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Das Fritz Brinkmann Buch 2

2. Kapitel


Da mir im Moment rein gar nichts einfällt, will ich mal die letzten Stunden mit meiner Frau Annerose erzählen.


24. November 1976, 8 Uhr, München Hauptbahnhof.

Ich freue mich. Seit einigen Tagen, nachdem ich viel Schlechtes über Annerose geschrieben und gedacht hatte, freute ich mich wieder auf sie. Auch hatte ich mich endlich damit in Einklang gebracht, die Uni aufzugeben. Es würde einen Münchner Winter mit Annerose geben - viel Trubel, Liebe, Leidenschaft. Viele Leute, viel Eifersucht - eine Zweierbeziehung mit allem Drum und Dran. Okay, dachte ich, wer weiß, wann ich je wieder Gelegenheit zu sowas habe.


Nun, meine Frau Annerose (wir hatten zwei Jahre zuvor in einer Blitzaktion geheiratet) kam angerannt, und ich war sofort entsetzt. Ich liebe sie nicht, mußte ich gleich denken, und überlegte schon, wie ich meine fehlende Anteilnahme verbergen könnte.


Also, was da aus dem Zug stieg, war natürlich keine geheimnisvoll schweigende Prinzessin mit feuchten, aber glitzernden, wunderschönen Augen, sondern ein keckes Bürschchen, lebendig, naseschniefend, grauenhaft geschminkt, so daß es lustig-clownhaft wirkte. Lange, fransige Hippiehosen, Struwwelpeter-Haare, weiße Pelz­jacke. Die Küsse waren wie Schelmereien, von Hollywood keine Spur.


Und doch war mir der allererste flüchtige Kuß ein Erlebnis, sofort kam mir die lange Zeit, in der ich niemanden geküßt hatte, zu Bewußtsein. Auch als wir umgefaßt den Bahnsteig entlanggegangen, wußte ich, was ich tat, und dachte egal wie sie ist, hier habe ich sie wieder, mein Körper hatte es als erster begriffen.


Es schneite, und München kam mir vor wie Zürich. Handke würde sagen, München wurde plötzlich, durch den Schnee und durch Annerose, geheimnisvoll für mich. Eine fremde Stadt, auf die man nicht angewiesen sein würde - nur als Stätte einer Liebesaffäre. Einer Lebensaffäre. Ich mußte an den Boll-Film "Ansichten eines Clowns" denken, wo auch der Held im Taxi durch das schneenasse Bonn fährt. Oder an Aschenbach, als er in Venedig ankam.


Wir stellten die Koffer ins Zimmer, ich war ganz stolz und begriff nicht, warum Annerose über das Appartement nicht begeistert war.


"Mit DD und Nici habe ich absolut nichts zu sagen," sagte sie, ich glaube sogar noch am Bahnhof.

Ich: "Das spricht gegen dich. "

"Warum?"

"Weil DD und Nici ETWAS ZU SAGEN HABEN."


Das war typisch. Die Situation dieses Vormittags hatte ihre ganz besondere Atmosphäre, die mir nicht entging, an die ich mich ja erinnere, und doch war ich seltsam kalt und ungerührt. Ich beschwerte mich, Hunger zu haben und verließ ultimativ das Appartement, als Annerose gerade freudig die Koffer auspackte. Sie ging mit, wir setzten uns ins Capri, also dahinein, wo ich mit Richard immer sehr angenehme Frühstücke verbracht hatte. Ganz anders jetzt. Es gelang mir nicht, fröhlich zu sein. War ich nur müde, oder fühlte ich wirklich ein großes, von Müdigkeit durch­setztes Unbehagen? Ich stierte böse auf die Tischplatt. Was zwischen uns war, war die Frage nach ihrer Treue - eine so lächerliche wie unangenehme Frage, die aber wohl sehr wichtig war, denn oft hatte ich mir früher ausgemalt, wie ich ihr schreiben würde: "Ich will nicht mehr, daß du kommst, weil mir schon bei dem Gedanken an diese Frage jede Lust vergeht."


