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Das Fritz Brinkmann Buch 41

41. Kapitel

6.12.1977

Annerose hat einen neuen Liebhaber.

Ich habe ein neues Buch: Frieda Grafes „Im Off“.

Anneroses Liebhaber heißt Omigosh.

Er sitzt in der Küche unserer ehelichen Wohnung.

In meinem neuen Buch geht es um Filmsprache.

Soll ich mich in der Küche dazusetzen, Wird es elendes Schmierentheater, dem ich mich entziehen sollte: „Kinder, das Herz, das Herz“, (Omi), oder sollte ich es mitmachen, um die Machbarkeit der Szene, das Funktionieren vermeintlicher Realität herauszuarbeiten, Wohl wäre es sinnvoller, etwas über Thomas Mann zu schreiben, aber täte ich das?


Die Szene erscheint vielversprechend: das Abspielen der Schallplatte „The Tubes“ hat nichts Selbstverständliches mehr, sondern ist - in diesem Zusammenhang, mit einem 35-Mark-Plattenspieler und völlig zerkratzter Nadel - ein eigentümlich enervierendes Dokument der Plattheit, der Konservierung. Es hat etwas Makabres, wenn das angebliche „Lieblingsstück“ mehrmals aufgelegt wird und die Unmöglichkeit einer gefühlsmäßigen Übereinstimmung zwischen Zuschauer und Personen der Musik jede Gefühligkeit nimmt und den Blick freigibt für das, was Musik macht, wie Musik funktioniert. In der Disharmonie werden die Gesetze von Harmonie als einer ausnahmslos gemachten Harmonie deutlich.


Gleich wird die Tür aufgehen und ich, der Zuschauer, werde in die Küche treten und nichts wird so funktionieren, wie es sonst funktioniert. Das Streichholz wird nur so lange ein Streichholz sein bis ich damit, mit dem verkohlten Ende, etwas auf die Tischplatte schreibe, der Kugelschreiber nur so lange Kugelschreiber, bis ich ihn auf Omigosh richte wie eine Waffe, der Vorhang wird nur so lange Vorhang sein bis ich ihn zuziehe, um besser, nämlich ungespiegelt, nach draußen sehen zu können.


Die Stabilität, die sich für Augenblicke ergeben wird, in denen man gleich geneigt sein wird, den Dingen definierende Namen zu geben, wird trügerisch sein, umso trügerischer, als sie gestützt sein wird von vermeintlicher Realität. Omigosh, der feurige jugendliche Liebhaber, der Briefe totaler Verzückung schreibt, wird sich als 27jähriger Doktorand erweisen, der aus lauter Knöchernheit und Intellektualität nie ein Verhältnis zu Frauen hatte, um sich im nächsten Augenblick als haltloser Taugenichts zu zeigen, der seinen Eltern auf der Tasche liegt. So wie ich mit ihm reden werde, wird er der Intellektuelle sein, so wie Annerose mit ihm reden wird, der Blödkopf, der nicht mehr denken kann. Olaf Moll schließlich wird das blitzende Genie sein, das zwischen den Sätzen den Kopf hängen lassen wird wie ein trauriger Hund, wie ein Kind, das die Mutter verloren hat.


Alles wird sein wie etwas anderes, Bezeichnetes und Bezeichnendes werden immer mehr auseinanderfallen, bis der Zuschauer die Willkürlichkeit der stillschweigenden Bedeutungsübereinkünfte entdeckt und zu einer Einsicht in die anarchische Bewegung innerhalb dessen, was wir Realität nennen, kommt. Und auch ich, der Zuschauer im Zuschauer, werde nicht nur Zuschauer sein, sondern ein Zuschauer, der sich aktiv an der Handlung beteiligen wird, als wäre er ein Handelnder, als gäbe er vor, der betrogene Ehemann zu sein, den er zu spielen haben wird, wird dann aber, bevor man diesem Trug zu trauen beginnt, freundlicher Konversationspartner sein, freilich so freundlich, daß es einem unbehaglich werden wird, freilich nur so lange, bis einen der warmherzig-offene Blick überzeugt, freilich nur so lange, bis die Spiegel zerbersten.





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