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Das Fritz Brinkmann Buch 35

35. Kapitel

13. November 1977

Dekadenztag, gestern. Ich fuhr 128 Kilometer im Stadtverkehr, es war Wochenende, Sonnabend. Den ganzen Tag über unbefriedigt, ließ ich mich auf jeden Vorschlag ein. Sobald ich in irgendeiner Küche oder einem Gemeinschaftszimmer saß, schien sich Unruhe unter den Leuten zu verbreiten, vielleicht strömte ich sie aus, und man setzte sich zu einem neuen Ziel in Bewegung, ich an der Spitze.


Ich wollte mich auch nicht schonen, wollte mit dem Schwierigsten und Peinlichsten beginnen, um dann im Laufe des Tages das Gefühl wohlgetaner Arbeit zu bekommen.


Ich hatte also bei Diedrich übernachtet, sieben Spielfilme gesehen, mit Tabletten an der Seite, Diedrich zur Hand. The Wild Bunch, Effi Briest, Literaturmagazin, Strafbataillon 323, Tote schlafen fest, Malteser Falke und African Queen. Dann waren wir zu Diedrich gefahren, ich schluckte die letzte Tablette und las bis sechs Uhr morgens Walter Benjamin vor.


Meine letzten hundert Mark waren angebrochen, und ich konnte den Hals nicht voll kriegen. Im Kino hatte ich mich an eine plumpe proletarische Blondine gedrängelt, und den ganzen Abend hatte ich sinnlos Süßigkeiten heruntergeschlungen: Mars, Bounty, Gummibären, Erdnüsse, Ritter-Sport-Schokolade. Wieder rührte ich keinen Alkohol an, aber von den Tabletten nahm ich viele.


Ich habe keine Wohnung, keine Freundin, drei- bis viertausend Mark Schulden, keinerlei Berufsaussichten und kaum noch Geld. Es ist November, naß, kalt, dunkel. Als Trost bleibt nur: wäre all das anders, ginge es mir auch nicht gut.


Es war viel für Diedrich gewesen, mich bei ihm schlafen zu lassen, umso mehr wollte ich schon früh und leise die Wohnung wieder verlassen. Das tat ich, unausgeschlafen und katerig, und fuhr in den Seekamp. Und nun begann jenes sogenannte bunte Treiben, das ich eigentlich schon lange hinter mir hatte. Als ich in München einmal durch Eva Klose so einen Tag aufgedrängt bekam, erschien er mir wie Kindheitsidiotie. Also ich war im Seekamp.


Simone war so verstört und sprachlos wie immer. Solange wir spazierengingen, war es noch auszuhalten, dann aber mußte ich mich schlafenlegen, konnte aber nicht. Der Joint ging rum. Simone begann, mir minutenlang in die Augen zu sehen. Ich war froh, wieder autofahren zu dürfen. Zu sechst drängelten sie sich in den Käfer, ich fuhr nach Altona, bei dem Regen (Scheibenwischer gehen nicht) erkannte ich die Gegend nicht. Didda sang, ganz und gar falsch, Brecht- und Udo-Lindenberg-Lieder, die anderen schwiegen, auch Simone, die unentwegt auf meine Gesichtszüge starrte.


Es war die totale Ungegend, dieses Altona, der Käfer markierte den zweiten Achsenbruch, und ich verfuhr mich ein ums andere Mal. Schwarze Arbeitersiedlungen, trostlose Hinterhofbaracken und billige Kaschemmen, ununterscheidbare Häuserreihen, Elend, Sumpf, Dreck, schwarzer Himmel, schwarze Straßen, schwarzes Wasser, das zum Glück nicht ins Wageninnere drang. Noch immer peinliches, zu langes Schweigen und Niedergeschlagenheit.


Ich fuhr zwei Seekampmädchen zur Peepshow, ließ sie in irgendeinem miesen Garagenhof raus, wo sie durch den Regen aus dem Blickfeld liefen, ich konnte nicht mehr und legte mich auf den Sitzen schlafen. Sofort wurde es eiskalt, ich ließ den Motor wegen der Heizung laufen, schlief ein bißchen ein. Die Mädchen kamen aber wieder und weckten mich. Ich war ganz benommen: die Abgase, die ständig durch die Heizung ins Wageninnere konnten, hatten mich um ein Haar gekillt. Ich mußte an den Unfall denken, den ich am Tag davor gehabt hatte: das Auto hatte ich einfach übersehen, und nur durch eine sehr gute Reaktion der Fahrerin dieses Autos war das Schlimmste verhütet worden.


"Was machen wir jetzt?" fragten die Mädchen.

"Mir egal", brummte ich. Wir fuhren in die Holstenstraße, dem Hamburger Anarchistenhauptquartier. Es war gleich um die Ecke. Wieder mußte man durch etliche Hinterhöfe und Baracken latschen bis man da war und reingelassen wurde. Zunächst sah ich eine Autoumlackiererei, wo geklaute BMW umgespritzt wurden, dann das eigentliche Zentrum.


