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Das Fritz Brinckmann Buch 60

60. Kapitel

25.1.1978

Alles läuft ab, wie ich es geplant habe. Ich sitze in der Albert-Schweitzer-Schule, warte auf das Sado-Girl, habe noch zwanzig Minuten bis zur Pause.


Morgens, wenn die großen Flügeltüren zum Park geöffnet werden und das Frühstückstablett neben mein Bett gesetzt wird, bei der ersten Tasse Kaffee also, wenige Sekunden nach dem Erwachen, kann ich sehr klar denken, der ganze gestrige und der ganze kommende Tag entstehen geordnet in meinem Kopf. Ich sehe dann, was falsch, was richtig war, welche Vorstellungen und Taktiken versponnen oder realistisch sind bezüglich des neuen Tages.


Eben war ich drinnen. Scheußliches Gefühl, sich an fünf, sechs, sieben Lehrern vorbeizuschlängeln, die einen alle unschlüssig angucken und kurz davor sind, nach Ausweis und Parole zu fragen. Mein Gang klappt heute nicht, ich gehe nicht aufrecht, die Schultern sitzen verkrampft auf dem Rumpf, die Arme kleben am Körper, die Hände wiederum krabbeln hin und her wie Ameisen. Mit einem Wort: mir fehlt die Lässigkeit, ohne die ein Hochstapler nicht arbeiten kann.


Schließlich tat ich zwei Mädchen auf, denen ich mit kippelnder Stimme, als hätte ich was ausgefressen, mein Anliegen vortrug. „W-wißt ihr wohl vielleicht doch wo das V-vorseme-ster sitzt äh ist... hm?.“ Was ich denn da wollte? Warum ich nicht zum Hausmeister ginge? (Man siezte mich.) Ich sagte: .... (Räusper) Ich habe keinen... triftigen Grund, ich will sie ja nur so sehen. Dieses Mädchen, meine ich... Elenor heißt sie, Lickfett.. Was für ein peinlicher Name. Elenor Lickfett. Also ich watschelte wieder weg, sitze jetzt im Auto und warte auf die nächste Pause.


Ich hatte übrigens kaum den Mut, nach dem Sadomädchen Ausschau zu halten, und selbst wenn ich es gesehen hätte, hätte ich keine gute Figur gemacht. Viermal (!) mußte ich an der großen Glasscheibe des Pförtners vorbei, der jedesmal den Kopf reckte, beim letztenmal begann ich zu laufen...Und doch mache ich weiter, bin doch ein Teufelskerl!


h keine Ideen. Ich gehe einmal rein und verabrede mich mit Elenor für heute Nachmittag. Blöd, dröge, aber ich komme gerade auf nichts anderes. Eigentlich schade. Zwei Stunden später: Ich trat in den Hof, geschützt plötzlich durch das Gewimmel von etwa 150 Kindern. Es war große Pause, alles lief durcheinander. Carneval in Rio, kaum möglich, mich jetzt noch zu schnappen, die Glasscheibe des Pförtners verklebt mit Leibern. Ja, wo steckte es, das Sadomädchen... Ich überflog die Köpfe. Ich sah sie nicht, also suchte ich Elenor, die ich bald fand. Sie schwänzte eine Stunde und wir gingen Kaffee trinken. Sechzig Minuten Elenor. Danach, wieder allein, fühlte ich: Pflichtsoll erfüllt, weiter! Doch was? Weiter die andere suchen! Wieder sah ich in die vielen Gesichter... nichts. Ich fuhr schließlich ab. Irgendwie schlapp, dieser Tag.


Und jetzt sitze ich in der Universität, im leeren Raum 473. Mmm, im Foyer, dachte ich: gleich passiert es, gleich schlage ich einem Studenten die Fresse ein (wovor ich seit einigen Monaten Angst habe), doch ein Mädchen, das ich nach dem Winter-Seminar fragte, schüttelte so nett den Kopf, daß der Anfall sofort vorbei war.

Zeit genug für die fiktive Anette-Begegnung (Telefon):


Ich: „Anette? Kann ich dich für eine Stunde sehen?“

Anette: "Du... ich glaube, heute geht es nicht so gut. Ich habe mich schon mit Thorsten (sie!) verabredet, da will ich heute übernachten, und bis dahin muß ich noch für die Schule arbeiten...“

Ich: .Hast du schon ein Auto, um hinzukommen?.“

Anette: „Ja, Thorsten holt mich ab."

Ich: "Dann ruf ihn doch an und sage, er müsse nicht extra rausfahren, du hättest schon ein Auto, dann fahre ich dich hin.“

Anette: "Aber warum denn?“

Ich: "Die Fahrt dauert 25 Minuten, das reicht mir, in der Zeit kann ich alles wichtige mit dir besprechen.“

Anette: „Bist du sicher, daß das auch für mich wichtig ist?“

Ich: „Nein, durchaus nicht, ich bin mir eher sicher, daß e das nicht ist, aber ich dachte, es macht dir nichts aus..“

Anette: „Vielleicht doch.“

Ich: „Wieso?.“

Anette: „Du... hast in einem Brief... über Dinge geschrieben, die ich dir mehr oder weniger unter vier Augen, sozusagen im Vertrauen gesagt habe und die niemanden etwas angehen, jedenfalls konntest du nicht wissen, wen sie etwas angehen dürfen und wen nicht.“

Ich: - - -

Anette: "Bist du noch dran?“

Anette: „Ich meine, das mußt du doch einsehen... das war einfach nicht korrekt von dir... Man weiß bei dir auch wirklich nicht mehr, woran man ist, ... mir ist das auch zu blöde, mich dauernd fragen zu müssen, was meint er nun und was meint er wirklich...“

Ich: „Ja…ich hätte ehrlich sein müssen... es... es ist so verdammt schwer für mich, ehrlich zu sein... und dabei dachte ich, gerade bei dir könnte ich das…“

Anette:-„Naja, irgendwie fand ich es ja auch wieder ganz komisch... ich mein, du mußt nun nicht denken, ich wär jetzt so total sauer auf dich und so...“

Ich: „Du, ginge es nicht, daß wir uns noch EINMAL treffen, ich fühle mich so mies, ich würde... es wäre sehr gut für mich, dich nochmal kurz zu sehen... laß mich dich doch in die Stadt fahren, das wäre jetzt genau das richtige, ehrlich.“

Anette: .Also, okay...“

Ich: „Wann soll ich da sein?“

Anette: „Tja...“

Ich: "Sagen wir um halb neun, ja?“

Anette: „Na gut...“

Ich: "Tschüß, bis dann!.“

Anette: „Tschüß.“


Nach so einem Telefongespräch tut man am besten eins: man läßt Anette sitzen. Dann hockt sie abends in ihrer Wohnung ärgert sich schwarz, hat ja dem Freund abgesagt und findet es zu blöd, ihn wieder anzurufen, zumal sie einen Riesenkrach wegen des ganzen gerade am Telefon mit ihm gehabt hat. Schließlich ruft sie um halb zehn den Freund doch noch an, der kommt dann, freilich frühestens um zehn, man streitet weiter, geht mürrisch ins Bett - und ich sitze währenddessen im Schaukelstuhl und genieße meine Rache. Nein, ich bin es nicht, der an der Ignoranz und Blödheit der Welt zugrundegeht! SIE sind es, die den Ärger haben bei der Konfrontation Lojo:Welt.

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