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Port Stanley ist gefallen 17 (komplett) - Ende Teil 1


Seltsamerweise hatte ich auch - oder schon wieder - ein banges Gefühl, als ich aufwachte. Hatten die Blumen ausgereicht, Kim zu besänftigen? Oder hatte ich nun alles verspielt? Ich war mir ganz sicher: ich hatte das Spiel nun verloren. Die Trennungsschlacht näherte sich dem Ende, die Truppen standen am Rhein. Kim, ohnehin im Recht, würde keine Rück­sicht mehr nehmen. Der Zwischenfall mit Svenia würde sie moralisch ent­lasten - nun konnte sie endlich tun und lassen, was sie wollte. In ihre Wohnung durfte ich gewiß nicht mehr eindringen, polternd und wehklagend. Nein, ich hatte meinen letzten Angriff in diesem Krieg vorgetragen, von nun an überwalzte mich der Gegner.

Ich rief meinen Freund Friedrich Friederichsen an.

"Auf ein Wort, mein Lieber!"

"Natürlich, das biete ich dir seit Tagen an. Aber du verschwindest ja immer sofort."

"Du machst nicht den Eindruck eines Menschen, dem man sich anvertrauen könnte."

"Mein Gott, ich verstehe diese Pipifax-Probleme einfach nicht. Kim hat die Zeitschrift 'Emma' gelesen, na und? Deswegen soll ich mein Frogger-Spiel unterbrechen?"

"Du bist eben kein Freund. Wenn ich bedenke, welche Stütze einem Ste­phan Ohr in allen schweren Stunden des Geschlechterkampfs ist... "

"Ich weiß nicht, wovon du sprichst - mit Kim ist doch alles in Ordnung. Ich sehe sie ab und zu. Alles bestens, wie eh und je. Sie tritt völlig als deine Freundin auf."

"Also dann heraus mit der Hardcore-Information. Kim hat vor sieben Wo­chen mit mir Schluß gemacht. Seitdem ist die Verbindung tot, egal was ich anstelle."

"Dann muß ich mich wirklich bei dir entschuldigen. Das ist ja schreck­lich. Das ändert die Lage vollkommen. Nun gibt es nur eines: du mußt brutal sein. Bedingungslose Härte."

"Bedingungslose Härte?"

"Ja. Ich sage es nicht gerne, aber es geht nicht anders. Du mußt sie vor dir selber hemmungslos abwerten, nach dem Prinzip ‘mit dieser ent­setzlichen Kifferin will ich nie, nie, nie wieder etwas zu tun haben’, und dich auch daran halten. Du mußt ’Lebensgefühl ’ produzieren, für dich. Den neuen Zustand stilisieren, heroisieren. Ich sage nur: Plat­ten, Bücher, neue Rituale. Alles andere kommt dann von selbst. Von da an renkt sich alles von alleine ein."

Ich dankte Friedrich für den weisen Rat. Meine Verwirrung ließ nach, offenbar kam der gute Tip gerade zur rechten Zeit. Hätte ich Friedrich nicht erreicht, wer weiß, ich wäre zu Kim gelaufen. Und dann: der Fangschuß. Aber so blieb ich zu Hause? und las in Ruhe Zeitung. Nur noch eine Stunde hatte ich zu überstehen, dann schlug das Glück bei mir ein. Svenia kam - entgegen unserer Verabredung schon einen Tag früher als geplant. Meine Psychiaterstunden schienen ihr riesig gefallen zu haben, und das war ja die Hauptsache.

Wir verständigten uns schnell darauf, spazieren zu gehen. Da Kim nie mit mir spazierengegangen war, war es das erste Mal seit fast drei Jahren für mich. Nebel lag über der Alster, das Wetter war milchig-trübe wie im Moor.

Als erstes gingen wir zu Flum, dann zu Stephan Ohr. Flum war höchst seltsam. Als er mich sah, packte ihn der Schrecken. Er schüttelte nur den Kopf und knallte die Tür wieder zu - übrigens war er nackt. Was es wohl zu bedeuten hatte? Noch nie war der freundliche Flum zu mir unfreundlich gewesen. Aber ich sollte bald erfahren, was dahinter steckte.