Meine Phantasie war also um diese Frage nach der Treue gekreist. Daß sie mit anderen geschlafen hatte, durfte nicht sein, hätte ich nicht ertragen, also nicht hingenommen. Seltsam, dabei hätte ich vernünftigerweise damit rechnen müssen. Aber nein, in diesem Punkt hatte sich in mir etwas verändert, war verwundbar geworden, hier war plötzlich eine höchst empfindliche und rigorose Stelle entstanden. Oder war es gekränkte Eitelkeit? Solange ich selbst eine Geliebte hatte, durfte Annerose mit jedem schlafen. Jetzt aber, da es mir so schlecht ergangen war, nicht. Doch das war es nicht.


Nun, wir besprachen dann alles, doch welch Schrecken - da kamen immer mehr ekelige Sachen raus. Es nahm kein Ende. Wie wir aus dem Café rauskamen, weiß ich nicht. Ich erinnere nur noch, daß die Bedienung zuerst sehr rührend gewesen war und nun ganz verängstigt schaute, was mir leid tat. Erstmal verdauen, dachte ich wohl. Wir gingen zum Appartement, ich weiter zur Mensa.


Zurück davon, traf ich sie in der Badewanne. Es kam zu einer Unterhaltung, die sehr trostlos wurde. Jedenfalls schnürte es mir die Kehle zu. Minutenlang sagte keiner etwas. Auf die Frage, was werden solle. sagte ich dann, daß sie wieder abfahren solle. Langes Schweigen. Ich zählte von null bis hundert, ging dann.


Es schneite noch immer.

Sie kam wider Erwarten nicht hinterher, machte auch keinen Selbstmordversuch. Das war eines der vielen Details, das zeigte, daß sie mich tatsächlich nicht liebte. Und das ist das Beklemmende an dem Fall: als sie hier ankam, liebte sie mich schon nicht , weder halb noch ganz, sondern einen anderen. Auch ohne mein "wildes Aufführen" wäre sie, einer inneren Logik folgend, am Freitag abgereist.


Na, ich nahm meinen Satz zurück, und sie erzählte mir noch schlimmere Sachen. Daß ihr Freund demnächst erschiene. Ich hörte alles an, weinte dann ein bißchen, ging einkaufen. Unten war ich so tief bewegt von dem Schnee, der winter­lichen Leopoldstraße am dunklen Nachmittag-Abend, ach ich kann es nicht ausdrücken. Ich wollte zum Café Münchner Freiheit gehen, langsam, und mich unterwegs gründlich aus­heulen, mich gefühlsmäßig völlig fallenlassen. Ich ging dann doch nur einkaufen - eine sehr knappe Entscheidung, die ich auch bereue.


Wieder zurück, saß ich Annerose gegenüber, mir wurde so bang, daß ich eine Zigarette rauchte und dann Olaf und Iva anrief. Nie im Leben hätte ich das in dieser Verfassung gemacht, ich konnte kaum die Nummern finden, aber ich griff jetzt nach jeder Hilfe. Tatsächlich erleichterte mich das Gespräch sehr.


Annerose und ich, äh, ich legte mich hin, sie puulte mehrere Stunden, ich war froh, nur liegen zu brauchen, war erledigt. Dann wurde ich geil und wir schliefen zusammen. Vorher hatte ich es mit der Zunge gemacht, und alles in allem war es wohl ekelhaft. Sie blieb nämlich völlig kalt. Und als Mann schämt man sich ja bis ins Mark, wenn die Frau kalt bleibt. Man fühlt sich entlarvt, ertappt, schmutzig. Umgekehrt übrigens dürfte es genauso sein. Es sollte ja auch wirklich nicht passieren, aber die Geilheit war zu stark.


