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Das Fritz Brinckmann Buch 8

8. Kapitel

6.5.1977

Ich sterbe vor Hunger! Ich warte auf Julika, die mir etwas zu essen bringen will.

Wie geht es mir, was mache ich?

Gestern. Ein normal-guter Tag. Ich döse im Bett , bin schon wach. Gleich wird mich Brinckmann, der jetzt mein bester Freund ist, abholen, um nach Starnberg zu fahren, an den Starnberger See, wo der König von Bayern ertrunken ist. Dort geht seine Freundin zur Schule, in ein exklusives Internat.


Es ist wahnsinnig, in welcher Notlage diese Internatsmädchen sind , anderthalb Stunden Ausgang - am Tag, in denen sie ins Dorf laufen, um sich die vierzehn männlichen Dorfbewohner anzusehen, von denen acht geschlechtsreif sind und einer heiratsfähig: ein 17jahriger Mopedfahrer. Ja, das war eine Aufgabe für Fritz Brinckmann , da ist er mir ähnlich , und ich unterstütze ihn, fahre ihn zweimal die Woche raus und mache mit.


Fritz hat ein Bild von mir in hundert Exemplaren gedruckt, mit der Aufschrift "Du bist nie allein", und im Internat verteilt. Der Erfolg ist unglaublich, ein Mädchen hat bereits meine Adresse rausgekriegt und ist aus dem Internat ausgerissen.


So döse ich noch ein bißchen im Bett, der Himmel reißt auf, gleich wird es noch heißer. Tausend Großstadtgeräusche und warme Luft kommen von unten, der Leopoldstraße, ins Zimmer. Ich sehe auf die Uhr. Fritz hatte schon vor drei Stunden da sein müssen. Sowas! Aber ich fühle mich herrlich ausgeschlafen. Ich gehe zum Briefkasten: ein Kontobeleg. 552,40 minus. "Bitte, Konto auffüllen!" Hehe, mitnichten.


Ich habe meiner Mutter geschrieben, daß ich alt genug wäre, mich selber zu versorgen und sie alle Zahlungen einzustellen hat. So bin ich seit dem 18. April ohne Geld. Ha! Das Leben ist doch eine schöne Sache.


Eva müßte bald wieder auftauchen, tippe, heute kommt sie, bringt Kuchen und Käsebrote, gut, gut. Ute fällt mir ein, ein niedliches blondes Etwas, Haut wie Milch, Lippen wie Blut, ja, ja, ich habe sie wirklich gern. Diedrich empfiehlt mir, eine Katze zu halten, aber so ein Mädchen wäre doch noch optimaler. Ich habe nur ihre Telefonnummer, aber man wird sehen. Vorgestern sind wir die ganze Nacht (es ist Mai) spazierengegangen, waren im Stop In um halb vier, im Sugar Shake um halb fünf, der Türsteher rief "Ja!", als er uns sah.


Ich ziehe mich an, klingle bei Richard, ob e.r mir zwanzig Pfennig gäbe. Ich wähle Utes Nummer, eine Frau Jonas meldet sich, ich lasse mir die Adresse geben, verabschiede mich.


Mein Gott, Eckart kommt ja heute Abend oder morgen Nachmittag, ich muß ihn anrufen. Nochmal z·wanzig Pfennig, das geht schnell. Eine Frau spricht mich, noch eh e ich sie anspreche. Ob ich wisse, ob das so ankomme, irgendwas mit Krebshilfe, Springerverlag, Aktion "Der schöne Monat“, alles Scheiße , aber die Frau hält mich eine gute Viertelstunde auf. Ich muss ihr erst eine neue BILD-Zeitung kaufen, in der die genaue Adresse stehen soll. Exakt 35 Pfennige gibt mir die Alte mit, na, soll ich? Sie hatte bereits angefangen, von ihren Krankheiten zu erzählen, also da hatte ich schon das Recht, einfach abzuhauen. 35 Pfennige, ein Telefonat und ein Brötchen, hehe, oder ich stecke das Geld wieder so lange in Automaten, bis was rauskommt. Stell dir vor, das geht! Es macht ja kein Schwein, aber man kann mühelos hier in der Herzogstraße mit 5-Pfennig-Stücken Ritter-Sport-Schokolade rausziehen. Ein Geschenk des Himmels ist das, das will ich wohl meinen!


Oder der Tag, als ich per Zahlungsanweisung 12,50 M Kfz-Steuer-Rückzahlung erhielt, einfach so, ohne Ankündigung. Dem Herrgott sei gedankt!


Nun, ich kaufe die BILD-Zeitung, bugsiere sie vorsichtig und ziemlich angewidert zur Frau, die inzwischen ihr Interesse an der geschmacklosen Krebsaktion verloren hat und nur noch von ihren Kieferoperationen… früher wäre ich wahnsinnig geworden. Völlig ausgeschlossen, daß ich sie jetzt noch nach den 20 Pfennigen frage. Endlich weg.


Stehe an der Telefonzelle , drinnen telefoniert eine Rotkreuz-Schwester. Ich setze mein energisches Gesicht auf, malme mit den Kiefern, blicke auf meine Telefonnummer in der Hand und dann zum Himmel. Ohne Zweifel, es ist wichtig, es geht um etwas!Die Schwester wird aufmerksam. Ich ziehe die Wangen ein, nicke ihr aber gütlich zu. Machen sie nur! Sie waren ja vor mir dran. Nervös blicke ich auf die Uhr. Gut, daß ich jetzt immer Anzug trage.


Sie kommt raus. Ob sie mir wohl zwei Zehnpfennigstücke geben könnte, ich hatte doch tatsachlich meine Geldbörse zu Hause gelassen. Sie schüttelt störrisch den Kopf und watschelt einfach weg. He! rufe ich , wirklich überrascht . Sie dreht den Kopf noch einmal nach mir, ich sehe sie mit fürchterlichen Augen an.


"Jetzt habe ich eine halbe Stunde hier gewartet und kann nicht telefonieren!"

"Ka! Kah!" macht die Schwester, zieht aber doch zögernd ihr Geld aus der Tasche. Inzwischen aber ist eine andere Frau an mich herangetreten und drückt mir eine Mark in die Hand. Das ist nur gerecht, denke ich und lasse die Schwester stehen. Dabei hatte sie mir bereits ihre Pfote mit den lächerlichen zwanzig Pfennigen entgegengestreckt. Recht so! So muß man sie behandeln, diese Tiere. Nicht nachlassen!


Ich gehe wieder nach Hause, komme unterwegs bei Tchibo vor­ bei und trinke eine 'Tasse. Und Eckart? Ah ja, zurück, wieder rein in die Zelle. Christoph wird dran sein , so sicher wie nur irgend etwas. "Ja, Christoph", spricht mi ch das Phlegma höchstpersonlich an. Ehe ich ihm alles erklären kann, ist das Geld weg, natürlich. Da kann man nichts machen, manche sind eben langsam.


Gehe wieder zurück. Die Frau mit der BILD-Zeitung kommt mir entgegen. Nein, ich täusche mich. Doch, natürlich ist sie es. Sie stoppt mich, drückt mir die Zeitung in die Hand, ich könne sie jetzt haben, sie habe sie ausgelesen. Ich stecke das von Blut-, Mord- und Totschlagsnachrichten klebrige Papier zwischen die Achseln und rufe "Viel Glück ", drehe ab.

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