Stephan Ohr war netter. Allerdings war das, was er, der ebenfalls bei Flum beschäftigt war, genauso wie Kim, Über Kim und Flum zu erzählen hatte, niederschmetternd. Der Skandal hatte ganz andere Ausmaße, als ich angenommen hatte. Kim und Flum lachten sich tot über mich. Jeden Tag. Brüllend vor Heiterkeit tauschten sie die neuesten Geschichten über mich aus, wie dämlich ich mich wieder benommen hatte. Und Flum griente zehnmal am Tag zu Stephan Ohr: 'Der ist am Ende, der Mann, der fällt total auf die Nase, ha ha ha!' Längst hatten, so Stephan Ohr, die beiden ein Verhältnis - und amüsierten sich darüber, daß ich es nicht merkte. Angeblich hatte Flum das Mädchen erst erpreßt: er hatte, sagte er, so viel Ärger wegen der Festanstellung Kims - die ja ohne Qualifikation einen hohen Posten bekam - daß er dafür 'mehr' verlangen mußte als bloße Sympathie. Sonst kam er nicht auf seine Kosten. "Verständlich." sagte ich. Zu dritt tranken wir Kaffee. Ohrs Dachwohnung wirkte entzaubert. Die Bilder - Ohr war eigentlich Maler - waren verschwunden, seit er bei Flum arbeitete. Triplizität der Ereignisse: auch Ohr war, fast am gleichen Tag wie ich, von seinem Mädchen verlas­sen worden. Seitdem hatte er sich zurückgezogen: er tat Buße. Schließlich hatte auch seine Freundin beklagt, er habe zu viel Spaß am Leben. Also, mehr Spaß als sie. Er würde sie ausschließen und sie nur noch zum Erholen 'gebrauchen'.

"Es glaubt mir übrigens keiner," sagte Stephan Ohr. Ich sah ihn an: Er sah schlecht aus. Wie ich, nahm ich an.

"Ja, man baut ab. Es zehrt ganz schön. Die Leute müßten es einem doch ansehen. Aber du hast recht, sie glauben einem das alles nicht. Auch Friedrich hat die ganze Zeit gedacht, es wäre nur ein Pipifax-Problem, bei mir."

"Klar, du glaubst mir ja auch nicht."

"Doch," sagte ich, "seit drei Sekunden. Übrigens hilft nur bedingungs­lose Härte. Dein Buße-Konzept ist ein... Rohrkrepierer. Du mußt gna­denlos brutal vorgehen."

"Aha!" Ohrs Augen blinkten. Dann sagte er etwas, das mir so bekannt vorkam, daß ich zu träumen glaubte:

"Das Schlimme ist, daß die ganze Vergangenheit in den Dreck gezogen wird. Plötzlich war alles mies, elendig, das Verhältnis, drei Jahre lang."

"Ja, ich kenne das. Aber, stell dir vor, es gibt noch härtere Vorwür­fe!... "

"Na, sag schon", sagte Ohr müde.

"Man sei ein Fremder, es gebe kein Verstehen, gab es nie, kein Vertrau­en, nichts. Man sei ein Moloch, mit dem es nie eine Gemeinsamkeit ge­geben habe, ein Marsmensch, ein gänzlich Unbekannter."

"Das kommt mir alles sehr, sehr bekannt vor," sagte nun Stephan, "genau das höre ich auch seit Wochen, genau das. Furchtbar. Scheußlich ist das. Und es wird nicht besser! Es scheint tatsächlich so zu sein, daß die Vertrautheit, die doch proportional zu den gemeinsam verbrachten Jahren zunehmen müßte, genauso abnimmt. Mit jedem Tag wird die Ver­trautheit geringer."

"Absurd, diese Frauen. Mir kommt es vor wie der Neue-Heimat-Skandal.

Ein riesiger, verfilzter, schlummernder, stets zugedeckter, dichtge­haltener, unter den Teppich gekehrter Komplex aus Lüge, Berechnung, Hinterhalt und Korruption - von der weiblichen Seite aus. Und nun kommt alles mit einem Male heraus. Die Bescherung ist da. Und wir verstehen die Welt nicht mehr."

"Das Irrste: sie werfen uns auch noch vor, daß wir nichts gemerkt ha­ben die ganze Zeit! Angeblich standen überall die Zeichen dafür herum, gigantische Verkehrsschilder, wie: 'Stop! Bis hierher und nicht wei­ter!', oder: 'Achtung! Dies ist eine Sackgasse!'..."

"Sie unterstellen einem, von dem 'menschenunwürdigen Elend' gewußt und es geduldet zu haben."

