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Das Fritz Brinckmann Buch 52

52. Kapitel

14.1.1978

Ich: Ja. Immer nett sein. Nett und freundlich. Ja.

Annerose: Wo kommst du her?

Ich: Ich war mit Nici und dem Dingsda weg, ich bin mit ihr und dem… na du weißt schon, dem Dings... im Auto rumgefahren, kreuz und quer. Die schöne Nici saß vorne.

Annerose: Die dämliche Nici!

Ich: Die geheimnisvolle Nici...

Annerose: Die doofe Nici, die doofe häßliche Nici!

Ich: Die schöne geheimnisvolle Nici...

Annerose: Einen - Kuß. Einen - Kuß. Äää!

Ich: Was macht Triefauge?

Annerose: Der potente Thorsten?

Ich: Gutsmannsdörfer.

Annerose: Scheiße mit Reiße. Ich: Guts gekauft Muttzi.

Annerose: Wenn er mich berührt, schauert es mich.

Ich: Und wenn du mich berührst?

Annerose: Mal abwarten. Ich: Ich doch nicht, du sollst schauern!

Annerose läßt von mir ab und steht auf. Sie zieht sich an und tritt aus der Wohnung, will zum potenten Thorsten.

Annerose: Der potente Thorsten.

Ich: Der impotente Thorsten.

Annerose: Die dämliche Nici.

Ich: Scheiße mit Reiße.

Dann klappt die Tür und ich ärgere mich. Heute wird was erlebt, nehme ich mir vor. Ich will zu Felix fahren, mit Felix zu Elenor... Felix soll Elenor erobern, dann lerne ich Elenors Freundin kennen und dann kann ich wieder Tagebuch schreiben.


Felix empfängt mich in der drögen Felixwohnung. Der Fernsehapparat läuft, ausgelesene Zeitungen liegen daneben. Felix bewegt sich schleppend, seine Augen triefen, sind es Tränensäcke? Ach, seine Freundin hat ihn verlassen.


Ich: Schnell raus hier, Felix!

Felix: Ich muß...

Wir bleiben eine ganze Stunde in der drögen Wohnung. Währenddessen durchschreite ich eine interessante Steigerung. Erst lobe ich seine Comics und erzähle brav neue Filmtheorien. Ich dulde sogar den Fernsehapparat. Dann komme ich auf Tanja zu sprechen, dann auf Homosexualität, dann spreche ich ihn auf die Tränensäcke an, dann beuge ich mich mit dem Oberkörper vor und rufe: Was ist dein Problem, Junge? Dann ziehe ich ihn ins Auto und schwärme von Elenor: Pechschwarze Haare, alabasterfarbene schneeweiße Haut, der Mund eine Wunde, die Beine hoch und schlank usw. Ich spiele echte Verzückung, obwohl ich aus Max Frisch memoriere. "Um die Nase ein unmerkliches Zittern, kein Beben, ein Zittern, das so unmerklich ist wie die feinen Schweißtropfen, hervorgerufen durch ein stets vorhandenes leichtes Fieber..." Ich spiele einen Mann, der etwas wirklich Außergewöhnliches gesehen hat. Währenddessen beobachte ich Felix aus den Augenwinkeln und kontrolliere, ob er auch alles glaubt.


Wir fahren zu Elenor und ich mache Felix Angst. Die Eltern schildere ich als Tyrannen, als Exilrussen. Elenor wohnt in Nordpoppenbüttel und die Fahrt wird lang. Felix bleibt stumm und dröge. Keine Provokation fruchtet. Ich sage: "Tanja hat mit dir Schluß gemacht, weil sie dich langweilig findet, Felix." Er dreht sich plötzlich zu mir und sieht mich entsetzt an. Dann erzählt er einiges von seiner Beziehung, aber lauter Banalitäten. Mehr hat er nicht. Er schweigt wieder. Die Sache ist für ihn weder verarbeitet noch ist sie dramatisch. Eine langweilige, noch nicht einmal verarbeitete Romanze. Ich schlage ihm auf die Schenkel: "Gott, Junge, wir damals hatten anderen Schneid!" (Das tat ich natürlich nicht, aber mir war danach zumute.)


Nach einigen Stunden landeten wir bei Diedrich und Nici. Gedrückte Stimmung auch da. Diedrich in der gewohnten Donald-Duck-Verfassung, Nici wenigstens gut gelaunt, ein Quell der Freude, für Annerose merkte ich an: die Nici, die ein Quell der Freude ist. Ich nahm Diedrich beiseite und schlug ihm krachend auf den Rücken (tat ich nicht, aber mir war danach). Im Nebenzimmer verstanden wir uns prächtig. Nici nahm sich Felixen an, dessen Tränensäcke sie vielleicht entdeckt hatte. Zum erstenmal an diesem Abend wurde Felix fröhlich und ich ärgerte mich: Lag es also auch an mir, daß er so dröge war. Ich fuhr ihn nach Hause, in seine dröge Wohnung. Es war wieder nichts mit 'erleben‘.


Zu Hause war wieder Annerose.

Annerose: "Ach ja... der potente Thorsten!"

Ich: "Der impotente Thorsten."

Annerose: "Die dämliche Nici.

Ich: "Die schöne Nici."

Annerose: "Die häßliche Nici."

Ich: "Die geheimnisvolle Nici."

Annerose: "Die doofe Nici."

Ich: "Die Nici, die ein Quell der Freude ist."

Annerose: "Was?"

Ich: "Ja, ja, richtig gehört."

Annerose: "Scheiße mit Reiße!"

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