Die neuen fälschungssicheren Nummernschildfolien wurden gerade rumgezeigt und ausprobiert. "Gute Arbeit, was?" sagte ein Mischlingsgesicht mit blauen Samthosen. Dann sah ich Andreas Baader, die Müdigkeit war wie weggeblasen, jedenfalls für ein paar Minuten.


Ich sah auch Ingrid Oesten, ging auf sie zu, freundlich, vielleicht wieder einmal zu freundlich. Sie sah mich mürrisch an, ich fragte trotzdem, ob Baader nicht den Löffel abgegeben habe. "Nee, siehst du doch", sagte Ingrid.


Ulf und Maria waren auch da sowie ein Telefon. Ich rief Diedrich und Annerose und Angela an. Bei Annerose meldete ich mich mit dem Codewort: "Hier Itzmitürk". Und Annercse reagierte wie abgemacht mit: "Was? Wie? Itzmitürk? Falsch verbunden!" Sie wollte also nicht gestört werden und lag mit Glubschauge im Bett.


Bei Diedrich ging es besser: freundlich, eindeutig, inteessiert tauschten wir Nachrichten aus und verabredeten ein Treffen. Guter Diedrich! Er ist so kerngesund, ein paar Worte von ihm waren das, was ich gerade dringend brauchte.


Andreas Baader gefiel mir nämlich auch nicht in dieser trostlosen Region. Er stand jetzt mit Ingrid am Garagentor und redete, glaube ich, über Gudrun, mit der er Beziehungssachen laufen hatte. Eigentlich habe ich kaum etwas gehört, aber es sah wirklich so aus, als führten sie ein Beziehungsgespräch. Nein, da war Diedrich anregender.


Mir war etwas besser geworden und ich rief Angela an.

"Hallo, Angela, ich rufe an."

"Ja, ja. Na, Lojo? - -" "Hat dir Marc mein Geschenk gegeben?"

"Was, ein Geschenk? Wow! Ist das wahr? Du bist Typ, haha..."

"Es freut dich? Du hast gern Geschenke, nicht?"

"Aber ja! Toll! Ich bin ja gespannt, du!... Wann hast denn Marc gesehen?"

"Heute. Hast du ihn denn nicht gesehen? Na, du siehst heut noch."

"So? Wieso?"

"Er ist doch dein Freund."

"Huhu! Du bist ein Typ! Hey Holger, das ist ein Typ, der Lojo, ich sag, wieso ich denn Marc noch sehen soll heute, und er sagt, weil er mein Freund ist, sagt er so ganz trocken, hahaha."

"Angela? Ich komm nachher vorbei, okay?"

"Okay!" Klick.

Gutes Gefühl, Angela. Wie sie geflirtet hatte, gegurrt, geschnurrt und gelacht hatte, jaja. Ich war wieder munter und ging auf Simone zu, der ich frisch und munter erklärte, jetzt fahren zu müssen.


Ich fuhr mit Diedrich zum Essen, dann zu Angela. Zwanzig Gestalten schon im Flur und in der Küche. Debiles Geplärr und Geblöke. Dann mit Angela allein in ihrem Zimmer. Sie sah schlecht aus, hatte gerade Grippe gehabt. Sie spielte mir ein neu komponiertes Lied vor, aber schon beim ersten Ton kam Holger und die blöde rote Brille ins Zimmer. Es gelang mir nicht, etwas Richtiges zu sagen, immer verwirrte ich die anderen nur. Die blöde rote Brille redete Quatsch, Holger flirtete, Angela war etwas gehemmt. Ach, Angela, sie war, außer Diedrich, die einzig echte Figur des Abends, und nicht zufällig war gerade sie krank geworden.


Weitere Leute kamen. Ich war wieder in Hilflosigkeit gefallen und krebste am Boden herum, vor Angela, die ich nicht einmal mehr anzusehen wagte. Im Kopf wieder Angst und Müdigkeit.


Was blieb mir anderes übrig, als krampfhaft mit dem Spinnen zu beginnen? Ich sagte zu Anaela, ich hätte Aphrodiasaka im Auto, ob sie welche mit mir ausprobieren wollte? Sie guckte mich nur böse und etwas verletzt an. Daraufhin schlug ich vor, den Film "Lolita" zu sehen, der in einem neueröffneten Superkino laufe, gleich um die Ecke. Da es der erste konstruktive Vorschlag des Abends war, wurde er von der "Was machen wir denn jetzt?"-Masse aufgegriffen.


Corinna, Holger und die blöde rote Brille setzten sich ins Auto, dazu kamen dann Angela, ich, Diedrich, Ulf Bertheau, Stephan Ohrt und Barbara. Das Kino war in Norderstedt, und der Film hatte bereits begonnen, aber die Fahrt war nicht nur pubertär bis dekadent, sondern auch lustig. Da auch Diedrich irgendwo im Koferraum saß, fühlte ich mich wohl und beruhigt.


