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Das Fritz Brinckmann Buch 70

70. Kapitel

22.2.1978

Es ist zuende mit Elenor! Glaube ich.

Nach wie vor standen sich unsere Körper koloßartig gegenüber, und es war an mir, mit den „Zärtlichkeiten“ zu beginnen. Konzentrieren konnte ich mich nie, immer dachte ich an tausend Dinge, ich bekam keine Beziehung zu ihr.


Gestern trafen wir uns bei Jan und Eva, zum Fotovergrößern. Elenor hatte Petra mitgebracht, ein alleinstehendes, nicht dummes Mädchen, das ein bißchen wie Diedrich aussieht. Ich vergaß wieder, Elenor einen Begrüßungskuß zu geben, drängte mich dann, als es mir einfiel, an sie und klebte meinen Mund viel zu schnell und unvorbereitet an den ihrigen, so daß sie vor Schreck ihre schmucklose Plastiktüte fallen ließ. Übrigens kam ich viel zu spät, von rechts wegen hätten sie gar nicht so lange auf mich warten dürfen. Plötzlich waren mir furchtbar wichtige Dinge eingefallen, ich mietete die Wohnung, kaufte ein neues Auto, reichte die Scheidung ein, begann die Doktorarbeit, bis es endlich so spät war. daß ich mit schlechtem Gewissen zur vereinbarten Stelle hechtete. Doch sie standen noch da, die beiden Gurken, sahen aus wie Pat und Patachon, wie Gisela und Carola Bücklers, denen man gesagt hatte, gleich käme einer vorbei, der Butter und Käse zum halben Preis verkaufen würde.


„Na, ihr, was habt ihr so gemacht heute?“ begann ich und steuerte auf die Bornstraße zu. „Vokabeln gelernt.“ Elenor hielt ein Vokabelheft hoch, ich griff es und begann, sie abzufragen, auf lustige Weise, versteht sich, haha. Ich ärgerte mich, an einem so schönen Frühlingstag nicht etwas Besseres zu machen. Warum hatte ich mich auf einen möglichen Frühlingsanfang nicht vorbereitet?


Ich gab Elenor einen Brief. Ich hatte ihn gestern geschrieben, es standen 14 Thesen zum Thema Individuation und Gegenwelt drinnen. Sie freute sich, so, wie sie sich überhaupt freute, mich zu sehen, weil wir in ihren Augen gestern „ein gutes Stück vorangekommen“ waren.


Mir gefror alles, ich konnte sie nicht mehr ansehen, ich hatte keine Lust mehr: Schon wieder bestimmte ich alles, war ich dominant, und das erzeugt, wie Diedrich bestätigt, ein Gefühl der Verlorenheit. Was aber steckt hinter dem Wort Dominanz? Was sind die Gründe? Doch wohl wieder einmal, daß sie nicht katzenhaft genug ist, keine weichen Gummiärmchen hat, nicht kokettiert, sich nicht schminkt, keine Körpersprache besitzt. Wie konnte ich überhaupt noch weitermachen, nachdem ich sie tanzen gesehen hatte!

Wie freute ich mich daraufhin, Eva, Jan, Hummel, Stephan Ohrt, Cornelia und schließlich Diedrich zu treffen. Eva riß ich an mich und küßte sie inbrünstig. Cornelia verschlang ich mit den Augen, Diedrich nestelte ich in einem Anfall omnipotenter Lüsternheit am Hemd herum, bei Jan bemerkte ich erstmals, daß er schlank und gut gebaut war, Hummel erschien mir als solider Liebhaber und Cornelia wurde für mich zur Verkörperung aller Sehnsüchte, die ein Mann gegenüber einer Frau entwickeln kann.


Daraufhin holte ich Luft, schritt in die Dunkelkammer zu den Gurken und griff zu. Kuß - und daneben! Es war zu dunkel. Ich hatte gehofft, Elenor mit Petra zu verwechseln, aber das gelang mir nicht. Zweiter Versuch: Kuß, Quietsch, Schnalz, Treffer. Zehn Sekunden warten. An irgend etwas denken. Dann Rückstoß, Absetzbewegung, Drehung, Schlucken, Entspannen, etwas sagen.


Die Mädchen blieben fast sieben Stunden in der öden Dunkelkammer, ich ging immer häufiger in die anderen Zimmer, um unter Menschen zu sein. Dennoch reichte es nicht, ab und zu verbrachte ich zwanzig Minuten bei den Mädchen und küßte Elenor. Ich schwor mir, schwul zu werden, dem Gummiklub beizutreten, nachts die Kühe zu ficken, mit Annerose, Ingrid Oesten und Thorsten Günther einen flotten Vierer zu machen, mit Hummel in Kellern und Kläranlagen zu schlafen, Diedrich am Hinterkopf zu kraulen, mich mit Frau Bücklers ohnmächtig zu fressen und mich mit Udo Köster in gospelartige Ekstase zu diskutieren: Dürten Grabow würde ich das Deospray zwischen den Beinen wegschlecken, mit Ocka würde ich alle Initiationsspiele über mich ergehen lassen, Isabelle Hofmann dürfte mich auspeitschen und Lydia Gribowitsch mich einen Hampelmann nennen, ABER ELENOR LICKFETT SOLLTE FÜR SECHZIG MINUTEN DIE FINGER VON MIR LASSEN.


Ich rief Diedrich zu Hilfe. Er versprach, Elenor und Petra in eine Redeschlacht zu verwickeln, an deren Ende ein- für allemal klar wäre, wieviel die Mädchen taugten. Gut: dachte ich. Um halb zwölf waren sie fertig und wollten nach Hause gefahren werden. Himmelkruzitürken: Was mache ich bloß falsch, warum läuft es so daneben, es muß doch an mir liegen, es muß vielleicht bin ich schon so verbummelt, daß ich zu dumm, zu unerfahren geworden bin, eine Zweierbeziehung zu führen.


Ist ja eine komplizierte Sache, sagt man, es gehört angeblich viel Lernbereitschaft, Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit dazu, nicht wahr, Diedrich: „Sexualität ist in unserer Gesellschaft so kompliziert geworden, daß nur die Intelligentesten einen tatsächlichen Vollzug äh, eine echte Verführung ... Eroberung zustandebringen.“ Also, ich habe alles zu leicht genommen. Sylvana: „Nichts ist so unendlich schwierig wie der Mensch.“ Ich aber habe nie auf solchen Schrott gehört. Cornelia: „Wir haben im ersten Jahr unserer Freundschaft fast jede Nacht durchgeredet und uns in diesen vielen, vielen Gesprächen ganz langsam eine Basis aufgebaut, aber noch heute kennen wir uns nicht wirklich, das ist ein ganz enorm schwieriger und langwieriger Prozeß.“ Aber ich mochte diesen Mist immer nicht ernstnehmen.


Also, ich fuhr Elenor nach Hause. Petra: „Du kannst mich hier bei der U-Bahn rauslassen.“ Ich: „Nein! Ich fuhr Petra erstmal eine Stunde lang durch die Stadt, inszenierte Pannen und Abenteuer. Ob sie nicht die Nacht durchmachen, ins Madhouse wolle, mit drei Männern gleichzeitig schlafen wolle, am nächsten Morgen Aufputschtabletten nehmen wolle? Sie: „Eigentlich schon.“ Wir standen vor ihrem Haus. Soll ich - soll ich nicht, Reizt sie mich? Sie ist Elenors beste Freundin. Es wäre ein bißchen zu gemein. Also nicht.


Ich fuhr zu Diedrich, erzählte ihm alles und mußte anschließend wieder einmal erkennen, wieviel interessanter das ist, was Diedrich macht. Wir sprachen immer abwechselnd: ich von Mädchenproblemen, Diedrich von neuen Literaturentwürfen, ich von Mädchenproblemen, Diedrich von Roxy Music, bahnbrechenden Erfahrungen in der Arbeitswelt, ich von Mädchenproblemen, Diedrich von Richtungskämpfen in der ML-Szene, neuen Gedanken zur gemeinsamen Vergangenheit und Erlebnissen beim Zahnarzt, ich von Mädchenproblemen, Diedrich von neuen Jan- und Eva-Geschichten, eigenen und fremden Filmprojekten, Reiseplänen, Gesprächen über Dialektik mit dem Professorenpapa und Gedanken über den Zusammenhang von Sexualität und Nahrungsaufnahme, ich von Mädchenproblemen, Diedrich von Theorien über die Notwendigkeit des Schlafes, besonders gelungenen Artikeln im Spiegel, dem kommenden Fernsehprogramm, der Berlinale, der Filmkritik, der deutschen Automobilproduktion, halt! Da griff ich ein: In Ost-Berlin habe ich einen echtenVW-Golf gesehen, sagte ich aufgeregt, und Diedrich riß den Mund auf: °Tatsächlich?“


Wir rutschten auf unseren Stühlen hin und her, Diedrich berichtete, er habe in Martin Scorseses „Taxi Driver“ zwei deutsche Autos gesehen. Es wurde ein langer Abend, zum xtenmal sahen wir uns das große Autobuch an. Wir rauchten französische Zigaretten und tranken das Bier der Arbeiterklasse, bis es nach ein Uhr war und ich unbedingt nach Hause fahren mußte.









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