Gleich darauf rief "Mutti" an. Und dann begann die einzige Situation zwischen Annerose und mir. Wir diskutierten über die "Frage", stundenlang, und es wurde immer origineller und lebhafter. Wir lachten uns halb tot. Alle Verbitterung war weg bei mir, ich konnte über alles, über die ganze "Frage" virtuose Reden halten, oder unser rhetorischer Schlagabtausch knallte vor Witz und Phantasie. Ja, wenn sie gewollt hätte - sie hätte mich schon allein durch das Miteinanderschlafen versöhnen können. Ich schlief ein und schlief wirklich ganz fabelhaft, wie ein Erlöster.


Am nächsten Morgen machte sie Frühstück. Tausend Sachen, Kerzen, Kaffee etc. Wir saßen auf dem Fußboden, und sie begann, von Hamburg zu erzählen, vom Seekamp. Lauter skurrile Geschichten. Wie alle den Tripper gekriegt hatten, wie Ulf sich die Box auf den Kopf fallen ließ etc. Mir gefiel das, irgendwie hatten wir uns doch gestern versöhnt, ich hatte viel geweint, sie ja auch, ich hatte am Fenster gesessen, geraucht, und es herzzerreißend genossen, sie im Zimmer ZU WISSEN. Ich dachte an die vielen Tage, die ich hier allein würde sitzen müssen und sog jede Sekunde ein, wie als Vorrat für eine lange Durststrecke. Immer diese Prophetie. Bei Annerose weiß ich immer im voraus Bescheid.


Nun, jetzt, erzählte sie also skurrile Geschichten.

Es ist ja an sich eine traditionelle Sache: sie erzählt und ich bewundere sie, so lange und unter eigenen Unterlegen­heitsgefühlen, bis ich schließlich weglaufe (um dann ihr Erzählen als eine unterdrückte Selbstentfaltung zu brand­marken, was mir die Rückkehr ermöglicht).


Diesmal hörte ich eher wohlwollend als bewundernd zu und ging nach etwa anderthalb Stunden in die Uni. Ich bereitete mich vor, schrieb was, schluckte Pillen, diskutierte mit Theo Pirker (mein Referat wurde verschoben), blieb zu lange. Pirker wurde langweilig. Kam nach Hause und dachte: wenn

sie jetzt tatsächlich bei Richard ist! Es wäre eigentlich überhaupt nicht schlimm, nur, daß man sich so sehr darauf verlassen konnte! Daß man sich nie mehr vorstellen könnte, sie würde zu Hause…


Natürlich war sie bei Richard. Ich war sauer, was mich über­raschte. Ich hatte doch Aufputschtabletten im Magen! Nichts half. Gleich darauf (ich war gerade wortlos abgehauen) kam Annerose hinterher in die Wohnung. Sie kochte Fischstäbchen. Ich ging wieder zu Richard, redete mit ihm über meine Sorgen, wollte es jedenfalls, ha, aber er war völlig betrunken. Annerose hatte eine volle Flasche Wodka mit­gebracht, die sie zusammen leergemacht hatten.


Kam viel zu spät zurück. Annerose war kalt, so wie die Fischstäbchen. Ob wir uns daraufhin verstanden und/oder weinten, weiß ich nicht. Später jedenfalls geriet ich, durch die Tabletten, in einen beißenden Ton, eine Art Sarkasmus teilweise, und kündigte an, daß sie noch morgen fahren müsse.


Annerose hatte starke Bauchschmerzen, lag da, im Bett, schien zu schlafen. Ich lag einige Meter entfernt auf dem Boden. Dann kam sie angerobbt und legte sich zu mir. Nach einiger Zeit ging ich ins Badezimmer, badete, rauchte, ging zurück und sah, wie sie sich vor Schmerzen krümmte. Im Badezimmer war mir klar geworden, daß es gut wäre, wenn sie am nächsten Tag abfahren würde, hatte mir ausgedacht, wie ich es machen würde, und ich wurde endlich ruhig. Hatte mich in Einklang mit meinem Beschluß gebracht.