Ich erzählte ihm, daß der Feind zufällig neben uns sitze; auch Svenia habe gerade ihren Freund verlassen: einen intelligenten, attraktiven, aufrichtig liebenden Burschen. Sie hatte nicht den geringsten Grund, behauptete ich, und tat es doch. Stephan Ohr riß wie elektrisiert seinen Körper herum, zu Svenia.

"Was?! Das ist ja fein! Dann erzähle uns mal!"


Foto: Lottmann Images

Svenia fühlte sich wie das Schaf, das vom Wolf angesprungen wird und konnte vor Schreck kein Wort herausbringen. Stephan wollte es aber wis­sen. Mit weiteren Fragen drang er in sie ein. Sie sollte sagen, was der Grund ihrer Trennungstat war.

"Ich habe darüber so viel mit L. geredet, daß ich es nicht mehr weiß", sagte sie ehrlich. Ich griff ein.

"Mit einem Satz, lieber Stephan: er hat ihr nicht 'WEITERGEHOLFEN'. Er hat sie nicht 'WEITERGEBRACHT."

Stephan explodierte förmlich.

"Das ist ja wohl unerhört! Dazu ist man da? Das wird verlangt? Das ist das Schäbigste, Krämerhaftigste, was sich nur denken läßt! Mit Liebe hat es nichts zu tun!"

Er zitterte vor Empörung.

Ein Schweigen entstand. Ich sah zu Svenia, Stephan zu mir, Svenia zu Stephan, dann Svenia zu mir zurück. Für eine Sekunde war ich verliebt und sah auch so aus, was Stephan, als ich ihn wieder ansah, verblüfft zur Kenntnis nahm. Ein Licht ging ihm auf.

"Was auch geschieht, Stephan," sagte ich, "vergiß nicht, daß einige Dinge sicher sind. Erst wirst du bei Flum fliegen. Dann wird Kim flie­gen und schließlich wird Flum selbst hops gehen. Das geht nicht mehr lange gut mit dem Abschreibungsladen. Kim wird das arme, unfähige Gummientlein werden, das sie schon war, bevor sie mich kennenlernte. Nur ich werde aus allem unbeschädigt hervorgehen. Daran mußt du dich hal­ten, wenn du in den nächsten Tagen keine Fehler begehen willst."

"Das glaube ich." Er sah mich an, als wollte er sagen: 'Du gehst be­stimmt nicht unter.'

"Im übrigen hoffe ich, daß du mit Angelika" - so hieß seine Freundin - "nicht so viel Ärger hast, wie ich mit Kim hatte. Ich wünsche es dir nicht, ich wünsche es keinem." Damit stand ich auf.

"Mehr! Mehr Ärger habe ich! Ich schwör's dir!"

Er wirkte richtig verhärmt. Vielleicht hatte es ihn tatsächlich ärger erwischt als mich. Ich ermahnte ihn noch, niemals mitzulachen, wenn Kim und Flum über mich stänkerten. Dann gingen wir, Svenia und ich.

Wir spazierten in einer großen, zufälligen Schleife erneut um die Alster. Es dauert lange, bis ich alleine auf die Straße treten kann," berichtete Svenia, die sich, anders als am Vortag, frei und locker fühlte. Mindestens eine Stunde. Sonst bin ich nicht gewappnet, wenn mir jemand entgegenkommt. Zum Beispiel ein gleichaltriges Mädchen. Das muß ich schon in zweihundert Metern Entfernung erkennen, sonst geht es schief."

"Das verstehe ich gut. Die Zeit bis zu meinem Führerschein war für mich auch die Hölle. Aber seitdem existiert das Problem nicht mehr. Ich lege selbst Strecken von fünfzig Metern mit dem Auto zurück."

Svenia gefiel mir. Sie mochte keine Hunde und keine kleinen Kinder. Sie plante ihren Tag genau. Sie hatte Angst, wenn jemand bei ihr klingelte. Ihr liebstes Erlebnis war es gewesen, in einem Golfclub in England, als Junge verkleidet, den Caddy zu spielen. Sie mochte die englische Aristokratie. Ein winziges Zimmerchen im Eppendorfer Baum war ihr lieber als eine Fünf-Zimmer-Wohnung in Eimsbüttel.

Ich dachte: wenn sie mich noch einmal fragt, ob sie bei mir einziehen kann, sage ich ja.

