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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 18

04.11.2019

 

 

Er schaute mich erstaunt und pikiert an. Das war nicht sein Tonfall. Er kam noch aus der alten Hippie-Schule, liebte aufrichtig seine Freundin und verehrte die Frauen im Ganzen und die Menschen im Besonderen. Ich war schon wieder dabei, den Mann sozusagen innerlich zu denunzieren. Ich war ein schlechter Mensch. Ich dachte schlecht vom Nächsten.

„Na, Walterchen, ist gestern mal wieder 'n bißchen spät geworden, was?“

Ich sagte das so mitfühlend wie ich konnte.

''Oh nein, ich trinke doch keinen Alkohol mehr. Ich war früh im Bett."

Er sah mir wohl an, daß ich gerade Probleme hatte. Sicher wollte er mich gleich zu einem Mitleidskaffee einladen, und ich kam ihm gerade noch zuvor. Laß uns einen Kaffee trinken sagte ich.

“Gern! Ich wollte dich eigentlich sowieso schon lange einmal kennenlernen. Weißt du, da läuft man monatelang aneinander vorbei in derselben Stadt und lernt sich doch nicht richtig kennen... "

„Ja Ja, so ist es,“ sagte ich pflichtschuldig und ebenso hocherfreut, ''so kann es nicht bleiben, wo ich doch auch immer wollte, daß man mal ins Gespräch kommt. Gott, wie lange ich mir das schon vorgenommen hatte... naja, wie wäre es mit dem Portobello Cafe? Ich lade dich ein. Du kannst essen und trinken, was du willst."

Große Rührung überkam mich. Angeblich hatte ich meine Großmutter an den Zeitgeist höchstpersönlich verraten; jetzt machte ich alles wieder gut, versuchte es zumindest. Dahn versicherte, selbst zahlen zu wollen, er sei immerhin mehrfacher Millionär, aber ich ließ es nicht zu. "Nein, heute ist DEIN Tag. Heute sollst du verwöhnt werden." Im Portobello saßen nur zwei Leute, beides italienische Angestellte des Lokals. Ich erinnerte mich, Dahn oft von Außen in diesem Café gesehen zu haben. Ich hatte ihm immer nur einen arroganten Gruß hingeworfen. Aus völlig fadenscheinigen Gründen hatte ich mich für etwas Besseres gehalten und ihn für einen lächerlichen Hippiekünstler, der seine Bilder der Hungerhilfe für Afrika spendete und von der DEUTSCHEN BANK dafür gelobt wurde. Und der auf allen seinen Bildern Motive aus dem Kral verwendete, Speere, Knochen, Buschtrommeln, sodaß die Seilschaft um Kippenberger, die sich über die Galerie Hetzler organisierte, nur noch Spott äußerte. 'Negerfreund. und 'Arsch mit Ohren' waren noch die mildesten Ausdrücke. Auch galt es als rührselig und gestrig, Joseph Beuys immer noch zu verehren anstatt ihn lauthals zu 'überwinden'. Ich fragte ihn gleich danach.

 „Bist du wirklich MEISTERSCHÜLER bei Beuys gewesen?“

"Oh ja! Beuys. Ich habe ihn sehr gut gekannt. Er war meines Wissens nach ein ausgezeichneter Mann und ich denke an ihn in großer Hochachtung...“

"Wie war das denn so. Mit Beuys. Und das alles. Ist ja lange her?“

"Ich war sechzehn Jahre alt." Er lehnte sich zurück. „Und kam aus Moers, am linken Rheinufer. Auch Beuys kam aus der Gegend. Das ist sehr wichtig! Alle Menschen, die ich schätze, kommen aus dem Linksrheinischen."

"Ist ja auch mehr Frankreich als Deutschland.“

"Ich hörte also Beuys an der Düsseldorfer Kunstakademie und bekam sogleich den ‚coup foudre‘, den Blitzschlag.“

 „Den Blitzschlag mit Hirsch?"

"Nein, diese Liebe auf den ersten Blick. Kennst du das nicht?“

"Du warst erst 16 und schon Student?“

„Ich mußte mich an Beuys abarbeiten. Sechs Jahre später, das war 1977, stand ich vor dem Nichts, dem personalen Chaos. Ich wußte nicht mehr ein noch aus. Ich konnte mir eine Welt ohne Beuys nicht vorstellen. Das Studium war zuende... Für mich war Beuys, als ich ihn kennenlernte, dasjenige gewesen, was ich bis dahin abgelehnt hatte. Die Erde, das Braune, der Lehm, das Fließen, die Dinge im tiefen Untergrund, das Leben, die Wärme... zugleich aber auch eine ganz unerhörte aufklärerische Komponente. In den sechs Jahren habe ich alles von Schiller und das meiste von Goethe gelesen... Er kam ins Reden. Aber je mehr er redete, desto langsamer und aufmerksamer sprach er, achtete er darauf, daß ich ihn verstand. Alles, was er trank, war ein kleiner Espresso. Ich mußte an die rund-um-die-Uhr-Sauforgien der übrigen, nicht ganz so erfolgreichen 'Wilden' denken und war angenehm überrascht.

"Hattest du mit Beuys auch persönlichen Kontakt?“ fragte ich.

"Weißt du, es ist eigentlich etwas ungemütlich hier. Laß uns doch zu mir rübergehen. Ich muß sowieso noch telefonieren. Da ist es auch wärmer."

Er hatte recht. Im Portobello herrschte düstere Pleite-Stimmung. Wir wechselten in Dahns Wohnung, die gegenüber im Klapperhof lag. Ober Videorecorder lief eine Sendung über Andy Warhol aus dem Jahre 1972, amerikanisches Fernsehen, Farbe. Warhol sah phantastisch aus, vor siebzehn Jahren, und nun war er bereits mausetot. Zwischen Avantgardejugend und Tod lag eine Zeitspanne von lächerlichen anderthalb Dekaden. Ich glotzte auf den Monitor. Es war die Zeit, in der die Fabrikation der Warhol-Werke bereits von vielen angestellten Mitarbeitern fließbandmäßig vorgenommen wurde. Warhol trieb seinen Spaß mit dem Individualitäts-Getue des bürgerlichen Publikums. Die Bohème machte dennoch weiter, als wäre seit zweihundert Jahren nichts geschehen. In Köln schliefen sich gerade schätzungsweise achthundert größenwahnsinnige alleingestellte egomanische Künstler-Individuen ihren Rausch von letzter Nacht aus. Dahn und ich sahen, wie Warhol in seiner Fabrik arbeitete, in seinen Büros, Konferenzräumen, Besucherecken. Er gab leise Arweisungen. Nur Prominente wurden eingelassen und kurz danach wieder rausgelassen, nachdem Warhol sie lakonisch nichtssagend begrüßt und mit einer Polaroid-MOTOR-Kamera erledigt hatte. Ich mußte daran denken, daß ich Warhol einmal selbst kennengelernt hatte, nämlich sieben Jahre später, im Sommer 1979, im Studio 54, an einem leeren Montag. Da mir das inzwischen niemand mehr glaubte, behielt ich es für mich. Nur ich selbst wußte, daß das wirklich passiert war. Ich war, aus einer pubertätsüblichen Krise fliehend, mit einem Billigflugzeug in New York gelandet und hatte dreihundert Dollar und die Adresse eines angeblichen Fotomodells in der Hosentasche. Das Fotomodell war unfaßbar-unbegreifbar dumm und amerikanisch, brachte mich aber ins Studio 54, das leer war bis auf Andy Warhol und vier homosexuellen Jungen, alle unter oder höchstens knapp über zwanzig.

 

 

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