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Das Fritz Brinkmann Buch 38

38. Kapitel

Ich gehe stur chronologisch vor und beginne mit der Nici-Szene:

(Im Moment kämpfe ich gegen Carmina Burana, ein an chinesische Freiheitsopern erinnerndes Annerose-Bücklers-Frühwerk, eines der seit nunmehr fünf Jahren unveränderten Anneroseelemente wie Mott the Hoople, Stricken, Geschichten wie "lieber ein dicker lieber Papa als ein dünner böser", Gespräche über die freie Zweierbeziehung u.v.a. Außerdem kämpfe ich gegen die Folgeerscheinungen des Frühstücks, von dem Nici sagte: "Bist du jetzt gelähmt? Mich nämlich lähmt so ein Frühstück entsetzlich." Ich bin ganz-und-gar-Magendurchblutung, im Kopf sind die Blutbahnen trocken wie andalusische Flüsse im Sommer, ich höre das Herz altersschwach, sinnlos-aufgeregt herumpumpen, ein Geräusch wie das Plantschen einer Oma mit dem Löffel in der Kaffeetasse, dazu kreischt Carmina Burana per 35-Mark-Neckermann-Plattenspieler durch die feuchtmorsche Urmils-wohnung... Ich gieße neuen Kaffee ein und klammere mich gebeugt an die Chronologie, ich meine, es geht nur darum, IRGENDETWAS zu schreiben.)


Nici und ich umkreisten uns wechselseitig, entwickelten eine erstaunliche Choreographie, drehten Pirouetten, griffen nach Gegenständen, begannen stets gleichzeitig zu sprechen, gleichzeitig entkrampfend loszulachen. Immer wieder machten wir uns gegenseitig Mut, guckten uns artig an, völlig unzweideutig.


"Diedrich wird gleich kommen", sagte Nici. Und: "Wann kommt Diedrich denn endlich?!" Und ich: "Man muß zu Peinlichkeiten stehen. Man muß sie aushalten." Und sie: "Ich gehe jetzt rein, ich werde sonst so aufgeregt." Und ich: "Ich treffe Simone um sechs in der Mensa." Und sie: "Ich werde da sein!" Sie sagte es mit Nachdruck und hatte etwas überaus Nettes in den Augen. Ich hoppelte davon. (Schnitt.)


In der Mensa. Tischordnung: Simone - ich - Annerose. Andere Seite: Diedrich - Nici - bzw. Peter - Diedrich – Nici. Das heißt, ich hatte Diedrich vor meiner Nase, das lenkte ab. Nici mußte mit Annerose auskommen. Ich rauchte nicht, meine Finger zappelten auf der Tischplatte wie der Körper eines von einem Schurken mit dem Pferd durch staubig-steinige Gegend geschleiften Cowboys. Was für eine Angst! Immer wieder mochte ich mir die Zunge abbeißen, weil ich etwas Blödes gesagt hatte. Blitze schossen mir dann durch den Kopf: wie konnte ich nur so etwas Idiotisches sagen! Mann, was mußte sie von mir denken! Früher war ich dafür bekannt, im richtigen Augenblick das Falsche zu sagen, mit tödlicher Sicherheit genau das, was nicht gesagt werden durfte. In einer Familie mit einem Contergankind sagte ich einmal am bürgerlichen Mittagstisch: "Ich mag keine Krüppel." Was in aller Welt hatte mich dazu gebracht? Eigentlich hatte ich sagen wollen: "Ich finde übrigens nicht, daß das Kind wie ein Krüppel aussieht", hatte das natürlich SO nicht sagen dürfen, änderte den Satz noch während ich zu sprechen begann und... gleichwie, ich war wohl immer etwas kopflos in solchen Situationen. So auch hier. Sagen wollte ich wohl, daß mir Nici auch gefiele, wenn sie kein Mädchen wäre, doch da man so etwas nicht sagt, alle aber bereits auf mich glotzten, kam heraus: "Ich bin geil auf dich, Nici." Es war weder peinlich noch lächerlich, es war saublöd, und Diedrich guckte mich verachtend an.


