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Das Fritz Brinckmann Buch 61

61. Kapitel

26.1.1978

Liebe ist eine Krise der Berührungsorgane sagt Gottfried Benn undich sollte mal danach handeln, ich bin ja völlig hinüber, zehn Tage ohne Annerose. Durchaus in diesem Sinne fuhr ich gestern zu Mia Matzen. Doch das später.


ich bin hinüber, ohne Zweifel, so wie Bruder Eckart. Die Hormone drehen durch, der Magenkrebs beginnt: Auch den ganzen Mittwoch drehte ich meine Runden in dieser hochakuten Hypochondrie, versorgte Geist und Körper mit Tagebuch und Medikamenten, ach herrje, es löste sich alles so ab, ich will nicht sagen Realitätsverlust, eher Verlust jeder psychischen Einbindung.


Gegen fünfzehn Uhr passierte es: ich reagierte mich am Nächstbesten ab. Diedrichs gute alte Tante TELSE aus Ostfriesland kam mir in der Uni entgegen, zufällig, und ich fiel über sie her. Ich zog sie an den Haaren, schüttelte ihre Glieder, so daß die Brille zu Boden fiel, umarmte sie überschwenglich. Wir gingen zum Auto, ich zog sie stark, wir rannten, im Auto dann die Sache. Die Hauptmittagszeit war vorbei, es kamen nicht gleich hunderte von Schaulustigen, sondern nur ein paar Dutzend. Das Auto schwankte, Telse brach sich eine Rippe, ich selbst tat alles, um mich zu entladen.


Doch die Entladung erwies sich dann keineswegs als die Lösung meiner Probleme. Ich fühlte mich nachher auch nicht anders als vorher. Nein, ich begann jetzt, mich verbal zu entladen, redete auf Telse zwei Stunden lang ein als wäre ich Diedrich bei Eva und Jan. Scheußlich! Lebensphilosophie zentnerweise. Das Schöpferische. Gestaltung als Sinngebung, Glück als Todesvollzug ohne Hintergedanken, Kommunikation als Herbeiführen existentieller Nähe, als Zweck, der alle Mittel heiligt usw., hektisch, stressig, nervenkrank. Schon hatte ich ein schlechtes Gewissen deswegen und tat alles mögliche für Tante Telse, fuhr sie zur Wohnungsververmittlung, sah neue Wohnungen an, fuhr sie zu einer Freundin it noch redend. Dann stieg Telse endlich aus, befahl mir aber, noch zu warten, kam wieder, holte mich aus dem Auto. Sie führte mich in ein Zimmer, in dem drei kichernde Mädchen saßen, denen sie offenbar gerade eingeschärft hatte, es würde gleich ein phantastisch verrückter Typ kommen.


Man kann sich mein Elend nicht vorstellen, ich meine, ich war völlig überdreht, total gestresst, Gase im Kopf, Schwefel hinter den Augen, ausgefranste Trommelfelle, Mund und Speiseröhre voller Blut, Zahn-Kopf-Nasen-Glieder- und Herzschmerzen. Ein Taxi fuhr mich nach Hause, und ich schlief eine knappe Stunde.


Ich machte mich ja selbst verrückt, diese Anette-Koll-Phantomideen und alles andere, na, am Ende hat Benn recht, ich kenne den Zustand von früher, 1976, ohne Frau, einfach scheußlich und zutiefst ungesund, jeden Tag 7,2 Kilometer um die Aschenbahn und trotzdem Blut im Mund, Schlaftabletten und Magenkrebs. Also: Raus aus meiner jetzigen Behausung, hin zu Mia. Doch noch war es nicht so weit.


Zunächst verpaßte ich ein weiteres mal das Sadomädchen (man hatte mir den falschen Termin für den Bronzekurs gegeben), dann erhielt ich von Anna-Maria einen halben Korb, ich konnte nicht mehr reden am Telefon und sagte zu allem jaja. Und schließlich rief ich Anette Koll an, um 21.30 Uhr. Auch das ging schief und dabei blieb es nicht.


Es ist, wie gesagt, alles quatschig, abgehoben, seifenblasig. Kopfstürme, Kongestion, Blutstau. Marx würde sagen: Entfremdung.

Jetzt sitze ich vor Elenors Fahrschule und erwarte sie. Fühle mich noch schlechter als gestern. Im Magen: Phanodorm, Aspirin, zwei Spalt, fünf Tassen Kaffee, Reisfleisch, Apfelmus, eine Apfelsine, noch eine Aspirin. Sehe aus wie Papi kurz vor seinem Autounfall. Idiotie! Ich fahre sie nach Hause und damit basta, danach gehe ich ins Kino, Geld habe ich. Teufel! Diese Elenor muß mir helfen, dies Sadogirl zu schnappen! Das bringt mich zur Weißglut!







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