Wie ich sie nun vor Schmerzen gekrümmt liegen sah, fühlte ich große Zärtlichkeit mit ihr, legte sie ins Bett und nahm mir vor, neben ihr die Nacht zu wachen. Es war ja die letzte Nacht. Nach einiger Zeit drängelte sie und zog mich zu sich herunter. Ich merkte, daß sie sehr unruhig schlief, so lange ich noch wach war. Diese letzte Nacht wollte ich sie als Vorrat in mich aufnehmen, wollte sie so real wie nur möglich wahrnehmen. So aber schlief ich ein.


Am nächsten Morgen stand ich auf, während sie noch schlief, ging ins Seminar, danach (ich war übrigens schlecht) ging ich zum Bahnhof , eine Karte nach Hamburg kaufen, dann in die Wohnung. Ich ging in meine Wohnung, wo Annerose auf mich wartete, dachte ich in ungewohnter Heftigkeit.


Es war ein heller, sonniger Tag. Sonne war auch im Zimmer. Annerose begrüßte mich strahlend. Sie hatte schon Stellenangebote, Möbelangebote u.ä. aus der Zeitung ausgeschnitten und sich auf mich gefreut. Ich knallte ihr die Karte hin und begann, ihren Koffer zu packen. Sie verstand nicht recht und hielt alles für einen Witz. Sie weigerte sich einfach, darauf einzugehen. Daraufhin hörte ich damit auf. War natürlich ganz froh.


Brinkmann und Richard kamen kurz. Annerose und ich badeten. "Wie werde ich dich bloß los," sagte ich, warum wohl? Ich schaute sie so ernst und lange an, wie ich nur konnte, dann begriff sie endlich. Ich fragte, ob sie nicht späte­stens Montag früh fahren könnte, sie willigte ein, machte aber gleich darauf einen Witz. Dann fragte sie, ob sie auch mit dem Indianer mitfahren könnte, wenn er doch noch käme, ich sagte ja.


Wir badeten, und es machte schon Spaß. Haare waschen. Wir waren zu einer Party der Theaterleute eingeladen und suchten unsere besten Sachen zusammen. Beide waren wir dabei, uns auf diese Party vorzubereiten. Es war der wohl schönste Augenblick dieser Tage. Ich sah sie, wie sie eine viel zu enge Hose anzuziehen versuchte, während die noch nassen Haare sich lösten, sah mich, wie ich haargenau das­selbe machte, und mir wurde unsäglich warm innen drin im Herzen.


Im selben Moment klingelte es, es war der Indianer. Ich war schockiert, hätte trotzdem reden können, doch ich, hatte weder Kraft noch Lust dazu. Der Indianer war noch mehr geschockt, aber natürlich genau umgekehrt. Er hatte zuviel Kraft und Lust, um reden zu können. Annerose sagte ziemlich bald, daß sie mitführe. Ich nickte und sah den Indianer nur immer scharf an. Es war rührend, wie er da saß und seine kühnsten Träume in diesem Moment Wirklichkeit wurden, andererseits war es abstoßend, weil es sowas in Anneroses Nähe schon so verdammt oft gegeben hatte.


Brinkmann kam und stellte blöde Fragen. Annerose lächelte ihr katholisches Lächeln, das ich so hasse. Wir redeten etwas über das Geld, ich sah Annerose nicht mehr an, weil ich merkte, daß sie sicher fremd zurückgeschaut hätte, ich war ganz der feindliche Ehemann, der gegen das junge Glück böse Absichten hat. Ich ging, um die beiden nicht noch zu verhauen.


Die Stunden darauf waren gefährlich. Ich drückte mir die Daumen. Durchhalten!


"Bald ist sie end-endgültig weg und alles in mir kann aufatmen,“ sagte ich zu mir. Tatsächlich hatte Richard noch ein Rendezvous abgemacht, Annerose erschien auch, um 23.00, ich aber war kurz vorher weggelaufen, nach Hause gelaufen, und dort fest eingeschlafen.

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