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Das Fritz Brinkmann Buch 1



1. Kapitel


Um neun Uhr krähte der Wecker. Er wurde lauter, bekam etwas Krächzend-Kreischendes, doch ich war bleiern müde, wirklich nicht ganz da. Nach zehn bis zwanzig Minuten wälzte ich mich zum Tisch, wo die Pillendose stand, und schluckte eine Aufputschtablette. Gleich ging es besser. Ich konnte bis zur Küche gehen und Kaffee kochen.

Während ich ihn schlürfte, sah ich, daß draußen Morgenrot war, und konnte - anders als gestern, als ich wie abge­stumpft war - kurz denken: wie ich hier stehend Kaffee schlürfe, während draußen über den Dächern Morgenrot ist, ha!


Inzwischen wachte ich vollends auf. Seminar und Gruppen­sitzung standen auf dem Programm. Gruppensitzung bei mir, in dieser Müllhalde. Wenigstens Kaffee sollten sie krie­gen. Ich wusch fünf Tassen ab, geriet dabei in eine freudige Stimmung: so fürsorglich war ich! Die Aufputsch­tablette wirkte dazu, schließlich standen fünf Tassen, Kaffeekanne und sogar Milch und Zucker griffbereit im Zimmer, in der Müllhalde. Wer hätte das von mir gedacht.


Ich ging zur Uni, jeder Schritt federte, so daß die Leute mich bemerkten. Sie hielten mich für einen jungen Spring­insfeld. Dann dachte ich: ja, jetzt kommt wieder so eine Euphorie, die nicht in die Erinnerung eingeht, ein Tag, der später wie nicht gewesen ist. Ich schaute in die Luft, um mir genau anzuschauen, was das ist: ein später wie nicht gewesener Tag.


Ich war so pünktlich, daß ich noch in die Bibliothek gehen konnte um zu lesen. Ich las mit großem Interesse. Dann, im Seminar, setzte ich meine Nickelbrille auf und erschrak: nur häßliche Gesichter. Tatsächlich? War das Möglich? Ich war plötzlich neugierig, ging noch einmal, langsam, alle Gesichter durch. Bei besonders häßlichen schüttelte ich mich, genußvoll angeekelt. Das ganze Seminar kompromißlos häßlich. Darüber mußte ich etwas nachdenken, erst allmählich begann ich zuzuhören. Dann aber meldete ich mich zu Wort, erwischte mich, wie gestern schon, mit dieser unpersönlichen Gelassenheit. Was gestern mißgelaunt war, war heute eher arrogant und nachlässig.


Ein Mädchen tat mir leid, und dieses Mitleid dauerte länger, wurde fast herzzerreißend. Es hatte ungekämmte schmucklose Haare, war ungeschminkt, saß da mit krummem Buckel, guckte plump zu mir herüber und fand es unangenehm, wenn ich zurückschaute. Später, in der Cafeteria, setzte es sich neben mich, aber nur, damit sie sich später nicht vorwerfen konnte, sie hätte es nicht versucht.


Ach, es war ein Durchbruch bei mir, was das Seminar an­belangte. Hier, wo ich wegen der frühen Stunde bisher still gewesen war, stieg ich zum Hauptredner auf, disku­tierte hinterher mit dem Professor allein weiter und dirigierte "meine" Gruppe wie der Kanzler sein Kabinett. Aber ob ich es selbst so erlebte? Erst jetzt, da ich es aufschreibe, wird es mir auch bewußt.


Ich ging in die Bibliothek, fand einen guten Artikel über Handke, ging in die Mensa essen, kaufte einen Platten­spieler, traf meinen Nachbarn. Auf dem Balkon zankten sich zwei Tauben.


In einem Café saßen wir uns, der Nachbar und ich, so dicht gegenüber, daß wir anfingen, allen möglichen Schnickschnack zu reden, dann schwiegen wir hartnäckig, und der Nachbar bezahlte. Wir betrachteten uns in unseren neuen Anzügen im Spiegel, der Nachbar begann mit den Mädchen zu flirten. Er hieß übrigens Richard, war achtzehn Jahre alt, schrieb Gedichte und war ein Typ, auf den die Mädchen flogen: große Negerlippen, balkenbreite Super-Augenbrauen.


Er hatte mir zwanzig Mark zugesteckt, das hieß ein Wochen­ende mit leckeren Bergman-Filmen, es ging mir gut.


Ich huschte durch einige Cafés, fuhr dann in die Bibliothek und begann einen stundenlangen Kampf um neue Handke-Rezensionen. Auch in der Staatsbibliothek war ich. Am Ende hatte ich fünfzig Seiten kopiert.


Dann rein in die U-Bahn. Ein Mädchen schräg links neben mir, Gedichte lesend, Marzipan essend. Das Gesicht wurde einesteils von einem wunderschönen weißen Pelzmantel, anderenteils von vollen gesunden Haaren zugedeckt. Ich sah nur einen feuchten roten Mund, in den die Marzipan­stücke wanderten, lange Wimpern und eine sehr reine weiße Haut. Ich drängelte eine unförmige Frau beiseite, baute mich dem Mädchen gegenüber auf und las in meinem Handke.


