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Das Fritz Brinckmann Buch 54

April 23, 2018

54. Kapitel

19.1.1978

Wie senkte sich gestern gegen Nachmittag, Stunde um Stunde, wie eine dröge Todesmetapher die Uni-Betonlandschaft über  meine Stirn...

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Die Frauen, die Kunst und der Staat 20

02.12.2019

 

 

Wir gingen wieder nach draußen. Dahn war beunruhigend still geworden, sodaß ich ihn glaubte aufmuntern zu müssen:

"Walter, in zehn Jahren wird man deine Neger*knochenbilder als geniale Voraus-Schau dieser zukünftigen Themenstellung begreifen! Man wird denken, du hättest dich schon jetzt um diesen Nord-Süd-Jahrtausendkonflikt gekümmert und dich künstlerisch daran abgearbeitet! Deine Kral-Bilder werden Millionen wert sein!"

"Wirklich?"

"Ja! ‚Zwei Neger* bauen Hütte**‘ wird bei Christie, für dreizehn Millionen weggehen, glaub' s mir!"

Er kratzte sich an seinem Stoppelbart. Er wollte gar nicht so berühmt werden. Lieber wollte er in Köln alt werden und glücklich, im linksrheinischen Köln, mit Frau und Kindern. Er sah hoch, und sein Blick fiel auf das neue Kaufhaus 'Strauss Innovation‘. Schmollend sagte er, es würde alles immer häßlicher werden - als schmeckte ihm die Vorstellung, über Jahre und Jahrzehnte Zeuge des ästhetischen Niedergangs dieser Stadt zu werden, weniger als er bis eben noch gedacht hatte. Er grummelte:

"In zwanzig Jahren wird mein Sohn vielleicht zu mir sagen: 'Was hast du gemacht, Papi, als 1989 alle Städte verschandelt wurden?"

"Warum gehst du nicht nach Amerika," fragte ich. Für mich war das lange Zeit eine ernsthafte Frage gewesen. Bevor Kohl mit seinem Europa‘92 rausrückte, hatte ich die USA als letzte Bastion im kommenden globalen Brand angesehen, wohin ich mich zu retten gedachte mitsamt deutscher Familie. Höchste Zeit für ein Visum, hatte ich mir oft eingetrichtert und: bald werden sie die Grenzen dichtmachen!

"Ich will hier sein.", sagte Walter fast störrisch. Ein Jahr lang hatte er einst in der Bronx gelebt, und in Harlem. Am Ende brachte er eine Indianerin mit nach Europa, als seine neue Freundin.

"Mußte dir mal vorstellen: Wenn sie mir so Fotos zeigte, von sich und ihrer Familie, dann sah man da so eine Squaw vor dem Zelt, Lederstirntuch, Federschmuck und so weiter, und die hat dann gesagt: das ist meine Großmutter! Stell dir das mal vor!"

"Phänomenal! Ich glaub' es nicht!" Das heißt: Ich glaubte es sehr wohl. Die Indianerin, die Wärme, der Koyote: da steckte ein übergreifendes Konzept dahinter, nämlich das von Beuys. Die Bronx, Harlem, die Fettecke. Er sagte es selbst, als wir über politische Kunst redeten.

"Man darf sich als Künstler nicht eine Sekunde lang auf die Warenwelt einlassen. Es bringt nichts, die Konsumrausch-Sympome noch einmal abzubilden. Man muß an die Wurzeln gehen. Also das heißt, man muß dem Konsumrausch und der postmodernen Warenwelt die Fettecke entgegensetzen.“

 Die FETTECKE! Den Filzhut! Den Kupferstab! Nun erinnerte ich mich, daß ich, in Kunstkritiker Diederichsens Augen, stets meine Überzeugungen verriet, oftmals sogar die Überzeugungen meiner Freunde, denn andere hatte ich nicht, und oftmals die Freunde gleich mit. An sich war ich von Haus aus GEGEN die Fett-Ecke und FÜR diejenige Kunst, die die moderne Warenwelt ins Visier nahm und auf schäbige Weise abbildete und madig machte, etwa die Kunst des Martin Kippenberger. Ich riß mich also zusammen und formulierte einen sogenannten EIGENEN Standpunkt. Die Künstler der Hetzler-Galerie, sagte ich, verarbeiteten das Jahr 1989 und keine alten Filzhüte.

"Unsinn! Die haben überhaupt kein Thema. Die verdoppeln bloß, was sie sehen. Die machen schlechte Kunst. Die funktionieren wie Papageien."

"Die Wirkung ihrer Bilder ist aber toll: Mir wird die reale postmoderne mich umgebende Welt hochgradig mulmig, wenn ich ein Kippi-Bild ansehe."

"Der Mann ist doch fertig. Der macht sich doch fertig. Da stimmt doch was nicht, so wie der sich kaputtmacht", sagte Walter.

"Ja, er brennt!", rief ich aus, "Er verbrennt für die Menschheit. Er ist eine Christus-Figur. Er läßt den ganzen tödlichen Konsumdreck unserer sinnentleerten Warenwelt auf seinen Körper prasseln" - ich legte mich ins Zeug, um einmal für einen Freund tüchtig einzustehen und ihn kein bißchen zu verraten - "und durch seinen gepeinigten Körper hindurchrasen, und heraus kommt diese phantastische Hochdruck-Kunst, diese Dokumente, bei denen allen Menschen schlecht wird. Daß er dabei jedes Jahr um fünf Jahre altert, ist klar. Er opfert sich eben."

"Ach was. Seine Sachen hängen doch bei jedem Schicki-Micki-Werbetexter im High-tech-Zimmer. Die schauen sich das Geschmier gerne an. Die sind doch alle krank, die Leute."

"Die Werbetexter?""

Nein, die Hetzler-Männerclique. Die sind doch kommunikationsunfähig. Wie soll jemand ein menschlich engagierter, revolutionärer Künstler sein, wenn er kommunikationsunfähig ist. Dieser Diederichsen zum Beispiel. Das ist doch der Verklemmteste von allen. Der redet einen zu. Der vermittelt einem das Gefühl, dumm zu sein..."

"Wohl an, sieh dich vor! Du redest von meinen Freunden!" dröhnte ich theatralisch. Vielleicht war es auch nur geflüstert. Natürlich freute ich mich, daß er das Kritiker-Ekel auch nicht mochte. Er ließ sich auch nicht aus dem Takt bringen. Er zog vom Leder. In Bausch und Bogen machte er sie fertig: Büttner, Oehlen, die Köter, Herold, Hetzler, Förg, alle aus der Sauf-Szene Köln. Gruppenbild mit Dame. Die Riten des Männlichkeitswahns. Dabei rührte er relativ gelassen in seinem Espresso-Täßchen. Wir waren wieder im Wohnzimmer. Ich erzählte ihm im Gegenzug von meinem Problem mit Diederichsen. Anschließend trennten wir uns und verabredeten uns für den nächsten Tag. Mein Gefühl, meinen Sandkasten- und Fußballfreund erneut verraten zu haben, verstärkte sich dadurch noch, wie sich denken läßt. Ich schlich vom Sofa weg, konnte ihm nicht in die Augen sehen. Meine hängenden Schultern hingen noch tiefer, der Verräter-Buckel wurde krummer denn je.

 

 

*lediglich historisch-kritisch legitimierter Gebrauch des N-Worts.

** korrekt: "eine Hütte". Mit der Weglassung des Artikels (soupcon) markiert der Autor seine solidarische Haltung.

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