Wir kamen an einem Kino vorbei, in dem ein James-Bond-Film von 1963 lief: "From Russia - with Love". Keine Frage, wir setzten uns in die zweite Reihe. Svenia, obwohl keine Kinogängerin, kannte bereits den "Goldfinger"-Film von 1965. Nie war ein Mann ruhiger, ernsthafter, netter und verantwortungsbewußter als der Ur-James Bond aus den frühen sechziger Jahren. Ich fühlte mich in dem Film restlos wohl. Selbst der größte Schurke wurde noch gesiezt und anständig behandelt, wir gingen wieder spazieren.

"Ich habe Angst vor Mathias... er hat mich öfters geschlagen", sagte Svenia.

"Ja, ein gefährlicher Mensch. Gräßlich, diese Gewalt in Beziehungen,"

"Aber unsere Beziehung war keine Beziehung, sie war nichts, sie gab es nicht, zwischen mir und Mathias B. war nichts... ich verstehe nicht, was er noch will."

Sicher sprach Kim von mir ähnlich. Aber wer war schon Kim...

Gegen Abend fuhr ich Svenia nach Hause. Am nächsten Tag, gleich nach der Schule, wollte sie zu mir kommen.

Beim Abschied wollte sie in den Arm genommen werden, aber ich dachte nicht daran. Lieber wäre ich durch ein Minenfeld gelaufen, als jetzt noch etwas falsch zu machen.

Kaum war ich allein im alten Wehrmachtskäfer auf dem Rückweg, brach in mir der Frühling aus. Ich hatte Lust, mit einem Male, zum Glück erst jetzt, sie anzufassen Die Abschiedssekunden mit ihr hatten das bewirkt.

"Ich bin über den Berg!" jubelte ich.

Nun hatte Kim die schlechteren Karten. Ich bezweifelte, daß man in den Abschreibungskönig Flum so verliebt sein konnte, wie ich in Svenia.

Odor doch? Der Mann war älter als ich, reicher, mächtiger... und Svenia war jünger als Kim, unerfahrener, ohnmächtiger. Trotzdem stand es zu­mindest unentschieden jetzt. Wie Friedrich der Große hatte ich in einem aussichtslosen Krieg durch schiere Tapferkeit das Blatt noch zu wenden vermocht.

Ich hatte keine Lust mehr auf Kim. Dennoch, oder gerade deswegen, drängte es mich, als ich nach Hause kam und die unerledigten Berge von Aufzeichnungen aus der Kim-Epoche auf meinem Schreibtisch sah, das Kapitel aufzuarbeiten und hinter mich zu bringen.

Ich schlug das letzte dicke kiloschwere gebundene DID-A-4-Buch auf. Vielleicht sah ich die Dinge nun mit anderen Augen. Vielleicht fand ich etwas über Svenia. in die ich ja schon einmal vernarrt gewesen war. Vielleicht fand ich plötzlich auch etwas Über MEIN Unglück mit, durch und wegen Kim.

Ich las:

"... Heute habe ich mich mit Kim versöhnt. Es war stundenlang gefährdet, stand auf Messers Schneide. Ehrlich gesagt, ich hatte schon aufgegeben. Wie vor einer Woche. Es ist ja so, daß wir uns nur noch am Wochenende verstehen, und auch da wird es immer knapper. Diesmal brauche ich von zehn bis siebzehn Uhr zur Versöhnung. Nächstesmal, wenn ich eventuell schon acht oder zehn Stunden brauche, reicht die Zeit gar nicht mehr: Kim muß ab siebzehn Uhr dreißig an der Kinokasse sitzen. Unter der Woche ist eine Verständigung inzwischen völlig ausgeschlos­sen. Nach harten Arbeitsstunden bringe ich für Kims Psychosen keine Kraft mehr auf. So bringt uns Springer auseinander..."

Wirklich: es klang nun ganz anders.

"Gestern noch bei Kim gewesen. Sie hatte gerade die Aufnahmeprüfung der Gruner und Jahr Journalistenschule bestanden und war dementsprechend quirlig und aufgeregt. Ich war sehr froh. Mit Kim geht es atem­beraubend voran."

Was für ein rührender Freund. Noch dazu einer, der in Wirklichkeit die Prüfung bestanden hatte, unter Ihrem Namen, nur für sie.


Der Autor warnt vor der Versuchung des beziehungsmangelkompensierenden Plattensammelns.

"Ein Kapitel Frauenunterdrückung. Jetzt, wo es Kim wieder schlecht geht, bekommt sie Liebe en masse. Dauernd rufe ich an, bin rührend und liebevoll, und so weiter. So funktioniert das: Liebe kriegt nur die unglückliche Kim. Die Rollenverteilung 'Starker Mann/Blondes Elend' ist meine Erfindung, und ich tue alles, damit es so bleibt."

