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Das Fritz Brinckmann Buch 65

65. Kapitel

6.2.1978

Um sieben Uhr morgens holte ich „Schnapsnase“ Ohrt aus dem Bett. Es war eine tiefschwarze menschenleere winterliche Nacht von Freitag auf Sonnabend, noch viele Stunden bis Sonnenaufgang und noch mehr, bis die ersten Menschen aufstanden, kein Wunder also, daß Stephan seinen Wecker überhört hatte und nunmehr völlig groggy in der Tür stand, die Flasche in der Hand. Er nahm einen Schluck und bot mir auch an. Ich tat, als bemerkte ich es nicht und blieb mit dem Rücken zu ihm vor dem Fenster stehen, die Hände in den bequemen Hosentaschen des guten Anzugs.


Stephan steckte in einem weiten Bademantel, wie sie extra für Junggesellen hergestellt werden. Er saß auf einem propylen-spritzweiß gespritzten Sofa und erzählte den Traum, den er gerade gehabt hatte. Er sei ganz klein gewesen und habe beide Arme um die Oberschenkel einer nackten, sehr schönen Frau geschlungen. Er sei blind gewesen, und sprechen konnte er auch noch nicht, aber die Wärme, die Zärtlichkeit, die Sensibilität dieser Frau sei so phantastisch gewesen, daß er nach einer Möglichkeit gesucht habe, dafür zu danken, das irgendwie auszudrücken.


Ich fragte: Stephan, hat dich nicht dieses Band gestört, diese Schnur, die aus deinem Bauch raushing, direkt vom Bauchnabel aus? Stephan ging nicht darauf ein. Er stand auf, um sich zu schminken, ein ritueller, exakt 38 Minuten dauernder Vorgang, währenddessen ich, nach Stephans Willen, seine Spielzeugsammlung ansehen sollte.


Ich sah mir ein Buch an, schlief darüber ein, es war ja noch Nacht. Dann stand Stephan vor mir, frisch geschminkt, strahlend, wie ausgewechselt, über real, eine prächtige Blendung auf der Netzhaut, dazu spielte pulsierende, teure Discomusik. „Jetzt denkst du gleich wieder, ich bin der Diskothekengott“, sagte, scheinbar im Scherz. Wir fuhren los.


Eva und Jan saßen wach und gespannt auf der Straße vor ihrer Wohnung. Wie die Landbevölkerung, die früh in die Stadt fährt und stundenlang auf den Bus wartet, unbekümmert, ruhig und froh, so waren auch sie und begegneten uns mit Freundlichkeit (sie hatten sechzig Minuten lang auf vereisten Pfützen gestanden).


Unterwegs kamen wir am Hotel Atlantik vorbei und nahmen einen Kaffee. Stephan brach uns Bahn, seine Aura drängte Angestellte wie Direktoren beiseite und wir anderen schlüpften mit eingezogenen Köpfen hinterher. Bei einem vorbeihuschenden Zimmermädchen orderte er eine BILD-Zeitung, das Mädchen riss die Augen auf, sah Stephans wundervollen Charakterkopf und huschte weg: ganz große Gäste dürfen sie haben, die einfachen Bedürfnisse, da wird es wieder natürlich.


wir fuhren weiter. Bald waren wir in der DDR und sahen ins Freie. Eva drückte die Nase ans Autofenster und freute sich, Jan genauso. „Ach Kinder, ist doch schön, dass wir nochmal Urlaub machen können“, sagte ich reinen Herzens. Vor allem Jan und Eva hatten blinkende Augen und leuchteten vor stillem Kinderglück: eine Reise! Eva durfte sogar den Proviantkorb verwalten, sie schälte Apfelsinen und verteilte Dickmilch, Schokolade und Käseschnitten. Stephan spielte am Radio. Einmal konnte er sogar einen Sender aus Schweden einstellen, dann mehrere aus Jugoslawien, Tschechoslowaken, Kroatien und Serboslowenien.


Eva machte den Anfang: wir ärmlich doch alles aussähe und so weiter. Ihre Eltern müßten noch heute Pakete mit Kaffee, Bananen und Hosenträgern nach „drüben“ schicken. Stephan meinte ergänzend, diese ganze Landbevölkerung sieche dahin, verlassen und vergessen, ohne Kontakt zu Partei und Staat. Tatsächlich war in den Dörfern seit dreißig Jahren nichts gemacht worden, teilweise sah man die alten NSDAP-Parolen noch an den Wänden, teilweise die SEP- und KPD-Parolen aus den späten 40er Jahren. Auf einer Litfaßsäule rief ein altes Plakat zu einer Versammlung mit Ernst Thälmann auf. Ab und zu sah man Kinder und Greise. Eva wußt, warum d,ie Leute im arbeitsfähigen Alter habe man nach Sibirien verschleppt.


Wir fuhren direkt bis Ost-Berlin. Dort erwartete uns die Polizei, besser gesagt: die Vopo. Von Anfang an setzten sich sechs Mannschaftswagen auf unsere Spur. Falsch eingeordnet - Trillerpfeife - Absperrung - Wagenschlag auf - MP's im Anschlag - Tritte in die Hoden - Papiere abgenommen - Geld ebenso - Papiere zurück und ab. So ging das sechsmal, bei jeder Kleinigkeit. Eva bekam Angst, Jan schwankte zwischen Empörung und Heiterkeit, Stephan betrat den nächsten Intershop und kaufte eine große Flasche Wodka. Stephan und Jan tranken hemmungslos, es war mir peinlich, ich erwartete lallende, aufgedunsene Mitfahrer, die nichts mehr erfassen könnten, aber ich täuschte mich: die beiden wurden ausgelassen und spritzlebendig, lachten die Vopos aus und sorgten dafür, daß die Reise zum erstenmal die Todesnähe und Katastrophenintensität bekam wie unter Olaf Moll.


