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Das Fritz Brinkmann Buch 16

16.Kapitel

2. September 1977

Annerose war gestern abend nicht verabredet. Sie blieb allein und sah fern. Vorher hatte sie gefragt, was ich vorhätte, und ich log: Rendez-vous mit Nele. Prompt verstanden wir uns, sie wurde aufgekratzt, kitzelte mich, quälte mich, vergewaltigte mich, hielt mich auf, wollte wissen, ob ich sie noch gern hätte Endlich konnte ich gehen.


Tja, wie war das möglich, wie hatte es angefangen? Vielleicht damit, daß ich eine Nacht mit Annerose hinter mir hatte, viel Schlaf hatte. Ich hatte, kurz bevor sie kam, etwas über Emanzipation geschriehen, vielleicht stärkte das

(o Gott!).


Als ich heute aufstand, war es jedenfalls umgekehrt . Zufälligerweise schlief ich ohne Annerose und wachte zerschlagen auf. Auch jetzt fühle ich mich so, obwohl ich nur gute Dinge erlebte, gestern und heute, ohne Annerose.


Ich telefonierte mit Ali, besuchte ihn dann, fuhr mit ihm zu Nele, fuhr ins Wienerwald... War es Vollmond, war es klare Nacht? Jedenfalls war es sehr warm, das Verdeck auf, die Armaturen leuchteten, das Auto stank weniger nach Benzin als sonst. Als es vor Alis Tür still stand, hörte man, wie der Motor sich abkühlte. Es lag etwas in der Luft, es war plötzlich eine Sommernacht wie 76, während der Hitzewelle, als ich zwischen Mia und Annerose schwankte.


Oben, in Alis Zimmer, hinter dem Bambusvorhang, saßen vier Ali-Typen und tranken Tee. Ali hatte handgeschriebene Aufzeichnungen vor sich und las vor. Vielleicht hätte ich ruhig zuhören sollen. Ali ging auf meine Bitte, ihn zu Nele zu füren, ein. Er war wieder der ernstzunehmende, bedeutende, liebens-würdige Ali von ganz früher, nicht der Schwätzer von heute.


Wir fuhren zu Nele in die Hegestraße und sprachen dabei, zu gleichen Teilen, sehr interessiert über die neuesten Nachrichten: Annerose, Thorsten, Taktik und Theorie. So waren wir noch ganz im Gespräch, unverbereitet, als Neles Wohnungstür geöffnet wurde. Doch sie selbst war nicht da.


Auf der Rückfahrt erzählte ich Ali eine Räuberpistole. Ich deutete an, daß Annerose von Thorsten gefesselt, gepeitscht, gebrannt und geschlagen würde und auf solche Weise zum Orgasmus käme und sexuell abhängig geworden sei. Einmal dachte ich: "Was rede ich da?", aber instinktiv entwickelte ich Verständnis für mich. "Laß mich nur", sagte ich zu mir selbst.


Dann war ich allein, Ali war wieder bei seinen Leuten. Ich rief alle möglichen Nummern an, ohne Resultat. "Das alte Spiel, ich finde niemanden, der mit mir den Abend verbringen möchte. Kaum stehe ich ohne Annerose auf der Straße, wird es mucksmäuschenstill um mich und das Telefon macht nur Tut-Tut.

Ja, ja."


So ging ich ins Wienerwald. Welch eine klaftertiefe Tristesse! Wunderbar, das war sehenswert. Das kalte Licht, der falsche Akkordeonspieler, die unglenke Person im Dirndl (direkt aus Barmbek vom 'Alter Holsten', wo sie geflogen ist), die Prostituierte, die befremdend laut Säufersätze aussprach: "Nein, ich geh nicht mehr mit, ich machs nicht mehr mit nem Mann." Und schließlich der Wirt, noch ungeübt im Rauswerfen, doch auch zu verstört, das obligate 'Hat es geschmeckt, der Herr?' problemlos über die Lippen zu bringen.


Wieder draußen, rief ich erneut ohne Erfolg einige Nummern an. Ja, Annerose saß währenddessen mit Thorsten und Adrian zu Hause, dachte ich, fälschlicherweise. Dann faßte ich mir ein Herz und fuhr einfach hin: Markthalle, Hauptbahnhof, Konzert der Punk-Rock-Gruppe 'Vibrators'. Noch war ich in Eppendorf, zwischen frischgeputzten alten Häusern und Kastanien, gleich würde ich mich mitten in die Scheiße begeben. Und meine Horror­-Impressionen vom Winterhuder Fährhaus, die 1976 meine Flucht aus Hamburg mitbegründeten, würden übertroffen werden. Die Welt war häßlich, sieben Jahre konnte ich mit aller Geschicklichkeit dieser Häßlichkeit entgehen, jetzt gelang es nicht mehr. Also hin.