Sack und Asche über diesen Kerl! Nur eines hatte ich vergessen: Liebe en masse bekam erst recht die glückliche Kim.

"Kim weckte mich überraschend. Sie kam mit fliegenden Händen und er­hobenem Armen auf mich zu, ein wenig hektisch und unsicher. Vielleicht ahnte sie nicht, daß ich mich über ihren Besuch freute?"

Ich hätte es ihr dreizehn Mal entgegenbrüllen müssen.

"Sie setzte sich auf mein Bett und gab mir einen huschenden, zittrigen Kuß. Das gute Kind! Es hatte eine graue Weste, ein graues, viereckiges Jackett und ein weißes, frisch gestärktes Oberhemd an. Ich merkte, daß Kim eine Scheu empfand, in meinem Schlafzimmer zu sein, und so erhob ich mich rasch."

... immer rücksichtsvoll...

"Um Kim die Zeit abzukürzen, die ich im Badezimmer verbrachte, legte ich eine Schallplatte auf, wieder nur Duran Duran, die ich längst nicht mehr mochte, die aber Kim noch nicht kannte."

"In ihrer Wohnung befiel Kim plötzlich wieder die zittrige Unsicher­heit vom Morgen. Sie hatte Angst, ich würde mich mit ihr langweilen.

Um dem entgegenzuwirken, redigierte ich vor ihren Augen ihren Artikel über Avantgardemusik. Etwas Seltsames geschah: obwohl ich den Artikel rigoros zusammenstrich, kam Kim in eine fast euphorische, heiße Auf­geregtheit."

Der Beweis: es gab einen Moment ohne Elend und Unglück.

"Kim sagte, daß sie mich liebe, weil ich zuverlässig und weise aus­sähe und weil einem mit mir nichts passieren könne. Ich lachte, weil mich diese Bekenntnisse völlig überraschten."

Natürlich - es war das erste nette Wort in unserer zähen Liaison.

"Kim lebt weiter auf. Sie schreibt jetzt gute Artikel und Kommentare. Sie hat Oberwasser, ist sehr frech und keck, ziemlich übermütig und selbstsicher. Ihr macht keiner mehr etwas vor. Erstmals sehe ich die Möglichkeit vor Augen, daß wir die geplante Hochzeit nur deswegen nicht durchführen, weil ich bis dahin arbeitslos sein könnte, Kim aber um­gekehrt nicht mehr. Heißt: daß ich ihr dann nicht mehr standesgemäß wäre. Ich glaube, das würde mich ärgern."

Exakt so war es gekommen.

Kim zeigte sich undankbar. Den ganzen Abend war sie sauer und unfreundlich, weil ich mir angeblich beim Redigieren zu wenig Mühe gegeben hatte. Die Anschuldigung war ungeheuerlich. Sie traf mich auch nicht, es traf mich, viel konkreter, Kims saure Laune... Aber ich will nicht einseitig sein. Kim wird ihre Gründe haben. Und war sie nicht sowieso immer undankbar?" Die Bankrotterklärung.

Kim ist immer noch der ganz große Positivfaktor in meinem Leben. Ohne sie würde ich in kürzester Zeit auf allen Ebenen schlappmachen.n

So hing es zusammen. C'est l'amour.

"Kim wird immer selbstsicherer, immer hübscher, immer erfolgreicher, immer selbständiger."

Kim versuchte bereits, die Rollen umzudrehen, was ja ihr gutes Recht war, mich aber kalt ließ:

Aus der Geschichte wissen wir, daß eine Rollenumkehrung niemals auf Dauer glückt. Ich werde immer der Selbstsicherere sein. Weil ich klug bin und alles im voraus weiß."

Ich hatte am Vorabend mit Kim herumgetobt und mich mit ihr irrsinnig gut verstanden."

"Abends war ich mit Kim wieder im Cha-Cha. Sie sah wie immer süß, blond nd kalt aus und hatte ihr neues Kostüm an, diesen kleinen Herrenanzug. Das steht ihr sehr gut, zusammen mit einen dreifach um den Hals geworfenen grauen Schal."

Gestern hatte ich leichte Winterdepressionen, so daß ich sofort Kim anrief. Die hatte die gleichen Winterdepressionen, und wir trafen uns, in einen französischen Leichtfilm von 195& nit Brigitte Bardot zu sehen. Es war sehr nett."