Annerose sprang in die Bresche und inszenierte eine Diskussion über LSD in der Absicht, Simone mit hineinzuziehen. Die aber blieb stumm, es waren zu viele unkontrollierte Vib's in der Luft. Es war zuviel für mich. Man würde mich blöd finden. Die Angst davor war so groß wie nie. Bitte, bitte, findet mich nicht blöd, dachte ich gepreßt, griff noch immer nicht zur Zigarette.

Nici sah ruhig aus, sicher bestand ihre Welt aus fünfunddreißigjährigen ZEIT-Redakteuren, Volvo-Fahrern und Ärzten mit Kindern, und dies hier mußte sie als null und nichtig empfinden.


Der ewige DKP-Funktionär Tompsi kam an unseren Tisch, Mitglied einer Hamburger Schülerband, vier Jungs mit Gitarren und englischen Songs, in ein paar Jahren treten sie auf Schulfesten auf, zuerst in ihrer eigenen Schule, und ein paar von den Lehrerfiguren sind dabei, Buhl und Lehmann, Stochowski soll auch dagewesen sein, aber nur am Anfang undsoweiter undsofort. Also gut, dieser Bubi lief unter Nicis Augen genauso wie Peter, Mischung aus Penner und Bauarbeiter. Er spielt Schach und bildet sich darauf auch noch etwas ein, als wäre es nicht das Drögste und Abgelebteste auf der Welt, als wäre nicht Briefmarkensammeln oder Monopolyspielen substanzvoller.


Dann wollte man aufbrechen. Simone und ich standen auf und gingen einige Meter, blieben stehen. Simone lief allein weiter, dann kam Annerose und ich -ging auf sie zu, Nici und Diedrich standen ebenfalls auf, Diedrich löste sich von Nici und kam stockend auf mich zu, wir gingen einige Meter zusammen, dann sah ich, daß Simone gerade weggehen wollte, ging auf sie zu, zog dabei Annerose mit, die unschlüssig zwischen Nici und Diedrich stand, Simone umarmte mich und hielt mir ihr Gesicht entgegen, da sah ich, daß Nici und Diedrich nicht wußten, ob sie mitgehen sollten, und ich löste mich von Simone, wurde von Annerose festgehalten, die telefonieren wollte. Nici und Diedrich gingen los, das Auto holen, während Annerose telefonierte und Simone sich an mich kuschelte.


Im Auto saß ich zwischen Simone und Annerose. Man schwieg. Annerose machte den Vorschlag, zu Stephan zu fahren, woraufhin ich das Gewicht auf Simone verlagerte, mein Bein von Annerose wegnahm. Ich fühlte mich miserabel, ich konnte nicht sprechen.

Bei Stephan wurde es um ein Vielfaches schlimmer. Stephan blieb, als wir kamen, auf seinem schneeweißen Sofa sitzen, zeigte lachend die Zähne und amüsierte sich über uns. Das Zimmer war wie ein Studio ausgeleuchtet, der Raum war leer und ganz auf Stephan und sein schneeweißes Sofa zugeschnit-ten. Annerose, sonst stolz und erhobenen Hauptes die Dinge abwartend, tapste beinahe linkisch auf Stephan und sein Sofa zu, wollte sich dann allen Ernstes zu seinen Füßen auf den Boden setzen, rutschte dabei aus und fiel klatschend und ungeschickt auf den Rücken. Sie rappelte sich hoch und saß nun auf ihrem Popo, den Kopf eingezogen, unsicher Stephan anlachend. Das tat weh. Doch was tat Diedrich! Nicht mehr in sich ruhend und sich nach allen Seiten hin produzierend, war sein Gesichtskreis von 360° auf 10° eingeschränkt, das heißt, hündisch lächelnd starrte er auf Stephan und wartete auf ein freundliches Wort, ein freundliches Zeichen.





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