Stephan griff mir volltrunken ins Steuer und drehte wilde Kreise inmitten des größten Verkehrs. Die herausstürzenden Vopos umarmte er und rief ihnen zu: „Die Zeiten ändern sich, das müßt ihr einsehen, erkennt ihr mich nicht, ich bin Fräulein Ohrt, aber es sind vier Jahre vergangen, die Zeit eilt vorbei, aber ich bin es, soll ich von vorn gucken oder von der Seite, “Völlig verrückt“ Ein besonders zackiger Vopo mit schnarrender NS-Stimme verschluckte sich, bevor er noch richtig loslegen konnte.


Die Vopo-Situationen meisterten wir jetzt immer besser, aber von Ost-Berlin bekamen wir nichts mit vor lauter Heiterkeit. Ich stöhnte: „Kinder, nun guckt doch bloß mal! Stellt die Flasche weg und sehr euch das an, diesen Wahnwitz, dieses Utopial. Einziges Echo: Eva, die jetzt auch getrunken hatte, prustete: „Noch'n Pernod - für den Berto!!“ Ich ärgerte mich. Im Prinzip dasselbe, was die Deutschen auf Mallorca machen: „Warum ist es am Rhein so schön“.


Schlimm auch Stephans Blick, als ich ihm die Flasche wegnehmen wollte. Dieses Aufflackern von Angst, scheußlich. Wie weit ist der Junge eigentlich?


Draußen türmt sich eine einzigartige Welt á la George Orwell auf, wie New York beim Strom-black-out, teilweise, oder wie St. Pauli in vierzig Jahren oder wie die Kulissenwelt der Murnau-Stummfilme oder, woher sollte ich es wissen, ich sah nur wenig durch die beschlagenen Scheiben, und zur Theorienbildung kam es nicht, schließlich saßen Ekel-Ohrt und die Klose aus München sowie mein Wim-Wenders-Freund Jan im Auto, nicht Diedrich.


Diese Fahrt wurde Diedrichs großer Triumph, er war der heimliche Sieger, das wurde schon jetzt klar. Ich mußte dreißig Minuten lang reden, bis ich die drei zu einem kleinen Zehn-minuten-Spaziergang überreden konnte, einmal um den Block, wie gesagt, zehn Minuten, nicht mehr. Die drei hangelten sich von Schaufenster zu Schaufenster und verglichen die Preise mit West-Preisen. „Unverschämtheit!“ entrüstete sich Jan, als ein Radio doppelt so teuer war wie bei uns.


Stephan verglich die Szenerie mit westdeutscher Provinz, wogegen ich natürlich leidenschaftlich protestierte. Die Stadt war filmreif, nicht langweilig: Fünfzehn-Watt-Birnen in den niedrigen Bronzelaternen, Straßen, Häuser, Bahnen, Geschäfte, Menschen - alles unverändert seit vierzig Jahren, keine neuen Materialien, kein Farbneon, keine Metallschaufenster, keine Werbung, keine Restauration. Aus tausend Ecken, Ritzen, Perspektiven atmet eine andere Zeit, die Schritte hallen, alte Männer lesen heimlich Gottfried Benn, Prolos trinken billigen Fuselschnaps in unterirdischen Kneipen, ganze Straßenzüge sind leer und deportiert, im Hinterhof exekutiert der Stasi zwei Dissidenten, irgendwo scheppert aus einem alten Volksempfänger die kläffende Propagandastimme von Schnitzler. Dann wieder gespenstische Stille und Dunkelheit wie auf dem Land, wenn nachts der Himmel zu ist. Was würde man alles sehen, wären die anderen nicht so laut! Die schwangere Frau mit ihren drei Kindern, erschlagen Anfang 45 bei den letzten großen Luftangriffen, oder das junge Liebespaar unter der Murnau-Laterne, wie gern wäre ich nähergetreten und hätte gefragt, was in den Köpfen der beiden vorgeht, aber nein, sie stoben auseinander, als die grölenden vier Westler näherkamen.


Man hätte eindringen können in diesen Kosmos, angeregt zu Phantasien und zu außergewöhnlichen Dingen, Mut wäre gar nicht nötig gewesen, die Konventionen hätte man zusammen mit dem Paß an der Grenze abgegeben, ich glaube, es wäre gegangen, die Leute sind froh über jeden Kontakt mit der Außenwelt. Die richtigen Leute freilich, die man aber erkannt hätte. Man hätte es versuchen müssen. Vielleicht wäre dasselbe Bild herausgekommen wie jetzt, ich weiß es nicht. Das Bild, das wir jetzt von den Menschen haben: Alles Schweine, engstirnige Vopos, kleinbürgerliche Kleinbürger, verabscheuungswürdig und häßlich, starr und denkunfähig wie Tiere, Untertanen vom Scheitel bis zur Sohle ... mit einem Wort: reizlose Gestalten.


Stephan: „Raus hier, auf der Stelle!“ Es war erst neun Uhr. Wir verließen Ost-Berlin, fuhren in den Westen und begannen eine zwei-Stunden-Freß-Tour durch Dutzende von Mc-Donald-Burger-King-Kentucky-Fried-Chicken- und ähnliche Lokale. Coca Cola und Ketchup, Hamburger und Pommes Frites, das Defizit war wohl groß geworden, man klinkte West-Kultur ein bis das ganze Geld - 320 Mark - alle war.


Dann fuhren wir zu Eckart und alles war wie immer. And the cat came back - hoch die Klampfe! Schramm-schramm, dann Pink Floyd: Umma-Gumma (tatsächlich!), an den Wänden Tunix-Kongress, Frauen-Universität, Bürger wehren sich gegen Abbruch und so weiter.


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