich unerschrocken, nickte barsch und ging. Ich sah, wie er um die Ecke hoppelte. Ein verwegener Mensch, der es wohl nicht mehr allzu lange machte, hier unter uns Lebenden. Ein hundertprozentiger Radikaler, der soeben auf den hundertprozentigen Verräter gestoßen war. Verräter lebten naturgemäß länger. Viel länger, steinalt wurden sie in aller Regel. Wahrscheinlich würde ich den Kunstkritiker um fünfzig Jahre überleben. Jetzt ins 'Spitz' zu gehen war mir unmöglich. Das kurze Gespräch hatte mich aufgewühlt. War ich wirklich so ein Arschloch? Ich mußte das klären. Erst die Krankheit, eine ganze Woche im Bett, dann diese Frontalattacke, das schaffte in mir ein Klima des Grundsätzlichen. Ich wollte über mich nachdenken. Wer war ich?

 

 

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