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Das Fritz Brinkmann Buch 29


29. Kapitel


27. Oktober 1977


Gestrandet!

Angela und ich an einem Tisch sitzend, jeder auf seinem Platz, weiße Wände, Uhrenticken, Gespräch. Die Tür hatte ich hinter mir geschlossen. Es war 23 Uhr 30, wir waren allein, im ganzen Haus rührte sich nichts mehr. Die Szene hätte auch im Auto, oder bei Tag, oder in einem Hotelzimmer? Nein, nicht Hotelzimmer... Wichtig war, daß wir allein waren und nichts weiter zu tun hatten als zu reden.


Wie ehrlich ich doch bin! Wie unfähig zu reden, wenn ich etwas ganz anderes will. Wie unendlich.., ach, weg mit den Übertreibungen. Ich hatte einen Fehler gemacht, ich überlegte, wie ich die Situation auflösen konnte, rauskommen konnte aus der Walter-Klose-Haltung. Gleichwohl wußte ich, daß es nicht ging, wenn ich nicht durch Zufall einen Eingriff höherer Gewalt vortäuschen konnte. Ohnmächtig werden wäre das Passendste gewesen, aber darauf kam ich nicht.


Schließlich vollzog ich die Notschlachtung. Ich erklärte ihr meine Liebe und verabschiedete mich. Nein, niemand sollte denken können, ich sei ein langweiliger Typ, ein Muffel, der rumsitzt wie Gert Schäfer vom Nici-Reidenbach-Club und nichts anderes bewirkt, als daß man die Uhren wieder ticken hört, nein, ich war ein rasend verliebter junger Mann, dem sein übervolles Gemüt Atem und Sprache nahm. Tatsächlich sagte ich wie stockend: "Mein Herz ist so voll" und legte dabei meine Stirn an die Wand.


Angela reagierte zunächst nicht besonders. Mitten in meinen Schlußauftritt hinein war Holger ins Zimmer gekommen, und sie richtete einige freundliche Fragen an ihn. Als ich ging, begleitete sie mich zur Tür und sagte, daß sie ein warmes Gefühl für mich hätte und mir gern eine Freundin sein wolle, ein heller Punkt im existentiellen Nichts, eine Anlaufstation quasi im Meer des Lebens, außerhalb aller Zweierbeziehungen. Sie hoffte, daß ich das nicht abgedroschen fände, denn es klänge so floskelhaft. Ich fiel ihr schnell ins Wort, es käme ganz darauf an, wer es sage, und sie blickt mich innig und warmherzig, von mir aus auch: solidarisch an.


Seltsamerweise hatte ich ein Gefühl zusammenbrechender Fachwerkhäuser, ängstlich faßte ich mir an die Brust und dachte: "Meine Identität, meine Identität!" Ich schielte zu Diedrichs Wohnung hoch, konnte ich da jetzt hin? Würde man mir alles ansehen? Besaufen, schlafen, wegfahren, sich auf dem Friedhof verstecken oder in Anneroses Kleiderkammer, Sonnenbrille aufsetzen, Kino und Theater, pah! Die Polin - gähn! Tina Salis - Schluß damit, Brockdorf nein danke, Mittelscheitel, Entenschnabel, pfui Teufel. Bevor ich weiterdenken wollte, fuhr ich lieber in den Seekamp, ich würde da sein, bevor ich es richtig gekriegt hatte.


Nur in der Küche ein Typ, unbekannt, etwa 16 Jahre alt.

"S'mone da?" - Kopfschütteln.

"M'ria da?" - Kopfschütteln (Schluck):

"Didda da?" - Kopfschütteln.

"Sübüll da?" - Leichtes Nicken. Drehung des Kopfes Richtung Wintergarten, kurzes Klappern mit den Wimpern. Ich freute mich, fast hätte ich gesagt: "Gut so, Bruder, ich geb dir mal'n Bier aus" oder "Dank dir, Alterchen."


Im Wintergarten lag Sübüll ("Ich brauche ein hartes männliches Glied zwischen den Beinen, um zu fühlen, daß ich noch leeebeee!"), und zwar allein, und sie umarmte mich herzlich besitzergreifend. Ich hätte mit mir machen lassen sollen, was sie wollte, hätte sofort unter die Decke krabbeln sollen. Stattdessen fuhren wir zu Stephan Ohrt.


Vor dem Haus ein Pärchen, zuerst dachte ich, es wären zwei Männer, sie sahen so groß aus, sie standen eng umschlungen mitten auf der Straße und hatten sich offensichtlich ungeheuer lieb.


Wir klingelten fünf Minuten lang vergeblich, dann setzten wir uns auf die Treppe und berieten. Stephan war entweder nicht da oder wollte nicht aufmachen. Das Pärchen hatte sich noch immer lieb. Endlich löste sich die Frau und ging zum Hauseingang, auf uns zu. Ein schönes, edles Gesicht, eine elegante Garderobe. Es war Stephan Ohrt selbst. Er sagte, wobei er entwaffnend lächelte: "Ihr seht doch, was los ist, warum geht ihr nicht weg?"


Ich griff Sübülls Arm und sagte heiser, eher flüsternd: "Das ist - Stephan Ohrt -" Sie riß das Maul auf und wiederholte: "Stephan Ohrt!" Der 16jährige Typ, den wir auch dabeihatten, war uninteressiert, er bohrte in der Nase und ging ein bißchen auf die Straße, um die Autos zu erschrecken. Ich wußte nicht, was ich tun sollte.


Sübüll ging auf Stephan los und streichelte ihn. "Geh weg", sagte Stephan lächelnd, und Sübüll drehte sich energisch um. "Bleib, bleib", sagte er nun und lachte. "Ich denk nicht dran!" rief sie und trat auf und ab. "Komm, komm, wie heißt du, ich will mit dir reden, hey, komm her", sagte er, lachte und schüttelte den Kopf, um die Optik wieder klarzukriegen, er war betrunken. Sie kam, sah ihn frech an, und Stephan sagte: "Sex" und kicherte.


Der schwule Typ machte sich bemerkbar: "Was soll das! Laß uns raufgehen, Stephan!"

Stephan starrte Sübüll ins Gesicht, man sah, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief, aber er sagte: "Ich werde euch alle rausschmeißen, vor die Tür setzen" und lachte wie über einen Witz. Sofort stand Sübüll auf und wollte gehen, ich auch. Der Schwule ging auf Stephan zu und faßte ihn hart an. Blitzschnell stieß ihn Stephan von sich, setzte sogar noch nach und drückte ihn an den Rand des Geländers (wir waren inzwischen vor der Wohnungstür angelangt). Es sah gefährlich aus, der Schwule hing mit seinem Körperschwerpunkt bereits im Schacht.


"Ich bin fix und fertig, ich habe noch Rotwein im Haus", sagte Stephan und lächelte. Wir gingen alle in die Wohnung, wo es genauso weiterging.


Der Schwule legte David Bowie auf, "Life an Mars", eine schreckliche Verhöhnung auch hier. "Meine Musik", lachte Stephan, indem er den Kopf weit zurücklehnte, dann ging er in die Küche und holte eine Flasche Portwein. Sübüll setzte sich auf meinen Schoß, Stephan hielt meine Hand.


"Wir haben alles verdorben, Lojo, restlos. Wir sind uns nichts wert, wir... Ich könnte ein Stück Klopapier sein, das wäre dasselbe. Weißt du noch, mit welcher Inbrunst wir uns trafen, in München."


Das Spiel ging weiter, nur beschloß ich jetzt heimlich, mich zu distanzieren, etwas Würde aufzutreiben und zu gehen. "Die einzige Haltung, die für dich jetzt gut ist, ist die, wie tot im Sessel zu liegen und zu sagen, daß dir schlecht ist", sagte Stephan. Damit hatte er recht, aber ich wollte gern mit Sübüll schlafen.


Der Schwule pöbelte Sübüll an, ahmte sie gehässig nach, gefiel sich in sarkastischen Sätzen. Man mußte Stephan vor diesem Ekel schützen. Ich versuchte, alle aus der Wohnung hinauszubugsieren, aber es gelang mir nicht. Da ging ich allein, plötzlich ängstlich geworden.



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