"Zu Kim ist nicht viel zu sagen. Neu ist, daß es ihr gut geht, wenn wir Krach haben, und sie dann ausgeht und 'literarische, höchst vergnügliche Abende verbringt, an denen sie sich mit allen möglichen Fanpost-Schreibera 'herrlich' betrinkt."

"Die Streitereien mit Kim reiben mich inzwischen völlig auf. Ich blei­be aufgewühlt zurück und kann mich nicht mehr konzentrieren, übrigens sieht sie zur Zeit enorm gut aus, was die Sache erschwert. Ja, und dann gehe ich morgens ins Büro, in dem Glauben, es könnte mich ablenken.

aber es macht mich nur krank."

"Kim und ich liegen uns in den Haaren. Es ist meine Schuld. Meine Nerven reißen. Ich bin nervlich so erschöpft, daß ich nicht mehr zur Ar­beit gehe und stattdessen weiter mit Kim zetere. Offizieller Anlaß: sie will mich nicht – wie geplant – jetzt, sondern erst später heiraten. "

Die Lage spitzte sich zu.

"Bin gleich mit Kim verabredet. Das heißt: der Abend wird mit einem dicken Mißton enden. Viel lieber würde ich aufräumen."

"Mit Kim den ekelhaftesten Streit unserer Geschichte. Da er aber schon nach zehn Sekunden (!) begann, kam bereits nach vier Stunden eine, wenn auch dürftige, Versöhnung zustande. Ein hervorragender Wert. Unangenehm war es trotzdem. Ja, ekelhaft. Vorwürfe über Vorwürfe gegen mich. Ich sei keiner, dem sie vertrauen könne. Sie traue mir alles Schlechte zu. Wenn man so etwas miterlebt, glaubt man, die Freundschaft sei in der berühmten Endphase. Und ich muß sagen: ich weiß im Moment nicht, wie ich die Streits unter Kontrolle bringen soll."

Langsam kam ich beruflich ins Schlingern.

"Verrückterweise wird die Anziehung immer stärker. Alles andere leidet jedoch darunter. Alle Energien werden abgesogen, weggebrannt. Das Fatale: Kim nimmt auf meine Entkräftung keinerlei Rücksicht. Sie gibt nie nach und führt alle Streits unbarmherzig mit voller Kraft, mit Härte, mit Kälte."

Kims Respekt vor mir schwindet, sie findet mich lächerlich. Ängste: wie könnte mit mir Schluß machen, mich noch schlechter behandeln als bisher."

"Hinter mir liegt: das Kündigungsgespräch mit Chefredakteur Fitzrath, die ersten Vorboten des Endes mit Kim."

"Also Kim. Was macht man da? Geschenke? Überweisungen? Ja, beides. Nein lieber bar geben."

"Kim ist zur Zeit einfach hochgefährlich. Sie steuert unterbewußt auf Destruktion und Streit zu. Sie will den großen Knall. Er wird ganz gewiß kommen, so daß ich gut daran tue, mich darauf vorzubereiten."

Was ich nicht tat.

Die Freundschaft hielt von da an noch genau zweiunddreißig Tage und Nächte. Ich hatte aber keine Lust mehr, das auch noch zu lesen, zumal es nicht lange zurück lag. Das Ende hatte ich noch im Gedächtnis, ausnahmsweise: ich betrank mich jeden Abend mit nichtsnutzigen, geistesschwachen Mädchen, während Kim den Terror auf die Spitze trieb, zunächst, und ihn dann drosselte. Ja, die Freundschaft erholte sich noch einmal. Kim zog - nach über einem Jahr räumlicher Trennung - auf ihren Wunsch hin wieder in meine Wohnung und blieb dort neunzehn Tage, die mir ausgesprochen glücklich vorkamen.

Am zwanzigsten Tag machte sie dann mit mir Schluß.

Mit einem Stoßseufzer klappte ich die dicken Schwarten zusammen und verstaute sie wieder im Safe.

"Die rühre ich fünf Jahre nicht an", dachte ich entschlossen. Die ganze Zeit erschien mir als Alptraum.

Nun mußte ich nur noch die Fotoalben wegpacken, die Kim-Plakate abhängen, Kims Geschenke in einer großen Kiste auf den Dachboden tragen, die Maler kommen lassen und neue Teppiche bestellen; dann konnte das neue Leben beginnen.