Von Anfang an hatte ich sie überrascht und erfreut ange­glotzt, als würde ich in ihr eine Bekannte erkennen. Ob sich die Fahrgäste wunderten, warum ich sie nicht ansprach? Egal, ich war so neugierig wie vormittags im Seminar, als ich die Häßlichkeit entdeckte.


Sie stieg aus, ich auch. Ich wollte hinter ihr hergehen, aber sie ging dermaßen langsam und irgendwie dramatisch - für jeden Schritt brauchte sie mehrere Sekunden, bewegte sich aber trotzdem ständig auf eine Art, daß man völlig abgelenkt war, SO daß ich mich schließlich hinsetzte

um abzuwarten.


Sie stieg in den nächsten Zug, ich auch. Wir saßen uns gegenüber. Noch immer war ihr Gesicht verdeckt, sie las wie vorhin, doch schien sie unruhig und gespannt zu sein. Wir fuhren bis zur Endstation. Spätestens jetzt mußte etwas geschehen.


Ich kam zu mir. Weitermachen, jetzt ist sowieso alles egal, dachte ich, fühlte mich aber im gleichen Augenblick unend­lich schwach und müde. Ich wurde mißgelaunt wie gestern, schaute voller Überdruß nach draußen. Ach Mensch, dachte ich und machte einen Buckel. Dann verschwand die Laune und auch jedes andere Gefühl, ich war wie abgestumpft. Ging neben dem Mädchen in Zwergenschritten. Noch immer hatte sie mich nicht angesehen. Wir gingen ziemlich lange, ich war wie ein lustloser Mensch-ärgere-dich-nicht-Spieler. Dann merkte ich, daß ich sie aus den Augen verloren hatte, rannte um die Ecke, holte sie ein und faßte sie am Ärmel.


"Du!" stieß ich hervor.

Sie sagte "Ja", improvisiert und tonlos.

Ich dachte: "Lädtst du mich zu einer Tasse Kaffee ein?"

und sagte wie auswendig gelernt: "Lädtst du mich zu einer Tasse Kaffee ein."


Nur mein Atem rettete mich vor Gleichgültigkeit. Ich war überrascht, als sie antwortete. Dabei sagte sie gar nichts, sondern machte irgendwelche Armbewegungen, jetzt erinnere ich mich, daß sie, glaube ich, "Oh -" sagte, einige Meter weiterging und dann sagte: "Ich bin ja ganz schön komisch, dich einfach mitzunehmen."


Im Haus war es so kalt wie draußen, sie machte Kaffee, aber ich sah kaum hin. Die Szene - ein fremdes schönes Mädchen bereitet mit geschickten mädchenhaften Handgriffen einen Kaffee für mich - berührte mich nicht so, wie man erwarten könnte. Später wachte ich auf, weil wir uns dicht gegen

übersaßen und sich ihre Augen, ihr Gesicht nachhaltig und lange in mein Wahrnehmungssystem einprägten. Es war wohl wirklich eine zeitliche Sache, fünf Minuten hätten nichts bewirkt. So aber wurde ich warm und wärmer. Ich hatte sie von Anfang an phantastisch gefunden, aber mehr als Feststellung (die nicht in die Erinnerung eingeht). Ich dachte, ich müßte unbedingt bei ihr bleiben, einfach nicht weggehen, auch wenn sie böse wird, schaute sie wieder an, begann dann richtig zu lachen. Ich merkte, daß sie mein Lachen mißverstand als ein Lachen über etwas gerade Eingefallenes, das ich ihr sogleich erzählen würde, und sie guckte mich gespannt an. Daraufhin fiel mir nichts anderes ein, als mich zu verabschieden. Sie begleitete mich bis zur Gartenpforte, und ich tat etwas, was ich grundsätzlich NIE TUE:

Ich bedankte mich überschwenglich! Das wurde natürlich so, wie das immer wird, wenn sich einer von zwei Leuten über­schwenglich bedankt, naja, sie versprach sich, stotterte, ich ging, hob den Arm als wenn ich ein winkendes Taschentuch in der Hand hätte, und sie rannte schnell zurück ins Haus.


Ich wußte, daß ich ab jetzt jederzeit eine Kampagne los­brechen könnte. Wenn ich eines Tages eine Freundin haben wollte - sie könnte ich lieben, und ich würde sie auch erobern können. Ich fuhr auf einmal richtig gerne U-Bahn, hoffte, daß es noch ganz viele Stationen wären und erinnerte mich an früher, an das U-Bahnfahren in Hamburg, als Gymnasiast. Im Kopf bildete sich ein exakter Schlachtplan, jeder Schritt wurde klar. Im Grunde war es ganz einfach. Das Feld von hinten aufrollen, alle ihre Freunde gewinnen, integriert sein und unersetzbar werden, mit Auto, Ideen, Gesprächen und Appartement. Schließlich den Rest ihr über­lassen und ja nicht vor der Zeit sexuell werden.


Ich stieg aus, kaufte einen STERN und ging nach Hause, wo ich mich hinsetzte und dies hier schrieb.

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