Nach dem Kino das Ganze wieder zurück, diesmal versuchte ich, Diedrich intellektuelle Munition verschießen zu lassen, was dazu führte, daß es still und mulmig im Auto wurde. Die Angela-Freunde hörten auf zu lachen und wirkten eingeschnappt. Sogar die blöde rote Brille, sonst leutselig, rückte von Diedrich ab und wollte auf einem anderen Schoß sitzen. Diedricb analysierte den eben gesehenen Film und kam zu erstaunlichen Schlüssen. Die Masse war irritiert. Angela war noch immer etwas gehemmt und legte ihre Unterarme auf meine Schultern.


Ich sagte: "Diedrich, sehr interessant, aber was ich als störend empfand, war die etwas mißglückte Grenzüberschreitung von der Hitchcockschen Suspensetechnik bis zur Klappbettszene und der vorwiegenden Psychologisierung und Realheit nach ihr!" So kam es, daß, wieder in der Gärtnerstraße angekommen, sich die Gruppe in zwei Teile spaltete. Die Intellektuellen gingen zu Diedrich, die anderen zu Angela, die noch immer ein versöhnliches Gesicht machte und uns einlud, später noch zu kommen, um einen Joint mitzurauchen.


Gegen Mitternacht kamen wir rüber. Diedrich, Ulf Bertheau und ich hatten noch Klute mit Jane Fonda gesehen, über Benn diskutiert, Zigaretten geraucht, Cola getrunken, in Diedrichs Zimmer, auf dem großen Bett sitzend. Ulf ist der Sohn reicher hanseatischer Eltern, und immer wohltuend, wenn man zuviel Kontakt mit der Masse hatte.


Diedrich ging in die überfüllte Küche, wo es bald still wurde. Nacheinander gingen alle hinaus, nur Ulf Henning blieb, aus Loyalität zu mir, verbarg aber das Gesicht hinter einem Fächer und gab an, sehr angeknallt zu sein.


Didda kam herein, und ich stellte sie als Interpretin moderner Brecht-Weill- und Eissler-Songs vor. Tatsächlich begann sie in unerträglichstem Dillettantismus ihren unmelodiösen Sprechgesang, und Diedrich zappelte wie auf dem elektrischen Stuhl. Er verzog sich, ohne jede Geduld, auf die Toilette. Die Küche füllte sich wieder mit "Was machen wir denn jetzt?"-Leuten. Simone war wieder da und sah mir in die Augen. Didda wollte tanzen gehen und die blöde rote Brille klatschte entzückt in die Hände: Patsch-patsch-patsch, guute Idee! Ich saß schon wieder unbefriedigt, vor Stress leicht schwitzend, aus den Augenwinkeln stets Angela beobachtend, unruhig und gedankenleer auf meinem Stuhl.


Wieder füllte sich das Auto, wieder ging es in Richtung Altano, St. Pauli, Reeperbahn. Nutten, Regen, Peepshow, Solozelle, Geblöke im Auto, entnervter Diedrich. Diesmal gab mir Ulf Bertheau etwas Halt, den alles lediglich ein wenig amüsierte. Ich warf meine letzten Mark in dämliche Flipperautomaten, während die anderen in eine Bimbodiskothek tanzen gingen. Bing-Bong, 78.000, 79.000, Freispiel, Bing-Sing-Sing. Höhepunkt der Sinnlosigkeit.


Anstatt verliebt in den Armen eines jungen, unverdorbenen Mädchens zu liegen, diese perverse, spätkapitalistische Abschaum-der-Gesellschafts-Szene. Anstatt friedlich im Dachzimmerchen bei kleiner Beleuchtung Goethe zu lesen, diese Absurdität hier! Selbst Diedrich war nicht mehr der Kern-Gesunde, er wirkte angekränkelt und doppelbödig.


Ich fuhr dann alle nach Hause und mit Simone in den Seekamp. Ein Gedanke, fast lächerlich, kam mir in den Kopf: Vielleicht hat sie den ganzen Abend ausgehalten, weil sie nur das Eine will? Tatsächlich war es wohl so. Ich redete wie ein Buch, im Bett, erzählte Geschichtchen über Stephan Kelle und Bettermann, doch umsonst: ein Gerangel, Gegrabbel und Gerammel kam in Gang, das mich mit nach unten zog, und gerade weil ich mich wehrte, lief es anders als sonst ab und machte schließlich irren Spaß.


Völlig geschafft schlief ich ein, ungeachtet der weiteren Anstrengungen, die Simone mit mir unternahm. Sie gönnte mir dann einige Stunden Schlaf, um danach erneut anzufangen. Es war gut so, denn es lockerte mich und verlieh mir eine Art von Humor, den ich gut gebrauchen konnte. Noch immer starrte sie mich in den Pausen an, aber es störte mich kaum noch.


Als sie wieder davon sprach, daß wir zusammenwären, die Freundinnen, die ich früher hatte, wissen wollte und angab, eventuell ein Kind von mir zu bekommen, zündete ich mir fidel eine Zigarette an, erzählte noch eine Bettermanngeschichte und verschwand.



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