Nicht nur die Gruppe war neu und damit gut, ich traf auch noch Stephan Ohrt, Eva, Jan, Ulf 1, Ulf 2, John, Marc, Frank u.a. Na also! Abgesehen von diesen Leuten waren 'nur' Marsmenschen da: ein neuartiges Publikum, das zu doof war zu klatschen,zu tanzen, 'Zugabe' zu rufen. Stattdessen schlichen und humpelten sie wie Riesenbabies herum, hüpften ohne Sinn und Takt auf und nieder oder schrien mit aufgerissenem Mund die Gruppe an. Niemand machte auf Show, niemand verhielt sich kontrolliert, man sah nur offene Münder und glasige Augen: Biermusik. Konsequenterweise ging auch keiner raus, als die Gruppe fertig war. Hätte ich gerufen: 'Gut jetzt! Wir gehen jetzt alle nach draußen!' so hätte sich ein breiter Strom in Bewegung gesetzt. So aber mußte erst der Sänger kommen und sagen, daß sie fertig seien und es vielleicht morgen weiterginge. Er sagte nicht: 'Geht jetzt!', und das war sein Fehler, alle blieben.


Ich gab groß spurig Erklärungen über das Phänomen Punk-Rock ab. Eva sah mich ständig an und bat mich: "Warum gehen wir nicht, Lojo?" Jan trat zu mir, auch Ulf, ich war ein bißchen der Mittelpunkt, wäre Stephan Ohrt nicht wieder so pikiert gewesen.


Ich ging rüber zu John, zu den Seekampern und Anarchisten . "Hallo, John!"

"Ach -, Lojo !"

"Du fährst nach Polen, morgen?"

"Oh, ich fahre übermorgen, das stimmt."

"Hast du ein Visum gebraucht?"

"Ja, hab ich, ja."

"Wie lange hat das gedauert?"

"Vier Wochen lang. Ich habe es beantragen müssen, es ging schneller als erwartet."

"Bist du morgen in der Holstenstraße? "

"Ja, bin ich, du kannst ja… also abends bin ich bestimmt da ."

"Na dann tschüß, John!"

"Ja, tschüß , Lojo!"

So weit das Gespräch mit meinem (noch) offiziellen Todfeind.


Ja, nach Polen müßte ich fahren… Warum bringe ich so etwas nicht? Polen oder Mexico. Jedoch: ob jektiv MUSS ich eventuell Hamburg in diesen Wochen erneut verlassen, und wohin kann ich diesmal? Nicht München, was bleibt dann noch? Mexico. Objektiv.


Ich fuhr Stephan Ohrt, Ex-Gott, nach Hause, zusammen mit einer ordinären vollbusigen Blondine, die bei ihm schlief. Stephan Ohrt sah so schlecht aus wie seit Wochen, eher noch schlechter sagte zwar: "Es geht mir wieder gut, Lojo, alles vorbei, alles nur Spaß", aber er wirkte nicht so. Die Blondine, eigentlich war sie ein rothaariger Typ, hatte Sommersprossen, eine große gebogene Nase, Backen, lachte und fluchte und wurde durch eine superenge rote Hose ein bißchen aufregend. Teufel, sie war gut gebaut, man durfte sich durch das Gesicht nicht abschrecken lassen. Und Stephan Ohrt würde gleich mit ihr ins Bett gehen, trotz seines entsetzlich bleichen Aussehens, trotz seiner leidenden Augen, seines gänzlich sinnfeindlichen Mundes, der wie eine pickelumrandete schmerzhafte Entzündung aussah.


Stephan Ohrt sagte, wie nicht anders zu erwarten, uns würde nichts mehr verbinden, wir waren völlig beziehunslos geworden, gegenseitig so bedeutend wie ein achtlos weggestecktes Zweipfennigstück. Dann lud er mich ein, mit ihm nächste Woche nach Florenz zu fahren. Ich antwortete nicht, die Blondine wurde ungeduldig und machte Zungenspiele. Die beiden gingen, wobei die Blondine mich ignorierte und Stephan mir vertrauenerweckend in die Augen sah. Wieder war ich allein. Was war das bloß für einer, dieser Stephan…




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