© 2016-19 bei den Autoren und Künstlern der Gesellschaft

I'm busy working on my blog posts. Watch this space!

Please reload

Tag Cloud
Featured Review

Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

1/1
Please reload

Die Frauen, die Kunst und der Staat 17

25.10.2019

 

Ich ging die Lindenstraße hoch, die Hände in den tiefen Taschen des mausgrauen Filzmantels vergraben. Ich versuchte, mich an früher zu erinnern, zum Beispiel an die Anfänge meiner Freundschaft mit Diederichsen. Mir fiel aber nichts ein. Ich besaß keine Wurzeln. Es gab mich gar nicht. Ich mußte mich richtig zwingen, wobei ich Kopfschmerzen bekam, die gewöhnlichen Sätze zu denken: Wir haben Fußball gespielt. Wir waren Kinder. Die Eltern von Diederichsen hatten einen Garten mit einer schiefen Wiese und III einem Garagentor aus Blechstahl. Die Freunde von Diederichsens Bruder hatten auch einen Garten und spielten auch Fußball. wir spielten immer  Fußball, es langweilte mich zu Tode, ich haßte Fußball, ich haßte Diederichsen, ich haßte meinen Vater, und meine Mutter hatte mich wahrscheinlich schon im Mutterleib nicht haben wollen, Abtreibung und so, man denke nur an ROBIN NORWOOD...

Caroline hatte dieses Buch 'Männer die zu sehr lieben und Briefe geschrieben haben an Frauen die ihre Mütter hätten sein können' von ROBIN NORWOOD gerade angeschleppt. Sie war völlig begeistert. Ich hatte zu ihr gesagt, sie könne doch nicht JETZT NOCH diesen alten Gammel lesen, aber für sie, die in allem immer auf charmante Weise etwas zu spät war, bedeutete der Schmöker alles. Er war gerade ihre Bibel. Alle Probleme dieser Welt wurden darin auf frühkindliche und spätkindliche Erlebnisse zurückgeführt, also etwa auf das ungeliebte Fußballspielen mit Diederichs, auf den Vater, der trank, die Mutter, die grundsätzlich abtrieb, das Helfersyndrom, das mit Liebe verwechselt wurde. Ein gutes Buch. Ich ließ mir jeden Abend eine Geschichte daraus von der reizenden Freundin vorlesen. Es war gut geschrieben, volle Kante poetisch; es erweiterte meinen Horizont. Jetzt konnte ich mich einmal selber 'knacken'.

Ich war eine harte Nuß. Der Verräter lebenslang. Als erstes verriet ich meinen Vater an meine Mutter. Leicht gesagt, aber es war so. Während mein Vater arbeiten mußte, fuhr ich heimlich mit meiner Mutter Auto. Während wir Auto fuhren, machte sie mich zu ihrem Vertrauten. Bald verstanden wir uns besser, als Mom und Dad sich je verstanden hatten. Eine schwere Hypothek für mein weiteres Leben.

Dann Diederichsen. Wir spielten Fußball. Mein Vater war gestorben, hatte sich das Leben genommen. Robin Norwood wußte längst Bescheid. Die hätte mir das gleich sagen können. Autounfall. Aufprallgeschwindigkeit zweihundert Stundenkilometer. Mein Vater liebte die Marke Mercedes Benz, er liebte hellgraue, taubengraue und cremfarbene Limousinen dieser Firma. Ich hätte nicht mit meiner Mutter in diesen seinen Limousinen fahren und ihn währenddessen auch noch verraten sollen. Ich konnte noch nicht lesen. Die Norwood war erst siebzehn Jahre alt. Alles war noch so unklar. Aber heute? Der Kunstkritiker! Wir studierten zusammen Germanistik. In den Seminaren wurde Diederichsen von den ordinären Kommilitonen beschimpft:

"Geh doch erstmal ficken, du verklemmter Typ, du neunmalkluger!“

Wo er hinkam, gab es Streit. Mir gefiel das. Aggressiv war er damals schon.

Ein paarmal ging ich im Viertel auf und ab, immer wieder am 'Spitz' vorbei. Ich ging die Ehrenstraße zuende, bog rechts ab und rumpelte mit Walter Dahn zusammen, mitten in den schönsten Erinnerungen. Gerade stellte ich mir Diederichsens frühpubertäre aggressive Gesichtszüge vor - er konnte schon als Sechzehnjähriger zentimeterdicke Holzlatten durchbeißen - als ich das weiche Antlitz von Kölns erfolgreichsten 'Wilden' plötzlich vor mir hatte. Walter Dahn galt als der Erfinder der 'Wilden Malerei' Anfang der 80er Jahre und noch dazu als Beuys' Meisterschüler. Während die anderen wilden Mitstreiter inzwischen gut verdienten und sich etablieren konnten, stieg Dahn allmählich zum Superstar auf und wurde längst nicht mehr mit der Wilden Malerei in Zusammenhang gebracht. Er war jetzt vierunddreißig Jahre alt, trug immer noch lange Hippiehaare, wirkte aber jung und unverbraucht, jedenfalls in diesem Moment. Den Herzinfarkt hatte er gut weggesteckt, die bleiche Gesichtsfarbe konnte auch als jugendliche Blässe durchgehen. Er sah aus wie vierundzwanzig. Wie ein angehender Student, der allerdings zuviele Zigaretten rauchte und keinen Sport trieb. Wo waren Ursula und Marylin? Vorhin noch hatte ich ihn doch zusammengekauert und fix und foxi verkatert mit den beiden Schnepfen herumhängen gesehen.

"Wo sind deine beiden Mädel?" fragte ich.

 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload