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Das Fritz Brinckmann Buch 77

77. Kapitel

9.5.1978

Gestern bekam ich unerwarteten Besuch. Jemand hatte, an diesem wunderschönen Tag mit Cinemascope-Himmel, die Klingel neben der Haustür gedrückt, ohne sich den Weg bis in meiner Wohnung zu machen. Also trat ich aus dem Flur ins Treppenhaus und beugte mich über das Geländer. Ich mußte meine Augen zusammenkneifen, um zu erkennen, welches Gesicht dort unten in der Dunkelheit zu mir heraufschaute. Es war etwas Grünes, ein kleines Männchen im grünen Umhang und mit langen, weit abstehenden Haaren. Die Augen waren braun und die Lippen legten gesunde Zähne und ebenso gesundes Zahnfleisch frei. Es war Nici. Sie rief jetzt, ob sie heraufkommen dürfe, was ich sofort bejahte, „oder lieber nicht?“ fügte sie hinzu. Das „Darf ich heraufkommen?" war ihr zu dünn, darauf konnte man ja gar nicht «nein« sagen, also fügte sie den Nachsatz hinzu. Ich rief: „Doch, doch, komm nur!“, worauf sie mit langsamen Schritten und ernstem, geradeaus gerichteten Blick die Treppenstufen hinaufstieg. Ich wartete vor dem Geländer neben meiner Wohnung auf sie, doch da sie nicht aufsah, ließ ich die Willkommensgeste und ging in das Balkonzimmer. Die Sonne des frühen Nachmittags fiel auf den Schreibmaschinentisch, auf dem vier geputzte, altertümliche Füllfederhalter blinkten, die ich nun, einen nach dem anderen, in die Hand nahm und inspizierte, was mir einen Anstrich von Geschäftigkeit und Ruhe geben sollte.


Nici hörte ich jetzt schwer atmend in den Korridor treten, dann sah sie mich und ging schnell auf mich zu. Draußen blühten Kirsch- und Birnbäume, das frische Grün bestimmte selbst das Straßenbild dieser Geschäfts- und Unigegend, und ich bedauerte jetzt, in dieser sonst so schönen, hellen und großzügigen Wohnung so ganz ohne Natur zu leben. Gern hätte ich Nici statt der Füllfederhalter einen duftenden Frühlingsstrauß gezeigt.


Nici legte das grüne, viel zu große Jackett ab, das ihr das Aussehen einer Matrone gegeben hatte. Dann gab sie sich einen Ruck, trat an mich heran und küßte mich. Ich umarmte sie und war sehr froh. Ich hätte ihr gern noch mehr von ihren unförmigen Sachen ausgezogen und sie länger gehalten, doch noch bevor ich das dachte, war sie schon wieder drei Schritte von mir weggetreten und verschränkte unsicher lächelnd die Arme vor der Brust.


Sie stand vor mir, direkt neben dem Fenster, so daß sie zwischen mir und der Sonne stand und ihr Haar im Gegenlicht funkelte. Vorbeifahrende Autos aus vier Richtungen erzeugten ein gleichmäßiges, dem Meer ähnliches Rauschen. Nici sagte mit rührender Stimme: "Ach, Lojo, was wird denn nun?"


Ich verpaßte es, jetzt zu schweigen, ihr in die braunen Augen zu sehen und mit ihren Fingern zu spielen, auch versäumte ich, etwas Nettes, Freundliches zu sagen. Es war mehr als mutig von der kleinen Nici, hierherzukommen und mich zu umarmen, ich hätte ihr dafür danken und helfen sollen. Doch ich ging stramm im Zimmer auf und ab und erklärte: "Nun, äh, ich hatte an Normalisierung gedacht, nicht wahr? Was soll schon werden? Vielleicht drückst du dich einmal etwas genauer aus."


Auf dem Dach des Nachbarhauses wagten sich zwei Kinder bis an die Regenrinne vor, legten sich dabei auf den Bauch und streckten ihre Nasen über die Begrenzung. Eine Biene, die sich in mein Zimmer verirrt hatte, fand endlich das Fenster und flog ins Freie. Durch einen Wackelkontakt wurde im Nebenzimmer der Plattenspieler in Gang gesetzt und spielte „Night Fever“, ganz leise.


Nici sah mich lächelnd an, ich merkte, daß sie mir viel zu sagen hatte. Ich guckte auf ihre kleinen Schuhe und dachte: „Was man für Mädchen alles herstellt!“ und freute mich. Ich kam zum Thema zurück: „Du hast mich etwas gefragt Sie schüttelte den Kopf, daß die vielen dunklen Haare flogen: "Ich weiß es schon nicht mehr."


Ich hob wieder an: „Meine Sorge war, ich würde durch die Abwertung meiner psychotherapeutischen Aufzeichnungen mein Schreiben AN SICH abwerten."


Nici blickte zu Boden: "Ach, darum geht es dir.“ Federnd stand ich vor ihr: "Nun also, was werden soll? vielleicht besuchst du mich einmal länger als nur für eine Viertelstunde. Das würde mir schon besser schmecken!" Ich lachte sie jovial an. Jetzt saß sie im Stuhl und ich stand über ihr.


„Heute geht es nicht. Vielleicht morgen", sagte sie. Ich nagelte sie fest: "Aha, morgen. Wann denn da?“ Sie zuckte mit den Achseln. Draußen packte der Obstverkäufer eine Kiste italienischer Weintrauben aus. Nici drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher, wo sie weiterkohlte und gleichmäßigen Rauch senkrecht nach oben steigen ließ, der von der Sonne als Strich an der Wand abgebildet wurde.


Ich sagte: „Du wolltest mir doch etwas sagen?“ sie antwortete, daß sie mein zweites Buch enttäuschend fand, weil es so unromantisch wäre. "Ja, ja“, lachte ich laut, "schauderhaftes Zeug, unerträglich, wirklich scheußlich. Ich weiß beim besten Willen nicht, wie ich – „So schlimm ist es doch gar nicht“, sagte Nici in ihrer knappen, präzisen Art, mit ihrer dunklen, fast mauligen Stimme.


Ein Marienkäferchen fiel aus allen Wolken mitten ins Zimmer und setzte sich auf Nicis Schoß, ein Marienkäferchen mit zwei Punkten. Ich achtete aber nicht weiter darauf, sondern sah Nici kurz an, denn ein Impuls, eine plötzliche und heftige Empfindung für Nici hatte mich erfaßt, als ich ihre knappe, dunkle Mädchenstimme wiedererkannt hatte.


Gleichzeitig bemerkte ich, daß sie im Begriff war, aufzustehen. Sie sagte: "Ich gebe dir jetzt einen Kuß und dann gehe ich." Ihr Gesicht kam langsam näher, unsere Lippen berührten sich, ich behielt genauso wie sie die Augen auf und nahm diesen Augenblick so intensiv wahr, als wäre es der erste Kuß in meinem Leben.


Dann sagte ich aufgeregt: „Morgen! Morgen werden wir uns sehen. wann denn?“

„Um sechs, ich rufe dich vorher an.“

„Nicht anrufen, das geht immer schief!“

„Gut. Ohne Anruf.“


Nici stand in der Tür, ihr Gesichtsausdruck war wieder so ernst wie vorher im Treppenhaus. Ihre grüne Jacke hatte sie wieder angezogen, aber ihre Körperhaltung hatte sich etwas geändert. Sie ging aufrechter, die Schultern saßen locker, und die Arme waren nicht mehr vom Körper weggestreckt, sondern fielen achtlos herunter.


Sie ging zwei, drei Stufen, dann sahen wir uns noch einmal an. Völlige Stille herrschte im dunklen, kühlen Treppenhaus, so wie in den prachtvollen Häusern Südspaniens oder Roms.


Nici blickte ernst. Sie faßte an ein winziges, durch ein Lederband gehaltenes Medaillon an ihrer Brust, und so unbedeutend diese Bewegung auch war, so glaubte ich doch, das Rascheln der Kleider dabei gehört, den leichten Schauer der Haut gespürt zu haben und ihr ganz nahe gewesen zu sein.


Ohne jeden Grund sagte ich plötzlich: „Es geht mir gut, Nici, es geht mir so gut, daß ich es gar nicht sagen kann!“ Nicis Miene veränderte sich nicht. Sie drehte sich um und ging gleichmäßigen Schrittes die Treppe hinunter. Ich starrte ihr hinterher, riß mich los und ging zurück in das Zimmer, in dem wir eben noch zu zweit gewesen waren.


Nicis Zigarette war ausgegangen. Der Sessel, auf dem sie gesessen hatte, war seltsam leer. Am Himmel brummte ein Propellerflugzeug, von der Wohnung unter der meinen drang ganz sacht „If you leave me now“ herauf, von der Gruppe Chicago. Der Autostrom und das Meeresrauschen waren unverändert, auch das Cinemascope-Blau des Himmels. Der Marienkäfer setzte sich auf meinen Handrücken.

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